Erst den Warpantrieb gezündet und dann via Wurmloch durch die Galaxie – per pedes durch die Landeshauptstadt von Niedersachsen beim HAJ Hannover Marathon 2017

|Nachtrag: 08.04.2017 | Hannover | HAJ Marathon|

Anfang April war der HAJ-Marathon der Auftakt zu einer ganzen Reihe von City-Marathons im ersten Halbjahr 2017. Nach den fünfzig Kilometern beim 0211-KEU in Ratingen und beim 6h-Lauf in Münster war es gleichzeitig der erste Wettkampf, der nur über die traditionelle Marathondistanz von 42,195 Kilometer gehen sollte.

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Schon die Leistung von Münster war ein guter Indikator dafür, dass die Formkurve zu diesem Saisonzeitpunkt ansteigend war. Anders hätten die 3 Stunden und 5 Minuten auf den ersten 30 Kilometern aus Münster auch nicht interpretiert werden dürfen. Aus dem Grund bin ich mit einer Erwartungshaltung nach Hannover gefahren, die eine Zielzeit im Bereich zwischen 04:15:00 und 04:25:00 für realistisch erachtet hätte. Zumindest war ich mir dahingehend sicher, dass eine 04:15:00, die umgerechnet einer Pace von knapp 6:00 min/km entspricht ohne weiteres abrufbar sein sollte, wobei mir diese aber auch nur als ganz grobe Zielorientierung dienen sollte…

Als aus einem I-WANT ein I-WILL wird…

Wieder einmal hat es sich ausgezahlt, Mitglied im Team Erdinger Alkoholfrei zu sein. Die Gebühren von 39 Euro für die Jahresmitgliedschaft haben sich schon mit der einen Startplatzzusage für den HAJ-Marathon direkt am Anfang des Jahres amortisiert. Vor allem stand mit dem Marathon in Hannover ein Marathon bei TEA zur Auswahl und damit auf meiner Will-Run-Liste, der mich durch eine Stadt führen sollte, die ich in meinem bisherigen Leben noch nicht zu Gesicht bekommen hatte und zu der ich auch sonst keinerlei Bezug habe. Nichts ist schöner als sich eine fremde Stadt über die Laufstrecke zu ergründen und dabei quer durch die City zu laufen. Das Erlebnis ist so viel intensiver als jede andere Art der Stadtbesichtigung – zudem hat man die Möglichkeit unter Ausschluss des Straßenverkehrs seine Entdeckungsreise auf den Hauptverkehrsstraßen zu erleben, was einem nochmals eine ganz andere Perspektive eröffnet, die bei einer normalen Sightseeing-Tour verschlossen wäre.

Als ich dann noch kurz vor dem Starttermin bei einem Gewinnspiel von ISOSTAR und BODY-ATTACK einen Warengutschein plus einen weiteren Startplatz für den HAJ-Marathon gewinnen konnte, war die Freude darüber natürlich groß, obwohl ich ja schon einen Startplatz hatte. Den doppelten Startplatz konnte ich dann aber via Facebook für schlappe zwanzig Euro beinahe schon kostenneutral weitergegeben. Heike hatte sich auf mein Angebot auf Facebook gemeldet und ihr Interesse bekundet in Hannover den Halbmarathon laufen zu wollen. Mit den vereinbarten zwanzig Euro war sie angesichts der regulär zu zahlenden 49 Euro mehr als zufrieden. Das auf diesem Wege verdiente Spritgeld reduzierte zudem die anfallenden Fahrtkosten in etwa auf die Hälfte.

Wettkampftag beginnt in der Nacht um 04:00 Uhr

Um 04.00 Uhr rappelt mein Wecker – noch leicht im Delirium richte ich mich auf und setze mich auf die Kante meines Bettes. Auf dem Bett sitzend erreicht mich auch schon die Kontroll-SMS von Thorsten, ob er sich fertig machen soll oder liegen bleiben kann, will er wissen. Ich schriebe ihm ein tippfaules Go! Denn ich bin ja schon wach, zumindest so gut wie. Zu allem Überfluss habe ich mittelschwere Schluckbeschwerden. Na toll, aber vielleicht auch verständlich wenn man abends vergisst das Fenster zu schließen und die Außentemperatur nachts um den Gefrierpunkt liegt. Bis auf die seitlichen Schluckirritationen fühle ich mich abgesehen von der aus der Uhrzeit resultierenden Müdigkeit soweit eigentlich fit, also was soll es. Ich habe eh Zeit jetzt lange drüber nachzudenken. Jetzt geht es erst mal unter die Duschen und dann einen heißen Kaffee und die Schluckbeschwerden sind runtergeschluckt und gehören der Vergangenheit an, so versuche ich zumindest meine aufkommenden Zweifel beiseite zu schieben.

Dann noch schnell zeitsparend einen Kaffee vom Vortag in der Mikrowelle aufgewärmt, währenddessen zwei Käsetoast für die Fahrt geschmiert, dazu noch eine Banane reingeschoben – die Toasts eingetütet und im oberen Fach des Rucksacks verstaut. Dann fast schon im Autopilotenmodus den Rucksack weiter gepackt und verzweifelt versucht meine Sonnenbrille zu finden. Da denke ich schon so früh morgens an eine Brille und dann will ich sie einfach irgendwie nicht finden. Letzte Chance – sie liegt im Auto, was sie dann aber leider auch nicht tut, da ich mich davon aber erst überzeugen kann als ich im Auto sitze und sie weder im Handschuhfach noch in der Seitenablage der Tür zu finden ist, muss ich den Tag wohl ohne auskommen. Ok dann eben ohne Brille, wird mich auch nicht umbringen, aber trotzdem doof gelaufen.

Der nächste Schrecken lässt nicht lange auf sich warten. Auf dem Weg zum Auto erkenne ich auf der Frontscheibe einen milchigen Schleier. Ich gehe näher dran und ich kann es deutlich erkennen. Die Scheiben sind vereist und müssen freigekratzt werden, na toll. Der Scheibenkratzer findet sich natürlich auch nicht sofort, weil ich ihn nach der Autowäsche nicht zurück ins Auto gepackt habe. Also wieder rein, den Schlüssel für die Garage holen, Garage aufschließen, Kratzer suchen und Scheiben freikratzen. Was ein stressiger Start in den Sonntagmorgen – Brille, weg, Halsschmerzen, Scheibenkratzen – es kann eigentlich nur besser werden.

Hinfahrt zur an der Leine liegenden Mutterstadt der CeBIT

Dann geht’s auch schon ab zu Thorsten, der zu meinem Erstaunen trotz meiner verfrühten Abfahrt schon draußen an der Straße steht und ebenfalls darüber überrascht ist, dass ich so überpünktlich am Start bin. Der Navi ist schnell programmiert und die Fahrt kann beginnen – prinzipiell wäre der Weg nach Hannover auch ohne Navi machbar gewesen, aber spätestens in Hannover wäre er dann doch von Vorteil, da wir den Wagen etwas außerhalb parken wollten, um dann per Bahn ins Zentrum zu fahren – die Methode hat sich bei den meisten Auswärtsspielen bewährt, ob in Düsseldorf, Bonn oder in Amsterdam, zudem sieht man noch ein bisschen mehr von der Stadt.

Schwerer Unfall auf der Gegenseite mit kilometerlangen Stau – und andere gestörte auf dem Weg dorthin – in Schlangenlinien auf der vollen Breite von zwei Spuren oder vollbesetz mit 70 km/h auf einem Streckenabschnitt mit unbegrenztem Tempolimit – naja Sonntagmorgen halt – andere Leute kommen gerade aus der Disco und sehen vielleicht doppelt – das ist dann noch fast ok, aber einem zu begegnen der doppelt und farbig Elefanten sieht, das wünsche ich niemandem und mir am allerwenigsten.

Thorsten bekommt davon nicht viel mit, er hält derweil Nickerchen und ich versuche alles um nicht doch noch wegzunicken und für den nächsten Stau zu sorgen. Fenster auf, Fenster zu – Gesichtsgymnastik und dann wird es auch zum Glück irgendwann schon hell. Das Radio bietet dank treibenden Beats auch ein wenig Wegnickschutz. Zudem beginnt gegen 06:00 Uhr eine moderierte Sendung. Die Sprecherin möchte wissen wieso und warum ihre Zuhörer Sonntagfrüh schon bzw. noch wach sind oder wohin sie gerade unterwegs sind. Sie fordert dazu auf ihr den Grund zu schreiben oder direkt im Studio anzurufen. Wir fühlen uns angesprochen und außerdem passiert im Moment sowieso nicht viel, also schreibt Thorsten ihr nach seinem Nickerchen eine SMS – die allerdings unbeantwortet bleibt und auch radiotechnisch unerwähnt bleibt, was aber auch daran liegen kann, dass wir kurz darauf unsere Fahrtziel in Hannover Wunstdorf – Wunstdorferstraße erreichen.

Nachdem wir angekommen sind, ist ein Parkplatz schnell gefunden und auch die U-Bahn, die hier noch oberirdisch fährt haben wir schnell erspähen können. Einen sichereren Parkplatz hätten wir auch gar nicht finden können, wir parken direkt bei einer Polizeiwache in Wunstdorf – ein Parkplatz der im Sicherheitsranking ganz weit oben zu finden sein sollte. An der Haltestelle nochmal bei den Lokals kurz nachgefragt, ob wir auch auf dem richtigen Weg sind, ein Typ in kurzer Hose bei noch knackig frostigen Temperaturen ist zwar nicht unbedingt vertrauenserweckend, kann uns aber bestätigen, dass das die richtige Bahn ist, die in Richtung Start fährt.

Nach knapp 15 Minuten sind wir an der oberirdischen Endhaltestelle am Argadienplatztor angekommen, von wo aus es keine fünf Minuten Fußweg zum neuen Rathaus sind. Was an dem Rathaus allerdings neu ist, keine Ahnung. Unter „Neues Rathaus“ hätte ich eigentlich irgendein futuristisches Neubaugebäude erwartet, aber auf keinen Fall das was wir zu sehen bekommen – einen absolut imposanten Prachtbau mit kolossalen Ausmaßen. Das schlossähnliche Gebäude aus wilhelminischer Zeit, das wie mir WIKIPEDIA verrät, im eklektizistischen Stil im Zeitraum von 1901 bis 1913 erbaut wurde und in den Maschpark und Maschsee eingebettet ist.

EXPO – Startunterlagen – Umziehen – Kleiderbeutelabgabe

Das EXPO-Zelt ist im zehn Hektar großen Maschpark aufgebaut und im Grunde nicht zu übersehen. Unser Weg führt uns direkt zur Startunterlagenausgabe, die sich wie immer vom Veranstalter strategisch durchdacht am Ende der Ausstellerfläche befindet, damit potentielle Kunden dazu genötigt werden an den Ausstellerständen vorbeizugehen. So kurz vor Toresschluss ist hier allerdings nicht mehr allzu viel los, sodass wir unsere Startunterlagen relativ schnell in Händen halten. Dafür, dass es so reibungslos klappt, sorgt auch die mehr als ausreichend vorhandene Anzahl an Ausgabeplätzen.

Fast schon routinemäßig geht es dann im Programm weiter. Wir ziehen uns am Rand der Halle um und treffen alle weiteren Vorbereitungen, die immer vor dem Start anfallen. Nachdem die Brustwarzen getapet sind, wird die Startnummer ans Startnummernband befestigt. Danach ging es zum Taschenparken in der Schenker-Gasse, wo eine beachtliche Anzahl von DB-Schlenker-LKWs, die zum mobil-stationären Startbeuteldepot umfunktioniert wurden. Danach nochmal schnell Ölwechsel im Rathausgarten – die Lage sondieren und dann geht es auch schon in Richtung Start bzw. zumindest schnellstmöglich raus aus dem Schatten, weil es dann trotz angekündigter Tageshöchsttemperaturen von 25°C arschkalt ist und meine Schluckbeschwerden trotz BUFF-Tuchs um den Hals immer noch präsent sind.

Vor dem Start im Startblock

Auf dem Weg zum Start sehen wir eine Läufergruppe bestehend aus vier Afrikanern und zwei Japanern, die sich für ein Gruppenbild vor dem Neune Rathaus positionieren und ablichten lassen. Auf dem ersten Blick und dem äußeren Anschein nach wird vermutlich einer aus dieser Gruppe den Marathon heute gewinnen, da sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dem Favoritenkreis zu zuordnen sind. Ich hoffe das klingt jetzt nicht irgendwie rassistisch, aber die typischen Vertreter der Marathon-Elite halt eben – relativ klein, hager und ausschließlich aus Knochen und Sehnen bestehend, wobei der Typ im orangfarbenen Shirt natürlich nicht ins Raster passt 😀 .

HAJ Hannover Marathon Vorstart 2017

Der Typ von der VIVAWEST-Orga quatscht mich an, wahrscheinlich bin ich ihm wegen meines VIVAWEST-Botschafter-Shirts aufgefallen. „Du hast uns doch auch letztes Jahr beim VIVAWEST-Marathon in Gelsenkirchen geholfen, oder?!“ Wer ich, ja klar, im letzten Jahr drei Tage lang sogar!“ Er erzählt mir, dass er auf Spionage-Tour unterwegs ist, um zu schauen welche Innovationen die Marathon-Konkurrenz aufgefahren hat. Ich erzähle ihm von meiner zwiegespaltenen Einstellung zum VIVAWEST und den aus meiner Sicht verbesserungswürdigen Punkten wie beispielsweise, der Abfolge der verschiedenen Wettbewerbe, die Streckenführung, aber auch der versorgungstechnische Engpass bei der Nachzielverpflegung des letzten Jahres und anderes mehr. Nach dem kurzen Schnack geht es dann auch schon fast los.

Da das hintere Startfeld komplett im Schatten steht und es immer noch arschkalt ist, hatten wir uns kurzerhand dazu entschieden vorerst neben dem 3:45h-Block in der Sonne zu verweilen. Der Zugang in den Startblock wird zwar von imposanten American-Football-Spielern in kompletter Spielmontur durchgeführt, aber wirklich drauf achten, ob die Zielzeit von der Startnummer auch passt, das geschieht nicht. Aufgrund der nicht vorhandenen Einlasskontrollen stehen wir dann sogar im direkten Umfeld des 3:30h-Ballonträgers. Meine Zielsetzung bis zu diesem Zeitpunkt lag so in roundabout bei sub4:30h also über eine Minute langsamer pro Kilometer als es die Leute um uns rum gleich vorhaben.

Get Ready! – Go! – Start der Hannover-Premiere

Der Start erfolgt, die ersten zwei Kilometer lassen wir uns treiben – aber gleichzeitig auch am linken Rand nach und nach zurückfallen. Überrascht darüber wie gut die ich zwei Kilometer trotz der Pace von 5:20 min/km verpacke, entschiede ich mich kurzerhand dem 3:45h-Ballon zu folgen. Thorsten lässt nach zwei Kilometern abreißen – ich versuche mein Glück und bleibe hartnäckig dran. Zunächst kombiniere ich die für mich fast schon zu ambitionierte Pace mit dem für das Sightseeing typischen Fotografieren, was natürlich zusätzlich Zeit und vor allem Körner kostet, aber insofern zu verkraften ist, da ich mich innerlich schon relativ zeitnah auf eine weniger ambitionierte und damit langsamere zweite Marathonhälfte eingestellt hatte.

Meine beiden Highlights zu Beginn des Rennens waren in jedem Fall der Retro-Runner (Rückwärtsläufer) und ein originell kostümierter Läufer. Eigentlich gab es sogar noch ein drittes Highlight – nämlich meine Spontan-Taktik-Eingebung – einfach mal Gas zu geben ohne, dass dem Vorhaben ein Plan zu Grunde liegt, aber spontan ist ja manchmal eh viel besser. Da aber Eigenlob stinkt, bleiben wir beim RETRO-Runner und dem Kostüm-Läufer.

Der Retro-Runner hat mich auf jeden Fall fasziniert, weil er ein so beeindruckendes Tempo zu Beginn auf die Straße gebracht hat, dass es mir extrem schwer gefallen ist und beinahe unmöglich war, ihm überhaupt zu folgen. Zunächst dachte ich, dass sich der Typ lediglich durch das kurzzeitige Rückwärtslaufen irgendwelche muskulären Probleme rauslaufen will, als ich dann im Nachhinein aber im Internet gelesen hatte, dass er mit der gelaufenen Zeit von 03:38:27 h sogar einen neuen Weltrekord in seiner eigenen Disziplin aufgestellt hat, war ich noch beeindruckter als schon zuvor. Von den Läufern, denen das pure Laufen mit der Zeit zu langweilig wird, habe ich gehört und zu denen würde ich mich im Entferntesten auch zählen. Manche Jonglieren dabei, andere Fotografieren, nehmen Videos auf oder agieren als Brems-und-Zugläufer, aber einen ganzen Marathon rückwärtslaufen, empfinde ich dann doch schon ein wenig unvorstellbar.

Meine zweite Highlight-Bericht-Erwähnung widme ich einem Kostümläufer mit amüsantem Kostüm. Den Letzten beißen die Hunde eine der besten „Kostüme“, die ich während meiner zahlreichen Läufe bisher gesehen habe – neben den irischen Kobolden vom Köln Marathon, wo das Kostüm so aussah als würden die Kobolde ihre Läufer auf den Rücken tragen – aber der Hund, der sich durch den erzeugten Laufwind mit Luft füllt, war auf jeden Fall klasse und ich als erfahrener Kostümläufer weiß wovon ich spreche – schließlich durfte ich mich mal einen Marathon als Erdinger-Bierglas quälen.

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Offizieller Streckenplan (Quelle: marathon-hannover.de)

Planerei – erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…

Es kam eins zum anderen und ich hatte mich mal wieder kurzerhand dazu hinreißen lassen, um es auf der ersten Hälfte für meine Verhältnisse mal so ordentlich knallen zu lassen. Das Risiko gegen Ende des Marathons zu hasardieren war mir natürlich bewusst, aber es war mir vollkommen egal. Ich hatte einfach mal Lust wieder was im Grunde unerwartet verrücktes zu machen!! Die erste Hälfte in 1:56 h zu laufen, auch dann wenn man vorher schon weiß, dass man dieses Tempo nicht bis zum Ende durchhalten wird, man sich gleichzeitig auch auf dem Schirm hat, dass noch weitere 21km bis ins Ziel folgen, dann kann man die Entscheidung entweder als wagemutig oder einfach nur als bescheuert bewerten.

Lange Zeit laufe ich mit einer Pace unter 5:30 min/km hinter dem 3:45er-Ballon her, was bis drei Kilometer vor dem Halbmarathon-Tor auch ohne nennenswerte Komplikationen hinhaut. Der Halbmarathon ist nach 01:55:48 erreicht – bis Kilometer 15 ist alles prima, erst ab Kilometer 18 wird es dann zunehmend hart, weil sich mir die Erschöpfung immer mehr ins Bewusstsein drängt. Ich sehne mir das Zwischenziel Halbmarathon regelrecht herbei – und was war ich froh als beim Passieren der HM-Matte zur Zeitnahme endlich das erlösende Piepen ertönt.

Bähm! Eine sub2h wer hätte daran vorher gedacht, die nimmt mir heute keiner mehr! Nach einer anschließenden Geh- und Trinkpause direkt nach dem Verpflegungspunkt habe ich dann langsam wieder Fahrt aufgenommen. Immer noch total überrascht von dem was mir die Uhr offenbarte. Die Rechenspielchen in meinem Kopf beginnen. Die erste Hälft unter einer Stunde 56 Minuten, das sind 116 Minuten, abzüglich der 240 Minuten, die für eine 4:00h-Zeit haben würde, dann blieben mir also für die zweite Hälfte 124 Minuten oder zwei Stunden und vier Minuten.

Ich rechne verschiedene Szenarien durch – was passiert wenn? Wie viel Zeit hätte ich zur Verfügung, wenn ich 4:15 h laufen wollen würde, wie schnell müsste ich sein, um unter 4:30 zu bleiben. Mit einer Durchschnittspace von 6:00 min/ km bräuchte ich für die zweite Hälfte eine 2:06:36, was einer Endzeit von unter 4:05 entsprechen würde, eine Durchschnittspace von 7:00 min/km würde eine Halbmarathonzeit von 2:27:42 bedeuten und einer Endzeit von unter 4:25h entsprechen – egal wie es kommt, es wird ganz sicher eine sub4:30.

HAJ Hannover Marathon 2017 Impressionen

Halbzeit/ Halbmarathon Bergfest

Das unerwartete Abschneiden über die erste Hälfte bedeutet, dass ich für die restlichen 21,1 Kilometer insgesamt 02:04:00 Stunden Zeit gehabt hätte, um eine sub4h zu erreichen, was ja eigentlich gar nicht mein Tagesziel war, aber zur Erreichung im Grunde trotzdem nur eine Pace von 5:55 min/km bedeutet hätte. Wunsch und Realität sind vor allem in Phasen eines ausgeprägten Laufrauschs zwei Paar Schuhe und unter dem Einfluss der Belastung nur selten miteinander kompatible, weshalb im Normalfall eine vorher geplante Zielsetzung einer spontanen Zieleingebung während des Laufes unbedingt vorzuziehen ist.

Bei meinem internen Check-up behält die rationale Objektivität trotzdem die Oberhand. Mir wird schnell klar, dass heute nicht der Tag für eine sub4h ist. Die erste Hälfte hat dafür ordentlich geschlaucht, viel Reserve gibt es beim Puls nicht mehr, auch meine Atmung ist mittlerweile ziemlich flach und hochfrequent und auch meine Oberschenkelmuskulatur spüre ich mehr als deutlich. Kurzzeitig spiele ich sogar mit dem Gedanken einfach stehen zu bleiben und am Straßenrand auf Thorsten zu warten – mir wird aber schnell klar, dass das noch gut und gerne 15 Minuten dauern kann bis er mich wieder eingeholt hat. Warten ist also keine wirkliche Option – es kann eigentlich nur heißen weiter dem Ziel entgegen, wenn auch etwas langsamer als in der ersten Hälfte.

Da ich aber nicht im Ansatz mit dem Gedanken gespielt hatte überhaupt eine ambitioniertere Zielzeit erlaufen zu wollen, hatte ich mich in dem Moment auch schon mit einer 04:15:00 zufrieden gegeben, zumal ich durch das Erreichen meines Tageszieles der ersten Hälfte unter zwei Stunden sowieso positiv energetisiert war. Zu einem späteren Zeitpunkt bei 32 Kilometer hätte ich dann selbst eine 04:20:00 noch als zufriedenstellend bewertet. Erschöpfung und Zielzeit verhielten sich zu einander hierbei reziprok.

Physik hat Grenzen, Sciencefiction ist grenzenlos – der Physik ein Schnippchen geschlagen

Doch dann passierte etwas, was sich so manch anderer Läufer vielleicht wünschen würde. Bei Kilometer 37 an einer unübersichtlichen und nicht mehr durch Streckenposten gesicherten Stelle der Strecke kommt es dann zu einer physikalischen Sensation. Ein Knick im Zeit-Raum-Kontinuum der mich von jetzt auf gleich von Kilometer 37 auf  Kilometer 39 katapultiert.

Total perplex von dem was da passierte, weil es ja grundsätzlich überhaupt nicht meine Absicht war abzukürzen, deshalb hatte ich im ersten Moment auch gedacht, ich wäre total durch den Wind oder an meiner Wahrnehmung war etwas nicht in Ordnung – aber ich bin gerade tatsächlich an dem 40 km-Schild vorbei gelaufen. Schnell nochmal die Uhr gecheckt – hä, wie jetzt? Kann doch gar nicht sein! Auf der Uhr sind weiterhin auch nur 38 Kilometer verbucht. Haben die sich vom Orga-Team vielleicht bei Streckenbemessung vertan oder bin irgendwo falsch abgebogen – unter der Belastung war es mir jeden Falls unmöglich die rational richtigen Schlüsse zu ziehen. Sodass ich einfach weitergelaufen bin, das ganze Szenario war für mich umso unverständlicher, vor allem weil ich ja noch hinter meinem Vordermann hergelaufen bin und der geradeaus gelaufen ist so wie ich.

Naja egal was soll ich machen? Umdrehen und nachforschen woran es gelegen hat, kann ich auch noch hinterher. Jetzt gilt es das Beste aus der Situation zu machen. Auch wenn ich es nicht verstehe, es sind laut Schild noch zwei Kilometer zu laufen. Meine Uhr zeigt in dem Moment eine 03:45:00 h – was bedeutet, dass ich bei einer Durchschnittspace von 7 min/km in unter vier Stunden das Ziel erreichen werde – unfassbar 😀 aber trotzdem schwingt natürlich gleichzeitig auch so eine Vorahnung mit. Doch die Überwältigung über diese fulminante Erkenntnis überwiegt in diesem Moment und ich gebe nochmal alles. Der letzte Kilometer im Zielkanal bricht an, rechts und links alles ist voll mit Menschen, die uns zujubeln. Die letzten Meter Cheerleader-Spalier – so einen frenetischen Einlauf hatte ich das letzte Mal in Berlin erlebt und das ist schon etwas länger her – kurz vor der Ziellinie packe ich nochmal mein Fotoapparate aus und halte das eigentlich unmögliche fest. Zieleinlauf nach 03:56:42 h 😀

Nachzielbereich – Lunchbeutel – Warterei in der Sonne

Am Ende des Nachzielbereichs bekomme ich dann noch die obligatorische Medaille um den Hals gehängt und eine Lunchtüte in die Hand gedrückt. Doch nach lunchen ist mir nach dem Schlussspurt in dem Moment nicht wirklich, deshalb greife ich mir auch nur ein Erdinger und ein überdimensioniertes Salzbrezel und schlendere weiter in Richtung Schlenker-Gasse. Trotz unbeabsichtigter Streckenverkürzung bin ich überwältigt vom Moment der physikalischen Utopie und darüber, dass meine wilde Hatz durch Hannover zu einem doch positiven Ende gekommen ist. Ich muss nach meinem Finish fast eine ¾ h auf Thorsten warten, aber in der Frühlingssonne ist es zum Glück nicht allzu kalt.


Fazit – Nachbetrachtung

Der HAJ Marathon kann ohne weiteres im Konzert der großen Städtemarathon mithalten und muss sich weder vor der Großveranstaltung in Hamburg noch vor der in Berlin verstecken – nicht zu Unrecht steht HAJ Marathon in der Liste der 10 größten Deutschen Marathons. Hannover überzeugt durch endlose Fülle an kulturellen, landschaftlichen und architektonischen Sehenswürdigkeiten wie Neues Rathaus, Waterloosäule, Maschsee, HDI-Arena, Opernhaus, Hauptbahnhof, GOP, Herrenschlösser und sicherlich noch einiges mehr. Auch wenn Hannover als Stadt nicht mit Hamburg oder Berlin vergleichbar ist, so ist der Marathon trotz alle dem in jedem Fall laufenswert!!!

HAJ Hannover Marathon 2017 Sightseeing

Was für ein kurios-spaßiger und gleichzeitig speziell-erfolgreicher Tag das heute doch noch geworden ist. Auch wenn der Angriff auf die 4h-Marke, die seit je her für mich persönlich eine leistungstechnische Schallmauer darstellt, für Hannover zu keinem Zeitpunkt auf meinem Plan stand und wenn man ehrlich ist ja auch nicht gebrochen wurde, war es ein genialer Tag. ins Geheim hatte ich mir das Ziel sub4h für Ende Mai beim VIVAWEST-Haustürmarathon vorgenommen, die 4h-Marke zu knacken. Vor dem Hintergrund war der spontane Geschwindigkeitsrausch auf den ersten 21,6 Kilometern auch auf keinen Fall nur kopflos, sondern eher als ein Zwischenschritt zur Maximalleistung in GE zu bewerten. Dass es dann in Hannover so kam, wie es kam, war so natürlich trotzdem weder geplant noch beabsichtigt gewesen, hat aber in jedem Fall zu einem amüsanten Erlebnis beigetragen.

Meine per pedes Sightseeing-Tour durch die Landeshauptstadt von Schleswig Holstein beim HAJ Hannover Marathon 2017 – erst mit Warpantrieb zur sub2h auf der ersten Hälfte und dann per Wurmloch zur sub4. Und das alles vor einer großartigen Kulisse und bei unschlagbarem Kaiserwetter – Danke Hannover – du warst auf jeden Fall die Reise wert, ich werde dich in positiver Erinnerung behalten.


Wer es gern kürzer mag, dem sei der Bericht zum HAJ Marathon aus der Rubrik KurzKnapp&Bündig ans Herz gelegt – den gibt’s hier !!!

Für bewegte bunte Bilder mit Musik zum Hannover Marathon hier klicken !!!


In dem Sinne – keep on RUNNING & ROCK ‘n‘ ROLL

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, eine Familienpackung Laufschuhe gehen pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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