Zum 5. Mal auf altbekannter Route durch die heimatliche Hood – als 100% Finisher beim 5. VIVAWEST Marathon 2017

|Nachtrag: 22.05.2017 | Gelsenkirchen | Haustür-Marathon |

Alle Jahre wieder – der VIVAWEST-Marathon war in den letzten Jahren mit Ausnahme von 2013 ein Long-Jogg in der Vorbereitung zum folgenden Ultra. Dabei ist der Nachfolger des Ruhr-Marathons für mich persönlich ein besonderer Lauf, der durch seine lokale Nähe einige Vorzüge aufzuweisen hat. Zum einen geht es durch die heimatliche Hood, die Strecke kreuzt dabei mehrmals meine Trainingsstrecken (KRASSEN TRASSEN), wodurch der Start fast vor meiner Haustür liegt und optimal zu erreichen ist. Zum Anderen geht mein persönlicher Bezug aber noch weiter, so durfte ich meine Marathonpremiere beim 3. Karstadt-Ruhr-Marathon feiern, der als Vorläufer des VIVAWEST-Marathons gilt.

Allerdings hat der bis 2009 ausgetragene Ruhr-Marathon den Namen Ruhr-Marathon im Gegensatz zu seinem Nachkömmling meiner Meinung nach auch zu Recht getragen. Die Marathonstrecke startete damals nämlich noch in Dortmund und ging über Bochum nach Wanne-Eickel und Gelsenkirchen bis nach Essen, womit mit Ausnahme von Duisburg drei der vier Kernstädte des Ruhrgebiets durchlaufen wurden. Die Strecke vom VIVAWEST-Marathon verläuft dahingegen über Stadtgebiete von Städten wie GLADBECK und BOTTROP, die man auf dem ersten Blick nicht wirklich zum wahren Pott zählen würde, obgleich natürlich auch in Bottrop und Gladbeck die Kohle eine tragende und damit prägende Funktion hatte.

Darüber hinaus hatte ich im letzten Jahr an drei Tagen die Möglichkeit einen Blick hinter die Kulissen des VIVAWEST-Marathons zu werfen, wodurch sich meine besondere Beziehung zum Lauf noch weiter vertiefen konnte. Mit seiner nunmehr fünften Auflage und meiner fünften Teilnahme hat er über die Jahre eine Prise Tradition hinzugewonnen, deshalb beschreibt „Trainingslauf mit Tradition“ meine Beziehung zum VIVAWEST wohl ganz gut. In jedem Fall ist er mehr als nur ein Trainingslauf mit offizieller Verpflegung.

Wie schon 2016 stand für mich auch 2017 eine Woche nach dem VIVAWEST der Hollenlauf auf meiner Will-Run-Liste, den ich kurzfristig vom L75 auf den L111 up-gegraded hatte, als Thorsten überraschenderweise irgendwann nebenbei erwähnte, dass aus unserem seit längerem im Raum stehenden Biel/ ZUT-Vorhaben, das eigentlich zwei Wochen nach dem Hollen hätte stattfinden sollen, in diesem Jahr nichts werden wird.

Aus diesem Grund war der mit Thorsten im überschaubaren Tempo gelaufene Marathon für die in sechs Tagen anstehenden 111 Kilometer ein guter letzter Peak, um dann bis zum Hollenstart die Beine hochzulegen. Aber noch sind wir nicht in Schmallenberg sondern beim Marathon in Gelsenkirchen – also zurück zur fünften Auflage des VIVAWEST-Marathons – ein Schritt nach dem anderen, ist meistens zielführender…

Laufbotschafter mal was anderes…                                                               

Meinen diesjährigen Startplatz für die Marathondistanz beim VIVAWEST-Marathon habe ich dafür bekommen, dass ich im Vorfeld als Botschafter Werbung für den VIVAWEST-Marathon gemacht habe. Als Botschafter war ich zuvor für noch keinen anderen Lauf aktiv, obgleich das Botschaftern nur eine unter vielen anderen Möglichkeiten dargestellt, um kostenneutral an seinen Startplatz für eine Laufveranstaltung zu gelangen.

Neben der standardmäßigen Selbstanmeldung, die natürlich gebührenpflichtigen ist, gab es  frühere Startplätze schon durch gesponserte Startplätze beispielsweise über den Arbeitgeber von Bekannten oder für das Starten im Kostüm beispielsweise als Erdinger-Glas für das TEA oder als lebendiges Plastinat für Körperwelten. Eine weitere Variante, die ich regelmäßig in Anspruch nehme, ist die Startplatzverlosung im internen Bereich vom Team Erdinger Alkoholfrei. Auch als Pacemaker oder die Übernahme eines Startplatzes von jemanden, der aus diversen Gründen verhindert ist, sind die Möglichkeiten, die mich an einen Startplätze gebracht haben, was das Botschaften anbelangt, so war dies meine Premiere.

Wie es dazu kam…                                                                                           

Irgendwann zum Jahreswechsel  2016/17 wurde auf Facebook nach potentiellen Botschaftern gescoutet, die den Lauf in den Sozialen Medien promoten und bei anderen Läufen mit dem Botschaftershirt kilometersammeln. Nach einer ausführlicheren Bewerbung hatte ich den Job und durfte mich fortan Lauf-Botschafter des VIVAWEST-MARTHONS nennen. Ausgestattet mit Werbeflyern und dem Promotion-Shirt habe in der Folgezeit im Training auf meinen Trainingsstrecken aber auch auf andere Veranstaltungen für meinen Haustürmarathon Werbung gemacht. So war das Shirt unter anderem beim 6-h-Lauf in Münster, beim HAJ Marathon in Hannover oder dem HOMAMA in Gelsenkirchen mit mir auf Promotion-Tour unterwegs.

Uneigennützige Startplatzverwertung…                                                  

Eigentlich hatten Alina und Daniel ebenfalls in diesem Jahr einen Start beim VIVAWEST-Marathon geplant gehabt und sich auch schon frühzeitig bei einer Aktion von Radio Oberhausen mit Startplätzen zum Vorzugspreis eingedeckt – da gab es das Angebot von zwei Startplätzen egal für welche Distanz für 50 Euro. Doch dann kam alles anders als geplant – nach seinem Nepal-Trekking-Urlaub mit Zwischenstopp am Everest-Basecamp auf über 5000 Höhenmeter und einer nicht eingeplanten Notevakuierung mit dem Helikopter nach Kathmandu aufgrund einer akuten Mountain-Sickness war in der Folgezeit an ein geregeltes Training erst einmal nicht denkbar, sodass die beiden Startplätze schon so gut wie ungenutzt in der Tonne gelandet wären.

Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt als ich mich derer angenommen habe und beide Startplätze in der letzten Woche noch unter das dafür dankbare Laufvolk bringen konnte. Der bezahlte Vorzugspreis von 25 Euro pro Startplatz war im Grunde noch billiger als die billigste Preisstufe des Halbmarathons gewesen ist, weshalb auch jeder Interessent ob für Marathon oder Halbmarathon mit dem Preis von 25 Euro direkt und ohne verhandeln zu wollen einverstanden war. Allerdings ging dies vor allem auch deswegen so reibungslos, weil  beim VIVAWEST-Marathon der Service der Ummeldung eines Startplatzes von Beginn an aus Kulanz gebührenfrei durchgeführt wird. Inwieweit das auch 2018 der Fall sein wird, wird sich zeigen, aber das es bisher so war, finde ich absolut läuferfreundlich und erwähnenswert!!!

EXPO – Startunterlagen – Vorbereitungstage                                          

Nachdem Thorsten unsere Startunterlagen schon am Freitag nach der Arbeit von der EXPO abgeholt hatte, kann ich mir den Weg zur EXPO am Musiktheater sparen. Wahrscheinlich hätte ich sonst meine Startunterlagen auch erst am Veranstaltungsmorgen abgeholt. Im letzten Jahr hatte ich mir meine Startunterlagen noch selbst ausgegeben, aber dadurch dass mir Thorsten meine Unterlagen mitbringt, bleibt mir der direkte Kontakt erspart, was mir durchaus entgegenkommt, da ich aufgrund unprofessioneller Umgangsformen ein wenig verärgert war.

Ich weiß – mimimi!!! 😀 , aber erst fragt man bei mir per Email nach, ob ich wie im Vorjahr an den Vorbereitungstagen mithelfen kann, bittet mich sogar darum, dass ich mich in meinem Bekanntenkreis nach potentiellen Interessenten umhöre, um diese dann ans Büro weiterzuleiten und dann reagiert man in der Folgezeit auf meine Emails nicht mehr. Alle Kontaktversuche bleiben unbeantwortet, sodass ich mich am Ende vor meinen Leuten für deren Unfähigkeit rechtfertigen konnte, um zu erklären was denn jetzt mit dem versprochenen Job ist oder auch nicht ist. Aufgrund dieser unprofessionellen Umgangsformen knicke ich mir in diesem Jahr den direkten Kontakt mit den Deppen von MMP und verzichte auf mein Mitwirken, obgleich dazu gesagt werden muss, dass die Helferkoordination in diesem Jahr, wie ich im Nachhinein erfahren habe von einer überforderten Praktikantin übernommen wurde, mich unterm Strich aber natürlich trotzdem verärgert hat. Da sich Thorsten am Samstag aber sowieso unseren Hänger ausleihen wollte, um ein paar Klamotten aus der alten Bude zur Müllkippe zu bringen – bekomme ich meine Startunterlagen noch vor dem Starttag ohne selbst zur EXPO fahren zu müssen, muss ihn allerdings tatkräftig bei seiner Entrümpelungsaktion unterstützen.

Im Starterbeutel diesmal ein Gel von DEXTRO-ENERGY, das für meinen Geschmack viel zu süß ist und zudem mindestens einen halben Liter Wasser bedarf bis der Geschmack irgendwie einigermaßen wieder aus dem Hals ist. Die einzig positive Erinnerung, die ich an DEXTRO-ENERGY habe, ist aus dem Vorjahr als sie mir meinen Startplatz für den VIVAWEST-Marathon via Gewinnspiel gesponsert haben. Seitdem ich aber beim Kill50 nach zehnstündigem Orientierungslauf durch den Heidenheimer Wald im hohen Bogen spucken musste und ausserdem die dadurch ausgelöste kritischer Phase überstehen konnte, habe ich gegen den penetrant-süßen Geschmack eine Aversion ausgebildet. Das geht sogar so weit, dass die Erinnerungen an diese unschönen fünf Minuten des Laufes wieder frei gelegt werden, sobald ich nur an dem Gel rieche. Die letzte Aversion, die ich auf vergleichbarem Wege ausgebildet hatte, war die gegen den kleinen Feigling – als ich in einer späteren Phase meiner Jugend einen über den Durst getrunken hatte – in Kombination mit Berendsen Früchtetraum eine teuflisch sichere Variante, um sich den abendlichen Konsum einmal mehr durch den Kopf gehen zu lassen – nähere Details erspare ich euch.

Anfahrt – der Start liegt um die Ecke…                                                     

Um kurz nach 9 Uhr steht Alli, Thorsten und der Rest der Trichters vor meiner Haustür und sammelt mich ein. Es geht unmittelbar in den Start-Ziel-Bereich, der sich vor dem Musiktheater in Gelsenkirchen  befindet und von mir Hause keine fünf Kilometer entfernt ist. Wie im letzten Jahr lässt uns Alli an der Haltestellt Musiktheater raus, sodass es für uns keine 500 Meter mehr zum Start sind. Das erste was ich nach dem Aussteigen sehe, sind Läufer, die sich warmmachen – was ein suspekter Anblick?! Vor allem bei den aktuellen Temperaturen würden mich keine zehn Pferde dazu bringen, dass ich mich hier und heute in irgendeiner Art und Weise warmlaufe – vor allem frag ich mich WARUM?! Dazu habe ich doch bei den folgenden 42195 m mehr als ausreichend Zeit, aber jedem das seine, wahrscheinlich unterscheidet sich meine heutigen Ziele und deren maximal.

Vorstart – der Weg in den Startblock…                                                   

Wir wuseln uns durch das Gewühl, welches so kurz vor dem Start im Start-Zielbereich herrscht – Thorsten besucht nochmal eine der Pipistationen, die einfach frei auf der Wiese aufgebaut sind – Privatsphäre dabei sucht man vergebens, aber das ist mittlerweile Standard und erspart der hiesigen Fauna eine Überdüngung mit harnstoffhaltiger Ausscheidungsflüssigkeit. Erleichtert geht es danach auch schon direkt in den hintersten Block des Startfeldes. Auch wenn uns der Block-Steward zunächst darauf aufmerksam machen will, dass wir in dem Block eigentlich falsch sind, lassen wir uns von unserem Vorhaben natürlich nicht abbringen und gehen in den petrolgrünen Startblock.

Das Bild im hinteren Startblock ist geprägt von vielen erfahrenen oder ganz jungen Startern, letzteres liegt daran, dass bei der bevorstehenden Schülerstaffel knapp 2000 Schüler an den Start gehen werden und diese dank ihres weinroten EVONIK-Shirts zudem gut von den anderen Teilnehmern zu unterscheiden sind.

Der Start lässt auf sich warten…                                      

VIVA_L21

Wie schon im letzten Jahr verspätet sich der Start um einige Minuten, weil noch Fahrzeuge abgeschleppt werden müssen und erst dann die Strecke durch die Polizei freigegeben werden kann, so die spärliche Information von Veranstalterseite. Wenn ich mich nicht irre, dann ist das ein alljährlich wiederkehrendes Problem – ich frag mich ehrlichgesagt warum man die Deadline der Streckenfreigabe nicht um ein halbe Stunde vorzieht, dann kann man in der einen halben Stunde falschparkende Fahrzeuge eliminieren und kein Läufer bekommt davon etwas mit?! Zum Glück ist das Wetter Ende Mai wie immer fabelhaft, aber man stelle sich vor es würde in Strömen regnen.

Wir setzen uns kurzerhand einfach im Startblock auf die Straße und erfreuen uns am Anblick der Crew des Laufclubs 21, die sich während der Wartezeit in unmittelbarer Nähe zu uns befinden und wie immer supergute Laune ausstrahlen. Neben den Läufern mit dem Gendefekt Trisomie-21 und einigen ihrer Begleiter sind im Team auch Spendenläufer, die während des Marathons verkleidet am Streckenrand Spenden einsammeln. Auch der WDR nutzt die Verzögerung für Interviews in dieser Gruppe. Lisa, eine der Läuferinnen, die heute mit dabei sind, darf sich in das Begleitfahrzeug setzen und freut sich darüber überwältigend. Echt beeindruckend mit was für eine Lebensfreude diese Jungs und Mädels ausgestattet sind – herzzerreißend und immer wieder schön mit anzugucken. Der Laufclub 21 macht für die Integration und das Verständnis dieser besonderen Menschen in der Bevölkerung eine vorbildliche und vor allem grandiose Arbeit!!!

Teil eins – die ersten 21,6 km..                                                                    

Beim VIVAWEST-Marathon erfolgt der Start in zwei Wellen, wobei zwischen den beiden Wellen etwa zehn Minuten liegen – zusammen mit der inoffiziellen Verzögerung von zehn Minuten dürfen dann auch die Läufer aus dem hinteren Startblock mit zwanzigminütiger Verspätung auf die Strecke – wenn ich bedenke, dass ich beim New York City Marathonknapp vier bis fünf Stunden auf meinen Start warten darf, dann sind die zwanzig Minuten natürlich echt läppisch!!! Wobei ganz deutlich dazu gesagt werden solte, dass in New York über 50.000 Starter auf die Strecke geschickt werden wollen, während man in Gelsenkirchen schon über 2000 startende Marathonis erfreut wäre…

Die erste Hälfte hat streckentechnisch im Grunde nichts was ich nicht schon von einer der vorherigen Austragungen her kenne. Am Streckenrand herrscht überwiegend gähnende Leere und wenn überhaupt zwischendurch Stimmung aufkommt, dann ist dies punktuell an den offiziell eingerichteten Fanpoints. Neben diesen Fanzonen mit Bierwagen, Musik und Würstchengrill sind in diesem Jahr aber auch die Wechselstellen der Staffeln aufgrund der verhältnismäßig hohen Teilnehmerresonanz stimmungstechnisch positiv hervorzuheben.

Sehenswertes läßt sich im Grunde an einer Hand abzählen, was allerdings nicht bedeutet, dass es an der Strecke nichts zu sehen gibt. Wer aber die Strecke mittlerweile zum fünften Mal im Wettkampf läuft und auf einzelnen Streckenteilen im Training noch viel öfters gelaufen ist, der wird irgendwann blind für die landschaftlichen Details, die einem Ortsfremden noch als besonders und einzigartig auffallen. Streckendetails, die meinen Wahrnehmungs-Bewertungs-Filter passieren wollen, müssen schon was Neues zu bieten haben, ansonsten bleiben sie an der ersten Filterinstanz hängen und werden wie Hintergrundrauschen einfach ausgeblendet. Dieses Phänomen ist wohl am besten mit dem Begriff der Alltagsblindheit zu beschreiben.

Die Kilometer der ersten Streckenhälfte bis 21,6 km kleckern sich deswegen für mich gefühlt auch irgendwie so zusammen – Überraschungen sind keine zu erwarten – obgleich es  in diesem Jahr im Vergleich zur Ausführung von 2016 ein paar Streckenänderungen gegeben hat. So wurde beispielsweise die Streckenpassage um das Weltkulturerbe Zollverein in Essen ein wenig ausgedehnt, was auch damit zusammenhängt, dass der komplette Abschnitt durch die Essen-City mit Rathaus-Shopping-Center und Einkaufsstraße, der immer auch mit einigen bösen Kickern gespickt war, ganz aus dem Programm genommen wurde und deshalb distanztechnisch ausgeglichen werden muss. Aber gehen wir chronologisch vor und fangen vorne an…

42195 Meter durch meine Hood…                                                              

Start und Ziel sind wie in jedem Jahr direkt am Musiktheater in Gelsenkirchen. Von hier aus geht es zunächst durch GE-Rotthausen. Auf dem Weg nach Essen-Stoppenberg zum Weltkulturerbe Zollverein geht es durch einige für die Region typische Zechensiedlungen, die sich durch ihre jeweils siedlungsspezifischen Bauweisen zwar voneinander unterscheiden, aber gleichzeitig trotzdem auch gemeinsame Baumerkmale aufzuweisen haben.

Zollverein_WP

Nach 8 km in etwa wartet vor der Zeche Zollverein mit dem Sanaa-Haus und seiner futuristisch-auffälligen Architektur das erste kleinere Streckenhighlight, direkt danach folgt das Gelände des Weltkulturerbes Zollverein – hier warten auf Ortsfremde und Sightseeing-Interessierte eine Menge an beeindruckenden Fotomotiven, aber auch für mich, der Zollverein regelmäßiger im Lauftraining oder auf Radrunden ansteuert, ist es immer wieder etwas Besonderes diese geschichtsträchtigen kolossalen Bauten einer vergangenen Industrieepoche live erleben zu dürfen. Dank der neuen Streckengestaltung von 2017 ist man auf dem weitläufigen Zechengelände gut und gerne zwei Kilometer unterwegs.

Auf diesen zwei Kilometern wartet auch das Triathlon Team Essen 99 mit dem Steiger im traditionellen Zechen-Outfit, der trotz oder vlt. wegen seines Alters immer einen motivierenden lockeren Spruch für alle Läufer auf Lager hat. Zu mir meinte er wörtlich: „Ja samma – wie läufst-n du rum – hat dich deine Mudda heut Morgen die falschen Klamotten rausgelegt, guck dich ma die Farben an, dat geht nich, dat tut doch weh“!!! 🙂

 

Nahc_zollverein

Nach dem Wahrzeichen Zollverein in Essen geht es über den Nordsternweg zum Nordsternpark mit der Zeche Nordstern zurück nach Gelsenkirchen. Der Nordsternweg verbindet die das Weltkulturerbe Zollverein mit der Zeche Nordstern und geht wie mit dem Lineal gezogen gute zwei km einfach nur gerade aus. Auf dem Weg zur Zeche Nordstern kommen wir auch an einer Taubenklinik und dem Verbandsgebäude des Verbandes Deutscher Taubenzüchter vorbei. Taubenschläge waren im früheren Ruhrgebiet mindestens so weit verbreitet wie die Zechen selbst – der Taubensport war bei vielen Kumpels als Ausgleich zum harten Malochen unter Tage neben König Fußball sehr beliebt – nicht ohne Grund singt Herbert Grönemeyer vom „Himmelbett für Tauben“, wenn er die Nachbarschaft Bochum im gleichnamigen Lied besingt. Aber mit den Taubenschlägen ist es wie mit den Zechen selbst – flogen früher noch zahlreiche Taubenschwärme ihre Runden am Himmel im Revier, ist es nach und nach weniger geworden. Wenn man Glück hat, dann sieht man sie vereinzelt auch noch heute.

Kurz hinter der Taubenklinik, noch bevor wir das Essener Stadtgebiet verlassen –  wir befinden uns im Stadtteil Katernberg – liegt rechtsseitig die Fathi Moschee, die sich mit ihrer orientalischen Bauweise und dem Minarett deutlich von den umliegenden Gebäuden absetzt. Zwei Kilometer weiter und der Nordsternpark mit Zeche Nordstern ist erreicht. Allerdings laufen wir zunächst nur auf die Zeche Nordstern mit dem imposanten Hercules von Gelsenkirchen auf dem Dach zu und entfernen uns von ihr sogleich wieder.

Es folgt bei km 15 eine Wechselzone mit verhältnismäßig viel Trubel, Jubel und vor allem Hektik, die wartenden Schüler, scharren seit mindestens zwei Stunden mit den Hufen und wollen endlich losgelassen werden. Im Zechengebäude, in unmittelbarer Nähe zur Wechselstelle befindet sich zudem der Hauptsitz des Hauptsponsors und Namensgeber des Marathons die Wohnungsbaugesellschaft VIVAWEST. Auf dem Vorplatz wird für Belegschaft und Besucher ein ordentliches Sommerfest mit Bühne, Bierwagen, Grill und vielem mehr angeboten. Für die Halbmarathonis geht es nach der Wechselzone auf direktem Wege zurück zum Ziel am Musiktheater. Auf uns Marathonis warten von hier aus bis ins Ziel noch knapp 27 km. Es geht jetzt knapp 11 km in Richtung Gladbeck und Bottrop, wenn in Bottrop der Wendepunkt erreicht ist, sind auch wir Marathonis nach weiteren 16 km im Ziel vor dem Musiktheater angekommen, aber zuvor kommen wir hier im Nordsternpark nach 36,5 km noch einmal vorbei.

VIVA_km19

Am nördlichsten Punkt der Strecke in Gladbeck wartet bei km 19 das nächste Stadtteilfest, die von offizieller Seite aus als Fanpoints deklariert sind, wofür hier allerdings Tribünen aufgebaut sind, will sich mir auch im Nachhinein nicht erklären?! Vielleicht weil sich hier auch der Start für den 10-km-Lauf befindet? Ich weiß es ehrlichgesagt nicht. Dafür wartet ein VP mit angenehm kalter Cola, die erste des heutigen Tages, die ich auch dankend annehme, obwohl wir noch keine 20 Kilometer unterwegs sind, aber Cola geht eigentlich immer – zumindest als Energielieferant beim Laufen – was anderes als konzentrierte Zuckerlösungen sind die teuren Gels von POWERBAR & Co auch nicht wirklich.

Keine vier Kilometer hinter Gladbeck bei km 22,5 befinden wir uns dann auch schon auf Bottroper Stadtgebiet – auf dem Parkplatz vom Einrichtungshaus Ostermann wartet mit dem nächsten Fanpoint die nächste größere Partyzone, die gleichzeitig auch einen weiteren Staffelwechselpunkt darstellt.

Bei km 24 auf der Prosperstraße liegt das Alpin-Center mit der „längsten Skihalle der Welt“, Sommerrodelbahn, Hochseilgarten und vielem mehr am Streckenrand. Auch das Tetraeder ein weiteres Wahrzeichen des neuen Ruhgebiets ist im Hintergrund optimal zu sehen – an diesem markanten Punkt geht es aber leider nicht hoch, sondern nur dran vorbei – der Wendepunkt ist so gut wie erreicht.

VIVA_km26

Wir bewegen uns jetzt auf das neue Highlight der Strecke zu der Zeche Prosper Haniel II – dem letzten noch aktiven Steinkohlebergwerk in NRW, das 2018 endgültig schließen wird, womit eine weitreichende Epoche montaner Industriegeschichte im Revier zu Ende geht. Eine Epoche die dem Pott sein heutiges landschaftliches Gesicht verliehen hat und weit über die Landschaft hinaus die hiesigen Menschen und Leute vor Ort geprägt hat und weiter prägen wird.

Der Wendepunkt bei km 26 überzeugt mit schwerem Gerät vor montaner Landschaft und weitem Blick in den Ruhrpott – das Tetraeder befindet sich in unmittelbarer Nähe und ist in der Ferne gut zu erkennen. Einige Kumpels verbringen ihre Pause gezeichnet vom Ruß der Kohle über Tage und bieten einzumindest hier aus dem Ruhrgebiet immer seltener werdendes  Bild. Aber nicht nur die Kumpels zeugen dafür, dass hier noch gearbeitet wird, sondern auch die riesigen Berge an Kohle, die vor den Hallen aufgeschüttet sind und auf ihren Abtransport zu irgendwelchen Kraftwerken warten.

Obwohl wir uns am noch letzten aktive Bergwerk des Ruhrgebiets befinden, ist die fotogene Schachtanlage mit Malakowturm und eingezogenem Fördergerüst vom Schacht 2, die sich hier direkt am Wendepunkt der Strecke befindet schon seit 1987 verfüllt und unter Denkmalschutz gestellt, also nicht mehr aktiv.

Es geht vorbei an überdimensionierte Bagger und Förderbänder, vorbei an der Mischhalle – in der Ferne ist die Kokerei mit ihren Kühltürmen zu sehen, aber nicht erst der Blick in die riesige Rohkohle-Mischhalle, an der die Strecke vorbeiführt, lässt die ganze Szenerie hier auf dem Gelände vom Bergwerk Prosper Haniel irgendwie ein wenig surreal erscheinen – man fühlt sich ein bisschen wie auf einem fernen Planeten, keine Blumen, keine Pflanzen, kein natürliches Grün dafür überdimensionierte Maschinen und Gebäude, die durch den Kohlestaub dunkel und schmutzig erscheinen.

Und 16 km wieder zurück bis ins Ziel                                               

VIVA_abGLD

Mit dem Erlebnis rundum Prosper Haniel ist der Rückweg eingeläutet. Bei 28 km wartet am Streckenrand erneut das Alpin-Center mit Sykdiving und der Skihalle. Bis hier hin geht’s relativ flüssig, doch danach wird es schleppend – die Gehpausen werden länger, die Temperaturen steigen und die eigene Einstellung wird negativer – jetzt heißt es beißen – auch wenn der für mich persönlich interessante Teil der Streckenneuerung nach der Passage über das Gelände von Prosper Haniel II hinter uns liegt. Die weiteren Streckenpunkte deshalb im Schnelldruchlauf.

Bei km 30 geht es wieder beim Einrichtungshaus Ostermann vorbei – wieder mit guter Stimmung, Moderation, Kinderbespaßung und Catering für uns Läufer und die vielen anwesenden Zuschauer. Nach 33 km durchlaufen wir mit Gladbeck den nördlichsten Punkt der Strecke – es geht wieder an der menschenleere Tribüne vorbei weiter in Richtung Nordsternpark, auch sonst ist es hier mittlerweile leerer geworden.

VIVA_Nordstern

Der auf dem Dach thronende Herkules von Gelsenkirchen lässt sich schon aus der Entfernung gut zu sehen, wir befinden uns bei km 36. Jetzt laufen wir auch in den Nordsternpark rein und an der Zeche Nordstern mit eingekleidetem Förderturm vorbei. Hier im Nordsternpark ist ordentlich Tamtam – neben dem Sommerfest mit Moderation liegt hier bei km 38 etwa eine Spendenmatte aus, die ich allerdings wie immer umlaufe, nicht weil ich herzlos bin und Spenden grundsätzlich ablehne, sondern weil ich mich ungern zum Spenden nötigen lasse. Zudem sagt mir der Spendenempfänger auch nicht wirklich zu. Zumal ich für eine Unterstützung der Gelsenkirchener Sportvereine über zwei Euro überhaupt keine Notwendigkeit erkenne.

Nach einem kleineren Anstieg wartet dann ein längerer Metallsteg und danach geht es zunächst durch eine futuristische Gitterbrücke über die Emscher und dann über die Doppelbogen-Brücke über den Rhein-Herne-Kanal. An der Doppelschwinge über den Kanal versucht uns ein Mitläufer aufzubauen: „Kommt Jungs, es ist nicht mehr weit. Es sind nur noch vier km?! Das schafft ihr!“ Thorsten und ich gucken uns an und fangen an zu lachen – ja ganz bestimmt sogar.  😀 Am Ende des Nordsternparks befinden wir uns mittlerweile zum Glück bei Kilometer 39, von hier aus geht es die letzten drei Kilometer über die Straßen zurück zum Musiktheater, wo sich nach einem leichten letzten Anstieg nach einer links Kurve das Ziel befindet.

Ziel & VIVAWEST-Marathon-Finish No. 5 complete                       

Am Ziel beim Musiktheater folgt das Zieleinlauf-Standardprozedere – meine Aufgabe besteht darin, Fotos von Thorsten zu machen, der mit seinen Kurzen ins Ziel einläuft – nachdem dem dies auf der Speicherkarte ist, lass ich mir noch die obligatorische Medaille umhängen.  Danach geht es durch die Zielverpflegung, die in diesem Jahr  diesen Namen auch zu Recht trägt. Alles ist noch in ausreichenden Mengen vorhanden, die Probleme aus dem Vorjahr als viele Sache schon frühzeitig vergriffen waren, konnten, wie es scheint, vermieden werden.

Nachdem Bubu, Atti und der Rest der Trichters eingesammelt ist, geht es für mich zunächst zum Duschen nach Hause und danach ab zum Griechen nach Eickel am Markt – an einem Tisch im Außenbereich gibt es einen großen Gyrosteller mit Zaziki, Zwiebeln und einer großen Pommes mit Mayo, genau so soll ein Teil des Kalorienverlustes wieder ausgeglichen werden – dazu zwei halbe Weizen für die Flüssigkeitsbilanz. „Hach ja, wat kann dat Marathonlaufen doch schön sein…“.


Fazit – Ausblick – Manöverkritik

Mit der neuen Streckenführung durch die Zeche Prosper Haniel II kam für mich als Wiederholungstäter endlich mal so etwas wie Abwechslung auf. Obwohl das Wetter für die Zuschauer optimaler als für uns Läufer war, haben sich nur wenige für den Marathon begeistert lassen. Aber ok, damit muss man sich wohl abfinden oder von Veranstalterseiten noch mehr Angebote machen, aber Gelsenkirchen ist halt auch eine Fußball-Stadt, vielleicht dauert es auch einfach noch fünf Jahre bis die Leute mit der Veranstaltung warm geworden sind.

Wieder einmal war der VIVAWEST-Marathon für mich neben der traditionellen Pflichterfüllung ein langer Trainingslauf auf dem Weg zu den Hollen. In diesem Jahr bin vom Start bis ins Ziel mit Thorsten gelaufen und das Ganze komplett ohne Laufuhr, dafür habe ich nebenher noch 150 Fotos machen können. Mit meiner Leistung bin ich angesichts der bevorstehenden 111 km beim Hollenlauf in sechs Tagen mehr als zufrieden. Wettertechnisch war es gegen Ende doch recht warm und meine Beinmuskeln spüre ich auch ziemlich deutlich, aber bis Samstag wird die Frische hoffentlich zurück sein.

Alles in allem eine gelungene fünfte Auflage meines Haustürmarathons – würde ich jetzt mal so sagen – im Gegensatz zu letztem Jahr hat man in diesem Jahr eine für mein Empfinden etwas interessantere Streckenführung gefunden und auch die Nachzielverpflegung in diesem Jahr hatte ihre Bezeichnung als solche verdient, einzig und allein die Zuschauerresonanz an der Strecke ist und bleibt ausbaufähig. Teilweise ist die auch durch eine suboptimale Abfolge der Wettbewerbe hausgemacht – vor allem durch den zu kurzen Zeitabstand zwischen Halbmarathon- und Marathonstart, der überdacht werden sollte und verbesserungswürdig ist! Dennoch ist eine positive Entwicklung zu erkennen. Ich freue mich schon auf den sechste VIVAWEST-Marathon am 27. Mai 2018, ob dann schon weitere Verbesserungen sichtbaren werden – wir werden es sehen bzw. ich werde es sehen und euch davon dann berichten – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und ich als überkritischer Betrachter bin jeden Falls guter Dinge…


Bewegt, in Farbe, ohne Text, dafür aber mit Musik  – die Fotoshow!!!


In dem Sinne keep on Running & Rock N* Roll und ein GLÜCK AUF aus der heimatlichen Hood

 

 

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, eine Familienpackung Laufschuhe gehen pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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8 Antworten zu Zum 5. Mal auf altbekannter Route durch die heimatliche Hood – als 100% Finisher beim 5. VIVAWEST Marathon 2017

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  2. somi1407 schreibt:

    Der wäre vielleicht was fürs nächste Jahr… oder doch lieber HH? Mal sehen…

    Gefällt 1 Person

    • SohlenRocker schreibt:

      HH ist natürlich vom Rahmenprogramm her große Klasse, aber auch durch die Teilnehmerzahlen und die Stimmung an der Strecke absolut nicht vergleichbar – vlt. lässt sich der HH-M noch mit Berlin M vergleichen, aber ich finde den HH-M selbst besser als Berlin – Hamburg meine Perle…

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