The Beast from the East?! da lachen die Möwen nur müde drüber – die Kolonie Lachmöwen sitzt die sibirische Kälte einfach aus und bekommt dabei nicht einmal kalte Füße

Ich dachte eigentlich, dass der Beitrag nach den frühlingshaften Temperaturen der letzten Woche obsolet geworden wäre, aber dank des unerwarteten und hoffentlich letzten Wintercomebacks passt es dann doch wieder. Es geht unter anderem um das Zwiebelschalenprinzip, Hirnfrost und frostresistente Möwen…

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Das “Beast from the east”? Auch wenn es zur Aktualität der bevorstehenden „Präsidentschaftswahl“ in Russland passen würde – nein, Wladimir Putin ist damit nicht gemeint. Als „Beast from the East“ taufte die europäische Presse die Wetterlage, die Mitteleuropa Anfang März über eine Woche lang mit klirrender Kälte fest im Griff hatte und uns allen das Bibbern lehrte. Ursprünglich verantwortlich für diese Wetterlage war ein mächtiges Hoch, das die sibirische Kältefront weit bis in den Westen nach Europa gedrückt hat. Infolgedessen ließen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und ein eisiger Ostwind die verfrüht aufkommenden Frühlingsgefühle von heute auf morgen wieder erstarren.                                                            [1202 more word]

Doch wer sich ständig in der Vorbereitung auf irgendeinen Ausdauerwettkampf befindet, den kann das bisschen Wetter natürlich sowieso nicht davon abhalten, seinen mehr oder weniger systematisch geplanten Trainingsplan auch umzusetzen und dem Wetter zu trotzen. Ich finde zudem, dass solch widrige Wetterumstände auch erst das Salz in der Suppe des ansonsten oftmals monotonen Trainingsalltages sind und ob 30° Celsius im Schatten, Regen, Sturm oder Schnee – Ok, es kostet vielleicht etwas mehr an Überwindung, aber trainiert wird in den meisten Fällen doch trotzdem.

Und wenn wir ehrlich sind, so absolut ultimativ schlechtes Wetter, das es nicht durch die optimale Kleidungwahl ausgeglichen werden könnte, gibt es ja doch nicht. Einzig und allein das an die Wetter- und Klimabedingungen angepasste Equipment entscheidet im Grunde über das Ausmaß der wahrgenommenen Wetterwidrigkeit. Dank fortschreitender Technologien im Bereich der Sportbekleidung sind die Kleiderschränke heutzutage ohnehin voll mit Hightech-Funktionskleidung, sodass zumindest wetterbedingt keine Trainingseinheit ausfallen muss.

Zwiebelschalenprinzip und Laufen…

Im Zusammenhang von Kleidung und Kälte ist oft die Rede vom Zwiebelschalenprinzip, was letztendlich die Kombination mehrere Kleiderschichten aus unterschiedlichen Materialien übereinander beschreibt. Grundsätzlich besteht die „Kleiderzwiebel“ aus drei relativ unabhängigen Funktionseinheiten. (1.) Die Basisschicht: Sie sollte beim Laufen in der Regel ein atmungsaktives Multifunktionsgewebe sein, das außerdem hauteng sitzt und dadurch den Schweiß von der Haut wegtransportieren kann. (2.) Auf die Bsisschicht folgt als nächstes die Isolationsschicht, die aus einer oder mehreren Kleidungslagen bestehen kann und das Primärziel verfolgt, den Verlust von Körperwärme durch die isolierenden Luftschichten zu unterbinden. (3.) Die abschließende äußere Schale dient dem Witterungsschutz – also dem Schutz vor Wind und Wasser – und sollte im besten Fall auch atmungsaktiv sein, damit der Schweiß in die Umgebung verdunsten kann.

Der eigentliche Vorteil dieser Anziehtechnik besteht darin, sich durch das Ablegen oder Anziehen einzelner Kleidungsstücke vornehmlich aus der Isolationsschicht zeitnah und flexibel an aktuelle Temperaturverhältnisse anpassen zu können. Wobei aus meiner Sicht dazu gesagt werden muss, dass eine 1:1 Umsetzung gerade beim Laufen und vor allem bei kürzeren Trainingseinheiten nur bedingt praktikabel ist. Denn wer will schon aufgeplustert wie ein Michelin-Männchen durch die Gegend joggen?! Und auch einen Laufrucksack zum Verstauen überflüssiger Kleidungsstücke werden nur die allerwenigsten ständig dabei haben.

Naja, wie auch immer – die beste Theorie bringt dir sowieso nicht allzu viel, wenn du dich in der Praxis nicht dran hältst oder dein Wärmeschutzsystem trotz befolgter Ratschläge an einigen Körperstellen eklatante Sicherheitslücken ausweist, dann wird es schnell ungemütlich, weil der Schutz nur noch eingeschränkt gegeben ist.

Auch am besagten Tag hatte meine getroffene Kleiderwahl nicht die erwünschte Effektivität und dies lag nur bedingt an einer suboptimalen Theorieumsetzung, denn mit einem Unterhemd, einem dickeren Multifunktions-Langarm-Oberteil aus Fleece sowie der atmungsaktiven Jacke, war die Dreischichtigkeit zumindest für den Oberkörper erfüllt. Weiter trug ich zwei BUFF-Tücher um den Hals, eine Mütze auf dem Kopf, Handschuhe, Laufsocken und –schuhe sowie eine lange Laufhose und ich war mir vorher eigentlich sicher, mich ausreichend geschützt zu haben, was sich dann aber alsbald als Irrtum herausstellen sollte. Dabei sah es beim Blick durch das Fenster noch nach einer entspannten Runde in der Sonne bei zugegebenermaßen etwas kühleren Außentemperaturen aus. Doch trotz des schönsten Sonnenscheins war spätestens mit dem Öffnen der Tür klar, dass ich auf dieser Runde auf keinen Fall zu lange Fotostopps einlegen sollte, was zwischendurch immer dann passiert, wenn es unterwegs irgendwas Spannendes zu sehe gibt und Fotos gemacht werden wollen…

Autsch – mein Brain hat einen Frostschaden…

Aber an diesem Tag waren nicht die Minusgrade das Hauptproblem, sondern einzig und allein der eisige Wind, der massiv und ausschließlich aus östlicher Richtung wehte, denn in den windgeschützten Passagen war das Laufen auch dank der herrlich scheinenden Sonne eine entspannte Wohltat für das gebeutelte Gemüt. Doch als ich nach 6 Kilometern am Rhein-Herne-Kanal angekommen war, war sofort klar, dass die 1-Mützen-Strategie schmerzhaft enden wird. Denn am ungeschützten Kanalufer wehte es zwischendurch so heftig, dass ich mir mehrmals vor Schmerzen den Kopf reiben musste – da der kalte Wind so massiv auf meine linke Kopfhälfte einwirkte, dass sich ein stechender Schmerz am Kopf ausbreitete. Diese Art Schmerz war mir persönlich zuvor nur vom überhastigen Eis essen, der ICE-Bucket-Challenge oder vom Durchtauchen der diversen Eisbecken bei der XLETIX-Challenge bekannt, dass er aber auch vom Wind verursacht werden konnte, das war mir bis dahin neu.

Und dieses Schmerzphänomen hat sogar einen eigenen Namen und wurde zudem hinreichend wissenschaftlich untersucht – Hirnfrost. Die Studienergebnisse zum Hirnfrost, der auch unter den englischen Begriffen ice cream headache, brain freeze, freezie oder frozen brain syndrome bekannt ist, wurden im British Medical Journal einer renommierten medizinischen Fachzeitschrift im Jahre 2002 publiziert (M. Kaczorowski & J. Kaczorowski (2002)). Aktuelle Ergebnisse gehen davon aus, dass sich „das Gehirn durch eine Erweiterung der Blutgefäße vor Abkühlung schützt und der Schmerz durch die resultierende Druckzunahme entsteht“.

Inwieweit die Beschwerden in meiner Situation auch durch eine Verkrampfung der Kopfmuskulatur hervorgerufen oder zumindest beeinflusst wurden, kann ich zwar nicht beurteilen, es wäre aber zumindest denkbar. Jedenfalls hatte dieses schmerzhafte Erlebnis die Konsequenz, dass ich meine 1-Mützen-Strategie bei den folgenden Trainingseinheiten dahingehend optimiert habe, auch bei meinem Kopfkälteschutz die Zwiebeltechnik anzuwenden, sodass ich über die enganliegende Multifunktionsmütze noch eine dicke Wollmütze gezogen habe.

Wie Möwen mit Hilfe der Physik dem Frost trotzen…

Unabhängig vom widerfahrenen Hirnfrost, den Eiszapfen im Bart oder der zu 2/3 eingefrorenen Trinkflasche war es zwar zugegebenermaßen eine relativ einsame aber in jedem Fall einzigartige Trainingseinheit entlang des Rhein-Herne-Kanals. So hatte ich das Privileg eine riesige Kolonie frostresistenter Möwen bestaunen zu dürfen, die mit einer Anzahl von weit über 200 Individuen auf der größtenteils zugefrorenen Eisfläche des Yachthafens in Gelsenkirchen Bismarck saßen und dort auf dem dünnen Eis bei Kälte, Schnee aber zumindest sicher vor Fressfeinden den Widrigkeiten trotzten. Schon beim Zusehen alleine hätte man kalte Füße bekommen können, aber kalte Füße haben diese gefiederten Kollegen sowieso ständig, denn wenn dem nicht so wäre, bestünde bei ihnen die akute Gefahr, auf dem Eis fest zufrieren.

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Damit dies nicht passiert sind die Entenbeine so wie auch wärmeeffiziente Gebäude mit internen Wärmetauschern ausgestattet. Bei der Ente fließt das kalte Blut von den Füßen über die Venen zum Herzen, wird dort aufgewärmt, mit Sauerstoff angereichert und fließt dann über die Arterien zurück in die Körperperipherie. Arterien und Venen verlaufen in den Entenbeinen parallel und in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Der sowohl energie- als auch wärmesparende Schritt des Wärmetauschers erfolgt nach dem Prinzip des Gegenstroms. Das kalte von den Füßen zum Herzen zurückströmende venöse Blut der Venen kühlt das vom Herzen kommende warme arterielle Blut ab und wird dabei gleichzeitig erwärmt. Durch diesen Effekt haben Enten zwar immer kalte Füße, dafür sind aber der Wärmeverluste an die Umgebung vernachlässigbar und somit auch die Gefahr auf der ansonst antauenden Eisfläche festzufrieren nicht existent.

Meine Postrecherchen haben ergeben, dass es sich bei der Vogelkolonie um Lachmöwen gehandelt haben müsste, obwohl ich mir dabei auch nicht zu 100% sicher bin, weil zum einen geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen den Individuen bestehen, aber sich auch Alt- und Jungvögel in einigen Merkmalen wie Gefiederfarbe, Körpergröße oder Schnabelfarben unterscheiden. Und ob sich in diesen Trupp irgendwelche anderen Möwenarten geschmuggelt haben, weiß ich natürlich auch nicht. Leider konnte die Bilderqualität meiner 0815-Digicam auf der Entfernung und den suboptimalen Lichtverhältnissen auch nichts Entscheidendes zur Artenbestimmung beisteuern.


Und immer dran denken – mit offenen Augen sieht man mehr vom Weg – in dem Sinne Rock ’n‘ Roll

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, aber eine Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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2 Antworten zu The Beast from the East?! da lachen die Möwen nur müde drüber – die Kolonie Lachmöwen sitzt die sibirische Kälte einfach aus und bekommt dabei nicht einmal kalte Füße

  1. Talianna schreibt:

    Ich bin am Freitag 15km durch den Tiergarten in Berlin gelaufen. Der Wind war teils widerlich, aber es ging schon. Meine langen Haare isolieren schon ein bisschen gegen Hirnfrost …

    Ich bin auch irgendwie nicht so die Dreischicht-Person, sondern bevorzuge zwei Schichten. Nach den ersten anderthalb Kilometern wird’s wärmer. Der Körper produziert einen Haufen Abwärme, wenn er bisserl was zu tun hat.

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    • SohlenRocker schreibt:

      Stimmt an diesem Wochenende war es definitiv erträglicher, wobei meine Schockfrostung auch irgendwann zu Monatsbeginn gewesen ist – für normal bin ich nämlich auch recht kälteresistent und so lange meine Hände einigermaßen geschützt sind, ist alles bueno – laufe auch jahreszeitenunabhängig in kurzer Hose, aber an dem Tag hat es mich buchstäblich eiskalt erwischt…

      Gefällt 1 Person

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