Eine geführte New York Marathon Tour [guided-Tour] – ein detaillierter Streckenbericht von Meile 1 bis Meile 26.2 mit vielen Infos und mehr [1st half]

Nächste Woche ist es dann genau ein Jahr her, dass ich über die Straßen New Yorks laufen durfte. Es wird also Zeit, diese geilen Momente nochmals aufleben zu lassen und mir zurück ins Bewusstsein zu holen …

Rückblick auf die größte Marathon-Party der Welt

Eine geführte New York City Marathon Tour – ein detaillierter Streckenbericht von Meile 1 bis Meile 26.2 mit allen Highlights, vielen Infos  und Wissenswertem vom Streckenrand –  es warten 5 Stadtteile mit 5 Brücken verteilt auf 26 fantastische Meilen voller positiver Emotionen – mEin Rückblick auf den größten Marathon der Welt.

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Titelbild NY bearb klein


– Mile 1 –

NYCM17 Meile 1

Foto-Collage von Meile 1 beim New York City Marathon 2017

Aller Anfang ist schwer – das trifft auf den Start beim New York City Marathon im Besonderen zu und das nicht nur aufgrund der über 50.000 Starter, die auf die Strecke gelassen werden wollen. Direkt zu Beginn auf der ersten Meile wartet die Überquerung der weltberühmten Verrazano-Narrows-Bridge, die die Upper New York Bay überspannt und die beiden New Yorker Stadtteil Brooklyn und Staten Island miteinander verbindet. Die Brücke stellt zugleich den höchsten Punkt der Strecke dar.

Was für ein ergreifender Moment es ist, wenn man am Fuße der Zufahrtsrampe zu dieser kolossalen Brücke am New York City Marathon steht, wenn die letzten Zeilen der amerikanischen Hymne gesungen sind, wenn das Kommando „Get Ready“ durch die Lautsprecher schallt und wenn du dann von einer markdurchdringenden Kanonenexplosion wachgerüttelt auf die Strecke geschickt wirst – einfach ein unvergessliches und unbeschreibliches Erlebnis!!!

Ist der Scheitelpunkt der Brücke mit einer Höhe von rund 70 Metern erreicht, wird man mit atemberaubenden Weitblicken auf die Südspitze Manhattans belohnt (habe ich mir zumindest sagen lassen, weil am Veranstaltungstag selbst war davon wetterbedingt leider nicht viel zu sehen 😉 )

Die emotionale Start-Meile endet noch auf der über 2.000 Meter langen Hängebrücke – ausreichend Zeit für uns um sich bewusst zu werden, dass man so eben Teil der größten Marathon-Party der Welt geworden ist – auch wenn von Party hier noch nicht wirklich viel zu hören ist. Obwohl auch schon hier die Ruhe vor dem Sturm zwischendurch vom aufbrandenden Jubel im Läuferfeld gebrochen wird, aber eins ist garantiert, die ruhigen Phasen werden bald für längere Zeit der Vergangenheit angehören…


– Mile 2 –

Verrazano-Bridge; Staten Island; NYCM

Foto-Collage von Meile 2 beim New York City Marathon 2017

Staten Island liegt schon hinter uns – nur noch 25 Meilen durch die vier anderen New Yorker Stadtteile und dann wartet im Central Park das Ziel…

Nachdem uns die erste Meile auf das „Dach“ des New York City Marathons gebracht hat, liegt es in der Natur der Sache, da wir uns auf einer Hängebrücke befinden, dass es irgendwann auch wieder bergab geht. Und diese Downhillphase wartet auf Meile Zwei – wenn es hier nicht so viel Interessantes zu bestaunen gäbe, könnte man es hier ordentlich rollen lassen, aber davon kann ich jedem Genußläufer nur abraten, da sich die konzentrischen Muskelbelastungen des Bergablaufens erst gegen Ende des Laufes bemerkbar machen werden und auch hier in New York – oder besser gesagt – weil vor allem hier beim New York City Marathon die Ente am Ende besonders fett ist… 😉

Dass wir per pedes auf der Verazzano-Bridge unterwegs sein dürfen, ist ein echtes Privileg, da die Brücke nur zweimal im Jahr für motorisierte Verkehrmittel gesperrt ist. Neben den Marathonis ist nur noch dies nur bei der 5 Borough Bike Tour möglich. Über die Brücke verläuft die INTERSTATE 278. was in etwa damit vergleichbar ist, als würde man bei uns in Deutschland auf einer stark frequententierten Autobahn den Start eines Marathons durchführen – und dabei ein Gewässer überqueren – was vlt. noch annähernd mit der Querung des Rheins auf einer Rheinbrücke zu vergelichen ist, nur mit dem „kleinen“ Unterschied, dass diese Brücke über zwei Kilometer lang ist und zwei Etagen mit insgesamt zwölf Spuren hat.

Auf der Gegenfahrbahn kann man die Läufer eines anderen Corrals (Startblock (GELB, GRÜN, BLAU) in der Startwelle) erkennen, da der Start zum Teil auf verschiedenen Etagen erfolgt ist, dauert es noch eine Weile bis die drei Corrals vereint sind, bis dahin verlaufen die Corrals separat auf eigenen Straßen.

Die Stimmung nimmt Anlauf, aber die Verazzano-Bridge ist nicht mehr all zu lang. Die Blicke nach Brooklyn rein sind trotz Nebels begleitet von Neugierde, Vorfreude und purer Lust endlich auch mal die anderen Stadtteile von New York kennen zu lernen…


– Mile 3 –

Foto-Collage von Meile 3 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 3 beim New York City Marathon 2017

Nachdem die Verrazano-Narrows-Bridge endgültig hinter uns liegt, heißt es zu Beginn von Meile 3 auf dem offiziellen Aufsteller eines bekannten US-amerikanischen Schuhladens – WELCOME TO BROOKLYN !!! Dank dieser Schilder wusste ich immer wann der alte Stadtteil endet und der Neue beginnt.

Jubel bricht aus als die Läufer vom gelben Corral zu unserem blauen Strang stoßen, uns trennt zwar noch weiterhin die Absperrung in der Mitte der Straße von einander, aber von nun an laufen die beiden Stränge schon mal nebeneinander auf derselben Straße, während die GRÜNEN noch immer auf einer komplett anderen Route unterwegs sind.

Vor einigen Einfamilienhäusern, die hier überwigend das Bild prägen, sind vereinzelte Grüppchen von Menschen zu sehen, manche halten selbst gebastelte Schilder in ihren Händen und heißen uns Läufer willkommen. Die erste Musikband lässt auch nicht lange auf sich warten – vor einer Tankstelle hat sich eine Trommelergruppe in Blau positioniert und treibt die Läufer die Straße entlang – und hier jagt wirklich eine Musikgruppe die nächste – noch auf der selben Meile kommen wir direkt an der nächsten Band vorbei, die uns vor einem Autohaus begrüßt. Immer wieder bricht Jubel aus, Leute bleiben vor den Bands stehen, manche legen ein Tänzchen auf den Asphalt, andere halten mit ihrer Cam drauf, um den Daheimgebliebenen das hier erlebte Spektakel mit nach Hause zubringen.

Batman und Robin sind auch im Läuferfeld dabei – da kann ja eigentlich gar nichts mehr schiefgehen. Und welche Helden ich nicht noch alles begegnet bin – oh man, was hier für lustige Leute mitlaufen oder am Streckenrand stehen – das erlebt man hier zu Lande bestenfalls in der 5. Jahreszeit oder auf irgendeiner Mottoparty…


– Mile 4 –

NYCM17 Meile 4

Foto-Collage von Meile 4 beim New York City Marathon 2017

Wir befinden uns weiterhin auf der 4th Avenue in Bay Ridge einem Stadtteil von Brooklyn. Brooklyn hat weit über 20 unterschiedlich geprägte Stadtteile und Neighborhoods, von denen sich viele aus Kleinstädten und Dörfern entwickelt haben, und die teilweise bis in die niederländische Gründerzeit zurückgehen.

Der Blick nach vorne ist auf ein mächtiges Backsteinhochhaus gerichtet, auf das wir gefühlt die ganze Meile draufzulaufen und das in Relation zu den durchgehend kleineren Häusern aus der Reihe fällt. Bei diesem markanten Gebäudekomplex von Meile 4 handelt es sich um die so genannten  Towers of Bay Ridge, einem riesigen Wohnkomplex, der an der 65th Street liegt.

Ebenfalls auf Meile 4 befindet sich der erste VP – es gibt Wasser und GATORADE ENDURANCE. Alle freiwilligen Helfer sind mit grünen Regenjacken ausgestattet und tragen beim Anreichen der Getränkebecher aus hygienischen Gründen zudem Gummihandschuhe.

Es wird zunehmend voller, sowohl an der Strecke aber vor allem auf der Strecke. Letzteres liegt daran, dass bei Meile 3,5 auch endlich die Läufer des grünen Corrals zu uns (Blauen/ Gelben) auf die 4th Avenue stoßen. Die drei Corrals, die zunächst wie Nebenflüsse eigenständig von der Verrazano-Bridge in Richtung Brooklyn fließen und erst dort nach und nach zu einem mächtigen Strom vereint werden. Sobald die drei Corrals vereint sind, besteht das Läuferfeld der Welle 4 aus rund 13000 Läufern. Streng genommen verlaufen die beiden Strecken noch bis Meile 8 parallel zu einander, aber eben dennoch getrannt von einander, wobei die beiden Seiten lediglich mit einem Absperrband getrennt sind.

Wie kann es auch anders sein, so wartet auch auf Meile 4 mehr als eine Musikband. Auch die Menschentrauben am Straßenrand werden langsam großer und Anfeuerung wird frenetischer. Ob Groß oder Klein permanent werden High-Fives zwischen Zuschauern und Läufern ausgetauscht. Und was jetzt schon auffällt Schilder mit lustigen Sprüchen scheinen hier in New York beim Marathon-Support voll im Trend zu liegen.

Am Ende von Meile 4 verlassen wir den Brooklyner Stadtteil Bay Ridge und es wartet Sunset Park…


– Mile 5 –

Foto-Collage von Meile 5 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 5 beim New York City Marathon 2017

Kurz hinter dem Meile-4-Schild verlassen wir den Brooklyner Stadtteil Bay Ridge und kommen nach Sunset Park. Die gesamte Meile 5 geht es immer noch weiter geradeaus auf der Fourth Avenue. Eine Straße direkt neben der 4th Avenue befindet sich der Eingang zu dem Park, dem das Viertel hier seinen Namen verdankt. Der Sunset Park erstreckt sich zwischen der 44th und der 41th und von der Fifth Avenue bis zur Sixth Avenue. Er liegt an einem der höchsten Punkte von Brooklyn und ermöglicht dadurch einen super Blick auf den New Yorker Hafen mit der Freiheitsstatue und der Südspitze Manhattans.

Bis wir allerdings auf der Höhe des Parks sind, dauert es noch etwas. Auf dem Weg dahin wartet noch ein markantes Kirchengebäude. Die rote Backsteinkirche St. Michael, die eine katholische Gemeindekirche beheimatet und der römisch-katholischen Diözese von Brooklyn angehört wurde im Jahre 1905 erbaut. Der gewölbte Turm, der oft als Brooklyns „Sacré-Cœur“ bezeichnet wird, war bis in die späten 2000er Jahre nach der Williamsburg Savings Bank das zweithöchste Gebäude in Brooklyn. Farblich unterscheidet es sich von den Wohntürmen aus Bay Ridgs von Meile 4 nur wenig. Ich persönlich finde zwar, dass der Vergleich mit der Basilica minor Sacré-Cœur de Montmartre in Paris so was von hinkt, aber nun gut anders als 0815 sieht der Kirchturm mit seiner gewölbten Spitze aber auf jeden Fall aus.

Wenn mir auf Meile 5 Supporter einer Nation besonders in Erinnerung geblieben sind, dann sind das auf jeden Fall die vielen Zuschauer mit ihren großen mexikanischen Flaggen. Viele von den „Chicanos“, so wie die Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln hier zu Lande umgangssprachlich genannt werden, waren neben der Flagge auch mit landestypischen Verkleidungen verkleidet. Teilweise hatten sie so übergroßen Sombreros auf, manche sahen aus wie Inka-König mit prächtigen Federn und andere hatten übergroße Gesichtsmasken auf – immer bestens gelaunt und stets bereit für ein Selfie in die Kameralinsen der Läufer zu lächeln. Aber an der Strecke waren natürlich auch die vielen anderen Nationen zahlreich vertreten. Meistens in kleineren Kolonien organisiert, mindestens mit ihren Nationalflaggen ausgerüstet, standen sie an der Strecke und warteten vermutlich auf ihre Angehörigen und haben damit auch ganz klar zur großartigen Stimmung beigetragen….


– Mile 6 –

Foto-Collage von Meile 6 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 6 beim New York City Marathon 2017

Wir sind weiterhin auf der 4th Avenue unterwegs und das noch ein ordentliches Stück, denn erst wenn das 8-Meilen-Schild am Streckenrand auftaucht, ist unsere Reise auf dieser Straße durch ganz Brooklyn zu Ende. Laut GOOGLE-MAPS hat die 4th Ave eine beeindruckende Gesamtlänge von 9,656 km, von denen wir bis zu Beginn von Meile 6 erst die Hälfte gesehen haben, aber keine Sorge, denn auch den anderen Teil werden wir noch sehen.

Nachdem wir die Stadtteile DYKER HEIGHTS, BAY RIDGE und SUNSET PARK schon hinter uns liegen lassen haben, geht es auf Meile 6 durch GREENWOOD. Hier befindet sich unter anderem der weltberühmte Green-Wood Cemetery, ein Friedhof, der 1838 eröffnet wurde und der in der Folgezeit sowohl bei den Lebenden als auch bei den Toten hoch im Kurs stand. Hier sind einige Persönlichkeiten begraben, aber auch die Architektur der alten Gräber, die Friedhofsgebäude und die parkähnliche Gestaltung machen den Friedhof zu einer regelrechten Besucherattraktion.

Die Stimmung an der Strecke hat mit Friedhof dahingegend überhaupt nichts zu tun, ganz im Gegenteil, die Leute stehen trotz leichten Nieselregens massig an der Strecke und sorgen für eine einmalig Kulisse, vor allem der Einfallsreichtum bei den gestalteten Schildern scheint unerschöpflich – ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich wegen der lustigen Sprüche schmunzeln muss oder dann und wann sogar leise auflache.

Da steht dann jemand mit Pferdemaske auf dem Kopf und dem Schild in der Hand: „ You are winning“ oder ein anderer mit „WORST PARADE EVER!!!„. Doch das Paar, das mir von Meile 6 besonders in Erinnerung gebleiben ist, hatte zusätzlich zu den Schildern, die sie im Moment in den Händen hielten, als ich vorbeikam, auch noch ein Schild speziell mit einer Botschaft an die deutschen Starter: „GERMAN ENGENEERS RUNNING MOTORS“, das sie mir sodann auch freudig präsentierten als sie bermerkten, dass ich die Cam gezückt hatte, dabei waren die Beiden Amerikaner durch und durch, aber der Diesel-Betrugsskandal ist auch in den Staaten top aktuell.

Was noch auffällt hier auf Streckenstück scheint eine regelrechte Fressmeile zu sein – ein Deli folgt auf dem nächsten Deli – Delikatessen sind Feinkostläden, machen auf mich von außen aber eher den Eindruck von Schnellrestaurants irgendwie imbissmäßig?! Zwar finden sich hier auch die 0815-Kette wie Mc D., Burger K. oder Sub-W. – aber sonst überwiegend eher kleinere Läden. Wenn das Frühstück im Starter-Village am Fuße der Verrazano-Narrows-Bridge mit Rosinen-Bagels, Kaffee, Kakao, Powerbarriegeln und Gels nicht so üppig ausgefallen wäre, dann hätte ich vermutlich spätestens bei den ganzen Deli-Anpreisungen Appetit bekommen. Hier gibt’s Delitechnisch wirklich alles – Cousins Deli, Best Deli, Eden Deli Grocery, YAFA Deli & Grill, Sunset Deli, Enjoy my Bagels Deli, 4th Avenue Deli & Grill, Penas Candy Deli, Vegano Deli und gefühlt bestimmt noch 1000 andere Delis.

Und am Meile-6-Schild warten dann auch schon wieder die fleißigen Helfer am „Verpflegungs-DELI“ mit der „Standard-Marathon-Kulinarik“ – eins ist auf den ersten Meilen schon mal klar, verdursten werde ich hier definitiv nicht!. Nach jeder Meile ist ein Verpflegungsstand aufgebaut, sodass man zwischendurch auch mal ohne Dehydrierungsgefahr den einen oder anderen VP getrost auslassen kann.

Was ich mich bei der grünen Helferarmee allerdings frage, tragen sie die grünen Regencapes wegen dem Nieselregen oder weil es bei der Übergabe der vollen Becher feucht werden kann?! Hmm, vermutlich sowohl als auch… Beeindruckend ist aber vor allem, dass allein am Wettkampftag 12.000 Volunteers vor Ort sind, die neben der Ausrüstung zudem ihr Chance auf einen Marathonstartplatz durch den freiwilligen Dienst erhöhen…


– Mile 7 –

Foto-Collage von Meile 7 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 7 beim New York City Marathon 2017

Nach dem Verpflegungspunkt bei Meilen 6 befinden wir uns auf Höhe der 22th Street im Brooklyner Stadtteil GREENWOOD. Auf der Meile 7 wird uns die Marathonroute in nordöstlicher Richtung bis zur 3rd Street führen. Nachdem wir GREENWOOD verlassen haben, laufen wir weiterhin auf DER Straße (Anm. 4th Ave), die hier genau auf der Grenze zwischen den beiden Stadtteilen PARK SLOPE (westlich) und GOWANUS (östlich) verläuft oder sollte man besser sagen, dass sie die Grenze der beiden Stadtteile markiert. Naja, ist auch egal – aber unterschiedlicher könnten die beiden Stadteile eigentlich gar nicht sein, wobei die Strecke weder tiefe Einblicke in das eine Viertel noch in das andere werfen lässt.

Trotzdem liegen die Unterscheide auf der Hand: Was der Central Park für Manhattan ist, das ist der Prospect Park für Brooklyn und durch die direkte Nachbarschaft zum Park, aber natürlich auch durch die perfekte Anbindung nach Manhattan, hat sich der Stadtteil SLOPE PARK in den letzten Jahren zu einem hippen Trend- und Szeneviertel entwickelt. Die gestiegene Beliebtheit des attraktiven Wohnviertels und die damit einhergehende höhere Nachfrage bei zunehmend kleiner werdendem Wohnungsangebot führen unweigerlich zu einem Anstieg der Mietpreise, den sich am Ende nur noch die Finanzkräftigsten leisten können. Die Konsequenz aus dem Desaster ist, dass die langjährigen Bewohner kurz über lang dazu gezwungen sein werden, in die weniger attraktiven Stadtteile am Rand auseichen zu müssen. Dieser als Yuppisierung oder Gentrifizierung bezeichnete sozioökonomische Strukturwandel ist natürlich kein US-amerikanisches Phänomen. Dieser Prozess hat auch die deutschen Großstädte schon längst erreicht. Man muss sich nur den Wohnungsmarkt in Berlin, München oder Hamburg angucken.

Im Gegensatz zu SLOPE PARK, wo die Yuppisierung ihren Höhepunkt zumindest erreicht oder sogar schon überschritten hat, so steckt dieser Prozess in GOWANUS noch im Anfangsstadium. Das Stadtviertel GOWANUS, das nach dem gleichnamigen Kanal benannt ist, besteht überwiegend aus Industriegebäuden und einfachen Reihenhäusern. Statt des naturnahen Prospect Parks ist hier zudem eine der vier großen New Yorker Kläranlagen beheimatet. Es muss allerdings erwähnt werden, dass auch in GOWANUS ein beginnender Wandel eingesetzt hat und die finanzkräftigen Investoren ihre nach Profit gierenden Fühler in das Viertel ausgestreckt haben.

An der Strecke und auf der Strecke passiert einfach zu viel und es gibt zu viel zu sehen, so dass ich regelrecht überrascht davon bin als das 10km-Schild am Streckenrand auftaucht und an mir vorbeizieht. Im ersten Moment hatte ich mich noch gewundert – „10 Meilen?!“. Wie kann das sein, wir waren doch eben erst am 6 Meilen Marker. Aber im Gegensatz zu den Meilenangaben, die nach jeder absolvierten Meile angezeigt werden, gibt es die metrischen Schilder nur alle 5 Kilometer. DAS „nur“ bezieht sich ausschließlich auf die Relation zu den inflationär vorhandenen Meilen-Schildern, soll keinesfalls despektierlich klingen, da die vorhandene Anzahl natürlich mehr als vollkommen ausreichend ist. Zusätzlich sind an allen Meilen- und Kilometermarkern jeweils Uhren integriert, wodurch der Athlet eine optimale Rückmeldung seiner Durchgangszeiten erhält, wobei ich mir die angezeigte Zeit von Beginn an suspekt war.

Wie auf den Meilen zuvor ist die Begeisterung der Zuschauer einmalig. Ich glaube ich könnte über die Art und Weise des Supports beim New York City Marathon auch ein eigens Kapitel oder zumindest einen Beitrag schreiben. Es ist unfassbar wie viel verschiedene Schilder ich gesehen habe, viele Kostüme und wie frenetisch teilweise die Leute an der Strecke abgehen, das ist mit absolut nichts zu vergleichen, das ich bisher Marathontechnisch erlebt habe. Man könnte fast meinen, dass sich die Leute aus den unterschiedlichen Vierteln gegenseitig überbieten wollen und untereinander ein Contest ausfechten – ganz ganz großes Kino, muss man unbedingt erlebt haben – Chapeau, ich kann mich echt nur wiederholen!

Auf Höhe der 10th Street geht es dann unter einer Eisenbahnbrücke-Unterführung durch, die über einen schickverzierten und renovierten  Brückenbogen verfügt. Von der Bauweise schien es mir so als würde er zudem die Schienen tunnelähnlich ummantelt. Allerdings ist er mir die Tunnelpassage vor allem, wie kann es auch anders sein, wegen der beeindruckend lauten Akustik bleibend in Erinnerung geblieben. Hier waren besonders viele Zuschauer, da die Brücke Schutz vor dem Nieselregen geboten hatte, der bedauerlicherweise mittlerweile zu einem begleitenden Dauerzustand geworden ist. Doch auch vom eher suboptimalen Wetter lässt sich hier natürlich niemand abschrecken. Die Anzahl an Schirmen nimmt zwar kontinuierlich zu, aber die Stimmung an der Strecke ist weiterhin phänomenal.

An der 9th geht es vorbei an einer relativ unscheinbaren Backstein-Basilika, was aber eigentlich meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, das ist das markante Gebäude, das am Ende des Horizonts erscheint und von nun an bis zum Ende von Meile 8 nicht mehr aus unserem Blickfeld verschwinden wird. Doch bis das Gebäude erreicht ist, liegen noch gut und gerne zwei Kilometer Strecke vor uns…


– Mile 8 –

Foto-Collage von Meile 8 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 8 beim New York City Marathon 2017

Eins steht jetzt schon fest – nur noch eine Meile und die 4th Ave gehört endgültig der Vergangenheit an. Seit nunmehr fünf Meilen führt sie mich durch den von mir zuvor nie gesehenen New Yorker Stadtteil Brooklyn. Auf diesen Meilen durfte ich eine Menge über Brooklyn erfahren, die Häuser haben sich krass verändert, sie wurden nach und nach moderner und höher, aber die unterschiedlichen Menschen, die in den verschieden geprägten Vierteln an der Strecke standen, hätten gleicher nicht sein können – alle waren enthusiastisch, frenetisch und durchweg liebenswertalle ohne Ausnahme.

Auch wenn es bis zur Verabschiedung unserer treuen Begleitern der 4th Avenue noch ein Stück zu laufen gilt, so endet zumindest die nummerische Zählweise der kreuzenden Straßen schon recht bald, da wir uns aktuell auf der 3rd Street befinden und in Richtung abnehmender (Norden) Straßenzahlen laufen. Die weiteren auf der West-Ost-Achse angelegten Straßen tragen dann so gewöhnliche Namen wie Garfield St, Carrols St, President St, Union St, Sackett St, Degraw St, Butler St, Baltic St, Warren St, Bergen St, Dean St, Pacific St und Atlantic St – ich denke ihr habt verstanden, was ich meinte?!

Stadtteiltechnisch bewegen wir uns weiterhin als Grenzgänger zwischen den beiden Stadtteilen GOWANUS und PARK SLOPE und kommen gegen Ende der Meile dann nach BOERUM HILL rein.

An der Atlantic Street kurz bevor wir den Horizontanker von Meile 8 erreichen, gewährt uns die Streckenführung einen Blick auf das Barclays Center, das auch unter dem Namen Pacific Park bekannt ist. In der Multifunktions-Arena werden neben Konzerten auch die Heimspiele der New York Islander aus der NHL ausgetragen, aber auch NBA-Basketball oder andere Hallensportarten durften schon vom Publikum bestaunt werden. Persönlich interessant fand ich die Info, dass die Halle am 28. September 2012 mit einem Konzert des Rappers Jay-Z eröffnet wurde. Was so toll überhaupt erst einmal nicht ist, da stimme ich Euch absolut zu, wenn Jay-Z nicht Alicia Keys dazu überreden konnte, eines der geilsten Lieder über NEW York mitzusingen – Empire State of Mind – das ich, seitdem feststand, dass ich den NYC-Marathon laufen werde, gefühlt jeden Tag mindestens einmal gehört hatte und bei dem ich bei der Parade der Nationen im Rahmen der Eröffnungs-Zeremonie noch am Freitag (03.11.2017) im Central Park eine mittelschwere Gänsehaut-Attacke bekommen habe.

Bei dem markanten Gebäude, das uns seit über einer Meile wie ein Leuchtturm am Horizont den Weg gezeigt hatte, handelt es sich um den Williamsburgh Savings Bank Tower. Der Tower steht am Hanson Place zwischen Ashland Place und St. Felix Street und hat 37 Stockwerke. Mit einer Höhe von 156 Metern war es bis 2010 das höchste Gebäude von Brooklyn. Seit dem Ende der Umbaumaßnahmen 2008 bei denen luxuriöse Eigentumswohnungen entstanden sind, wurde das Gebäude in One Hanson Place umbenannt. Die Ziffernblätter der vier Uhren haben einen Durchmesser von über 5 Meter und waren bei ihrer Installation die größten der Welt. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir die Besonderheit der riesigen Uhren am Marathontag nicht sofort aufgefallen ist, was aber vermutlich damit zusammenhängt, das auf den Straßen mal wieder die völlige Ektase ausgebrochen ist – das ist der absolute Hammer, was hier abgeht, das ist einfach nur großes Kino!!!

Vor lauter Jubel, Trubel und Heiterkeit entlang und auf der Strecke habe ich zu Beginn von Meile 8 – auf Höhe der 3rd Street – vermutlich einen der geschichtsträchtigsten, wenn nicht sogar den geschichtsträchtigsten Ort der USA übersehen, von dem ich ohne meiner post-Recherchen sicherlich noch nicht einmal erfahren hätte. Denn im Washington-Park, zwischen der 3rd an 4th Street, steht ein wieder aufgebautes Steinhaus, damals natürlich im Original, das schon im Jahre 1776 bei der Schlacht von Brooklyn dort gestanden haben soll und in dem einige Jahre später bei der Gründung der Brooklyn Dodgers Sportgeschichte geschrieben werden sollte..

Bei dem Gebäude handelt es sich um das Old Stone House (Vechte–Cortelyou House), das im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine Rolle während der mitkriegs-entscheidenden Schlacht gehabt hat. Kriegsentscheidend war diese Schlacht deshalb, weil eine zahlenmäßig aussichtslos kleine Truppe, die sogenannten Maryland 400 (es waren wohl aber nicht 400, sondern allenfalls 260 bis 280, von denen 256 gefallen sind) unter hohen Verlusten die überlegenen britischen Kontinentaltruppen so lange aufhalten konnten, bis sich die Truppen von General George Washington, die drohten in ein Hinterhalt zu laufen, verlustfrei nach Staten Island zurückziehen konnte, um bei einer späteren Schlacht den Krieg zu Gunsten der amerikanischen  Freiheitskämpfer zu entscheiden. Die Märtyrer gingen als die Maryland 400 in die Geschichte des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1775 bis 1783) ein.

Wie schon erwähnt ist auch sportgeschichtlich ist in der Folgezeit auf diesem Flecken Brooklyner Erde einiges passiert. Fast einhundert Jahre später im Jahr 1883 wurde hier an gleicher Stelle die Baseball-Mannschaft Brooklyn Superbas gegründet, die ihre Heimspiele im neu errichteten Stadien mit dem Namen Washington Park ausgetragen haben und aus denen zu einem späteren Zeitpunkt die erfolgreichen Brooklyn Dodgers entstanden sind, die in ihrer Vereinsgeschichte mehrmals die nationale Baseball-Meisterschaft gewinnen konnten. Die Replik des Old Stone House wurde während dieser sportlich geprägten Phase bis zum Umzug der Dodgers zum Ebbet Field als Clubhaus genutzt. Der Washington-Park zählt somit zu den ältesten Baseballstadien in New York und Überreste davon, lassen sich im Park bestaunen…


– Mile 9 –

Foto-Collage von Meile 9 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 9 beim New York City Marathon 2017

Meile 9 beginnt direkt mit dem imposanten Bauwerk des Peter Jay Sharp Buildings, wo seit 1908 die Brooklyn Academy of Music (BAM) zu finden ist. Das Opern- und Schauspielhaus mit Kino-, Ball- und Theatersaal bietet genügend Platz für die verschiedenen Darbietungsformen aus dem Bereich der darstellenden Kunst. Darüber hinaus verfügt das Gebäude über weitere Räumlichkeiten, die für Feierlichkeiten, Empfänge oder pompöse Bankette genutzt werden. Von außen betrachtet, beeindruckte mich vor allem die edelanmutende Fassade mit den großen Fenstern und das ausladende Vordach, dass sich beinahe über die gesamte Länge des Gebäudes gezogen hat und dadurch viele Zuschauer zum Verweilen eingeladen und gleichzeitig als Zufluchtsort vor dem Regen gedient hat.

Die drei Corrals (GRÜN, BLAU, ORANGE), die beim Start separat ins Rennen geschickt wurden und bis zum 8-Meilen-Marker voneinander mehr oder weniger getrennt gelaufen sind, phasenweise zwar nur von einem Absperrband getrennt, aber auch im offiziellen Map-Heft separat dargestellt, laufen die restlichen 18 Meilen von nun an zusammen vereinte zu einer Läufermasse. Die unterschiedliche Zugehörigkeit zu den Corrals macht sich nur noch als eine kleine Farbmarkierung auf den Startnummern bemerkbar.

Nach der kurzen Stippvisite auf der Flatbush Ave führt uns Meile 9 ausschließlich über die  Lafayette Ave und wir durchqueren die Brooklyner Stadtteile GREENE FORT und CLINTON HILL. Die Lafayette Ave wird zeitnah zu einer einspurigen Oneway-Einbahnstraße, wodurch alles gefühlt enger zusammenrückt. Dieser verengende Effekt wird zusätzlich von einem fast noch geschlossenen Blätterdach der Bäume, aber vor allem durch die kompakte Menschenmasse verstärkt, die auf den riesigen Treppen vor den Brownstones und natürlich auf den Bürgersteigen am Straßenrand für fröhlich-ausgelassene Partystimmung sorgten.

Im Vergleich zur fast schon überbreiten 4th Ave kommt es einem hier fast so vor als läuft man durch ein Zuschauerspalier wie es der eine oder andere von der Etappe nach Alp d’Huez bei der Tour de France her kennt. Musste man  auf der 4th Ave zur Interaktion mit den Zuschauern weit am Straßenrand laufen, ist es hier vollkommen egal, wo man läuft, denn die Straße hat fast Singletrail-Charakter und man kommt gar nicht Drumherum, um nur einen der gefühlt tausend High-Five-Angebote nicht zu beantworten. Total irre, was hier passiert!!! Jeder jubelt Dir zu, hat Spaß und zeigt Dir warum der New York Marathon das ist was er ist – einfach einmalig, mein Nonplusultra – das absolute Maximum an Stimmung. Danke, dass ich das hier nach meinen über 50 bisherigen Marathons erleben durfte!!! Dem Support nach zu urteilen müssen hier eindeutig Spirituosen mit im Spiel – was hier abgeht, das ist die absolute Stimmungsexplosion.

Ohne Ende Schilder, Musik schallt aus den Wohnungen, teilweise von Balkonen oder auf den Treppen stehen die Leute bei bester Laune. Die meisten von ihnen mit einem roten Becher in der Hand, der vermutlich als eine Variante der in braunem Papier gerollten Flasche zu deuten ist, denn in NY wird eine Nulltoleranzstrategie in vielerlei Hinsicht gefahren, um das Leben in der 10 Millionenmetropole kontrolliert in geordnete Bahnen zu lenken. Gesetzlich ist zumindest jegliches Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit verboten, was zu teilweise grotesken Szenen führen kann. Vermutlich wird aber an Tagen wie diesem von den Gesetzeshütern ein Auge zu gedrückt – oder man hat von Seiten der trinkenden Kriminellen, da man als öffentlicher Trinker eben als solcher betrachtet wird und im Wiederholungsfall sogar mit Gefängnisstrafen zu rechnen hat, nichts zu befürchten, weil eben viele Straßen gesperrt sind, und somit die schwere staatsicherheitsgefährdende Straftat nicht geahndet werden kann. Außerdem gilt auch hier, wo kein Kläger dort kein Richter.

Neben dem mittlerweile normalen Wahnsinn hatte Meile 9 auch musikalisch mehr als nur ein Highlight zu bieten. Dabei dachte ich zuerst, dass ich mich verhört haben muss, denn das kam mir fast vor wie in einem Film. Einfach total unreal – da stehen rund 20 Personen unter Regenschirmen auf den Treppenstufen vor einer Kirche und singen kraftvoll Gospellieder, aber vom aller Feinsten. Meine post-Recherchen haben ergeben, dass es sich bei der Gruppe um den Emmauel Baptist Gospel Kirchenchor & Band gehandelt hat.

Kurz davor hatte ich schon mit einer NYCM-Institution Bekanntschaft machen dürfen – und zwar mit der Marschkapelle der Bishop Loughlin High School, die mit ihren Blasinstrumenten versteckt unter einer blauen Plane saß. Zur Institution wird diese Gruppe weil sie die Läufer seit 1979, in jedem Jahr des Marathons, mit dem einen Lied empfangen. Das Lied ist der Motivations-Booster überhaupt und jeder der Rocky kennt und mag, der wird dieses Lied lieben. „Gonna fly now„, auch bekannt als „Theme from Rocky“, das Titellied von Rocky Balboa, das von Bill Conti komponiert ist und 1977 veröffentlicht wurde. Also vor genau 40 Jahren und 2 Jahre später brachte der heutige Bandleader Mr. Maffei das Lied an die Marathonstrecke und motiviert hier Jahr für Jahr seitdem die Läuferschaft – auch mich hat es beinahe zum Abheben animiert, obgleich Überpacen natürlich unbedingt vermeiden sollte, denn bis ins Ziel sind es noch gute 17 Meilen und die können lang werden …


– Mile 10 –

Foto-Collage von Meile 10 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 10 beim New York City Marathon 2017

Nachdem die letzten Meter auf dem Stadtgebiet von CLINTON HILL zurückgelassen sind und das kurze Intermezzo auf der Lafayette Avneue damit auch schon wieder beendet ist, biegt die Strecke nach links ab in die Bedford Avenue. Hinter uns liegen Straßenzüge, die überwiegend aus den bräunlich-roten „Brownstones“ bestanden, die, wie ich erfahren habe, allein wegen ihrer Optik so heißen. Von der Gesteinsart her unterscheidet sich der Backstein-Brownstone vom herkömmlichen Sandstein durch seinen höheren Anteil an Eisenoxid, was die rötlich-braune Farbe erklärt. Typisch für die drei- bis vierstöckigen Häuser sind zudem die riesigen und vor allem steilen Treppen, die bis auf die Höhe der zweiten Etage ragen und meistens mit einem Geländer aus schwarzangestrichenem und kunstvollgestalteten Gusseisen gesichert sind.

Inwieweit auch die höheren Wohnhausblöcke in selbigem Look als Brownstone bezeichnet werden, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen, von dieser Art konnten aber gegen Ende von Meile 9 einige gesichtet werden. Bei GOOGLE-MAPS werden die als Pratt Towers bezeichnet und liegen in unmittelbarer Nähe zum Pratt Institut, was mich vermuten lässt, dass es sich bei den Wohnblöcken um eine Art Studentenwohnheim handelt. Für diese These würden auch das Publikum und die eskalative Stimmung auf diesem Streckenstück sprechen.

Mit dem Schwenk auf die Bedford Avenue ändert sich auch das Umgebungsbild fast schon schlagartig. Wir befinden uns von nun an im Stadtteilgebiet von BEDFORD-STUYVESANT – eine Wohngegend, vor der auch aktuelle Reisführer noch immer abraten, sie in der Dunkelheit der Nacht als Tourist zu betreten. Vor 30 Jahren hätte sich dieser Warnhinweis gewiss nicht nur auf die Nachtstunden beschränkt, denn da war Bed-Stuy eine über die Stadtgrenze gefürchtete No-Go-Area, die vor allem durch eine erschreckend hohe Mordrate glänzen konnte, und auch andere Gewalt- und Drogenverbrechen standen hoch im Kurs. Doch diese dunklen Zeiten scheinen längst überwunden, denn Bedford-Stuyvesant hat sich über die vergangenen Jahre zu einem aufstrebenden Viertel gemausert, was unter anderem auch an den zahlreichen Baustellen zu erkennen ist, an denen uns die Strecke vorbeilotst.

Auch wenn es festzuhalten gilt, dass die Bausubstanz in diesem Stadtteil im Vergleich zu GREENE FORT und CLINTON HILL noch deutlichen Behandlungsbedarf aufweist, was wiederrum ein Indiz dafür ist, dass die „Yuppisierung“ noch lange nicht abgeschlossen ist. Ein Entwicklungsprozess, der wie so oft zum Nachteil derer ausgehen wird, die hier schon ihr ganzes Leben lang gewohnt haben. Die Entwicklung ist immer dieselbe, ob in Berlin, London, Paris oder eben in Brooklyn. Wenn das Interesse von Investoren geweckt ist und Besserverdiener in ein Viertel ziehen, führt dies kurz über lang zur Vertreibung der Alteingesessenen. Und wenn man es genau nimmt, dann ist in amerikanischen Großstädten in der Regel die dunkelhäutige Bevölkerung von diesem Verdrängungsprozess der Gentrifizierung betroffen.

Für einige Leute von hier, die im Viertel ihre Kindheit verbracht haben, hatte diese dunkle „Do or Die Bed-Stuy-Ära“ für die späteren Karrieren durchaus Vorteile. Aufgrund der teilweise glorifizierten Vergangenheit stellte die Hood besten Nährboden für eine Generation zukünftige Gangster-Rapper, deshalb verwundert es auch kaum, dass einige berühmte Vertreter des gepflegten Sprechgesangs wie Notorious B.I.G., Lil‘ Kim und auch Jay-Z  aus der Neighbourhood von Bed-Stuy Brooklyn kommen. Ja genau – da war doch was mit diesem Jay-Z?! Das ist doch der, der auch schon das Barclays Center kurz vor Meile 8 eingeweiht hat und der dieses Lied über die Stadt gesungen hat, durch die ich im Moment laufen darf. Barak Obama nannten ihn einst „The King Of Rap“. Jay-Z, der mit bürgerlichen Namen Shawn Corey Carter heißt, wuchs in den berüchtigten Marcy Houses auf, einem Wohnkomplex des sozialen Wohnungsbaus mit insgesamt 1705 Apartments, das nur fünf Straßen westlich von der offiziellen Marathonstrecke entfernt liegt.

Noch bevor wir das 15-Kilometer-Schild passieren, kredenzt uns vor einem Gourmet-Deli eine vierköpfige Band feinsten Sprechgesang und auch zuschauertechnisch steht Meile 10 den vorherigen Meilen natürlich in nichts nach, wobei zugebenermaßen die Verhältnisse, wie sie auf der Lafayette Ave auf der vorherigen Meile geherrscht haben, hier auf der Bedford Ave nicht annähernd erreicht werden, was aber auch angesichts der esklativen Stimmung nicht wirklich verwunderlich ist, weil es dermaßen abgehoben war, dass es im Folgenden fast unmöglich sein wird, den Zustand wieder zu erreichen, obgleich hier natürlich auch wieder einige Stimmungsnester vorzufinden waren.

Die Meilen fliegen regelrecht an mir vorbei – jetzt haben wir schon 10 geniale Meilen im stimmungstechnischem Ausnahmezustand und voller Überraschungen erleben dürfen und hinter uns liegen gelassen – bis ins Ziel sind es nur noch 16 Meilen – als nächstes wartet der Stadtteil Williamsburg und hier wäre ich beinahe „vom Glauben an die Welt abgefallen“… Was mich dort erwartet hat und vor allem was mich so irritiert hat, das und noch viel mehr versteckt sich im Türchen von Meile 11…


– Mile 11 –

Foto-Collage von Meile 11 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 11 beim New York City Marathon 2017

Wie was ist jetzt passiert? Was ist hier los oder besser gefragt warum ist hier nichts los?! Was ist hier so anders, dass es in mir fast ein Gefühl von Unbehagen auslöst?! In etwa so sahen meine Gedanken aus als ich realisiert hatte, dass irgendwas anders war auf Meile 11. Willkommen in Brooklyn Williamsburg – obwohl willkommen fühle ich mich irgendwie nicht unbedingt?! Von jetzt auf gleich kehrt irritierende Ruhe ein.

Wir laufen durch ein Stadtviertel, das fast komplett verwaist ist, niemand jubelt, keine Verkleidungen, keine originellen Schilder, keine strahlenden Kinder Augen, die dir ihre Hände zum High-Five hinstrecken und sich dann darüber freuen, dass man ihnen den Gefallen tut und sie abklatscht. Hier scheint alles anders zu sein, das Fragezeichen auf meiner Stirn wurde größer und größer…

Das war fast so als würdest du deinen Lieblingsfilm gucken und kurz bevor es zur alles entscheidenden Szene kommt, zappt das Programm auf einmal von jetzt auf gleich wie durch Geisterhand rüber zum Einschlaf-Sedativum Markus Lanz. Und du denkst dir – Hääää – was soll der Scheiß, das kann doch gar nicht wahr sein – ist der NYCM jetzt kaputt, muss ich irgendwo einen Dollar nachschmeißen nach dem Motto „Insert Coin“, wie es an der Musikbox erforderlich ist, wenn der letzte gewählte Song gespielt ist?

Was ist hier passiert, warum bin ich auf einmal im falschen Film – ich will zurück nach BAY RIDGE, PARK SLOPE, GOWANUS, BOERUM HILL, GREENE HILL oder CLINTON Hill in den Jubel-Trubel-Heiterkeits-Modus – aber zum Glück ist die akustische Finsternis auch schon bald wieder überwunden und es kehrt die ausgelassene Stimmung zurück auf die Straßen der Strecke. Und insoweit hatte die bedächtige Stille sogar was Erholsames, ich hatte etwas Zeit mich von der überwältigenden Atmosphäre der  vorherigen 10 Meilen zu erholen, Zeit zum Reflektieren, zum Verschnaufen und um mich zumindest gedanklich dafür zu bedanken, dass man ein kleiner Teil dieses Spektakels sein darf – was ein Privileg es ist diesen Lauf durch New York mitlaufen zu können – Danke dafür!!! Dennoch hat sich dieses Trauma des plötzlichen Stimmungsabbruchs bleibend in meine Erinnerung gefräst, der zu Hause unbedingt aufgearbeitet werden wollte.

Zu Gast in der Gemeinde der chassidischen Satmar im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Viertel Williamsburg: Kurz zum Verständnis: Es gibt gläubige Juden, strenggläubige oder auch orthodoxe Juden und es gibt die ultrafrommen Orthodoxen – so gesehen die Ultraorthodoxen, die ausschließlich leben, um Gott zu dienen – und zu dieser Gruppe der Extremreligiösen zählt eben die sektenähnliche Gemeinde der Satmar. 1905 wurde sie  im ehemalig ungarischen Satu Mare von Rabbi Joel Teitelbaum gegründet und von den europäischen Juden, die den Holocaust knapp überlebt hatten, hier in New York wieder aufgebaut. Die Satmarer Chassidim, die hier in überwiegender Zahl leben, begreifen den Holocaust als gottgesandte Strafe für den Zionismus und deshalb lehnen sie den Zionismus ab, da für sie nur der Messias selbst das Recht hat, einen jüdischen Staat zu gründen. Talmud und Tora sind die obersten Gebote denen uneingeschränkt Folge zu leisten ist, das eigene Leben sind den religiösen Vorgaben strengstens zu unterwerfen, gesellschaftliche Gesetze sind zweitranging, es zählt das Wort des obersten Rabbis der Gemeinde.

Aufgrund der repressiven Unterdrückung [die Kinder der Satmar wachsen fast komplett abgeschottet von der modernen Welt auf, sie gehen auf jüdische Schulen, Kontakt zu Nicht-Juden ist verboten, sprechen überwiegend jiddisch oder hebräisch, Mitglieder werden zwangsverheiratet, Frauen müssen sich die Haare abrasieren und tragen Perücken und vieles Verstörendes mehr lässt sich im Internet finden] kommt es wohl immer häufiger vor, dass ehemalige Mitglieder nach ihrem Austritt aus der Gemeinschaft über das Leben in der Sekte berichten. (bsp. Deborah Feldman, Unorthodox).

Durch das biblische Gebot „pru u’rwu“ („Fruchtet und mehret euch“), das sie wörtlich verstehen, sind alle Mitglieder dazu verpflichtet möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Gleichzeitig wird jedes jüdische Kind als postumer Sieg über Adolf Hitler gefeiert – aus diesen Gründen ist die Geburtenrate so hoch wie nirgendwo sonst in Amerika. Und durch diese extreme Geburtenrate, die durchschnittliche chassidische Frau hat 8 Kinder, wächst die Gemeinde rasant und gewinnt dadurch gleichzeitig an politischer Macht, die ihnen diese Abgeschiedenheit und ihre religiösen Sonderrechte in einer der modernsten Gesellschaften der Erde erhält.

Zum Glück hatte ich ausreichend Bildmaterial, um zurück in Deutschland die Szenerie von Meile 11 noch einmal Revue passieren lassen zu können – die Häuser trugen hebräische Schriftzeichen, eine Handvoll bis keine Leute auf einer Strecke von rund einem Kilometer. Von der Kleidung, den typischen Schläfenlocken und den Hüten war mir schnell klar, dass es sich hierbei um Juden handelt. Aber irgendwie schienen die hier doch eher von der Kategorie Ultra-Juden zu sein. Die Kinder standen total anteilslos auf den Boden starrend auf dem Bürgersteig. Waren auf den restlichen Metern überall nur strahlende Gesichter zu sehen, meidet man hier jeglichen Blickkontakt, es ist auf eine unangenehme Art fast schon kalt – als hätte jemand die gute Laune und die Stimmung per Knopfdruck abgestellt.

Bei der Nachsicht meiner Bilder hatte ich auf einem Bild zufälligerweise auch einen Vater mit seiner Tochter „erwischt“, wie sie am Zebrastreifen darauf warteten, dass sie die Straße queren konnten – total wie von einer anderen Welt?! Der Blick des Mädchens war leer und auf dem Boden gerichtet. Ihre ganze Erscheinung hat mich ein wenig an das Mädchen aus dem Horrorfilm der Exorzisten erinnert. Also ich will hier weder Religions-Bashing betreiben noch mich über irgendwen lustig machen, aber glücklich sahen die jetzt irgendwie nicht aus. Doch das eigentlich Dramatische war auf jeden Fall der Kontrast, wenn man die freudigen Kinderaugen auf den zurückliegenden Meilen mit denen von diesem Mädchen hier vergleicht.

Bevor ich im Rennen überhaupt realisiert hatte, was hier abgeht oder besser gesagt eben nicht abgeht, weil im Gegensatz zur restlichen Strecke Totenstille herrschte, kam ein paar hundert Meter hinter diesem Straßenzug auch schon ein Haus mit einem Balkon voller partywütiger Studenten. Die Musik war bis zum Anschlag aufgedreht und sie hatten sichtlichen Spaß daran, uns Läufern die Fragenzeichen von der Stirn zu wischen und uns den Glauben an die verlorengeglaubte eskalative Ausgelassenheit zurückzugeben.

Ich weiß auch gar nicht inwieweit die Leute vielleicht durch unseren Anblick in ihrem religiösen Ehrgefühl gestört oder sogar verstört waren. Oder lag es doch nur am bescheidenen Wetter? Vorstellbar wäre es natürlich in der Tat, dass sie sich  in ihrem Schamgefühlt gekränkt gefühlt haben und sich vielleicht zu Hause erst mal „die Sünde aus den Augen waschen mussten“. Aber wirklich verstehen, kann das wer will – ich finde es immer noch grotesk und irgendwie auch erschreckend. Aber eins ist mir zumindest klar geworden, dass zu viel egal von welcher Religion auf jeden Fall nicht gesund sein kann. Aber jedem das seine!!! Möglicherweise lag es auch daran, dass im jüdischen ja der Samstag der Tag des Sabbats ist, an dem nicht gearbeitet werden darf, von daher wäre der Sonntag, an dem der Marathon stattgefunden hat, ein ganz normaler Arbeitstag in der Gemeinschaft der Satmarer und die meisten waren vielleicht deshalb auch nur arbeits- oder schultechnisch verhindert. Wenn wer wissen sollte, woran es gelegen haben könnte – schreibt es mir doch einfach ins Kommentarfeld!!!

Die temporäre Leere verschwindet so plötzlich wie sie gekommen war – ab Bredford Ave Ecke Division Street kehrt die liebgewonnene Atmosphäre von Jubel-Trubel-Heiterkeit zurück an die Strecke. Und ab Bredford Avenue Ecke Broadway ist der Stimmungsboykott endgültig vergessen, denn hier geht es, noch bevor es unter der Williamsburg-Bridge durchgeht, am Gebäude der Kings County Savings Bank vorbei, das zwischen 1860 und 1867 erbaut wurde und seitdem durchgehend von Banken genutzt wurde. Seit 1996 ist allerdings das Williamsburg Art & Historical Center in das Gebäude eingezogen. Die gemeinnützige Kunstorganisation verfolgt das selbstgesteckte Ziel, den Dialog über die Kunst zu fördern und somit ein Ort zu sein, der die Vielfalt einer sich ständig verändernden Welt widerspiegelt, was angesichts der unterschiedlichen Interessengruppen in diesem Stadtgebiet auch unbedingt erforderlich scheint!!! 😉

Bis zur 11-Meilen-Markierung geht es noch vorbei an zahlreiche Kneipen, Pubs und Bistros, die Stimmung ist genau so, wie sie war, bevor wir Bed-Stuy von Meile 10 verlassen haben. Das realtiv junge Publikum, das hier teilweise in dreier-Reihen am Streckenrand steht, feiert die Läufer und sich selbst…

Das war Meile 11 – die so ganz anders war als die bisherigen Mielen und wie man es eigentlich hätte erwarten können, ok mit Ausnahme von Meile 1 und Meile 2, die über die Verrazano-Bridge verliefen, aber ok, kurz schütteln und weiter geht es. Auf Meile 12 wartet schon wieder ein anderer Teil von Williamsburg…

– Mile 12 –

Foto-Collage von Meile 12 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 12 beim New York City Marathon 2017

Es geht weiter in nördlicher Richtung – die chassidische Gemeinde der Satmar liegt inzwischen einige Straßenzüge hinter uns und die ausgelassene Stimmung ist längst an die Strecke zurückgekehrt. Die Leute säumen trotz des mittlerweile massiven Nieselregens die Marathonroute. Was zu Beginn der Meile auffällt, dass viele Häuserwände der drei bis vierstöckigen Häuser von Graffitis  in beeindruckender Größe und hoher künstlerischer Qualität geschmückt sind – ein Indiz dafür dass sich unter der viel beschworenen Künstlerszene, die sich hier einst aufgrund günstiger Mieten nach und nach ausgebereitet hat, auch einige der talentiertesten Street-Art-Künstler vertreten sein müssen.

Wir laufen vorbei an zahlreichen Bars, Cafés, Clubs, Bistros, Restaurants, Kneipen, Boutiquen jeglicher Art, die sich in den Erdgeschossen der Wohnhäuser befinden. Für ein abwechslungsreiches Abendprogramm scheint es hier definitiv die passende Infrastruktur zu geben, wobei das Angebot an Möglichkeiten eine Entscheidungsfindung keineswegs erleichtert. Die Vorzüge, die Williamsburg als Wohnviertel in direkter Nachbarschaft zu Manhattan mit sich bringt, liegen eindeutig auf der Hand. Auch wenn das Argument günstiger Mieten wie auch woanders schon lange nicht mehr zieht. Der Wandel vom klassischen Arbeiterviertel zum Trend-Viertel hat sich längst vollzogen.

Nach dem gewöhnungsbedürftigen Teil von Williamsburg heißt es hier zum Glück wieder – Party on – vor den Kneipen, Bars und Restaurants steht überwiegend Publikum mittleren Alters, viele halten den markant roten Bechern in der Hand und sind lautstark dabei die Läufer anzufeuern. So wie schon auf den vorherigen Meilen waren auch auf Meile 12 wieder mehrere Bands positioniert. Zwei dieser Bands beglückten die Läuferschar mit live gespieltem Jazz – musikalisch bekommt man einiges für sein Startgeld geboten, auch wenn es meistens nur ein kurzweiliges Vergnügen bleibt.

Gegen Ende der Meile führt uns die Bredford Ave mitten durch den McCarren Park. Die 35 Hektar  große Grünanlage mit öffentlichem Schwimmband, Spiel- und Sportplätzen für diverse Sportarten und einem Gemeindezentrum ist das Naherholungsgebiet im Grünen für Bewohner aus WILLIAMSBURG und auch aus dem angrenzenden GREENPOINT. Links und rechts säumen Bäume die Fahrbahn. Im Vergleich zu den sonstigen relativ engbebauten Straßenzügen ist es hier auch mal möglich den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, um sich möglicherweise ein wenig wehmütig zu vergegenwärtigen, dass schon ein großer Teil des heutigen Abenteuers vorbei ist. Auf der anderen könnte man sich natürlich auch genauso darüber freuen, dass noch eine weitere Hälfte folgen wird, aber aus welcher Perspektive man den Moment betrachtet, allzu viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht wirklich, denn schon in der Mitte der Parkstrecke liegt ein weiterer Verpflegungspunkt und man muss sich zwischen Wasser oder GATORADE ENDURANCE entscheiden.

Nachdem der McCarren Park durchquert ist, endet unsere Reise auf der Bedford Avenue durch WILLIAMSBURG nach rund drei Meilen. Kurz vor der Markierung von Meile 12 wartet noch eine weitere Band, der Flagge nach zu urteilen, die über dem Stuhl hängt, scheinen die Gruppemitglieder Puerto-Ricanischen Ursprungs zu sein. Ausgestattet mit Rasseln und Percussions empfangen sie uns mit ein paar flotten karibischen Klängen, auch wenn das Wetter so gar nicht dazu passen will

Nach einem leichten links-turn geht es weiter auf der Manhattan Avenue, die uns in den letzten Stadtteil von Brooklyn bringen wird, der auf unseren weiteren Route bis nach Manhattan liegt und den wir erleben dürfen – GREENPOINT. Die Zeit des Abschieds ist gekommen – adios WILLIAMSBURG und willkommen in GREENPOINT, womit sich auch unsere Zeit in Brooklyn so langsam aber sicher dem Ende zu neigt…

– Mile 13 –

Foto-Collage von Meile 13 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 13 beim New York City Marathon 2017

Meile 13 führt uns durch den Nordzipfel von Brooklyn. Hier liegt der Stadtteil  GREENPOINT, der im Westen an den East-River, im Norden an den Newtown Creek und in Südwesten an WILLIAMSBURG grenzt. Bei einer aus dem Jahre 2000 durchgeführten demografischen Erhebung gaben 44% von den 40.000 damals hier lebenden Menschen an, polnischer Abstammung zu sein. Demnach ist GREENPOINT nach Chicago die Heimat der zweitgrößten polnischen Community in Amerika und wird deswegen auch als Kleinpolen oder „Little Poland“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die polnische Zeitung Nowy Dziennik hier in polnischer Muttersprache erscheint.

Die erste Hälfte von Meile 13 verläuft über die Manhattan Avenue, die an nicht-Marathon-Tagen eine befahrene Einkaufsstraße mit relativ breiten Bürgersteigen ist. Die hiesigen Gebäude verfügen über maximal drei bis vier Etagen – wobei das Erdgeschoß ausschließlich als Ladenverkaufsfläche genutzt wird. Und in den Läden findet sich so wirklich alles, was man im Alltag braucht oder eben nicht. Vom Optiker, Friseur, dem Liquor-Shop für harte Spirituosen, dem Chiropraktiker bis hin zum 99-Cent-Laden und allerlei anderer Shops und Imbisse ist hier wirklich alles vertreten. Und wie schon des Öfteren auf den zurückliegenden Meilen, bietet sich auch hier ein Gebäude an, dass aufgrund seiner Höhe im Vergleich zu den restlichen Gebäuden in seiner unmittelbarer Nähe unseren Blick auf sich zieht und uns für einige Meter als Horizontanker dient, bis wir an ihm vorbeigelaufen sind.

Da es hier im Teil von New York noch keine Hochhäuser zugeben scheint –  ist es mal wieder ein sakrales Gebäude, das höhentechnisch hervorsticht – und hier in GREENPOINT ist es der Kirchturm des St. Antonius-St. Alphonsus Kirchengebäudes. Je weiter wir uns dem Kirchturm nähern, desto deutlicher lässt sich die neugotische Architektur erkennen. Die Kirche, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus roten Ziegeln und weißem Kalkstein erbaut wurde, verfügt über einen Kirchturm mit einer Höhe von rund 75 Metern, passt aber für meinen Geschmack irgendwie so gar nicht zu der renovierungsbedürftigen Bausubstanz im Umfeld.

Kurz bevor wir die Manhattan Avenue verlassen, befindet sich noch die 20-Kilometer-Marke. Beim rechts-Schwenk an der Kreuzung von Manhattan Avenue und Greenpoint Avenue wird uns dann mal wieder ins Bewusstsein gerufen, dass es absolut keine Selbstverständlichkeit ist, dass diese Veranstaltung hier und heute nach den Geschehnisse vom Wochenbeginn stattfindet. Zwar waren auch die vorherigen Kreuzungen alle schon gesichert, aber eine so massive Straßensperre aus drei mit Sand beladenen LKWs, dass es so gravierend auffällt, das kam dann doch seltener vor. Klar man hat zwischendurch natürlich auch die verstärkte Präsenz schwerbewaffneter Sicherheitskräfte wahrgenommen, das war aber eher ein latent und unterbewusstes Wahrnehmen. Und wenn man ehrlich ist, dann sind das im Grunde alles auch nur kurzfristig einberufene Maßnahmen, um zumindest das subjektive Sicherheitsgefühl zu steigern, ob es die Sicherheit objektiv wirklich steigern konnte, das würde ich wohl bezweifeln. Und alles nur wegen dem Bekloppten, der vor fünf Tage mit seinem gemieteten Van über den Radweg an der Südspitze von Manhattan gefahren ist und dabei acht Menschen getötet und elf schwer verletzt hat – echt krank, wo wir wieder bei denen wären, den das zu viel an Religion irgendwie auf das Zentralhirn drückt!

Und wenn was auf dieser Meile durch GREENPOINT besonders aufgefallen ist, dann sind es die vielen polnischen Nationalflaggen, die vor allem am Ende am Streckenrand verteilt zu beobachten waren. Besonders engagiert waren die Leute vom Polska-Running-Team, die ihren Stand kurz vor der Pulaski Bridge aufgebaut hatten und die Läufer lautstark angefeuert haben. Der angrenzende VP wurde ebenfalls von ihnen betreut. Und hier kam es dann auch zu einer lustigen Begegnung als mir eine der Helferinnen einen Becher mit ISO gegeben hatte und ich mich darauf auf Polnisch bedanke, so wie man es mir vor langer Zeit mal beigebracht hatte: „Dziękuję bardzo! Worauf sie ein wenig überrascht mit einem „Jesteś z Polski? erwidert und ich mit einem „Nie, jestem z Niemiec!! antworte. Danach war sie noch verwirrter und meinte nur noch: „enjoy and have fun“. Lustig, dass gerade hier in den Staaten meine Exkursionen in die polnische Sprache zur Anwendung kommen sollten…

Wie schon auf Meile 12 befindet sich auch auf der 13. Meile an so manch einer Häuserwand ein faszinierendes Graffiti-Kunstwerk – die sich bei dem überwiegend grauen Wetter neben der grandiosen Stimmung und Begeisterung der Zuschauer, die auf dieser Meile allerdings vergleichsmäßig ruhiger ausgefallen ist, wie ein bunter Farbklecks positiv auf meine Stimmung auswirkt. Möglicherweise hing die reduzierte Stimmung auch damit zusammen, das wir zunächst auf der Manhattan Ave durch die kleine City gelaufen sind und dann über den kurzen Abschnitt auf der Greenpoint Avenue auf den viel breiteren McGuiness Boulevard gewechselt sind. Und hier auf dem McGuiness Boulevard, der ein Zubringer auf die Pularski-Bridge darstellt, hat sich die auch die Umgebung grundlegend zu viel mehr Industrie und weniger Geschäften hin entwickelt, wodurch alleine aus diesem Grund weniger Publikum an der Strecke gewesen ist.

Die 13-Meilen-Markierung liegt bereits auf der Auffahrt zur Pulaski-Bridge. Von den beiden Auffahrten der Brücke ist nur die linke für die Läufer geöffnet. Die Steigung ist minimal und nicht mit der von der Verrazano-Bridge zu vergleichen. Die Sicht auf Manhattan, die man eigentlich von hier aus gehabt hätte, wenn das Wetter etwas besser gewesen wäre, ist so wie von der Verrazano-Bridge leider so gar nicht zum Genießen. Nebel und Sprühregen limitieren die Blickweite erheblich, was bei mir ein wenig auf die Stimmung drückt, aber sich wegen dem Wetter die Tour vermiesen lassen? Kommt gar nicht in Frage, dabei würde mich das Wetter auch eigentlich überhaupt nicht stören, halt nur die Tatsache, dass uns wie auch schon auf der Verrazano-Bridge die Weitsicht verwehrt bleiben sollte und die Erinnerungsfotos so genial gewesen wären.

Ich kann das Halbmarathon-Tor bei 13.1 Meilen schon sehen, soweit reicht die Sicht zum Glück dann trotz des Nebels doch noch. Mit der 13.1-Markierung endet auch gleichzeitig unser Besuch im fanszinierenden Brooklyn – ganze elf Meilen absolut spannend.interessante und vor allem abwechslungsreiche Meilen habe ich von diesem beeindruckenden Teil von New York sehen und erleben dürfen und wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich mich ein wenig in diesen Stadtteil verliebt. Jetzt liegen nur noch 13,1 Meilen vor mir – take care of yourself BROOKLYN – als nächstes geht es nach LONG ISLAND CITY in QUEENS – nach STATEN ISLAND und BROOKLYN dann schon der dritte von insgesamt fünf New Yorker Stadtbezirken…


NYC-Marathon 2nd half


in this sense keep on RUnnInG & ROCk ‚N‘ ROll

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Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, aber eine Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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