Suche nach Sinn & Motivation: leidvolle Odyssee bei der Premiere vom Santander Marathon 2017 in Mönchengladbach

Santander_Logo

Lauftechnisch waren die letzten beiden Wochen hart, aber vor allem der Besuch bei den Hollen im sauerländischen Bödefeld hatte bei mir nachhaltige Spuren hinterlassen. Deshalb ging es dann auch unzureichend regeneriert und wenig motiviert zur Premiere des Santander-Marathons nach Mönchengladbach. Nach der verwetterten Premiere vom Vorjahr sollte hier am 03.06.2017 der zweite Versuch gestartet werden. Die Wetterprognosen waren vielversprechender und mit unwetterartigen Kapriolen musste nicht gerechnet werden, temperaturtechnisch sollte es aber auch diesmal alles andere als optimal werden. Genau so wie im letzten Jahr sollte ich auch in diesem Jahr den 5h-Ballon als Zug-und-Bremsläufer über die Strecke tragen dürfen. Was in Köln noch so wunderbar geklappt hatte, sollte hier zu einer echten Herausforderung werden.

Auf in die Schlacht – eine Zugfahrt die ist lustig eine Zugfahrt die ist ökologisch & stressfrei…

Der Weg zum Marathon nach Mönchengladbach gestaltete sich für mich, dadurch dass die Wahl des Beförderungsmittels auf die Deutsche Bahn gefallen ist, äußerst entspannt. Von Wanne-Eickel aus nach Mönchengladbach ist es nur ein Katzensprung, der sich im günstigsten Fall auch ohne Umsteigen zu müssen realisieren lässt. Der RE benötigt für die 80 km Strecke mit 1:08 h etwas mehr als eine Stunde, was in etwa vergleichbar lange dauert wie die Anreise mit dem Auto, allerdings mit dem feinen und entscheidenden Unterschied, dass ich mich vor Ort weder mit Straßensperrungen noch mit der Parkplatzsuche herumplagen muss.

Am Bahnhof angekommen geht’s aus dem Bahnhofgebäude raus zum Busbahnhof, der sich direkt vor dem Ausgang befindet. Hier erkundige ich mich bei einem wartenden Busfahrer nach dem Weg zum Geroplatz, denn da soll sich das Athletendorf des heutigen Marathons befinden. Der Weg ist schnell erklärt. Er navigiert mich entlang der großen Einkaufsstraße, über die auch die Laufstrecke verlaufen wird. Zu meinem Erstaunen habe ich bei der mit Gittern abgesperrten Strecke eine ordentliche Steigung zu bewältigen. In dem Moment sinniere ich noch drüber, dass ich den gut 600 m langen Streckenabschnitt mit kontinuierlicher Steigung nicht nur einmal, sondern ganze 4x hochlaufen muss – naja wird schon werden, auch wenn davon kein Wort im Programmheft stand!

Sinn oder Unsinn – die Sinnfragen schon vor dem eigentlichen Start…

Noch einmal schnell bei zwei patrouillierenden Polizisten vergewissert, ob ich noch auf  Kurs Geroplatz bin, was diese mir bestätigen können. Nach weiteren 5 Minuten kann ich aus der Ferne dann auch schon eine Lautsprecherstimme hören. Sie dient mir für den Rest des Weges als akustischer Leuchtturm, an dem ich mich zu orientieren versuche. Es geht vorbei an einem einladenden Hotel mit dem wohlklingenden Namen ERHOLUNG – das wäre doch mal was, denke ich mir insgeheim?! Die vergangenen Wochen waren für meine Verhältnisse reich an Kilometern – letzte Woche die 75 km im Glutofen vom Hollenlauf mit schmerzhafter Blase an der Ferse und Sonnenbrand an beiden Armen, davor die Woche 5. VIVAWEST-Marathon durch die heimatliche Hood auch bei annähernd 30°C und heute Mönchengladbach?! Aber ob es jetzt wirklich Sinn macht, sich gedanklich mit der Sinnhaftigkeit einer nicht vorhandenen Saisonplanung auseinanderzusetzen? Ich bin mir fast sicher, dass das auf dem Weg zum nächsten Marathon nicht unbedingt Sinn macht, aber spätestens danach neu durchgedacht werden sollte.

Mittlerweile bin ich an einem kolossalen Kirchengebäude angekommen, wie ich später herausfinde einem Münster mit dem Namen St. Vitus. Und wenn ich nicht gerade von einer akustischen Fata Morgana getäuscht werde, dann kommt die Moderatorenstimme von hinter diesem Gebäude her. Nur blöd, dass genau hier die öffentliche Straße endet. Naja irgendwie werde ich da jetzt schon hinkommen – ich laufe am Münster vorbei in den angrenzenden Abteigarten, der mit einer stabilen Mauer umgeben ist. Eine relativ steile Treppe führt mich in die Mitte des Gartens, wo ein futuristischer Springbrunnen der Modernen wartet. Neben dem Brunnen befinden sich noch weitere Exponate Moderner Kunst im grünen Ambiente des Außenbereichs. Ich bin überrascht, weil das bei dem Alter des Gebäudes so eigentlich nicht zu erwarten war. Neben dieser Überraschung befindet sich zum Glück zudem in der Mauer auf der anderen Seite des Gartens ein offenes Tor und ich gelange auf eine abschüssige Straße.

Vor dem Start – da ist die bunte Welt wunderbar in Ordnung…

Nach dem Abstieg durch den Abteigarten sind es keine 500 Meter und ich stehe direkt auf dem Geroplatz. Auf dem Platz sind dutzende Zelte und Stände aufgebaut , wenn ich es nicht besser wüsste und hier nicht jeder Zweite in Laufklamotten rumlaufen würden, würde mich das Szenario eher an ein Stadtfest erinnern als an eine Laufveranstaltung – vor mir liegen diverse Fressbuden, ein Bierwagen, mehrere Hüpfburgen, Torwandschiessen und vieles mehr erinnern mich an Cranger Kirmes aber nicht an einen Marathon. Neben Jünter dem Gladbacher Maskottchen in Gestalt eines Fohlens im Fußballtrikot befindet sich eine Traube von Kiddies die freudig darauf wartet, dass ihre Eltern mit deren Smartphones ein Erinnerungsfoto schießen.

Vorher_WP

Ok, irgendwie muss man ja bei den von Umleitungen und Sperrungen leidgeplagten Anwohnern für Akzeptanz sorgen und der Weg über deren Kinder scheint Erfolg zu versprechen. Aber eins wird mir auch schnell klar, hier steht ganz klar nicht allein der Sport im Mittelpunkt, der  Event-Charakter der Veranstaltung ist mehr als deutlich zu spüren. Das mag dem einen oder anderen Sportler überflüssig und befremdlich vorkommen, aber letztendlich werden auch hier die Organisatoren an marktwirtschaftlichen Fakten gemessen werden.

Auf der Bühne neben dem Zielbogen stimmt der Moderator die Besucher auf den bevorstehenden Start des 10 km Laufes ein. Bis der Startschuss vom Marathon ertönt, habe ich noch gut eine Stunde Zeit. Dank der guten Beschilderung ist das Informationszelt nicht zu übersehbaren. Allerdings ist aktuell hier noch nicht allzu viel los, aber wie soll es auch anders sein, wenn der Treffpunkt erst in einer halben Stunde ist. Es bleibt also noch ausreichend Zeit zum Umziehen. Umkleidekabinen finde ich keine, da es für mich kein must-have darstellt, frage ich auch erst gar nicht nach, sondern suche mir direkt ein alternatives Plätzchen. Meine Wahl fällt auf das Pressezelt, das einen ziemlich verwaisten Eindruck auf mich macht, obwohl alles äußerst nett hergerichtet ist. Es stehen Getränke bereit und neben Blöcken und Kugelschreibern liegt auch eine Ausgabe der SPIRIDON aus – Block und Kulis sind natürlich mit Werbeschriftzug vom Hauptsponsor SANTANDER verziert – aber weder Block noch Kugelschreiber wecken mein Interesse, dafür wandert ein Exemplar der SPIRIDON vom Januar 2017 in meinen Rucksack. Später wartet schließlich ja auch noch eine Stunde im Zug auf mich, die unterhaltungstechnisch gefüllt werden will.

Wer laufen kann, kann auch laufen?! Die „Pflicht“ ruft und zwar auch ohne Motivation…

Nachdem ich das gesponserte Laufdress angezogen sowie die schon teilweise verkrustete Blase der letzten Woche mit dem DM-Blasenpflaster abgeklebt hatte, ging es zurück zum Informationszelt. Um 15.30 Uhr sollte hier das Treffen der Pacer stattfinden. Mittlerweile ist dort auch schon ordentlich Betrieb. Ohne zunächst zu wissen warum stelle ich mich in die Schlange, die sich vor dem Zelt gebildet hat. Wenn es alle machen, wird es einen Grund geben und kann so verkehrt nicht sein.

Wie es aussieht, stellt sich die Frage Ballon oder Fahnen-Rucksack, Rucksack mit Fahne oder Ballon. Doch als ich endlich an der Reihe bin, stellt sich mir die Frage nicht mehr, da der Ballon mit der angepeilten Zielzeit von 5:00 Stunden schon weg ist, sodass ich mir notgedrungen den Rucksack mit der sperrigen Fahne umschnallen darf. Obendrein soll ich dann auch noch dafür unterschrieben, dass ich das fragwürdige Konstrukt am Ende wieder zurückgebe. Ganz ehrlich – wer würde das Teil denn bitte freiwillig nach Hause schleppen und vor allem warum?! Wahrscheinlich hat man Angst, dass man sich des Rucksackes während des Laufes entledigen könnte.

Naja ok, nachdem alle Formalitäten erledigt waren und sich auch alle anderen Pacer mit Fahnen oder Ballons eingedeckt hatten, ging es weiter im Programm. Für das obligatorische Pacer-Foto wartete der Veranstaltungsfotograf schon. Nachdem mehrere Bilder im Kasten sind, ist der sportfreie Teil meiner Mönchengladbach-Tour abgeschlossen. Es ist mittlerweile kurz vor 16.00 Uhr – der Start steht für 16.30 Uhr an – also genug Zeit, um meinen Rucksack an der Garderobe abzugeben und ein paar Fotos vom bunten Treiben auf dem gut gefüllten und nett hergerichteten Geroplatz zu machen.

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Bei zwei Rucksäcken für nur einen Rücken ist einer definitiv zu viel und muss weg. Deshalb geht es zunächst zum Beuteldepot, um den Rucksack ohne Fahne los zu werden. An der Garderobe angekommen Irritation – im Austausch mit meinem Rucksack bekomme ich einen Papierzettel mit einer Nummer in die Hand gedrückt, zudem die Aufforderung diesen gut aufzubewahren?! Hä, was? Das Nummernpendant macht sie an den Rucksack fest. Und ich soll, wie es scheint, den 2 x 2 cm großen Papierzettel die nächsten 5 Stunden in der Hand halten oder wohin damit?  Hier waren wohl Experten am Werk – ich äußere mein Unverständnis und frage freundlich nach, was dagegen spricht, die eine Nummer, wie geschehen an meinem Rucksack zu befestigen und mit einem Stift dieselbe dann auf die Startnummer zu schreiben?! Sie sagt mir, dass sie da leider nichts machen kann, aber zumindest vorgibt zu verstehen was ich meine. Sie befolgt die Vorgaben, die man ihr genauso kommuniziert hat. Ok, die Arbeitstauffassung kann man nebenjobtechnisch vielleicht sogar verstehen, das Prozedere verstehe wer will, ich auf jeden Fall nicht. Na gut was soll es?! Wohin mit der Nummer – die Lösung liegt auf der Hand. Ich behelfe mir damit, dass ich den Garderoben-Zettel mit einer Sicherheitsnadel an meiner Startnummer befestige – Problem beseitigt.

3-2-1 mögen die Spiele beginnen: In 5 Stunden ist alles vorbei…

Dank der roten Ballons ist das Wiederfinden meines Pacepartners kein Problem. Da allerdings beim Halbmarathon für die Zielzeit 2:30 h ebenfalls zwei Pacer eingesetzt sind, laufen Natalie und ich die ersten beiden Runden mit den Pacern mit Zielzeit 2:30 h auf der Halbdistanz zusammen. Bei einigen Läufern führen die verschiedenen Zeiten zu Irritationen, weil sich weder die Ballons noch die Fahnen farblich voneinander unterscheiden, wodurch die 2:30 h auf Fahne und Ballon natürlich auch hätte falsch verstanden werden können. Vor allem wenn man bedenkt, dass viele nicht jedes Wochenende in irgendeinem Startfeld einer Laufveranstaltung stehen. Man ist vielleicht noch ein bisschen mehr nervös und will unbedingt die Fehler vermeiden, die das Erreichen des selbstgesteckten Ziels gefährden könnte. Und zu diesen Fehlern gehören ganz klar ein zu forscher Start und das Überpacen.

DJ-Marathon

Die erste Runde verfliegt wie im Flug – zu meiner Erleichterung müssen wir die Steigung, die ich bei meinem Hinweg zum Geoplatz hinaufgelaufen bin, während des Marathons nicht hinauflaufen. Es geht kraftsparend bergab, was aber auch gleichzeitig bedeutet, dass die Höhemeter auf der restlichen Strecke gewonnen werden muss. In der ersten Runde merke ich davon allerdings nicht viel, weil sowohl die Umgebung neu ist, die Zuschauer für super Stimmung sorgen und wir vier uns untereinander eine Menge zu erzählen haben. Doch leider sollte es mit dem entspannten Kaffeeklatschambiente nicht bis zum Schluss weitergehen.

Meine Schlacht durch Gladbachs verwaiste Straßen beginnt…

Nachdem bei mir die Starteuphorie schon nach etwa 15 Kilometer verfolgen war, merke ich zur Mitte der zweiten Runde, dass der heutige Lauf eine zähe Nummer werden könnte. In dieser Frühphase des Marathons fühle ich eine zunehmende Schwere in den Beinen – das darf doch nicht wahr sein, doch nicht jetzt schon?! Meine auf dem Hinweg aufkeimenden Befürchtungen hinsichtlich Erholung bewahrheiten sich. Die vorhandene Rest-Ermüdung macht sich deutlich bemerkbar, da helfen mir auch meine zwischenzeitlich fast schon panisch eingestreuten Tempowechsel nicht wirklich weiter.

Und dazu diese drückende Schwüle – ich schwitze wie in der Sauna und mein Schweiß läuft ohne Ende – dann noch dieser Rucksack mit der 1 m herausragenden Fahne, der zwar eigentlich nicht wirklich ins Gewicht fällt, aber irgendwie doch mein Laufgefühl stört und kopftechnisch bremsend wirkt. Natürlich ist vieles nur Einbildung, ich verliere mich in negativen Gedanken, aber das, was wirklich bremst, und da gibt es überhaupt gar nichts dran zu rütteln, das sind die noch akut vorhandenen Nachwirkungen der letzten Woche.

Die 75 km durch den Glutofen Sauerland beim Hollenlauf – inklusive blutiger Blase und massivem Sonnenbrand, der mich 2 Tage schwitzend vom Schaf abgehalten hatte, sind gerade einmal eine Woche danach im Hier und Jetzt sowohl mein physiologisches als auch mein psychologisches Problem. Naja ok, aber die Erkenntnis hilft mir jetzt auch nicht weiter, jetzt hilft nur noch eins – durchbeißen. Noch kann ich meine Schwächephase durch Gehpausen an den Verpflegungsstellen kaschieren, aber wie lange soll das gut gehen, schließlich darf ich noch mindestens 3 Stunden die mittlerweile eingekehrte Monotonie der 4 identischen Runden genießen.

beim Pacen_4er

Angeschossen in die dritte Runde: Noch 21 Kilometer Zeit zum Leiden…

Nachdem wir die anderen ins Halbmarathonziel verabschiedet hatten, ist die Strecke so gut wie leergefegt, die Läufer, die sich bis zu dem Zeitpunkt in unserem Umfeld aufgehalten hatten, bogen mit den anderen in den Zielkanal ab, während Natalie und ich die Abbiegung zur 3. Runde einschlagen mussten. Selbst an der Staffel-Wechselzone 200 Meter hinter dem Startbogen ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allzu viel los und auch hinter uns ist weit und breit kein anderer Läufer. Das werden verdammt zähe und einsame 21 km bis ins Ziel.

Meine Gehpausen werden länger und intensiver – ich Wechsel zwischen langsamen Joggen, schnellem Marschieren und normalen Gehen – kopftechnisch eine schwere Situation – ich ertrinke fast im Selbstmitleid – weder meine Versuche zur Selbstmotivation noch Natalies Fremdmotivation schaffen es mich in einen gleichmäßigen Rhythmus zu bringen – dabei ist die für die Zielzeit 5 h geforderte Pace von 7:07 min/ km alles andere als schnell. Aber aus Gründen einer suboptimalen Erholung bin ich heute irgendwie laufsatt und wenig leidensfähig. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich zu Beginn der dritten Runde keiner mehr an uns orientiert, schwindet bei mir auch der letzte Rest an Motivation, um nicht noch viel öfters in den Walkmodus zuschalten und mich nur noch irgendwie ins Ziel zu schleppen.

Mein Tagesziel nach exakt 4:59:59 durchs Ziel zu laufen verliere ich zunehmend aus den Augen. Gegen Ende der 3. Runde spare ich mir sogar eine 1km-Schleife und setze mich in ein Treppenhaus und warte auf Natalie (Schande über mein Haupt), aber selbst dieser sanktionswürdige Strecken-Cheat hat nicht den gewünschten Effekt. Ich bin gehend KO. Ich spiele sogar ganz kurz mit dem Gedanken nach der dritten Runde auszusteigen. So nah am ersten DNF war ich selten und zum Glück verwerfe ich die Idee relativ schnell, denn viel schlimmer kann es jetzt sowieso nicht mehr werden.

Runde 4 und das Ende naht – meins scheint überwunden…

Zu Beginn der 4 Runde muss ich Natalie dann endgültig ziehen lassen. Mittlerweile habe ich mich mit der Situation abgefunden – mein Kampfgeist unbedingt unter 5 h bleiben zu wollen ist längst gebrochen – mit dem Verlust des zeitlichen Ziels besteht mein neues Ziel darin irgendwie im Ziel anzukommen. In der Situation könnte man jetzt eigentlich erwarten, dass ich auch in Runde 4 den Streckenspar-Joker gegen Ender der Runde gezogen habe, aber ich laufe bewusst die reguläre Runde, denn es ist mir egal wann ich ankomme – jetzt gilt es den Lauf mit erhobenem Haupt irgendwie zu Ende zu bringen, auch wenn die Schlacht verloren ist. Vereinzelt unterhalte ich mich mit Läufern die ich trotz meines Schleichmodus einhole – alle berichten mir von ihren Problemen mit den Temperaturen. Gedanklich befinde ich mich schon im Zug auf dem Weg nach Hause.

Highlights_4er_WP

Als ich endlich im Zielkanal angekommen bin, bekomme ich anhand der Uhr bestätigt, was sich schon seit Runde zwei abgezeichnet hatte. Die Zielzeit von 04:59:59 ist detlich verfehlt. Die Uhr zeigt eine 05:03:08 addiert mit den 7 Minuten für den abgekürzten und nicht regelkonformen Kilometer in Runde drei, macht unter dem Strich also eine 5:10:00. Zum Glück werde ich vom Moderator nicht auch noch namentlich angekündigt – aber wie soll er auch wissen, wer ich bin, wenn ich meine Startnummer absichtlich so unterm Shirt verstecke, dass er mich nicht ankündigen kann. Nach dem Zielbogen lasse ich mir beschämt die Medaille um den Hals hängen und muss erst mal durchatmen. Nach dem kurzen Innehalten geht es direkt weiter zur Nachzielverpflegung, die am Ende des Zielkanals aufgebaut ist.

Kontrollierter Rückzug – die Schlacht ist geschlagen…

Die aufbauenden Worte der beiden Damen tun gut – als einem der Letzten packen sie mir eine extra volle Tüte. Neben einem Dutzend Äpfeln, wandern Unmengen an Riegeln und zwei Laugenstangen in mein Nachzielverpflegungs-Zug-Lunchpaket. Auf dem Weg zum Infostand hole ich noch meinen Rucksack ab, wo mir die Fahne zum letzten Mal negativ auffällt, als ich beim Betreten des Garderobenzeltes am Zeltdach hängen bleibe. Am Infozelt bin den Störenfried dann endlich los. Außerdem lass mir den noch schnell den Weg zurück zum Bahnhof erklären.

Der Weg zieht sich und ist gefühlt doppelt so lang wie der Hinweg. Mit den knapp 2 km habe dann auch die Strecke ausgeglichen, die ich in der 3. Runde abgekürzt habe. Und diesmal geht es zudem durch den Abteigarten bergauf zur Hindenburgstraße mit dem MINTO und von da bergab zum Bahnhof. Am Bahnsteig angekommen steht der RE in Richtung Haltern am See zum Glück schon bereit, sodass ich nur noch einsteigen und mein geschundenen Kadaver irgendwie in einer 4er-Sitzgruppe ablegen muss – was ein gebrauchter Tag das Heute doch war…


Fazit:

Fest zuhalten bleibt: Wettertechnisch war es heute extrem hart – auf den ersten beiden Runden habe ich geschwitzt wie in der Sauna. Zum Ende der dritten Runden gab es dann durch den kurzen Regenschauer und den aufkommenden Wind etwas Abkühlung, aber zu dem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen – ich war körperlich voll am Ende und was noch viel schwerer wog, ich war auch mental weichgekocht.

Die Stimmung war in der ersten Runde durchaus gut, nur leider ist sie dann zum Ende hin fast in gähnende Stille und Leere abgeflacht, was ganz klar der suboptimalen Startabfolge der Wettbewerbe auf den Unterdistanzen geschuldet ist. Als Veranstalter kann ich nicht die Kurzdistanzen zeitgleich oder sogar schon vor dem Marathon starten lassen und trotzdem denken, dass bis zum Ende der Veranstaltung Zuschauer vor Ort sind. So wirkte das Ende jedenfalls irgendwie trostlos.

Allerdings: Dank einiger Anwohner, die vom Anfang bis zum Ende viel Applaus und positive Worte für uns Läufer übrig hatten, der beiden Trommlertruppen, die bis zum Schluss ausgeharrt und für einen ins Ziel treibenden Beat gesorgt haben, dazu die vielen freundlichen Helfer, die auch noch in der letzten Runde zuvorkommend, hilfsbereit und motiviert waren, die vielen strahlenden Kinderaugen am Streckenrand, kann man trotz der Programmproblematik und einer monotonen Streckenführung zu dem Fazit kommen, dass die Premiere gelungen war. Auch wenn bei einigen Punkten Verbesserungspotential besteht, so hätte die Verpflegung  nicht besser sein können – Orangen, Gels, Riegel, Isodrink, Cola, Wasser – und auch die Nachzielverpflegung waren großes Kino.

Trotzdem: Durch die vier identischen Runden und die zu erwartenden hohen Temperaturen im Juni ist der Mönchengladbach Marathon für mich als Genussläufer dann doch eher schwerverdauliche Kost, die ohne persönlichen Mönchengladbach-Bezug noch fader schmeckt. Sag niemals nie, aber ob ich hier ein zweites Mal am Start sein muss?! Wir werden sehen…

Die kriteriengeleitete Analyse zum SANTANDER Marathon 2017 findet Ihr unter: kurz, knapp & bündig: MeinMarathonKriterienKompass (10).


Welche Erfahrung nehme ich aus dieser Niederlage noch mit?

  1. Unterschätze niemals einen Marathon – Regeneration ist mindestens so wichtig wie lange und intensive Trainingseinheiten – und entscheidend für die QUALität eines Wettkampfes.
  2. Wenn die äußeren Bedingungen (Wetter, Startzeit) und interne Voraussetzungen (Regeneration, Blase, Motivation) nicht zusammenpassen, sollte man auch nicht erwarten eine Leistung abrufen zu können, die der Minimalanforderung Marathon in 5:00 h genügen.

Konsequenzen daraus:

Die letzten beiden Läufe waren schon für die Tonne – VIVAWEST mit 4:48 so lala, Hollen mit 11:08 für 75 km voll desolat und Gladbach heute – volle Lotte TILT!

DESHALB: bis zum Thüringen Ultra am 01.07.2017 erteile ich mir Wettkampfverbot – meine Akkus sind so was von komplett geplättet und wollen geladen werden

Randnotiz:

Auch die billigeren Blasenpflaster von DM halten überraschenderweise besser als gedacht – keine neue Blase und von der alten habe ich so gut wie nichts gespürt.


Bewegt, in Farbe, ohne Text, dafür aber  mit Musik  – die Fotoshow gibt’s hier!


in dem Sinne keep on running und Rock N* Roll

 

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, aber eine Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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11 Antworten zu Suche nach Sinn & Motivation: leidvolle Odyssee bei der Premiere vom Santander Marathon 2017 in Mönchengladbach

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  4. solera1847 schreibt:

    Huch, das klingt insgesamt sehr durchwachsen. Dennoch eine respektable Leistung, ich bin meinen ersten und bislang letzten Marathon an einem kühlen Apriltag gelaufen. Bei der Hitze wäre das echt mörderisch gewesen…

    Gefällt 1 Person

    • SohlenRocker schreibt:

      „Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du musst.“ (Johann Wolfgang von Goethe): Durchwachsen trifft es ziemlich gut – in Gladbach war mal wieder ausgiebig Zeit zum Leiden, bin ja selber Schuld bei dem suboptimalen Wettkampfbelastung/ Erholung-Verhältnis – trotzdem Danke!!!

      Gefällt 1 Person

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