Und jährlich grüßen die Hollen – einmal durch die Hölle und zurück – 75 km purer Laufgenuss beim Hollenlauf 2017

Samstag 27.05.2017 | Schmallenberg-Bödefeld, Hollenlauf & Hollenmarsch

Hollen_LogoEine Woche nach dem VIVAWEST-Marathon wartete auch in diesem Jahr wieder der Hollenlauf auf mich. Nachdem mir im letzten Jahr ein Zieleinlauf beim L111 durch die widrigen Wetterverhältnissen verwehrt blieb, und ich auf die L75-Strecke gewechselt bin, wollte ich es in diesem Jahr besser machen und endlich den L111 finishen. Die meisten Punkte der schriftlich fixierten Liste meiner Planungen aus der Vorstartwoche konnten soweit erfüllt werden. Auch das Wetter sollte laut Prognose am Starttag in diesem Jahr mit sonnigen 24°C kein Hindernis sein. Doch es kam alles ganz anders. Das Thermometer kletterte teilweise auf über 30°C und machten aus meinem Tag bei den Hollen  eine schwitzig-heiße Grenzerfahrung….

Der Weg ins sauerländische Bödefeld

Der Start in den Tag gelingt eigentlich ganz gut  – auch wenn ich zugeben muss, dass um 3:30 Uhr Aufstehen nicht so meins ist, aber ok. Die am Abend zuvor gepackten Sachen sind schnell im Auto verstaut. Milchbrötchen und Traubensaft als Wegproviant liegen griffbreit, es kann also losgehen. Draußen ist es stockdunkel und es geht zunächst auf die A40 Richtung Dortmund. Um 4:30 treffe ich Nicole in DO-Brakel/ Aplerbeck, von dort geht es dann im Konvoi mit zwei Fahrzeugen weiter bis zur Endstation Schmallenberg/ Bödefeld.

Alles klappt super und glücklicherweise lauert auf den noch diesigen Landstraßen im Gegensatz zu letztem Jahr auch kein suizidgefährdetes Reh. Dafür parken wir, wie auch im letzten Jahr auf einer gemähten Wiese vor den Toren Bödefelds. Noch am Parkplatz werden die letzten Vorbereitungen getroffen, da der Dorfkern doch ein Stück entfernt liegt und ich vor dem Ziel nicht wieder 4 km gelaufen sein will. Danach geht es der Beschilderung folgend in den Dorfkern zum Mutter-Theresa-Platz an dem direkt die Schule liegt, wo sich die Startunterlagenausgabe befindet.

Der Mutter-Teresa-Platz sieht mit  Bühne, Bierwagen, Grill und diverse Sitzmöglichkeiten genauso einladend aus wie in den Jahren zuvor. Für meinen in 15 h geplanten Zieleinlauf scheint soweit also alles hergerichtet zu sein. Doch bevor es losgeht führt uns unser Weg zuerst in das Foyer der Schule, denn hier sind die Tische des Meldebüros aufgebaut und da werden die Startunterlagen ausgegeben.

Da ich mich bei der Online-Anmeldung für die Barzahlung entschieden habe, zahle die 45 € Startgebühren und erhalte den Umschlag mit der Startnummer. Jetzt nur noch schnell die Nummer ans Startnummernband geheftet sowie die exponierten Körperstellen mit Sonnencreme eingeschmiert. Und schneller als wir gucken können, ist die Zeit so weit fortgeschritten, dass die Uhr 10 Minuten vor 6:00 Uhr anzeigt und der Start kurz bevor steht. Nicole und ich gehen nach draußen, wo im Briefing die westlichen Infos zur Strecke verkündet werden. Wir begeben uns vor das Starttor allerdings an das Ende des Startfeldes. Vor dem Start treffe ich wieder Andreas, es bleibt bis auf ein kurzes Hallo aber keine Zeit für einen längeren Schnack. Pünktlich um 6.00 Uhr verabschiedet uns der Moderator auf die Piste. Während es vorne zügig vorwärtsgeht, stecken wir im Pulk von Wanderern fest. Sobald die breite erreicht ist, entspannt sich das Feld und es ist ausreichend Platz um an ihnen vorbeizukommen.

Unmittelbar nach dem Startschuss

Es geht zunächst gemütlich raus aus dem Dorf. Doch das Ende der Gemütlichkeit ist schneller erreicht als mir lieb ist. Wir laufen bis zu einem Löschfahrzeug der Feuerwehr, welches die Straße absperrt. Hier verlassen wir die Straße und biegen nach rechts in den Wald ab. Glaubt man dem Schild am Straßenrand befinden wir uns ab jetzt im Skigebiet Hunau und es wird schnell klar was das bedeuten sollte – selbst wenn ich die Strecke nicht schon zwei mal gelaufen wäre, hätte mich der erste Anstieg, der hinter der Kurve auf uns wartete nicht wirklich überrascht. Die meisten der Starter aus den hinteren Reihen schalten in den Walk-und-Wander-Modus, so wie es bei Ultraveranstaltungen üblich ist, denn jeder von ihnen weiss – am Ende ist die Ente fett…

Auch Nicole und ich lassen überhaupt keinen Stress aufkommen. Der Weg ist noch weit und zu Beginn eines solchen Laufes gilt es Körner zu sparen. Dennoch wird schnell klar, dass mir die Steigungen im Vergleich zu Nicole viel weniger Problem bereiten, was zum einen an meinen langen Beinen liegt, aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass sie aus einer längeren Verletzungsepisode kommt und aktuell noch nicht wieder an ihrem fitnesstechnischen Zenit angekommen ist.  Zudem habe ich aus der leidvollen Erfahrung der letzten Teilnahmen die Effektivität von Trekking-Stöcken erkannt und mir in diesem Jahr welche eingepackt. Mein Angebot ihr meine Stöcke zu überlassen, schlägt sie aber aus. Bis zum ersten VP muss ich mich mehrmals umdrehen, um zu gucken wo sie bleibt. Zudem versuch ich immer wieder mein Tempo zu drosseln, damit sie die Lücke wieder auflaufen kann.

An der Streckenstelle, wo ich mich im letzten Jahr verlaufen habe, komme ich heute ohne Probleme vorbei. Diesen Fehler macht man nur einmal – Abzweigung verpasst und einen guten Kilometer bergab in die falsche Richtung waren hartes Lehrgeld für meine Tagträumerei, vor allem wenn man bedenkt, dass ich den Kilometer auch wieder hochlaufen musste. Von diesem etwas höhergelegenen Punkt sind es knapp 2,5 Kilometer bis nach Gellinghausen. Nachdem die steile Feldwegpassage passiert ist, kann man es auf der schmalen und abschüssigen Straße einfach laufen lassen. Von diesen längeren bergab Passagen gibt es bei den Hollen einige.

Hollen_A

VP 1 km 9: Gellinghausen  (k.o.Z.)

Hinter einem schönen Fachwerkhaus ist der erste VP aufgebaut – wie es bei Veranstaltungen dieser Art üblich ist, gibt es neben laufveranstaltungstypischen Elektrolytgetränken auch verschiedene Leckereien wie Malzbier, Käse, Salami oder geschmierte Brote. Ich warte auf Nicole, die knapp 3-4 Minuten nach mir die VP erreicht.

Die Sonne steckt zu diesem frühen Zeitpunkt des Laufes noch hinter einen der zahlreichen Hügeln und es ist angenehm kühl. Am Himmel kein einziges Wölkchen zu sehen, was wettertechnisch genau das für den weiteren Tagesverlauf verspricht, was die gestrige Wetterprognosen vorhergesehen haben – einen Sommertag vom Feinsten mit Temperaturen um die 30°C und Sonne satt.

Soweit so gut, nur beunruhigt mich, dass sich schon nach knapp 10 km eine Problemstelle an meiner Ferse bemerkbar macht – vielleicht hätte ich doch das besser eingelaufene Schuhpaar mit den Mehrkilometern nehmen sollen. Nachdem die Schnürung am Schuh nachgezogen ist, scheint es problemreduziert weiter zu gehen, aber bei jeder Steigung muss ich mich mehr und mehr darauf konzentrieren, den Fuß so aufzusetzen, dass sich der Druck auf die rechte Ferse minimiert. Zudem  rutsche ich vor jedem Anstieg mit dem Fuß im Schuh weit nach vorne, damit die Ferse im Fersenbereich des Schuhs ausreichend Platz zum freien Rutschen hat – alles andere als optimal seine sowieso schon begrenzte Aufmerksamkeit hierauf ver(sch)wenden zu müssen, vor allem wenn man bedenkt, dass noch knapp 100 km zu laufen sind.

Über den WDR 5-Planetenwanderweg, der dem Wissbegierigen auf Schildern etwas über die Planeten der Milchstraße erzählt – für intensivere astrologische Studien fehlt mir aber leider die Zeit, geht es zurück in Richtung Bödefeld. Allerdings geht es diesmal nicht durch den Stadtkern, wo der Start erfolgte, sondern es geht unter der Brücke her, die Bödefeld nur am Rand streift und zu der parallel ein Bach fließt. Zudem ist das genau die Stelle, wo ich mit Thorsten bei meiner Hollen-Premiere 2014 geparkt hatte. Keinen Kilometer weiter und der zweite VP  ist erreicht. Kurz hinter den Parkplätzen, wo Nicole und ich heute Morgen unsere Wagen abgestellt hatten.

VP 2 km 15: Zur Wahr (k.o.Z.)

Da wir uns wieder an den Parkplätzen befinden, überlege ich ganz kurz, ob ich mich meiner Stöcke entledige, aber ich bin mir eigentlich darüber im Klaren, dass der Zeitpunkt noch kommen wird, wo sie mir dienlich sein werden. Das Wetter ist weiterhin erträglich, so dürfte es gerne bleiben, aber es wird unaufhaltsam wärmer und wärmer und das zu erwartende Ausmaß an Sonne lässt sich schon jetzt am Blau des wolkenlosen Himmels erkennen.

Nachdem es schon überwiegend bergauf ging, stehe ich dann aber vor einem Anstieg der sich durch seine Steigung von den bisherigen abhebt. Hoch auf den Kreuzberg führt ein knackiger Anstieg – der als Teil eines Pilgerweges versucht die Leiden Christis dem pilgernden Wanderer am eigenen Leib erfahrbar zu machen. Klar das bisschen Brennen in den Waden und die Kurzatmigkeit sind zugegebenermaßen nur ein kleiner bescheidener Teil dieser unvorstellbaren Schmerzen, die unser Herr erlitten haben soll, aber selbst mit den Stöcken habe ich schwer zu kämpfen. Zur Belohnung wartet oben die kleine weißgekalkte Kreuzkapelle. Neben der Kapelle steht ein Schrein, wo die Kreuzigungsgruppe von Jesus Kreuzigung in eindrucksvoller Größe und kunstvoller Schönheit dargestellt ist.

Hollen_B

VP 3 km 20: Nasse Wiese   (8:34:23 Uhr; Zeit: 2:34:23 h)

Nach der Lichtung mit der VP  geht es zurück in den Wald. Die Höhenmeter, die wir uns auf den zurückliegenden Kilometern mühsam erstiegen haben,  geht es jetzt auf einer längeren leicht abschüssigen Passage auch schon wieder runter. Es geht vorbei an der Abzweigung für den Halbmarathon.

Im Skigebiet Hunau wartet das nächste topografische Leckerbissen. Es wartet ein grüner Pistenhang, den wir hinauflaufen dürfen – die Schilder lügen nicht, aber im Winter wird genau dieser Hang zum Spaßhaben genutzt. Wintersport ohne Schnee macht nur wenig Spaß, kostet dafür Schweiß ohne Ende. Meine Ferse will auch keinen Gefallen an diesem Streckenabschnitt finden, sie ergibt sich aber ihrem Schicksal, was bleibt ihr auch anderes übrig.

Nach der Pistenbesteigung laufe ich einige Kilometer zusammen mit André, der in der Region wohnt und ihm sind sogar einige Abschnitte der offiziellen Strecke von seinen Trainingsläufen her bekannt. Die Kilometer mit ihm sind recht unterhaltsam und vergehen wie im Flug. Er erzählt mir z.B. von Bärlauchfeldern, die man schon von weitem riechen kann, da sie nach einer Mischung aus Knoblauch und Zwiebeln riechen. Außerdem erzählt er, dass er das Feld, an dem wir gerade vorbeigelaufen sind, auf seinen langen Läufen als VP nutzt.

Apropos Verpflegung, so langsam verspüre ich auch leichten Hunger. Naja bis zum nächsten VP ist es nicht mehr weit und dank André bekomm ich interessante Infos aus erster Hand. Auch zum Fernsehturm, der mitten im Wald steht, weiß er was zu erzählen – erbaut wurde der Turm wie er meinte zur Signalweiterleitung für die TV-Übertragung der Olympischen Spiele 1972 in München und von den Türmen gibt es wohl auch noch mehrere hier.

Und dann ist der nächste VP in Obersorpe auch schon erreicht. Nachdem ich mir meine beiden Flaschen nachtanken lassen habe, greife ich mir zwei Käsestullen und es geht weiter. Der Abstand zum nächsten VP ist im Vergleich zu den sonstigen VP-Abständen besonders weit – ganze 12 km muss ich mit dem was ich jetzt verpflegungstechnisch am Mann habe auskommen und das ist bei der immer stärker aufkommenden Hitze, vor allem was die Flüssigkeitsmenge betrifft, verdammt wenig.

Hollen_C

VP4 km 28: Obersorpe  ((k.o.Z.) vlt. 10.00 Uhr; 4:00 h)

Wir sind mittlerweile knapp vier Stunden unterwegs, die Sonne ist noch gnädig, aber auf langen Passagen ohne den Schatten der Bäume wird es schon ordentlich heiß und noch steht die Sonne nicht im Zenit. Es geht längere Zeit auf dem Sorpetalweg, wie mir die Wanderschilder am Wegesrand sagen, vorbei an Kuhweiden, Feldern und Wiesen. Die Aussicht in die Weiten des Sauerlandes ist fantastisch, allerdings ist man der Sonne voll und ganz ausgeliefert, weshalb ich heilfroh bin als es darauf dann auch wieder in baumreichere Regionen geht.

Irgendwann führt uns die Strecke zu einer stark befahrenen Landstraße, die gekreuzt werden muss. Auf der anderen Straßenseite ist ein riesiger Parkplatz und es warten mal wieder ein paar Höhenmeter auf uns. Am Gebäude unterhalb des Hangs stehen beeindruckend große Skiraupen, aber die Lust am Fotomachen ist mir längst vergangen, außerdem kenne ich das Szenario noch aus dem Vorjahr.

Die Schmerzen meiner rechten Ferse lassen sich verhältnismäßig gut ausblenden, allerdings ist der Schmerz immer dann besonders präsent, wenn es steil bergauf. Und nachdem die Straße und der Parkplatz überquert sind, warten mal wieder zwei ordentliche Skipisten. „Bitte nicht durch die Liftspur laufen“ – steht auf einem Schild geschrieben, als alternative wartet ein geschotterter Weg.

Oben angekommen muss ich erst einmal kurz innehalten und tief durchatmen. Aber ich muss weiter, sonst wird es nichts mehr mit der zu erreichenden Cut-off-Zeit, schließlich muss ich spätestens um 13.00 Uhr am VP Kühude sein, um weiter Richtung Weser-Turm laufen zu dürfen, ansonsten bleibt mir nur umzudrehen und auf die 75km-Strecke zu wechseln, oder will ich wirklich noch die 111 km schaffen?! Spätestens jetzt keimen die Zweifel immer stärker auf. Die Ferse schmerzt, die Sonne knallt ohne Ende auf meine schon glühendroten Arme und ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht.

Es geht vorbei am Kahlen Asten mit dem Astenturm, den ich links liegen lasse – im Vergleich zur restlichen Strecke herrscht her oben fast schon Massentourismus. Viele nutzen den Sommertag für einen gemeinsamen Familienausflug in der Natur. Der nächste VP bei Kilometer 40 ist fast erreicht.

Hollen_D

VP5 km 40: Lenneplätze  ((k.o.Z.) vlt. 11:30 Uhr, 5:30 h)

Von der VP geht es zunächst wieder in den Wald, dann wartet aber ein Streckenabschnitt der über 2-3 Kilometer über asphaltierte Radwege führt und das zur Mittagszeit. Auf diesen Passagen wird man gleich doppelt gegart. Von oben ballert die Sonne und vom erwärmten Asphalt steigt die Hitze von unten hoch – und das alles in der Mittagshitze, wenn die Sonne am höchsten steht.

Meine Oberarme glühen mittlerweile – da hilft auch das regelmäßige Bewässern nur recht wenig – spätestens nach fünf Minuten ist alles verdunstet und die Hitze kehrt zurück. An meinen Fuß darf ich gar nicht denken, dem Schmerz nach zu urteilen, ist aus der Blase schon rohes Fleisch geworden – nur gut das irgendwann im Schmerzlevel ein Maximum erreicht ist.

Und dann, was ist das? Eine Fata Morgana? Oder werden meine unausgesprochenen Träume Wirklichkeit. Am Wegesrand befinden sich Kneipbecken und Fußmassageweg doch leider hab ich keine Zeit für meine Wellness-Fantasien. Die Sonne ballert auf offener Strecke, keine schattenspendenden Bäume und ich muss hier ganz schnell weg. Mit Blicken in die Ferne versuche ich mich zwar abzulenken, aber trotz fantastischer Aussichten in die beeindruckende Weite des Sauerlandes gelingt es mir nur bedingt.

Nach der Phase im Backofen mit Ober- und Unterhitzebehandlung  führt der Weg einmal mehr zurück in den Wald, allerdings bieten die Bäume auch hier nur wenig Sonnenschutz, da die Baumdecke nicht ausreichend geschlossen ist. Bis nach Kühude ist es jetzt nicht mehr weit und der Zeitpunkt für eine Entscheidung rückt näher und näher, oder hat die mein Unterbewusstsein schon längst für mich getroffen?!

VP6 km 50: Kühude  (12:55:11 Uhr; Zeit: 6:55:11 h)

Endlich am VP, hier herrscht reges Treiben – die zwei Bänke, die den leidenden Läufer zum Verweilen einladen sollen, sind bis auf den letzten Platz belegt. Es ist schön schattig und es weht ein erfrischendes Windchen. Aus den Gesprächen der anderen ist zu vernehmen, dass sie alle mit dem Wetter zu kämpfen haben. Ich fühle mich in meinen Empfindungen bestätigt. Zudem muss ich mir eingestehen, dass die 111 km schon lange keine realistische Disposition sind. Der L111 war also schon abgehakt, aber wie geht es weiter? Soll ich sogar komplett abbrechen oder wechsele ich auf die L75 und drehe hier um, ich bin hin- und hergerissen.

Einige von ihnen, die sich am VP aufhalten, haben den Entschluss für sich zum Abbruch schon fällt. Sie warten auf den Shuttleservice, um sich zurück nach Bödefeld bringen zu lassen. Ich spiele mit dem Gedanken es ihnen gleich zu tun. Je länger ich hier entspannt im Schatten sitze und den Worten lausche, desto deutlicher zeichnet sich vor meinem inneren Auge der Film ab, wie ich im Auto sitzend ins Ziel kutschiert werde. Das Bild vom Ziel verschwimmt mehr und mehr. Eins wird mir in diesem mOment in jedem Fall klar, wenn ich nicht bald den Entschluss fassen sollte aufzubrechen, dann ist auch für mich das Rennen hier zu Ende.

Aber mein Entschluss folgt prompt, es geht weiter. Die 25 km zurück werde ich jetzt auch noch schaffen, aber ich muss hier so schnell wie nur möglich los. Ich verlasse den VP Kühude Richtung Bödefeld, die Suche nach Gründen des erneuten Scheiterns beschäftigt mich noch eine Weile. Die Ursache an einem Grund auszumachen scheint unmöglich, die 111 km haben sich im Laufe des Laufes erledigt, und wenn ich ehrlich bin, war eigentlich schon mit der scheiß Blase nach nur 10 km klar, dass das heute nicht der Tag für 111 km werden wird. Wahrscheinlich ist es sogar die bessere Entscheidung gewesen auf 75 km zu wechseln, auch wenn es sich hinterher wie eine Niederlage anfühlen wird, die verarbeitet werden will. Nachdem meine Flaschen nachgefüllt sind, mache ich mich auf den Weg zurück nach Bödefeld. Hitze und Fersenschmerz holen mich gedanklich recht schnell wieder zurück auf die Strecke, Zeit für Aufarbeitung bleibt nicht.

Zwanzig Minuten nach dem Verlassen der VP Kühude kommt mir Nicole entgegen. Wie sie mir erzählt, neben dem Wetter haben ihr die vielen Steigungen den Rest gegeben – ich kann sie mehr als verstehen. Sie will noch bis zum VP durchhalten und sich von dort ins Ziel bringen lassen. Zur Verabschiedung eine Umarmung und dann geht ein jeder seinen Weg.

Auf den baumfreien Wegen ist die Sonnenbestrahlung unerträglich und kaum auszuhalten – meine Arme sind krebsrot und glühen, dass einmalige Auftragen der Sonnencreme hat eindeutig nicht ausgereicht. Sowohl der Schweiß aber auch das Befeuchten haben die Wirkungen der Sonnenbestrahlung noch katalysiert. Das ist ein ordentlicher Sonnenbrand, vor allem ist das Endstadium nicht nicht erreicht, weil ich  die Sonne weiter scheint und ich auch nichts mehr dagegen tun kann…

Es geht wieder vorbei an der Pediküre-Oase mit Kneipbecken und Fußreflexzonenmassage durch die schattenfreie Zone. Gedanklich liege ich schon auf der Couch, wenn ich mich beeile werde ich es sogar noch rechtzeitig zum DFB-Pokalfinale schaffen, ein letzter Versuch mich doch noch einmal zu motivieren.

Lenneplätze km 59:  ((k.o.Z) vlt. 14:35 Uhr; 8:35 h)

Diesmal lass ich den Astenturm rechts liegen, als nächstes wartet wieder der Skihang mit der Pistenraupe und dem großen Parkplatz. Das Runterlaufen fühlt sich dank meiner Blase auch alles andere als angenehm an, aber zumindest ist die Belastung für das Herzkreislaufsystem minimal. Bei der Passage über die Landstraße ist nochmal vollste Aufmerksamkeit gefordert, da mit Rücksicht der Autofahrer nicht zu rechnen ist.

Nach dem Stück ohne jeglichen Sonnenschutz geht’s zum Glück wieder in den schattenspendenden Wald. Wenn ich jetzt ein Fieberthermometer zur Hand hätte, könnte ich nachweisen, dass meine Körperkerntemperatur die 38,5°C  für leichtes Fieber überschritten hat – ab 40°C werden die Folgen dramatisch – z.B. Deaktivierung einiger Enzyme bis zur Denaturierung – meine Gehirnmasse ist gefühlt schon lange hartgekocht.

Deshalb dachte ich eigentlich auch einen längeren Sitin am VP zu einzulegen, aber der VP gleicht einem Invalidenzentrum. Viele Wanderer, die völlig durch den Wind sind und ihre geschundenen Knochen verarzten, einige kurz vor der Aufgabe – „Ansteckungsgefahr“ für mich besteht hier allerdings zu keinem Zeitpunkt. Aber wenn man bedenkt, dass die armen Schweine seit gestern Abend 19.00 Uhr unterwegs sind, also bis zum jetzigen Zeitpunkt fast 20 Stunden auf den Beinen sind, dann will ich nicht mit ihnen tauschen. Aber statt mir die trostlosen Gestalten noch länger anzugucken, fasse ich den Entschluss mein Sitin zu verschieben.

Wenn ich mich hier so umgucke, dann geht es mir doch richtig gut. Zumal die 10 km bis ins Ziel eigentlich ein Katzensprung sind, die ich in der tiefsten Gangart auf meinen Brustwarzen zurücklegen könnte.

Nasse Wiese km 69:  (16:28:25 Uhr; 10:28:25 h)

Am letzten VP mache ich mir diesmal beide Flaschen mit Wasser voll, auf Cola habe ich nach 10-stündigem Dauerkonsum keinen Bock mehr. Energiebedarf besteht eigentlich auch nicht mehr, zudem wusste ich aus der Streckenbeschreibung, dass nach der letzten VP nur noch eine lange Straße kommt, die schnurstracks geradeaus und allem gerößtenteils bergab bis kurz vor Bödefeld führt. Und genau so sollte es kommen – der Downhill führt fast bis kurz vor Bödefeld und schattig ist obendrein – ich schalte mein Schmerzempfinden komplett ab und lass es zum letzten Mal für heute einfach rollen. Ohne das Bedürfnis stehen bleiben zu müssen, sind danach zwei Kilometer von der Uhr genommen. Während der nächsten Gehpause schütte ich mir das restliche Wasser auf die brennenden Arme, in den Nacken und auf den Kopf und weiter geht’s.

Unten auf Höhe des Dorfes sind 73 km zurückgelegt und es warteten nur noch zwei Kilometer, die dann allerdings wieder in der prallen Sonne absolviert werden wollen. Bevor das lang herbeigesehnte Ziel erreicht ist und ich mich endlich hinsetzen kann, geht es noch einmal vorbei am Parkplatz, wenn ich das nächste Mal hier bin, dann setze ich mich ins Auto und fahre nach Hause, denke ich mir.

Von Parkplatz aus geht es dann auf eine extra Runde durch Bödefeld, die laut dem Streckenschild exakt 1300 m beträgt. Je weiter ich mich dem Ziel nähere, desto lauter kann ich die Musik hören. Nachdem auch der letzte kleinere Anstieg gemeistert ist, geht es links zum Mutter-Theresa-Platz – auf dem Weg vereinzelte Leute die mir gratulieren und positiv zusprechen – dann nur noch durch den blauen Start-Ziel-Bogen und ich bin endlich im Ziel angekommen.

Höhenprofil_75km_Hollen

Zielankunft km 75,6:   (17:05:46 Uhr; 11:05:46 h)

Nachdem ich als Christian aus dem Team Erdinger Sohlenrocker vom Moderator begrüßt wurde, was mir ein kleines Schmunzeln abverlangt, bekomme ich die Medaille mit dem smaragdgründen Stein um den Hals gehangen. Ich bin vollends bedient und muss mich und meinen geschundenen Kadaver erst einmal in den Schatten auf der Mauer ablegen. Mein Gesicht vergrabe ich in meine Hände, wobei die Ellbogen auf den Knien meinen Kopf abstützten. Endlich mal für einen Moment die Augen zu machen. Die Situation des bunten Treibens hier auf dem gut gefüllten Mutter-Theresa-Platz ist auf jeden Fall im ersten Moment ein wenig überfordernd und gewöhnungsbedürftig, wenn man zuvor fast zwölf Stunden durch überwiegend menschenleere Landschaften gelaufen ist. Da ist das Augenschließen eine regelrechte Wohltat.

Als ich nach einer Weile wieder geradeausgucken konnte, hatte ich irgendwie das dringende Bedürfnis so schnell wie nur möglich nach Hause zu kommen, weshalb ich mich danach auch unverzüglich auf dem Weg zu den Parkplätzen mache, um den finalen Heimweg anzutreten. Das Sitzen und Runterkommen hatte zudem dazu geführt, dass die Schmerzen am Fuß präsenter wurden, aber egal 1000 m zurück zum Auto schaffe ich jetzt auch noch. Und wie ich hinterher erfahre habe, hätte es wohl einen Shuttleservice zwischen Festplatz und Parkplatz geben – naja vielleicht im nächsten Jahr, wenn ich ihn mir nach 111 km auch verdient habe.

Die Rückfahrt hatte es nochmal in sich, da mein sowieso schon sonnengeschädigter Arm weiterhin massiver Sonnebestrahlung ausgesetzt war – aber vor allem für die Konzentration waren die knapp 1,5 Stunden in jedem Fall hart und anspruchsvoll. Am Ende der Fahrt war ich geschafft und froh wieder zu Hause zu sein. Das intensive Wundenlecken konnte beginnen…


Das Fazit mit Ursachenforschung & Konsequenzen

Nach der ungeplanten Verkürzung des letzten Jahres blieben mir auch in diesem Jahr die anvisierten 111 km verwehrt, aber der Ausgang eines anspruchsvollen Ultralaufes ist eben nicht vorhersehbar. Die Strecke ist so lang, dass einiges Unvorhergesehenes passieren kann. Im Nachhinein lassen sich natürlich einige Gründe finden, die zum suboptimalen Rennausgang beigetragen haben. Vor allem  das Wetter war unter anderem ein Grund für die Schwierigkeiten, die ich beim Hollenlauf hatte. Die massive Sonnenbestrahlung mit Temperaturen um die 30°C und mein unzureichender Sonnenschutz trotz einmaligen Eincremens mit der Folge eines mittelschweren Sonnenbrandes war nicht unbedingt leistungsfördernd.

Das Problem mit der Blase resultierte aus meiner eigenen Dummheit und hätten verhindert werden können. Meine Wahl der Schuhe war schlichtweg falsch, da hätte ich wohl besser auf die alten Schuhe zurückgegriffen, als das wenig eingelaufenen Paar zu nehmen. Das einzig positive aus dem Schuhproblem ist, dass ich bei zukünftigen Läufen immer Blasenpflaster im Rucksack haben werden, die sobald das erste Anzeichen einer Blase zu vernehmen ist, auch zur Anwendung kommen werden. Zudem weiß ich jetzt wie es sich annähernd anfühlen muss durch die Hölle zu gehen und dem Rat Churchills bin ich auch gefolgt:

Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.“

Hollen_E

Bei meinem nächsten Versuch sollte ich vielleicht auch mal die Vorgehensweise mit dem einen Marathon in der Vorstartwoche überdenken. Eine optimale Erholung könnte der Erfolgsschlüssel zum Finish beim L111 sein. Mein Blick ist nach vorne gerichtet – nächste Woche wartet dann auch schon der SANTANDER-Marathon in Mönchengladbach, ich weiss zwar noch gar nicht wie das in dem Zustand und mit der Blase funktionieren soll, aber es wird schon werden…


…noch mehr Bilder vom Hollen gibt es hier zu sehen!


In dem Sinne keep on Running & Rock *N Roll

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9 Antworten zu Und jährlich grüßen die Hollen – einmal durch die Hölle und zurück – 75 km purer Laufgenuss beim Hollenlauf 2017

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  4. juliahaesler schreibt:

    Wow! 🙃🙃🙃

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  5. ultraistgut schreibt:

    Hallo, SohlenRocker, was für eine lange, ausführlich beschriebene Geschichte: die Leiden eines Ultraläufers, warum kommt mir das alles so bekannt vor, so oder so ähnlich selbst am eigenen Leib erlebt und überlebt. Du bist im Ziel eingelaufen, hast durchgehalten,nur das zählt, stark sein heißt die Devise,auch wenn alles wehtut. Was hättest du getan, hätte es keine Alternative gegeben, hättest die 111 km laufen MÜSSEN ?

    Gerade das hart sein gegen sich selbst macht uns stark – darum: ultra ist gut, auch wenn es manchmal nicht so erscheint ! 😉

    Gefällt 1 Person

    • SohlenRocker schreibt:

      Du hast voll und ganz recht – ohne die Möglichkeit auf die 75er-Schleife ausweichen zu können, da bin ich mir im Nachhinein fast sicher, wäre ich auch die 111 km bis ins Ziel gelaufen, aber in der Situation war mein rationales Urteilsvermögen schon im Selbstmitleid ertrunken. Und die Lösungsstrategie, die den gedanklichen Negativ-Tornado noch hätte stoppen können, die hatte ich an dem Tag einfach nicht parat?! Naja beim nächsten Mal passt’s wieder… 😉

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