Das Wandern ist des Müllers Lust – unterwegs beim belgischen Totenkopf-Marsch irgendwo zwischen Brüssel und Antwerpen – der DOdenTOcht 2017 – die volle Dröhnung


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Die 100 Kilometer vom Thüringen Ultra lagen ziemlich genau einen Monat zurück und vielleicht war ich auch deshalb so entspannt, da ich ja im Prinzip wusste, dass die zu erwartende körperliche Beanspruchung einer 100km-Wanderung und mein momentanes Leistungsvermögen perfekt zu einander passen. Vielleicht bin ich auch gerade deshalb etwas unvorbereitet und recht spontan aus einer Regenerationsphase heraus zum Dodentocht 2017 nach Bornem gefahren.

Und was habe ich im Vorfeld nicht alles in den einschlägigen Foren gelesen oder mir in Gesprächen anhören dürfen – „der Dodentocht ist ein bisschen vergleichbar mit Biel nur ohne Alpen“, „eine Mischung aus Wandern und Party bis zum Abwinken“, „die größte Herausforderung besteht darin, die unzähligen Brauereien unbeschadet zu überstehen, daher auch die hohen Abbrecherzahlen“. Nachdem ich mir selbst ein Bild vom berühmt-berüchtigten Totenkopfmarsch in Belgien machen konnte, muss ich konstatieren, dass der Großteil von dem, was ich gehört habe, viel eher dem Bereich von Märchen, Mythen und Halbwahrheiten zu zuordnen ist. Wie es wirklich war, beziehungsweise wie ich das vor Ort Erlebte wahrgenommen habe und wie es mir beim Dodentocht 2017 ergangen ist, das und noch viel mehr erfährst Du hier…                                          [8642 more Words]

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Kurzfassung vorweg:

Stau auf dem Hinweg, kein Pommesessen in Antwerpen, dafür in Bornem – fast 3h warten auf einen ziemlich zähen Start aufgrund streckenbedingter „Engstellen“ – ab Kilometer 10 waren diese dann überwunden und es wurde flüssiger – bis bei Kilometer 30 Milchreis-Tarte und eine 100%-Zucker-Lösung gereicht wurde – es zum Nachspülen aber leider kein Wasser gab – kurz nach Mitternacht gab es dann zum Glück das erste Bier – um kurz nach 02:00 Uhr war die aufkeimende Müdigkeit bezwungen, die Gartenpartys ausgefeiert und es fing an zu regnen, danach ging es NUR noch über ein paar Felder und kleinere belgische Dörfer zurück nach Bornem – nach 67 Kilometern  wurde es Zeit für mein morgendliches Highlight in Form der ersten Cola, die es dann doch noch geben sollte – Ankunft im Ziel am „witten tent“ um 11:15 Uhr.

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[01]  Vorstartstory: Wie alles begann…

Was lange währt, wird endlich gut – schon während einer Pause bei den Vorbereitungstagen zum VIVAWEST-Marathon 2016, wo ich mit Jan und anderen damals als humanoide Packmaschine tausende von Flyern in Startbeutel packen durfte, kamen wir zufällig auf den DOdenTOcht zu sprechen. In der Folgezeit wurden die Teilnahmeplanungen zunächst auch konkreter, verliefen dann aber doch im Sande. Lange Zeit herrschte diesbezüglich Funkstille – bis zu dem Zeitpunkt als mir in meiner Timeline auf FB eine Mitteilung mit dem Inhalt angezeigt wurde, dass Jan für den diesjährigen DOdenTOcht Interesse bekundet hätte. Daraufhin kommentierte ich die Mitteilung mit den Worten „wenn du dich anmeldest, dann komme ich mit! Obgleich ich nicht wirklich damit gerechnet hätte, dass er es auch tatsächlich macht, was sich aber als ein Trugschluss herausgestellt sollte, nachdem er darauf Teile seiner Teilnahmebestätigung gepostet hat. Jetzt konnte ich natürlich nicht zurückstecken und meldete mich prompt auch an. Nach über einem Jahr hatten wir uns schlussendlich doch noch zum DOdenTOcht angemeldet…

Thorsten hatte für dieses Wochenende eigentlich für den Mauerweg in Berlin gemeldet, aber aufgrund einer unüberwindbaren Diskrepanz zwischen der Anforderung eines 100 Meilers und der aktuellen Form schon frühzeitig die Reißleine gezogen und den Startplatz auf den einschlägigen Plattformen wieder angeboten. Da in diesem Jahr die Voranmeldung für den DOdenTOcht nur bis zum 15.07.2017 möglich war, war zwar eine reguläre Anmeldung nicht mehr möglich, aber wie das bei  Veranstaltungen dieser Art eigentlich immer der Fall ist, werden kurz vor dem Starttermin überdurchschnittlich viele Startplätze frei und werden auf den einschlägigen Portalen Pfeil geboten – und genauso ist es auch bei diesem Lauf, sodass  Thorsten in der letzten Woche vor dem Start doch noch einen Startplatz erwerben kann.

Doch die Freude darüber ist nur von extrem kurzer Dauer als er am Donnerstag vor dem Veranstaltungswochenende von seinem Chef die Mitteilung bekommt, dass er am Freitag beruflich nach Leipzig fahren darf. Die kurzzeitige Überlegung mit dem Flieger von Leipzig nach Belgien zu kommen, war nicht zielführend und konnte das DOdenTOcht-Wochenende für ihn auch nicht mehr retten. Und das mittlerweile auf dem Startplatzmarkt herrschende Überangebot ließ auch die Startplatz-Weitergabe so kurz vor knapp zu einem aussichtlosen Unterfangen werden. Auch alle Anpreisungen im Bekannten- und Verwandtenkreis waren aufgrund der aufzubringenden Spontanität und zeitlichen Flexibilität nicht von Erfolg gekrönt.

[02]  Aktion – die Zeit ist reif – auf ins Wanderland

Am Freitag treffe ich mich am Unicenter in Bochum um 12.00 Uhr mit Jan und seinem Kumpel Bin, der sich heute ebenfalls der Herausforderung seines ersten 100km-Laufes stellen will. Um zu vermeiden, dass Jan am Samstag noch eine größere Zurückbring-Runde starten muss, treffen wir uns in Bochum am Unibad, wo Bin auch wohnt. Meinen Wagen lasse ich derweil über Nach dort dann auf den Parkplätzen stehen.

In der Zeit, in der Jan Bin von zu Hause abholt, gehe ich noch schnell zum Kopier-Shop, um mir meine und Thorstens Startunterlagen ausdrucken zu lassen. Zunächst fordert mich der zugewiesene Rechner dazu auf, meinen Daten-Stick zu formatieren?! Hm? Das tue ich dann wohl lieber nicht, hört sich irgendwie danach an, als wären meine Daten danach Schrott!? Also vorher nochmal beim Kopiershop-Master nachgefragt, wo genau das Problem liegt und was ich jetzt machen soll. Er fängt wild zu gestikulieren an und verweist mich dann auf einen anderen Rechner. Ich soll aber auf keinen Fall dem Formatierungswunsch nachkommen, weil dann sind die Daten wie vermutet  futsch…

Was so tragisch allerdings nicht gewesen wäre, weil wir den Ausdruck nicht zwingend gebraucht hätte. Im Nachhinein sollte sich nämlich herausgestellen, dass es gereicht hätte, sich die Startnummer irgendwo zu notieren. Naja die 30 Cent für vier Kopien, sind verschmerzbar und sicher ist sicher – man kann ja nie wissen, wie genau das Ganze vor Ort gehandhabt wird.

Jan hatte sich die Reise-Route aus GOOGLE-MAPS ausgedruckt, einen Navi hat er dafür nicht, ist aber auch nicht wirklich nötig, weil im Grunde nur zwei Wege nach Rom führen, während wir die Variante über Venlo und Eindhoven wählen. Und dann geht’s auch schon mit einer etwas größeren Umleitung los, da die Rheinbrücke auf der A40 bei DU gesperrt ist. Dank der ausgedehnten Umleitung dauert es ein wenig länger, macht die Fahrt aber auch ein wenig interessanter, weil ich Ecken sehe ich, die ich vorher noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

Nach 15 Minuten ist die Autobahn A67, die uns nach Venlo bringen wird auch schon erreicht und alles ist wieder so, wie es uns GOOGLE-Plan geraten hatte. Als nächstes passieren wir Eindhoven – den Schildern der E34 folgend kommen dann irgendwann auch schon die Vororte von Antwerpen. Doch kurz vorm Ziel stecken wir im zähfließenden Autowust von Wochenend- und Feierabendverkehr. Trotz dreispurigen Autobahnabschnittes geht irgendwie nicht viel – hätte man eigentlich erwarten können – in diesem Zustand dürfen wir eine gute Stunde verbringen, weswegen wir dazu gezwungen werden, unseren geplanten Zwischenstopp zum Pommesessen in Antwerpen kurzerhand zu canceln.

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[03]  Zähfließender Verkehr mit Zwangspause

Unplanmäßiger Zwischenstopp an einer Tankstelle statt geplantem Fritten-Essen in Antwerpen– Beine vertreten und urinieren am Grünstreifen – alles ist hygienischer als auf die meisten öffentliche Toiletten an irgendwelchen Autobahnen zu gehen, der Gipfel der Unverschämtheit ist, wenn man für dieses Vergnügen auch noch mit einer Gebühr von 50 Cent bezahlen soll. Dank des Y-Chromosoms meines Vaters habe ich den evolutionären Vorteil erhalten dieses Bedürfnis stehend erledigen zu können. Nach dem Pippistopp im Freien geht es rein in den Tankstellenshop. Ich brauche unbedingt noch Kaugummis und was zum Trinken. Hinsichtlich der vorzufindenden Preis bin ich positiv überrascht – vier Dosen RedBull für sechs Euro, das nenne ich ja mal kundenfreundliche Preise und auch die Kaugummis gibt es günstig für einen Euro – das ist mehr als ok.

Bin holt sich derweil einen Kaffee, aber erst funktioniert seine Kreditkarte nicht, dann fehlt ihm das passende Kleingeld. Ich habe zufällig genau die 2,20 € griffbereit in der Hosentasche, die er für seinen Kaffee benötigt. Den Münzschlitz am Automaten sucht er allerdings auch wieder vergebens, da sich dieser versteckt auf der Oberseite befinden. Nachdem die Taler dann doch noch ihren Weg in den Automaten gefunden haben, sprudelt der heiße Kaffee in den Becher – Zucker oder Milch will er nicht – und einen Deckel nimmt er sich auch erst dann, nachdem ich ihn gefragt hatte ob er keinen braucht.

Nach dem Erlebnis Autobahnraststätte geht es zurück zum Auto, wo Bin das Handschuhfach öffnet, um seinen Becher auf der Klappeninnenseite abzustellen. Dabei findet er ein Angelheft von Jans Vater, das er daraufhin interessiert durchblättert. Als er es zurück ins Handschuhfach packen will, fliegt der Becher von der Ablage und landet im Fußraum – dank des Deckels kommt es zwar nicht zur spontanen Springflut, dennoch ist der Schrecken zunächst groß und der Fußraum großflächig mit Kaffee benetzt. Allerdings alles halb so wild, da wir in einem gut gereinigten Baustellen-Bulli unterwegs sind. Die restlichen 40 Kilometer bis zum Zielort meistern wir dann ohne weitere Zwischenfälle.

Schon einige Kilometer bevor Bornem erreicht ist, sind die offiziellen Parkplätze ausgeschildert. Wir lassen uns davon allerdings nicht irritiere und fahren so lange auf der Hauptstraße N16 weiter bis wir auf der parallel verlaufenden Seitenstraße mehrere offensichtliche Wanderer auf dem Grünstreifen parken sehen. Wir biegen die nächste rechts ab und stellen uns hinter eins dieser Fahrzeuge. Welche Vorteile diese Aktion haben wird, zeigte sich beim Rückweg, aber so falsch kann die Wahl auch gar nicht sein, weil alle anderen die hier parken nach erfahrenen Wanderer aussehen und zudem ein gelbes Nummernschild am Auto haben.

Wir können absolut nicht einschätzen wie weitläufig Bornem ist und wie weit unser aktueller Standort vom „witten tent“ entfernt liegt. Da sich aber die Parkmöglichkeiten in der Seitenstraße innerhalb nur weniger Minuten dezimieren und es immer mehr offensichtliche Dodentocht-Wanderer hierhin zieht, kann der Parkplatz hier eigentlich nur ein Insider sein. Deshalb fassen wir den Entschluss hier endgültig zu parken und uns von hier aus auch direkt mit gepackten Klamotten auf den Weg zum Kirchplatz im Zentrum von Bornem zu machen. Da von uns drei keiner wirklich weiß wo es lang geht, gehen wir zunächst in die Richtung in die bis jetzt alle gegangen sind.

Der Weg führt uns zu einer Unterführung, die uns unter die Straße N16 her auf die andere Straßenseite führt. Nach weiteren 50 Metern bestätigt uns das Bornem-Stadtschild, dass wir auf dem richtigen Weg sein müssten. Im weiteren Verlauf folgt ein Kiss-&-Ride-Schild – was optimal zu dem Hinweisschild von der Straße passt, welches uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass „Bornem Centrum afegsloten“ ist und die Richtigkeit des bisher gegangenen Weges unterstreicht.

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[04]  Irgendwo in BELGIUM – Bornem here we are!

Dafür dass wir richtig sind, spricht auch die Tatsache, dass je näher wir an den Stadtkern rankommen, immer mehr Leute in die Richtung laufen, in der wir das „witte tent“ vermuten – es geht per Fußweg nach Bornem zum „witte tent“ auf dem „Pleinkerk“ Startunterlagen abholen und danach unbedingt was futtern, sonst geht mir schon vor dem Start der Sprit aus. Die Indizien, dass wir auf dem richtigen Weg sind mehren sich und dann erreichen wir auch die erste Absperrung vor einer Straße mit einem einladenden Plakat „Willkommen, Welcome, Benvenuto“, welches zwischen der kleinen Straße gespannt ist. Keine 300 Meter und wir stehen mitten auf dem Kirchplatz vor dem weißen Zelt.

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Direkt nach dem Betreten des Zeltes ist eine erste Kontrolle vorgelagert – mein Rucksack wird auf Waffen kontrolliert. Danach geht es zu einem der gut und gerne zehn Helferinnen. Nach Vorlage meiner zuvor ausgedruckten Startunterlagen sind Doktowskis und meine Unterlagen schnell abgeholt. Das mitbestellte Baumwoll-Veranstaltungs-Shirt gibt es einen Stand weiter. Interviewanfragen vor dem Zelt – allerdings spricht keiner von uns Niederländisch in der Qualität, dass es im niederländischen Fernsehen ausgestrahlt werden könnte, sodass man uns dann doch verschmäht. Danach geht es zum Futtern an der gefühlt einzigen Frittenschmiede – „Frites met mayonaise en een frikandel“ – mega lecker, vor allem wenn man bedenkt, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen habe. Danach das Umziehen in aller Öffentlichkeit in der Nähe zum weißen Zelt vor dem Kirchengarten.

Danach will die Bagage weggebracht werden, die Gepäckabgabe liegt auf dem Weg zum Start und führt uns durch halb Bornem, wobei der ausgeschilderte Weg definitiv nicht der kürzeste Weg gewesen wäre, aber hinterher ist man meistens ein bisschen schlauer, und Umwege erweitern ja bekanntlich die Ortskenntnis. Für die Gepäckabgabestelle wurde ein Parkhaus umfunktioniert, das heute aufgrund der Stadtsperrung sowieso nicht seiner eigentlichen Funktion nachkommen kann. Wie schon beim Zugang ins weiße Zelt finden auch hier die Kontrollen der Taschen noch vor dem Einlass ins Parkhaus statt.

Wie schon in den Infos des Veranstalters zu lesen war, durften keine größeren Mengen von Flüssigkeiten im Rucksack deponiert werden, was durch die Securities auch konsequent kontrolliert und umgesetzt wurden. Hierbei handelt es sich eigentlich um Vorsichtsmaßnahmen, um ausschließen zu können, dass eine detonationsfähige Flüssigkeit abgegeben wird oder erst hinter der Kontrolle noch hergestellt wird. Trotz aller Kontrollen was es mir möglich meine Dose RedBull unbehelligt mit hinein zu schmuggeln.

Um einen reibungsfreien Ablauf  zu garantieren wurde von Veranstalterseite aus an alles gedacht. So wie beim Verreisen konnte jeder einen Gepäckanhänger mit seiner Adresse ausfüllen, ausreichend Koffer-Tags von TUI lagen aus. Hinweistafeln mit den Gepäckbestimmungen hingen in verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Niederländisch) aus. Nach der Taschenkontrolle und den Adress-Tags ging es weiter zur eigentlichen Abgabe, wo der „Bordpass“ und die abgegebene Tasche mit einem Aufkleber der jeweiligen Nummer gebrandet wurden.

Danach geht es dann in Richtung Start-Ziel-Bereich und durch die nächste Sicherheitskontrolle – hier gibt es ein weiteres Bändchen – diesmal für den Rucksack, den man mit auf die Strecke nimmt. Also vom Sicherheitskonzept her, wird hier alles getan, um trotz Terrorzeiten ein hohes Sicherheitsgefühl zu haben. Klar sollte allerdings auch jedem sein, dass sich vermutlich niemand von den oberflächlichen Maßnahmen von einem beabsichtigten Gewaltakt abhalten lassen würde. In meinen Augen sind das eher Maßnahmen für ein allgemeines Sicherheitsbefinden, aber zur Steigerung der tatsächlichen Sicherheit tragen sie wenn überhaupt nur minimal bei.

[05]  Vorm Wandern warten – Wartemarathon 2.0

Fast drei Stunden warten wir auf den Start – der aber irgendwie auch gar kein Start in dem Sinne ist – dafür gibt es zweitklassige Animation – „Mexican wave“ und „Viking Clap“ auf dem Startplatz – Energiewellen – Klatschen. Neben Kleingruppen von Soldaten verschiedenster Nationalitäten sind auch andere lustige Erscheinungen im Wandervolk vertreten – Catweasel, Bravehard, Popey, Asterix und Obelix, und keine Ahnung was hier sonst noch für lustige Gestalten und Selbstdarsteller heute unterwegs sind.

Obwohl wir mehr als zwei Stunden vor dem Start in der Startzone sind, ist das vordere Drittel des Platze schon total überfüllt – ok an den Toiletten ist noch einigermaßen Platz, aber bei dem Gestank, den man da jetzt schon wahrnehmen kann, verzichte ich freiwillig, zumal die Entfernung zum vermuteten Start am Ende des Platzes in etwa dieselbe ist, wie die Entfernung von unserem aktuellen Warteplatz direkt vor dem Podest aus Gerüststangen, von der ab und zu mal die Aufforderung kommt, doch noch einmal zu versuchen noch enger zusammenzurücken, damit noch mehr Leute auf den Startbereich nachrücken können, was aber aufgrund der Kompaktheit der Menschenmasse schon längst nicht mehr geht. Und so etwas wie Animation zur bespaßten Zeitüberbrückung gibt es von hier dann auch noch zwischendurch. Wer bei den knapp 15.000 Startern nicht unbedingt von ganz hinten aus dem Feld starten will, sollte sich also schon zeitig auf dem großen Platz vor der Zisterzienserabtei St. Bernhard von 1666 einfinden.

Die meisten sitzen auf dem Boden oder auf Sitzmöglichkeiten die sie sich von zu Hause mitgebracht haben, um komfortabler warten zu können. Manche futtern Spaghetti-Bolognese aus ihren mitgebrachten Tupperboxen, andere treffen die letzten Vorbereitungen, in dem sie sich vor lauter Aufregung ihre Füße mit Trockenpuder oder irgendeinem Spray so dermaßen übertrieben einsprühen, dass das zwingend zu Hautproblemen führen muss, während andere wiederum dermaßen tiefenentspannt und noch ein Nickerchen halten.

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Die Uhr am Glockenturm zeigt 20.45 Uhr, der Start rückt immer näher, was vor allem auch daran zu merken ist, dass alle stehen und noch enger zusammengerückt sind. Kurz vor dem Start wird der Kirchturm von der untergehenden Sonne wie von einem Scheinwerfer perfekt in Szene gesetzt. Als hätten wir genau  auf diesen Moment gewartet.

[06]  START: Langwieriger & schleichender Prozeß

Der Zeiger geht auf die 9 Uhr-Stellung und nach den einzelnen Glockenschlägen für die vollen Stunden beginnt ein wildes Glockengeläut – kein Kommentator oder Moderator der das ganze verbal dramatisiert. Für einen kurzen Moment bricht im Starterfeld euphorischer Jubel aus – endlich geht es los.

Dann geht es jetzt also los, obwohl man die Fortbewegung in den ersten Minuten weiß Gott nicht als Gehen bezeichnen kann. Der Pulk aus Wanderern bewegt sich im Schenkentempo in Richtung des vermuteten Starts, wo sich dieser allerdings genau befindet, ist mir auch im Nachhinein nicht wirklich bewusst geworden, nur dass das Startprozedere gut und gerne 20 Minuten gedauert hat, bevor wir diesen erreicht hatten, was in etwa der Strecke von meinem Standplatz auf dem Klosterplatz bis zum Ende desselben entsprochen haben wird.

Nach exakt 18 Minuten verlassen dann auch wir den Startplatz und passieren die Startlinie. Danach befinden wir uns auf einer schmalen Straße. Links eine lange Mauer aus Backsteinen auf der einige Menschen sitzen und applaudieren. Es geht und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn an Laufen ist nicht zu denken. In Tippelschritten wie am überfüllten Familientag auf der Cranger Kirmes bewegen wir uns auf der schmalen Ringstraße von Bornem. Links und rechts tosende Beifall der Anwohner, die den Start lautstark und ausgelassen feiern – auf Mauern sitzen, von oben von den Balkonen, aus den Fenstern raus – Volksfeststimmung und ein Hauch von Karneval.

Der Weg durch die Innenstadt wird ein regelrechtes Showlaufen, viele Leute sitzen in den Außenbereichen der hiesigen Gastronomiebetriebe und verfolgen das Schauspiel bei Bier und anderweitigen alkoholischen Getränken. Wie viele Menschen hier heute Abend stehen oder draußen sitzen ist schwer beeindruckend – so viele Menschen die applaudieren – uns zu jubeln, und alle paar Meter ist dieses „Success“ zu hören!!! Die Erfolgsbekundungen der mir wildfremden Menschen wollen gar nicht mehr enden.

[07]  Mit Verzögerung zum pseudosportlichen Teil

Nachdem Bornem verlassen ist, was nach knapp 10 Kilometer der Fall ist, beginnt der eigentliche Lauf. Schnell wird mir klar, dass es wenig Sinn macht hinter Jan und Bin her zu hetzen. Die 100 km sind einfach zu lang, um sich schon auf der ersten Hälfte zu verausgaben, außerdem ist die Ente am Ende fett. Lieber laufe ich meinen langsameren aber gleichmäßigeren Stiefel runter als mich ihnen anzupassen, um dann gegen Ende mit Mehrqualen zu bezahlen. Und es macht auch ehrlichgesagt überhaupt keinen Sinn, Bins Slalom-Sprints zu folgen, die er in der ersten Phase nach dem Start vermehrt einstreut. Die Strecke ist viel zu voll, um eine gleichmäßige und ökonomische und damit vernünftige Laufpace zu erlangen. Vor allem weil die Situation zwar langsam aber nach und nach wird besser, walke ich so lange bis es einigermaßen klappt in einen laufähnlicheren Zustand zu gelangen.

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[08]  Eine Chronologie: from Dusk till Dawn?!

             Und wieso fällt mir das Erinnern so schwer?!

Retroperspektivisch betrachtet kann ich mich an relativ wenige Einzelheiten auf der Strecke erinnern, woran das genau liegt, kann ich im Nachhinein nicht wirklich sagen. Wahrscheinlich  haben da auch mehrere Faktoren zusammengespielt und ein Ursachenmix ist letztendlich für die „partielle Amnesie“ verantwortlich.

Vielleicht hat irgendwann die Memory-Funktion meines Gehirns ausgesetzt – vergleichbar eines temporären Absturzes wegen Überhitzung wie beim Computer – bzw. aufgrund eines Overloads. Eine Art Schutzmechanismus vor zu viel Input und um das Gehirn vor schwerwiegenderen Substanzschäden zu bewahren. Oder lag es eher am Underload – also einer zu geringen Reizdichte und/oder Reizintensität?!

Erschwerend für die gedankliche Rekonstruktion ist zudem die Tatsache, dass am 11. August der Sonnenuntergang um 21.12 Uhr (MESZ) war und somit ein Großteil der 100 km im Dunklen stattgefunden hat und die gemachten Fotos auf Grund der miesen Lichtverhältnisse nicht wirklich zu gebrauchen sind. Deshalb bin ich im Zeitraum von 21.12 Uhr bis gegen 05.00 Uhr, was die Fotos anbelangt, relativ erinnerungslos.

Bei einem ULTRA hat sich die Taktik, nur von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt  zu denken oftmals bewährt, deshalb sollte ich auf diesem Wege auch berichtstechnisch ins Ziel finden:

[09]  „From Daylight into Darkness“ oder anders?!

VP-Tabellen

21.18  Uhr                 [STAR]                                 Kloosterplein

Irgendwie ist es dann doch wärmer als ich es erwartet habe, aber so warm, dass ich mich dazu veranlasst sehe mein Shirt ausziehen, so warm ist es dann doch nicht. Obwohl es im Grunde weniger schwitzig geworden wäre, wenn ich mich durchgerungen hätte, aber dazu habe ich irgendwie keine Lust. Zudem war ja auch davon auszugehen, dass es sich im Laufe der Nacht noch deutlich abkühlen wird.

Zu Beginn geht es erst mal raus aus Bornem und der Weg teilt sich einige Mal in ein oben und ein unten auf. Vom Gefühl her geht es auf einem Deich an der Schelde entlang – was mir der Abgleich meiner GPS-Aufzeichnung bestätigt. Nach dem wir den Trubel in Bornem hinter uns gelassen haben, wird es für eine Weile etwas ruhiger.

22.44  Uhr                            [12,5 km]                              Branst, kerk

Nach 12,5 Kilometern kam dann endlich der erste VP. Endlich, weil ich irgendwie  schon mit einem leichten Durstgefühl gestartet, was auch so überraschend gar nicht ist, denn wenn ich resümiere,  dass ich seit über 4h nichts mehr getrunken habe und bis auf die Cola beim Pommesessen, der einen Dose REDBULL von der Tankstelle und noch einer Tasse Kaffee vom Frühstück heute Morgen fast den ganzen Tag nichts weiter getrunken habe, dann ist das natürlich alles andere als optimal, aber es sind ja nur 100 km mit Verpflegung und 100 km gehen irgendwie immer.

Am ersten VP dann die erste Enttäuschung. Es gibt Wasser. Wasser? Was eine ist das für eine Scheiße“, denke ich mir. Aber es gibt tatsächlich nur Wasser – klares Wasser aus der Leitung, kein ISO, keine Cola, nichts dergleichen einfach nur kaltes Wasser. Bin ich schmutzig, will ich mich waschen? Wer hat denn bitte Bock auf Wasser?! Der aufkeimende Ärger ist schnell verflogen und  in der Not frisst der Teufel schließlich auch Fliegen. Noch ist das halb so schlimm, wir sind ja noch keine 2 h unterwegs und es wird bestimmt noch besser. Nachdem ich mir einen Becher vom geschmacklosen Wasser gegriffen hatte, habe ich mir an den Wasserhähnen dann trotzdem meine Flasche halbvoll gemacht und dann ging es auch schon weiter.

23.24 Uhr                 [18,1 km]                   Bornem, Friesland Foods

Nach 17,5 Kilometer kurz vor dem 2. VP befinden wir uns an der Unterführung, unter der wir auch auf dem Hinweg hergekommen sind, als wir von unserem Parkplatz in Richtung zum Kirchplatz in Bornem-Zentrum gelaufen sind. Das Auto steht von hier keine 500 Meter entfernt. Allerdings geht es für uns links lang, während das Auto in entgegengesetzter Richtung steht.

Augenscheinlich befinden wir uns auf einem größeren Industriegelände von Friesland-Campina einem großen Milchverarbeitungsbetrieb? Was uns am VP gereicht wird, ist von der Kulinarik her nur schwer zu toppen – es gibt backfrische Milchreis-Tarte – ja genau ihr habt richtig gelesen – Milchreis-Tarte! Ich bin zunächst total perplex, zumal ich erst nach Nachfrage wirklich wusste, dass es sich um ein Milchreis-Tarte handelt. Das Teil sieht wirklich lecker, das muss ich ihm lassen, aber was soll ich bei einem Lauf damit? Wenn ich gemütlich mit einer Tasse Kaffee beim Bäcker gesessen hätte, das wäre bestimmt super gewesen.

Nur leider sitze ich weder beim Bäcker noch bekomme ich einen Kaffee dazu. Anstelle des Kaffees gibt es so eine Art GATORADE-Gesöff, das in Kombination mit dem Gebäck so richtig pervers klebrig wird. Zucker pur, aber was soll man machen, wenn es keine Auswahl – bis jetzt sind die VPs eher nach dem Motto friss oder stirb aufgebaut und was mich vor allem fast schon beunruhigt – es gibt keine Cola?!

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Bei Kilometer 25 erreichen wir dann ein prächtiges Wasserschloss das Kasteel d’Ursel – nach dem ein stattliche Eingangstor passiert ist, führt der Weg durch eine Skulptur, die sich in der Mitte auf dem zum Schloss führenden Weg befindet. Im Dunkeln konnte ich nicht erkennen, um was es sich hierbei genau gehandelt hatte. Meine nachträgliche Recherche ergab, dass es ein in Fragmente zerschnittener Hund gewesen sein soll – vom Künstler à nach 25km, Ausstellung „The beauty of the beast“

Nachdem Eingangstor  geht es auf mit Tellerkerzen ausgeleuchtete Wegen durch den Schlossgarten auf das Schloss zu. Beeindruckend war, wie durch die Beleuchtung nur die Konturen schemenhaft zum Vorschein kamen. Dann ging es an der linken Seite des Schlosses vorbei, vorbei an dem Schlossgraben, der in dem Fall allerdings schon die Ausmaße eines kleinen Sees hatte. Hinter dem Haus wachten zwei übergroße weiße Hundestatuen, die ebenfalls Teil der Ausstellung waren.

Einziger Wehmutstropfen hier: Alle Fotos sind aufgrund der suboptimalen Lichtverhältnisse leider nichts geworden. Von hier ging es in den angrenzenden Wald und weiter Richtung Dropbag, wo es dann spätestens mein RedBull gibt – die Mündigkeit nimmt langsam, aber stetig zu. Ich habe mich selten so sehr auf die Ekelbrause gefreut wie in dem Moment.

00.21 Uhr                             [25,5 km]                   Wintam, Parochiezaal

Nach dem VP steigt die freudige Erwartungshaltung auf das REDBULLs weiter an, denn es gibt schon wieder nur Wasser. So langsam fühle ich mich verarscht und irgendwie wie im falschen Film – ich kann doch jetzt nicht 100 km ohne Cola rumlaufen! Warum habe ich mir bloß keine in den Rucksack gepackt?!

Meine Stimmung steht mittlerweile auf der Kippe, die erst Vorwürfe kommen zu Tage. Und Bier gab es bis jetzt auch keins, so wie Klaus mir erzählt hatte. Wo bin ich hier – vielleicht bin ich doch beim falschen Lauf gelandet – es gibt bestimmt noch einen anderen Lauf, der hier kann es aber definitiv nicht gewesen sein oder was ist los? Versteckte Kamera?

Mächtige Party unten an der Schelde, die Bässe sind fast kilometerweit zu hören. Auf der anderen Seite riesige Lagerhallen und hier steigt eine ordentliche Party im überschaubaren Rahmen über die Bühne – dazu eine Akustik, die echt für die 50 People, die am Feiern sind, absolut überwältigend ist. Dazu ein Duft nach Cannabis und ich bin mir fast sicher, dass das dem Beat nach zu urteilen ganz bestimmt nicht die einzige Substanz ist, die hier gerade in den Blutbahnen Partycrowd zu finden sein wird. Wenn ich mir heute Abend eine Party hätte aussuchen müssen, dann wäre ich wohl direkt hier bis morgen früh versackt – und Cola gab hier bestimmt auch… 😉

Keine 500 Meter weiter erwarten uns dann ganz andere Klänge. Zwei Geigenspieler sorgen für klassische Klänge. Bis 1-2 Uhr sind überall kleinere oder auch größere Partys entlang der Strecke – teilweise spielen Jazzbands in Garagen, Kapellen am Straßenrand, aus leistungsstarken Boxen dröhnt uns Schlager und aus anderen  feinstes Minimal-Geballere entgegen. Es folgt eine Gartenparty nach der anderen, vorbei an Lagerfeuern – umfunktionierten Grills, brennende Schubkarren die zur Feuerstelle umfunktioniert sind, Fackeln, Lichtinstallationen auf den Häuserwänden – es ist echt mit Abstand die geilste Phase des Laufs.

Gegen 02.00 Uhr schläft das nach und nach ein – aber das ist natürlich vollkommend normal und verständlich. Vor allem für die Bewohner, die hier in Bornem wohnen, da die Partys Morgen in die zweite Runde gehen werden, da die Wanderer kurz vor dem Ziel genau hier wieder vorbeikommen werden.

01.06 Uhr                          [30,9 km]                        Ruisbroek, De Post

Das kann ja echt nicht wahr sein – wir sind mittlerweile bei Kilometer 30 und es gibt einen Apfel – aber wenigstens einen Apfel und damit zumindest etwas Energie durch die enthaltene Fruktose – aber natürlich alles andere als das, was ich mir erwünscht hätte. Mein Verlangen nach Cola steigt weiter an. So eine Cola wäre verdammt großartig, vielleicht gibt es am nächsten VP endlich Cola?!

Zur Hoffnung gesellen sich aber auch erste Zweifel. „Stell dir vor es gibt heute überhaupt keine Cola mehr?! – dann wartet zum Glück bei 50 in meinem Rucksack ein REDBULL, weiß ich mich selbst zu beruhigen. Wenn es tatsächlich keine Cola geben wird, dann habe ich das REDBULL auch bitter nötig nicht nur wegen des Zuckeranteils auch wegen des Koffeins – das Verlangen danach sich nur eben kurz einmal hinzusetzen und die Augen zuschließen nimmt weiter zu und erreicht sein Maximum. Mir geht es muskulär gut, aber ich bin hundemüde und meine Augen aufzuhalten wird zunehmend anstrengender. Auf gerader Strecke schließe ich teilweise sogar meine Augen und laufe ein paar Schritte blind, um sie dann wieder aufzureißen, um zu checken ob ich mich noch auf Kurs befinde.

02.08 Uhr                             [37,4 km]                    Breendonk, Sporthal

Die folgende VP in Breendonk, die sich auf einer Multisportanlage befindet, ist im Vergleich zu den anderen Außen-VPs realtiv groß gewesen. Die zahlreichen Sitzmöglichkeiten sind auf einem Basketballfeld aufgebaut und das Ganze sieht bißchen aus wie bei einem Gartenfest. Was mir aber als erstes ins Auge springt, ist ein riesiger und beleuchteter Kletterturm, der bestimmt 40 Meter misst und aufgrund seiner Bauart ein variantenreiches Training bietet, denke ich mir.

Und was sehen meine müden Augen dann?! Ist doch nicht wahr? Ich kann auf den Tischen rote Coca Cola-Becher entdecken – meine Wünsche scheinen erhört worden zu sein – endlich Cola – doch die Enttäuschung folgt prompt als ich feststellen muss, dass die Becher wieder mal nur mit Wasser gefüllt sind. Dafür gibt es am Stand daneben das erste Bier von Duveltje – wie es den Anschein macht, ist das eine ansässige Brauerei, die hier auch die VP-Regie übernommen hat. Anders als zuvor erwartet soll dies die einzige Möglichkeit auf ein Bier an diesem Abend bleiben – deshalb bin ich echt froh zugegriffen zu haben. Obwohl Bier nach knapp 6 h laufen, um 2 Uhr dazu kalt und extrem bitter auch nicht unbedingt die ideale Lösung für mein aktuelles Zuckerdefizit ist. Das wird mir auch direkt nach dem ersten Schluck bewusst – zudem bin ich kein Alleintrinker und die Enttäuschung darüber, dass es schon wieder keine Cola gibt, sitzt tief. Weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich Treibstoff benötige, schnappe ich mir noch eine Waffel die hier in Unmengen ausliegen.

Das Duveltje wird kurzerhand zum Wegbier umfunktioniert, ich muss weiter Richtung Dropbag, um mein Cola-Ärger im REDBULL zu ertränken. So langsam regt mich der Cola-freie Zustand auf, die ersten Notfall-Pläne für den Zucker-GAU werden gedanklich durchgegangen. „Ich habe noch 2 Gels dabei und das in den Rucksack reingeschmuggelte RedBull im Dropbag“, denke ich mir. Es war eigentlich ja verboten Flüssigkeiten in den Dropbag zu packen, aber so what!? Ich hatte dabei auch eigentlich nur  auf den Koffeinschub spekuliert, dass ich jetzt froh darüber bin, dass in dem Gesöff auch Zucker enthalten ist, ist ausschließlich des VP-Angebotsproblematik geschuldet, aber es kann ja auch keiner ahnen, dass hier ein Cola-Notstand ausbricht

Ich krieg das Bier einfach nicht runter, aber wegkippen will ich es auch nicht, schließlich sind es bis zum nächsten VP laut Schild über 16 km – vielleicht bin ich gleich froh überhaupt noch Flüssigkeit dabei zu haben. Zudem sind im Bier ja zumindest auch noch Kalorien und Elektrolyte enthalten, auch wenn es geschmacklich eher einer Katastrophe gleicht. Da das schale Bier aus meiner Plastiktrinkflasche aber mehr als scheußlich schmeckt, strecke ich es mit Wasser, das ich an einem öffentlichen Springbrunnen finde. So weit ist es gekommen, jetzt muss ich an einem öffentlichen Brunnen auf halber Strecke Wasser nachfüllen – der Cola-Gau lässt dunkle Wolken aufziehen. Der erste größere krisenähnliche Zustand will überstanden werden – ich hadere mit der Gesamtsituation und vor allem – warum gibt es hier keine verdammte Cola?!

In der Folgezeit hatte ich schwer zu kämpfen – mir ging es mental und physisch gar nicht gut – zu der Müdigkeit gesellte sich zunehmend Frust, was dann auch darin gipfelte, dass ich mir auf einer Bank bei einer Ortspassage ein Pause von 15 Minuten sitzend verschaffen musste und auf meine Notgels zurückgegriffen habe. Nachdem ich mir dann das halbe Gel einverleibt hatte, wurde es einigermaßen besser. Bevor es dann weitergehen konnte, habe ich die andere Hälfte des Gels mit den Resten des wasserverdünnten Biers vermengt. Das Gebräu war zwar widerlich, enthielt aber Zucker-Kalorien und dadurch auch einen mentalen Effekt, weil ich bei jedem Schluck wusste, dass Zucker enthalten war, so habe ich mich dann irgendwie über die Krise  und bis zu meinem Dropbag in Merchtem schleppen können.

Duveltje_Klein

04.38 Uhr                             [53,8 km]                   Merchtem, Sporthal

Beim Bergfest in  Merchtem wird es dann anstrengend, schon beim Ankommen an der Sporthalle in herrscht bei mir nach den acht Stunden Laufen durch die nächtliche Dunkelheit mittelschwere Reizüberflutung. Noch bevor ich die Halle betrete, bin ich schon mit der Situation überfordert. Wo bekomme ich meinen Rucksack, wo muss ich genau hin, was gibt es zu essen und wann gibt es endlich Cola – Fragen über Fragen.

Hier am VP werden Entscheidungen verlangt und die zu treffen, das strengt mich nach den Höhen und noch mehr Tiefen extrem an. Inwieweit meine situative Überforderung für jemanden außerhalb meines Kopfes überhaupt zu verstehen ist, der nicht über 7 Stunden einsam in den eigenen Gedankengängen gefangen durch die Dunkelheit geschritten ist, das weiß ich gar nicht, aber ich fühle mich jeden Falls bei dem ganzen Trouble und den Menschenmassen hier am Wendepunkt ein bisschen fehl am Platze. Warum ich mich von der Gesamtsituation so regelrecht überfahren fühle, kann ich auch gar nicht wirklich sagen, Vermutungen haben ich hingegen einige. Vielleicht weil mein Organismus nach der schlaflosen Nacht total übermüdet und übernächtigt ist und 53 Kilometer ja auch schon gelaufen – die Dosis aus Müdigkeit und Erschöpfung macht in dem Fall vielleicht das „kognitive Gift“.

Nachdem ich dann im Zelt vor der Halle meinen Rucksack abgeholt hatte, ging es in die Halle hinein. Dank der Festtagbeleuchtung bin ich in den ersten Momenten fast blind, weil meine übermüdeten Pupillen nämlich zunächst Probleme haben, um sich an die neuen Lichtverhältnisse anzupassen. Deshalb folge ich dem Läufer, der vor mir seine Tasche abgeholt hatte, dass es ihm nicht besser ging las mir, merke ich als wir im abgetrennten Zuschauerbereich stehen. Also wieder zurück und dann nochmal die andere Abbiegung probieren.

Und dann stehe ich in einer Sporthalle, an der linken Seite sind die Stände der VP aufgebaut, der Rest der Halle ist mit Biertischgarnituren zugestellt. Und warum ist mein Rucksack eigentlich so verdammt schwer und sperrig, ich muss mir schnellstmöglich einen freien Platz suchen, um den Rucksack abzustellen. Auch die Suche der Powerbank gestaltet sich schwierig, weil die natürlich unter den ganzen anderen Klamotten am Rucksackboden liegt. Als meine Powerbank dann endlich mit der Uhr verbunden ist, habe ich etwas Zeit, um mich auf der Bank lang zu machen und meine Augen für einen Moment zu schließen. Der Akku war zwar zu dem Zeitpunkt nach acht Stunden noch gar nicht komplett leer, aber erfahrungsgemäß wäre das nach elf Stunden gewesen. Und wenn ich die Uhr hier soweit nachlade, dass es bis ins Ziel reicht, dann muss ich die Powerbank nicht auch noch mitrumschleppen, sondern kann sie direkt in meinem Dropbag lassen.

Nachdem zehnminütigen Powernapping fühle ich mich fast wie frisch geboren, der Uhren-Akku braucht aber noch Zeit, deshalb checke ich in der Zeit die Verpflegung. Als ich dann endlich aufstehe, läuft Bin auf einmal an mir vorbei, was mich aufgrund seines anfänglichen Tempos mehr als überrascht. Er erzählt mir, dass er schon seit über einer halben Stunde hier ist und muss jetzt wieder weiter, da ich aber noch etwas Zeit brauche, trennen sich unsere Weg auch schon wieder.

Hier ist das Angebot im Vergleich zu den vorherigen VPs fast schon üppig. Es gibt Waffeln, Honigkuchen, Milchbötchen mit Kochschinken oder Käse, Äpfle und Bananen und jede Menge Getränke, was aber auch nicht gibt, ist meine Cola, aber den Glauben daran, dass es die heute noch bekommen werde habe ich sowieso schon begraben. Auf meine warme Mahlzeit, die ich schon im Vorfeld bei der Anmeldung für acht Euro mitbestellt hatte, habe ich dann spontan verzichtet – Hunger auf was Warmes nach 50 Kilometer hatte ich irgendwie nicht wirklich, aber ich war auch viel zu faul und zu fertig, um überhaupt zu checken, was es genau gibt und wo die Ausgabe dafür war. Allerdings war wohl eher das Entscheidungentreffen im Zustand zunehmender Erschöpfung und Übermüdung die Hauptschwierigkeit. Aber anstelle meiner warmen Mahlzeit gönne ich mir ein Schinken-Milchbrötchen und eine Brühe für den Elektrolythaushalt, dann geht es zurück zu meinem Platz, wo der Akku von der Uhr immer noch am Laden war.

Ich kann mich im Nachhinein auch noch vage daran erinnern, dass ich mich noch mit irgend so einem deutschen Läufer unterhalten habe, aber kein Plan worüber – wahrscheinlich habe ich meinen Unmut Luft gemacht – indem ich mich über die desolate Cola-Versorgung hier ausgelassen habe. Nach dem 20-Minuten-Stopp heißt es dann auch für mich weiterzugehen. Aber zunächst muss natürlich der Rucksack wieder abgegeben werden. Vor der Halle stand das Zelt für die Abgabe, aber der Weg dorthin, war aufgrund der weiterhin bestehenden Orientierungslosigkeit fast schon abenteuerlich – aber den Pfeile zu folgen, das hilft dann auch hier – aber im peile-Kopf wird irgendwie fast alles anstrengend, was mit Entscheidungen zusammenhängt, vielleicht mit Ausnahme des Geradeausweiterlaufens, aber selbst das strengt auf Dauer irgendwann an…

[10]  „From Darkness into Daylight“ back to Bornem 

06.21 Uhr                             [62,2 km]                  Buggenhout, Sporthal

Es dämmert mittlerweile, davon zu sprechen, dass die Sonne aufgeht ist angesichts des vorherrschenden Wetters wohl fehl am Platze. Der Himmel es durch und durch grau und dabei nieselt es ein wenig. Nach offiziellen Angaben hätte der Sonnenaufgang um 06:25 Uhr gewesen sein sollen, weil es aber so wirklich hell auch gar nicht wurde, ist das keine Erwähnung wert. Aber wenigstens war Dunkelheit der Nacht vorbei und man konnte sich mit der umgebenden Landschaft ein wenig ablenken – wenigstens darauf ist Verlass – dass es irgendwann wieder hell wird.

Nachdem sich bei mir in der letzten Stunden schon vermehrt Krämpfe andeutet hatten, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es klug sein könnte, etwas für den Elektrolythaushalt zu tun. Deshalb greife ich mir sodann auch einen Becher mit Brühe. Energie in Form einer Waffel gibt es dann auch noch. Die Kombination aus Waffel und Brühe hat sich im Nachhinein als keine empfehlenswerte Mischung herausgestellt. Ich habe danach noch längere Zeit mit dem Aufstoßen davon zu kämpfen, das aber durch tiefes Einatmen konsequenzenlos bleibt.

07.12 Uhr                              [67,8 km]                   Opdorp, Capelderi

DOdentocht Cola 40perzent

Nach fast 10 Stunden wird mein Verlangen nach Cola endlich gestillt – nach wiederholten Enttäuschungen endlich Cola-Becher, die auch mit dem schwarzen Gold befüllt sind. Und das zu einem Zeitpunkt, wo ich schon längst jegliche Hoffnung verloren hatte. Ich bin überwältigt, ich geh auf Knien, verneige mich vor den Helfern, was mit freundlichen Lachen beantwortet wird, was die sich gedacht haben müssen will ich nicht wissen, ist mir aber auch total egal.

Ich trinke derweil hastig einen der roten Bechermit  schwarzer Zuckerbrause auf ex – herrlich wie die etwas kalte Zuckerlösung in meinem Schlund verschwindet, dabei die Mundschleimhaut benetzt und ein geringer Anteil in den Blutkreislauf strömt, mein Gehirn schüttet sogleich Endorphine frei und zeigt mir damit, dass ich alles richtig gemacht habe. Die Hauptmenge des Becherinhaltes strömt weiter die Speiseröhre runter, passiert dann den Pförtner und landet schlussendlich in meinem Magen, wo die eigentliche Resorption über die Darmlumen in Blutbahn vollzogen wird.

Ich fühle mich so ein bisschen, wie ein Junkie auf Entzug – endlich gibt es zuckerhaltige Cola, das ich vorher nicht angefangen habe entzugsmäßig zu zittern ist ausschließlich meiner Körperbeherrschung zu verdanken – jetzt kann mich nichts mehr stoppen. Danach lass ich mir noch meine Flasche randvoll machen – bedanke mich für die Rettungstat und mache mich weiter auf den Weg in Richtung Ziel – allzu weit ist es nicht mehr, 2/3 sind geschafft.

07.53 Uhr                             [73,2 km]                    Lippelo, Parochiezaal

Der nächste VP ist nach knapp fünf Kilometern erreicht, dass es am VP „nur“ Bananen gibt, macht mir angesichts der nachwirkenden Cola-Euphorie überhaupt nichts. Außerdem habe ich gut gehaushaltet und meine Falsche ist noch zu einem Drittel voll.

Die Phase mit positiven Verstärkern geht weiter. Es ist mittlerweile schon wieder relativ hell als ich das erste Kilometerschild bei Kilometer 75 antreffe, die Motivationssteigerung ist enorm – ¾ sind geschafft – noch 25 Kilometer und der Drops ist gelutscht.

75km 30perzent

08.40 Uhr                             [79,4 km]                       Puurs, Sporthal

Und meine Glückssträhne will auch vorerst nicht abreißen – erst die Cola, dann das Kilometerschild und hier gibt es meinen Lieblingskakao mit leckerem Gebäck – träume ich oder was ist auf einmal los?!

Kakao mit Reiskuchen – vor allem gibt es ein Trinkpäckchen CHOKOMEL – das ich zufälligerweise beim Zwischenstopp an der Tankstelle auf der Hinfahrt schon in der Hand hatte, mich dann aber doch für die vier Dosen REDBULL entschieden hatte. Wie viel Liter CHOKOMEL ich in meinem Leben schon getrunken habe – der weltbeste Kakao auf jeden Fall und die Krönung ist, dass es dazu eins von den genialen Milchreis-Tartes gibt. Ich fühle mich wie ein König, was ein großartiges Frühstück. So langsam machen mir die VPs Spaß – soll es doch noch ein versöhnliches Ende werden?!

Dodentocht Chokomel

09.10 Uhr                             [82,8 km]                    Oppuurs, De Mispel

Es gibt zum zweiten Mal Cola und die F…., FRAU hinter dem Stand sagt mir: „Nee ick mag di nit voll“ – häääääää was?! Wie bitte? Erst habe ich noch überlegt, ob sie mich vielleicht nicht verstanden hat, aber was gibt es da nicht zu verstehen?! Hier ist ein VP und ich würde mich gerne verpflegen, das ist doch mehr als einleuchtend? Also was hat sie für ein Problem? Und jetzt mach mir meine verdammte Flasche mit Cola voll, aber zackig. Ich halte ihr meine aufgeschraubte Trinkflasche hin, aber nichts passiert. Sie ignoriert mich einfach weiter. Ich dachte erst noch, dass das vielleicht ein Scherz sein soll. Und ich den belgischen Humor aufgrund meines Zustandes nicht mehr verstehe?! Aber nachdem ich dann weitere 30 Sekunden da stand und keiner sich anschickte mir meine Flasche zu füllen, wurde ich selber aktiv.

Ich schnappe mir drei von den Bechern, die sie zuvor mit Cola vollgemacht hatte und fülle sie in meine Flasche um – dazu kam dann zwar noch irgendein Gestammel von hinterm Tresen, den ich dann mit dem vierten Becher auf Ex beantwortet hatte. Dasselbe Problem hatte ein älterer belgischer Teilnehmer zu gleichen Zeit wohl auch gehabt. Wir guckten uns nur an, schüttelten den Kopf und verstanden die Welt nicht mehr. So was Dämliches habe ich bei einem Lauf  ja noch nie erlebt… Etwas ungläubig und angesäuert verlasse ich die VP-Area und denke mir meinen Teil – die F…. – FRAU kann echt froh sein, dass ich ihr im übermüdeten und unterzuckerten Zustand nicht den kompletten Stand abgeräumt habe…

Mangelnde Fähigkeit oder Unfähigkeit zur Empathie – ich bin zwar kein Psychologe, aber wenn man sich so wenig in einen Sportler nach 80 km hineinversetzten kann, dann sollte man vielleicht auf seine Helferrolle verzichten und mit dem Arsch zu Hause bleiben.

09.40 Uhr                              [86,5 km]                St.-Amands, De Nestel

Kaffee mit vier Stückchen Zucker – war geschmacklich auch nur eklig – aber immerhin nochmal ein paar Kalorien, man weiß ja nie was einem an der nächsten VP erwartet.  Cola-Zero wäre nochmal ein weiterer Tiefschlag, aber ok – auch der könnte mir mittlerweile nichts mehr anhaben – in 14 Kilometern bin ich im Ziel.

10.50 Uhr                               [94,2 km]                   Branst, Zates

Die letzten Kilometer ging es an der Schelde her – das Wetter ist diesig-feucht, fast schon optimal für meine übermüdeten Augen. Ich fülle das letzte Mal meine Wasservorräte nach. Außerdem gibt es hier frische Orangenspalten. Ich schnappe mir 3 Orangen als Vitamin-Spender, um ein paar freie Radikale abzufangen, die die Gefahr einer Infektion im Zustand des Open-Windows steigern, danach geht es durch Bornems Vororte

Dodentocht54321 50perzent

Die Schilder der letzten fünf Kilometer – noch 5, noch 4,  noch 3, noch 2, noch 1 – dann das Transparent, welches zwischen der Straße gespannt war mit der Aufschrift: “Proviciat noog 500 meter“ – in 500 Metern habe ich es endlich geschafft – wie lange die anderen wohl schon auf mich gewartet haben – naja schlechtes Gewissen habe ich keines – meine zuvor für mich festgelegte Zielzeit habe ich mit 14:14 Stunden nur minimal überschritten, wenn man davon dann noch die 18 min Verzögerung vom Start abziehen würde, wäre ich sogar unter den erwarteten 14 Stunden geblieben – also alles so wie es geplant und kommuniziert war. Hoffentlich finde ich die beiden auch direkt, aber wir hatten ja vor dem Start extra schon ausgemacht, dass wir uns zu jeder vollen Stunde an dem Platz vor der Kirche treffen, wo wir uns am Anfang nach unserer Ankunft aufgehalten hatten – naja es ist jetzt 11.30 Uhr und wenn niemand da sein sollte, dann habe ich sie gerade verpasst und bleibt mir nichts anderes übrig als 12.00 Uhr zu warten.

Die letzten Meter führen vom Kloosterplein, der vor 14h der Startplatz war, die Kloosterstraat hoch in Bornem-City, der Weg ist leicht ansteigend, aber im Grunde nicht der Rede wert zumal das Ziel nicht mehr allzu weit entfernt ist. Nach dem Anstieg geht es links in die Straße, die mit den Transparenten mit den Teilnehmerzahlen der vergangenen Jahren überspannt sind und direkt zum Kirchplatz führt, wo die Startunterlagen ausgegeben wurden – dann das Transparent mit dem Schriftzug: „Proviat noog 500 Meter“.

Von links und rechts kommen Glückwünsche – „Felicitatie“ – oder die Kurzform „Feliz“ – jetzt läuft es fast von alleine, Schmerzen und Müdigkeit sind kurzzeitig vergessen – aufgrund der langsameren Herangehensweise habe ich muskulär keine großen Probleme und auch meine Fußsohlen haben beeindruckend gut durchgehalten – und dies obwohl sich schon zu Beginn die ein oder andere Problemzone abgezeichnet hatten, aber bis auf eine kleine Blase an der Zeheninnenseite des rechten Fußes ist soweit alles in Ordnung.

[11]  FINISH – nach 100 km zurück am „witten tent“

Kurz vor dem Zelt stehen die Leute wieder Spalier und empfangen einen jeden mit Applaus – im Zelt angekommen die nächsten Gratulationen – jeder bekommt seine Tüte mit der Urkunde, seinen Orden, der Wiederholungszahl, eine Dose vom  wohlverdienten Ziel-Bier sowie einen großen Honigkuchen mit DOdenTOcht-Sondereditions-Aufkleber und ein persönlicher und sogar herzlicher Empfang – die Dame findet ein paar nette und persönliche Worte – sie erkennt anhand der Daten die Aufploppen, dass ich zum ersten Mal am Start war und fragt: „Oh du bist zum ersten Mal hier und sehen wir dich im nächsten Jahr wieder? Ich bin überrascht und in dem Moment nicht wirklich davon überzeugt, ob ich das im nächsten Jahr schon wieder möchte, weswegen ich mit einem „Vielleicht, ich muss mir das auf jeden Fall nochmal durch den Kopf gehen lassen, aber nicht mehr Heute – ich bin hundemüde und muss ins Bett“ antworte und worauf sie zu lachen beginnt.

Ich muss erst mal stehen bleiben und meinen Körper auf meinen Knien abstützen, während sie mir meine Präsentetüte packt, danach geht es weiter Richtung Ende des Zeltes – auf der linken Seite wartet noch eine Nachzielverpflegung – mit kleinen Honigkuchen, Keksen und einem Erfrischungsgetränk – Aqua-Zucker-pur in zwei Geschmacksrichtungen – erst mal auf kurz innehalten und auf die Bänke ablegen und einfach mal die Augenschließen – es ist vollbracht Dodentocht Haken dran – ich bin ein wenig enttäuscht, weil so wirklich Party und Gaudi wie ich es mir vorgestellt hatte, war es letztendlich gar nicht. Wahrscheinlich weil ich auch zu weit vorne war.

Denn der Dodentocht ist für 24h ausgelegt, ich war um 11:30 Uhr zurück, was bedeutet, dass ich den Großteil der Strecke in einem Zeitraum absolviert habe, in dem die Anwohner, die bis spät in den Abend Party gemacht hatten, noch tief und feste am Schlafen waren. Wer will es ihnen auch verübeln, schließlich fängt das richtige Dodentocht auch erst heute Abend an, wenn die mental und physisch volldemolierten die letzten Meter durch die Stadt wanken, um rechtzeitig im weißen Zelt anzukommen. Je nachdem wie lange ein jeder auf seinen Start warten muss, ist das entweder um 21.00 Uhr oder um 21.45 Uhr.

Die dramatischen Schicksale und den glorreichen Helden, die schicksalhaften Tragödien der Geschlagenen und Geschundenen finden in den restlichen 75% des Startfeldes statt, die sich zum Zeitpunkt meines Triumphes über die Strecke zum Teil gerade einmal am VP in Merchtem bei km 53 ankommen oder aber schon längst ausgeschieden sind.

Ich befinde mich mit meine Lauf- bzw. Wanderzeit von 14 h und einem relativ unverkrampften Lächeln im Gesicht im für die Schaulustigen wenig interessanten Mittelmaß. Die schnellste Gruppe, die sich der Herausforderung Dodentocht gestellt hatte, war sogar schon nach zehn Stunden im Ziel gewesen. Auf die wahren Helden muss noch mindestens acht bis zehn Stunden gewartet werden.

Dodentocht Orden 2017

[12]  Im Ziel & danach – über Nacht zum local-Hero

Im Nachzielbereich beginnt die Suche nach Jan und Bin. Schon bei meiner Ankunft halte ich die Augen auf und scanne die Gegend nach den Beiden ab, aber vergebens. Auch im Zelt ist niemand anzutreffen. Meine Ankunftszeit von 11:30 Uhr beschert mir zugleich eine maximale Wartezeit, da wir uns im Vorfeld jeweils zur vollen Stunde vor dem Zelt verabredet hatten.

Naja genug Zeit für mich, um meine Motivation zu sammeln, um mich auf den langen Weg zur Kleiderbeuteldepot zu machen. Ich schleppe mich Richtung Parkhaus – doch als ich angekommen bin, ist die Enttäuschung groß – hier ist alles leer – dabei bin ich doch den unübersehbaren Schildern gefolgt, die als Teil des Teilnehmer-Leitsystems auch schon gestern Abend überall in der City waren, aber wie es scheint in dem Fall wohl  schon längst hätten abgehängt werden können – na toll und ich renne hier völlig zerstört durch den halben Ort – Danke dafür!!!

Auf dem Weg durch die Stadt werde ich von jedem Zweiten angesprochen und mit Glückwünschen übersät – jeder quatscht dich an – „Feliz! – Felicitatie! – Hab je metgedaan? Felic“ – zunächst bin ich noch über meinen über Nacht gestiegenen Bekanntheitsgrad verwundert – später macht es mir sogar fast schon Spaß.

Als ich dann immer noch ohne meine Klamotten zurück am weißen Zelt war, sah ich andere Teilnehmer mit ihren Taschen aus einer Nebenstraße kommen. Auf Nachfrage bestätigen sie mir, dass die Kleiderbeutelausgabe im Gemeindehaus stattfindet, das keine 500 m vom Ziel entfernt ist, während ich mehr als einen Kilometer bis zum Parkhaus unterwegs gewesen bin und natürlich auch wieder zurück musste, naja was soll es.

Die frühe Ankunftszeit hat zudem den Vorteil keinerlei Schlangen vorzufinden, meine Taschenabholung ist schnell abgewickelt – obgleich ich zunächst verdutzt war, als man der Dame neben mir sagte, dass ihre Tasche noch nicht wieder hier ist – im Nachhinein wird das daran gelegen haben, dass die Taschen derjenigen die frühzeitig ausgestiegen sind, nicht umgehend zurückgerbacht wurden. Meine Tasche ist zum Glück am Start – also wieder zurück ins Zelt

Warten_im_Ziel 30perzent

[13]  Und auch das Warten hat ein Ende

Kurzzeitig denke ich darüber nach die Duschen zu suchen, aber irgendwie ist mir nach der Nachwanderung so gar nicht nach einer weiteren Expedition ins Reich der Duschen – zudem treffe ich auf dem Weg ins Zelt Jan, der wie er mir erzählt schon seit fast zwei Stunden im Ziel ist und auch schon geduscht hat. Dass die Duschen ein ordentliches Stück entfernt liegen, lassen mich meinen Gedanken ans Duschen komplett vergessen.

Zu meiner Überraschung ist Jan aber alleine unterwegs, Bin den ich eigentlich bei ihm oder zumindest vor mir erwartet hätte, ist wie es scheint noch auf der Strecke. Diese Info hat Jan wohl über den Helpdesk in Erfahrung bringen können und Bin ist demnach sogar noch eine ganze Weile unterwegs. Dank dem verwendeten Tracking-System wird er laut Prognose und aller Voraussicht nach zwischen 14.00 und 15.00 Uhr im Ziel sein. Zu dem Zeitpunkt war es allerdings erst kurz vor 12.00 Uhr – also es wartete eine etwas längere Wartezeit auf uns, die wir überwiegend auf den wenig bequemen Bierbänken im weißen Zelt verbringen durften.

Nach mehrmaligen Nachfragen am Helpdesk, wann genau Bin ankommen wird, kommt er dann mit dreistündiger Verspätung auch irgendwann im Ziel an. Er ist sichtlich erschöpft, aber er hat es durchgezogen und das ist das einzige was zählt. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er schwer mit Magen und Müdigkeit zu kämpfen, sogar Braveheart und Catweasel waren schon zuvor im Ziel angekommen. In den drei Stunden ist viel passiert, wir hatten sogar Zeit Kontakte zum Personal zu knüpfen, die amüsiert über unsere lange Wartezeit waren. Ich habe meine Powerbank zum Handyladen verliehen, ein Paar Stiefel gefunden und am Helpdesk abgegeben, aber vor allem gewartet, aber das ist ja jetzt zu Ende. Nachdem wir Bins Dropbag abgeholt hatten, ging es auf direktem Wege zum geparkten Auto und dann nach Hause.

[14]  Fazit & was mir noch so in den Fingern brennt

Organisation alles super organisiert und ausgezeichnet – bis ins kleinste Detail  die vergangenen 48 Austragungen haben den kompletten Ablauf erprobt und optimiert – beim Marsch durch die City „Ahnengalerie mit der Entwicklung der Teilnehmerzahlen über die Veranstaltungsjahre“  vom Beginn 1970 an. Willkommenstransparente bei der Ankunft, Kiss-&-Ride-Areas, Parkplätze und Shuttle-Services, schon auf der Autobahn Hinweisschilder. Also einem 15.000 Starter-Chaos wird in allen Belangen vorgebeugt.

Streckentechnisch mal so mal so viele Feld- und Wirtschaftswege, es geht über kleine Dorfstraßen, durch Hinterhofgassen, vorbei an Binnengewässern, auf Deichen der Schelde, Radwegen, Großteils unbeleuchtet – Kopflampe wäre zwischendurch von Vorteil gewesen, geht aber auch ohne dank der zahlreichen beleuchteten Mitwanderer ganz passabel, zumal es ab kurz nach 05.00 Uhr eh schon gefühlt wieder heller wurde. Aufgrund der ebenen Bodenbeschaffenheit und dadurch, dass man noch keinen Pfützen ausweichen musste, weil es erst ab 04.00 Uhr anfing zu regnen, war der Blindflug noch erträglicher.

Verpflegungstechnisch ist es irgendwie schon gewöhnungsbedürftig. Wenn man das VP-Angebot insgesamt betrachtet, dann war es kulinarisch erfrischend anders – allerdings nur was die Auswahl insgesamt über die 100 Kilometer angeht, denn  an den jeweiligen Verpflegungspunkt gab es nur das, was es da gab – es gab keine Alternativen und man hatte auch keine Wahlmöglichkeit. Während ich von Ultras gewohnt bin ein üppiges Buffet angeboten zu bekommen, so wird es hier auf den ersten 50 Kilometern eher nach dem Motto Friss oder stirb gehandhabt.

Beispielsweise gab es ziemlich am Anfang bei Kilometer 16 Reisbrei-Tarte zusammen mit einer 0,33L-Falsche eines Energie-Getränks, das schon alleine unbekömmlich süß war, aber von der Kombination Tarte und Zuckerlösung hatte ich danach erst mal 3-4 Kilometer schwer zu kämpfen, um die Kleberei irgendwie los zu werden, weil es Wasser nämlich nicht gab. Auf der anderen Seite gab es aber auch VPs, wo es dann nur Wasser oder nur einen ganzen Apfel gab. Und das was mir absolut gegen den Strich ging, war die Tatsache, dass es die erste Cola erst nach 66 km gegeben hatte und ich im Grunde schon nach der Pommes 3 Stunden vor dem Start Lust auf eine kalte Cola hatte. 😀

Meinen ersten DOTO-Post auf Facebook kommentierte Steffi mit: „Der Erstbericht klang jetzt nicht so, als dass die Veranstaltung so toll war.“ Aber ich war nicht  wirklich über die Veranstaltung enttäuscht – vielleicht eher ein bisschen darüber, dass der Tag doch relativ schnell vorbei war und somit ein weiterer schwarzer Fleck auf meiner Erlebnislandkarte erhellt ist.

Andererseits waren meine Erwartungshaltung und die vorgefunden Realität irgendwie so gar nicht kompatibel, deshalb lasst euch durch das hier gelesene nicht in die Irre führen, geht erwartungsfrei an den Dodentocht heran, dann werdet ihr positiv überrascht darüber sein, was euch vor Ort erwartet und Spaß ist ja auch immer das, was man selbst aus der Situation macht. Individuelle Interpretation des aktuell erlebten und die Einsortierung und der Abgleich mit zuvor erlebten.


hier der Betrag aus der Kategorie „Bewegte Bilder mit Musik“


hier der Beitrag aus der Kategorie „Kurz, knapp & bündig


in dem Sinne – keep on RUNNING & Rock ’n‘  Roll

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser & multibewegtem Blogger - die Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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Eine Antwort zu Das Wandern ist des Müllers Lust – unterwegs beim belgischen Totenkopf-Marsch irgendwo zwischen Brüssel und Antwerpen – der DOdenTOcht 2017 – die volle Dröhnung

  1. SohlenRocker schreibt:

    Gerne! 😉 Ja, also es ist offiziell als Wanderung/ Marsch ausgeschrieben, es gibt auch keine Wertung mit Platzierungen im klassischen Sinne – also eher ein Miteinander als ein konkurrierendes Gegeneindaer. Du bekommst wohl deine Zwischenzeiten hinterher auf der Urkunde, aber das Ziel ist für jeden die Strecke von 100 Kilometern innerhalb von 24 h per pedes zu bewätigen, ob du jetzt läufst, joggst, wanderst, nordic-walkst interessiert keinen. Naja obwohl?! Die Verpflegungspunkte sind erst zu einer bestimmten Uhrzeit besetzt, wenn du also zu schnell sein solltest, kann es sein, dass es am VP noch nichts gibt. Gleiches gilt für das Ziel – das erst 10h nach dem Start geöffnet ist – du musst Dir also mindestens 10 h Zeit lassen. Brutto-/Netto-Startzeit findet natürlich auch Berücksichtigung!

    Infos zur Planung & dergleichen findest du hier:
    https://sohlenrocker.wordpress.com/2017/08/04/etwas-bewegung-mit-ganz-viel-gaudi-beim-dodentocht-2017-in-belgien-100k-um-und-in-bornem/

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