Eine geführte New York Marathon Tour [guided-Tour] – ein detaillierter Streckenbericht von Meile 1 bis Meile 26.2 mit vielen Infos und mehr [2nd half]

Nächste Woche ist es dann genau ein Jahr her, dass ich über die Straßen New Yorks laufen durfte. Es wird also Zeit, diese geilen Momente nochmals aufleben zu lassen und mir zurück ins Bewusstsein zu holen …

Rückblick auf die größte Marathon-Party der Welt

Eine geführte New York City Marathon Tour – ein detaillierter Streckenbericht von Meile 1 bis Meile 26.2 mit allen Highlights, vielen Infos  und Wissenswertem vom Streckenrand –  es warten 5 Stadtteile mit 5 Brücken verteilt auf 26 fantastische Meilen voller positiver Emotionen – mEin Rückblick auf den größten Marathon der Welt.

mile 14 to Finish

Titelbild NY bearb klein


– Mile 14 –

Noch auf der Auffahrrampe der Pulaski-Bridge keine 200 Meter hinter der 13-Meilen-Marke befindet sich dann auch schon die Markierung der Halbmarathondistanz – womit 13.1 Meilen geschafft sind – Halbzeit, Bergfest oder Point-of-no-return – der Drops ist gelutscht und das Finish ist mindestens so sicher wie es am Start auch schon war. Der Zeitcheck verrät mir zudem, dass ich bei meiner „angestrebten“ Zielzeit von sub5h mit einer erreichten 02:29:32 und rund 300 Bilder für die erste Hälfte eigentlich nicht exakter hätte laufen können. Das war es mit BROOKLYN – ich werde dich im Herzen behalten – auf der anderen Seite der Brücke wartet schon QUEENS auf uns.

Die Pulaski-Bridge ist weder beeindruckend groß noch lang und auch die Architektur ist jetzt nicht unbedingt besonders ansprechend. In einer Höhe von 12 Metern überspannt sie mit einer Gesamtlänge von 860 Metern den Newtown Creek und verbindet dabei die 11th Street in LONG ISLAND CITY Queens mit dem McGuinness Boulevard in GREENPOINT Brooklyn. Benannt wurde die Brücke nach Kazimierz Pulaski einem polnischen Adligen, der als polnischer General im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Kontinentaltruppen gekämpft hatte und am 10. Mai 1779 an der Spitze seiner Kavallerielegion die Briten bei Charleston in South Carolina besiegen konnte. Deshalb ist er auch als „Father of American cavalry“ in die Geschichtsbücher eingegangen.

Wikipedia verrät mir außerdem, das der Newtown Creek, den die Pulaski-Bridge quert, einen Teil der Grenze zwischen Brooklyn und Queens bildet und zudem ein etwa sechs Kilometer langes Ästuar darstellt und das hängt damit zusammen, dass die Fluss- bzw. in diesem Fall Kanalmündung dem Einfluss der Gezeiten ausgesetzt ist und durch diesen Einfluss sowohl der Wasserstand als auch die Salzkonzentration, die sich aus Süßwasser und Brackwasser ergibt, bedeutend variieren (…so habe ich es zumindest verstanden  ).

Allerdings hat der Kanal noch ganz andere Probleme, die damit zusammenhängen, dass sich im direkten Umfeld des Gewässers einst die verantwortungsunbewussten Profitgeier  der rohölverarbeitenden Industrie von BP, Exxon Mobil und Chevron niedergelassen haben und es mit dem Umweltschutz beim Betrieb ihrer installierten Raffinerien über Jahrzehnte nicht ganz so ernst genommen haben. Warum sollte man das auch tun, wenn sich die Abfälle dank eines fließenden Gewässers auch vor der eigenen Haustür kostenneutral entsorgen lassen.

Ein solches Verhalten ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, dass sogar führende Politiker so krude Behauptungen aufstellen können, wie beispielsweise: „The concept of global warming was created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive“ (vgl. Twitter, A. T. vom 6. Nov. 2012). Zum Umweltproblem des Newtown Creek gehören aber nicht nur Verunreinigungen von Ölrückständen. Bei Sediment- und Wasserproben der nationale Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency (E.P.A.)) wurden darüber hinaus Pestizide, Schwermetalle, PCB und sogar radioaktives Cäsium-137 nachgewiesen. Die Analysen kamen zu dem Resultat, dass der Newtown Creek eine der am stärksten verschmutzten Wasserstraßen in den USA ist – Gott sei Dank, dass wir nur einen Marathon laufen und nicht wie bei einem Swim-Run oder Triathlon  auch schwimmen müssen.

Auf dem höchsten Punkt der Pulaski-Bridge ist sowohl der Blick nach rechts auf die Skyline von Queens als  auch der Blick nach links-vorne auf die Skyline von Midtown Manhattan so wolkenverhangen und vernebelt, dass sich selbst die markantesten und bekanntesten Wolkenkratzer nur erahnen lassen. Was sich erkennen lässt, das sind die Boote, die im Yachthafen am Ufer des Newtown Creek ankern. Ansonsten sieht man von hier oben vor allem Parkplätze, Lagerhallen und Wohnblöcke, die entweder schon stehen oder gerade aus dem Boden wachsen, was an den Kränen zu erkennen ist, die noch auf der obersten Etage stehen. Und auch der Hochhaus-Riese von QUEENS schlechthin lässt sich deutlich erkennen. Irgendwo bei ihm in der Nähe liegt die Auffahrt zur Queensboro-Bridge, die uns bei Meile 16 rüber nach Manhattan bringt, aber bis dahin, warten noch rund zwei Meilen durch QUEENS.

Foto-Collage von Meile 134beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 14 beim New York City Marathon 2017

Da die Pulaski-Bridge für Supporter komplett gesperrt war, treffen wir nach einer Phase genussvoller Stille nach knapp einem Kilometer zum ersten Mal wieder auf begeisternde Zuschauer, die uns auf der anderen Kanalseite empfangen und die Strecke auf dem kurzen Stück auf der 11th Avenue rechts und links säume. Hier ist trotz miesen Wetters ordentlich was los. Wie schon bei der Ortseinfahrt von BROOKLYN steht nach ungefähr 50 Meter das obligatorische Schild des großen US-Schuhverkäufers. WELCOME TO QUEENS!!. Danach macht die Strecke einen links-Turn in die in 47th Avenue, kurios dabei ist auf jeden Fall, dass die Kurve mit Stroh gesichert ist, was aber nicht unserer Sicherheit dienen soll, sondern für die Handbiker vorgesehen war, die höheren Fliehkräften ausgesetzt sind

Von da an wird es streckenbedingt entschieden ruhiger und es bestätigte sich, was man schon von oben von der Brücke erahnen konnte. Die Strecke führt uns im weiteren Verlauf über den Venon Boulevard, der uns zunächst noch durch Wohngegend führt, wo auch noch spärlich Zuschauer anzutreffen waren. Das ändert sich im weiteren Verlauf, wenn es durch überwiegend industriegeprägtes Gebiet geht. Es geht vorbei an Baufirmen mit Bagger und diversem  Material auf dem Betriebsgelände, Autohändler, Werkstätten, Schrottplätze mit riesigen Stellflächen, Lagerhallen und alle Grundstücke sind mit hohen Zäunen und Toren gesichert. An der Ecke von Venon Boulevard und 44th biegen wir dann rechts in die 44th kurz und danach befindet sich auch schon der 14er-Marker. Doch mein Blick ist in die Ferne auf das Citi-Group-Hochhaus gerichtet …

Stimmungstechnisch hat es zum Ende hin zugegebenermaßen etwas abgenommen,  ist aber verglichen mit kleineren deutschen Marathons  natürlich immer noch großes Kino, vor allem was den Einfallsreichtum der diversen Schilder anbelangt, aber von Eskalation, wie sie phasenweise in BROOKLYN zu erleben war, ist hier in QUEENS nicht allzu viel zu merken. Ok, es ist natürlich auch definitiv mehr los wie im chassidischen WILLIAMSBURG, das ist es aber auch auf einem deutschen Wochenmarkt um halb 6 Uhr. Dennoch beschränkt sich der Support der letzten Meile auf einzelne Hotspots, wo dann gleich ein Grüppchen von Leuten zusammensteht. Vermutlich liegt dieser Umstand aber auch an der Tatsache, dass die Gebiete eher eine suboptimale Anbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln haben. Zudem bin ich zum jetzigen Zeitpunkt auch schon rund 02:45 Stunden unterwegs  und dann auch noch erst 02:00 Stunden nach dem Profistart gestartet, was schlussendlich bedeutet, dass die Leute, die hier immer noch an der Strecke stehen, schon seit 4 bis 5 Stunden hier bei einem alles andere als besonders marathonzuschauerfreundlichem Wetter ausharren!!! Naja, meckern auf allerhöchstem Niveau – aber unser Aufenthalt in QUEENS dauert sowieso nur zwei Meilen und dann sind wir in MANHATTAN.


– Mile 15 –

Schon auf der Pulaski-Bridge zum Halbmarathon hatte es sich wettertechnisch dermaßen festgenieselt, dass es auf der zweiten Streckenhälfte fast unmöglich gewesen ist, die Kameralisten vor dem Niederschlag zu schützen. Bedauerlicherweise sollte sich dieser Umstand auf die Bildqualität vieler Fotos auswirken und auch auf meine euphorische Stimmung hatte dies, in dem Moment als mir die Konsequenzen durch die Bildvorschau bewusst wurden, einen kurzzeitigen Dämpfer verpasst. Aber Glück im Unglück, denn wie es der Zufall wollte, wurden vom Streckenrand in regelmäßigen Abständen SEWA-Tücher an die Läufer verteilt. Ein absolutes Novum, das mir bis dahin noch bei keinem Marathon erlebt hatte.

Bei den ersten Malen, wo ich Personen mit der SEWA-Rolle am Streckenrand stehen sehen habe, hatte ich mich noch total gewundert. Wozu braucht man bitte während eines Marathons Küchentücher. Eine Erklärung dafür wollte mir zunächst nicht wirklich einfallen. Und auch im Nachhinein kann ich nur mutmaßen. Möglicherweise zum Gesicht abputzen, vielleicht auch für Brillenträger oder für das Geschäft auf dem Dixi – mir wollte keine plausible Antwort einfallen?! 😀  Doch dann habe ich eins uns eins zusammengezählt und für mich doch noch einen persönlichen Nutzen entdeckt. Allerdings ist zu bezweifeln ist, dass die Tücher wirklich für diesen Zweck gedacht waren, zumal sie zum Trockenputzen der Kameralinse, die beim Öffnen des Verschlusses unweigerlich nass wurde, auch nur bedingt geeignet waren, aber in jedem Fall besser als nichts. Und schlussendlich konnte ich so zumindest den fototechnischen „Totalschaden“ abwenden.

Nachdem wir bei Meile 13 vom Vernon Boulevard rechts auf die 44th DR abgebogen sind – fällt mein Blick unweigerlich auf das eine Hochhaus, das vor allem deswegen auffällt, weil es in seiner näheren Umgebung keinerlei Konkurrenz hat, wenn gleich dazugesagt werden muss, dass sich bei Betrachtung aus der Nähe dann doch schon eine kleinere Ansammlung höherer und architektonisch anspruchsvoller Glasfassaden-Bauwerke befinden, die aber aufgrund der Dominanz des Giganten nicht direkt auffallen.

Beim Blick in die Weite geht es vorbei an der 14-Meilen-Markierung, wo uns ein total überdrehter Typ mit Mikrophon und Musikanlage aus seinem weißen Van begrüßt und stimmungstechnisch einzuheizt. „Yes, man – you look great – Great job Mister – Go for Germany – keep going Christian“,  sind seine Worte, die ich von ihm zu hören bekomme und mir ein Schmunzeln abgewinnen. Doch danach wandert mein Blick zurück zum Giganten der Skyline, der noch rund einen Kilometer vor uns liegt. Das Hochhaus an dem in QUEENS kein Blick dran vorbeiführt, ist das im Jahre 1990 eröffnete Citigroup Building, das aufgrund der namentlichen Verwechslungsgefahr mit dem in Manhattan stehenden Citigroup Center in One Court Square umbenannt wurde. Mit seinen 50 Stockwerken, die auf einer Gesamthöhe von 201 Metern verteilt sind, ist der Wolkenkratzer sowohl das höchste Gebäude in LONG ISLAND als auch in QUEENS und gleichzeitig auch noch das höchste Gebäude in New York City außerhalb von Manhattan.

Der vierspurige 44th DR führt uns immer weiter zum Queens-Biggest. Je näher wir dem Hochhaus und damit dem Zentrum von LONG ISLAND CITY kommen, desto mehr Zuschauer säumen die Straßen und desto stimmungsvoller und lauter wird es. Eine Fangruppe Australier ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, die neben den standardmäßigen Nationalflaggen  zudem alle ein aufblasbare Kängurus auf ihren Schultern sitzen hatten. An mindestens einer Musikband hat uns die Strecke bis zur Queensboro-Bridge auch noch vorbeigeführt, vielleicht sogar an mehr als eine, nur ist das aus der Retroperspektive nur bedingt zu rekonstruieren. Aber nicht nur die Stimmung steigt, auch die Häuser wachsen von jetzt auf gleich weiter in den Himmel. Unmittelbar bis zu einer Eisenbahnbrücke stehen ausschließlich Gebäude, die eine Höhe von zwei Etagen nicht überschreiten. Der letzte Kilometer bestand größtenteils aus Lagerhallen und Zweietagen-Wohnhäusern, die sich zudem in einem recht renovierungsbedürftigen Zustand befunden haben. Größer könnte der Kontrast eigentlich nicht sein als unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke die modernen Hochhäuser mit ihren glänzenden Fensterfassaden beginnen.

Foto-Collage von Meile 15 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 15 beim New York City Marathon 2017

Wahrscheinlich sind die Grundstücke auf denen die alten Häuser stehen, schon längst verkauft und die Investoren warten nur noch auf einen lukrativen Zeitpunkt, um sie profitabel abzustoßen oder auf einen baldigen Baubeginn, um den nächsten Koloss in den Himmel wachsen zu lassen. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, war die Eisenbahnbrücke wie eine imaginäre Grenze zwischen zwei nebeneinander existierenden Welten. Auf der einen Seite die modernsten Wolkenkratzer und auf der anderen Seite die vergänglichen Wohnhäuser aus Stein – oder anders ausgedrückt – es ist nur eine Frage der Zeit bis der Prozess der Modernisierung und mit die Gentrifizierung auch bis auf das Gebiet hinter die Eisenbahnbrücke vorgerückt sein wird…

Da wir insgesamt gerade einmal zwei Meilen auf dem Stadtgebiet von Queens unterwegs waren, obwohl Queens das flächenmäßig größte der fünf Boroughs ist, bleibt es mir verwehrt ein abschließendes Urteil über diesen New Yorker Stadtteil zu fällen. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Strecke ausschließlich durch LONG ISLAND CITY verlaufen ist und wir die anderen Viertel überhaupt nicht zu Gesicht bekommen, womit mir auch jegliche Vergleichsmöglichkeit fehlt. Nicht, dass ich mir nach den zwölf Meilen durch Brooklyn ein wirkliches Urteil bilden könnte, obwohl man zumindest länger Zeit hatte, um mit dem Stadtbezirk warm zu werden, um einige offensichtlichen Unterschiede der Viertel zu erleben und um einen ersten Eindruck gewonnen zu haben, den ich von Queens aufgrund der Kürze nicht gewinnen konnte.

Was mir aber schon nach nur einer Meile durch Queens auffällt, dass wie schon in Brooklyn auch hier die Hochhausdichte um Weiten nicht an die von Manhattan heranreicht. Ansonsten verläuft die Strecke von Meile 15 bis zum One Court Square überwiegend auf breiten Straßen durch weiträumiges Industriegebiet, was mit der Nähe zu den Wasserwegen von Kanal und East River zusammenhängt und natürlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass dafür in Manhattan aus Kostengründen akuter Platzmangel besteht.

Nachdem das Ende unserer Reise auf der 44th DR erreicht war, standen wir auch in Mitten der Hochhausschluchten. Hier macht die Strecke einen leichten links-Schwenk und führt uns über die Crescent Street zu einem weiteren Highlight in Queens – die Queensboro-Bridge – die Brücke, die Queens mit Manhattan verbindet und bei diesem Marathon, um beim Weltenvergleich zu bleiben, das Tor zu einer anderen Welt sein wird. Meile 15 endet auf der Brücke – dazu gibt es morgen im Törchen 16 mehr…


– Mile 16 –

Von der Crescent Avenue kommend, die mitten durch das Zentrum von Queens geführt hat, biegen wir am Straßenende, welches sich unmittelbar vor der Ausfahrt der Queensboro-Bridge befindet, mit einem links-Turn auf die Linkespur des innenliegenden LOWER ROADWAYS der Brücke ab. Auf der gegenüberliegenden Brückenrandseite haben sich zwei Dutzend Zuschauer positioniert, die uns von dort wettergeschützt mit viel Lärm aus Queens verabschieden. Kaum sind die Anfeuerungen verhallt, befinden wir uns auch schon im ansteigenden Teil der Queensboro-Bridge wieder, der sich über eine Strecke von rund 1200 Metern erstreckt, uns nach und nach auf eine Höhe von knapp 40 Metern hievt und gefühlt gar nicht mehr enden will.

Foto-Collage von Meile 16 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 16 beim New York City Marathon 2017

Mit der Queensboro-Bridge wartet nach der Verrazano-Bridge und der Pulaski-Bridge bereits die dritte der insgesamt fünf Brücken auf unserem Weg bis zum Ziel im Central Park. Seit 2011 lautet der offizielle Name dieser Brücke allerdings Ed Koch Queensboro-Bridge, da sie zu Ehren eines ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Ed Koch umbenannt wurde. Sie wird aber umgangssprachlich weiterhin als Queensboro-Bridge oder 59th Street Bridge bezeichnet. Die als Auslegerbrücke konstruierte Brücke überspannt den East River und Roosevelt Island, und verbindet dabei QUEENS und MANHATTAN miteinander. Nach der Klappbrücken-Konstruktion der Pulaski-Bridge und der Hängebrücken-Konstruktion der Verrazano-Bridge ist die Auslegerbrücken-Konstruktion der Queensboro-Bridge somit eine weitere Konstruktionsbauweise – Manhattan ist sowieso ein regelrechtes Mekka für Mechaniker und Brückenarchitekten. Kurz noch ein paar interessante technische Details: Allein die Brücke hat eine Länge von 1135 Metern, zählt man die Länge der Anfahrtsrampen dazu, dann kommt man sogar auf stolze 2470 Meter. Der höchste Punkt der Brückenkonstruktion liegt auf einer Höhe von 106,7 Metern. Die maximale Höhe der Fahrbahn, auf der wir die Brücke überlaufen, beträgt dahingegen nur 40 Meter. Für die beanspruchte Bauzeit von sieben Jahren beziffern sich die Kosten nach heutigem Wert auf eine halbe Milliarde Euro.

Vor allem vor dem Hintergrund, das uns die Endeuphorisierung vom Startprozedere, wie sie noch beim Anstieg auf die Verrazano-Bridge vorhanden war, zum jetzigen Zeitpunkt völlig fehlt. Dafür haben wir bis hierhin schon einiges an Vorbelastung in den Beinen zusammengesammelt – genaugenommen sind es 24 Kilometer, der knackige Anstieg der Verrazano-Bridge und vor allem die 3,5 Stunden Wartezeit im Athletendorf, deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass viele in den Walkmodus schalten beziehungsweise schon längst dort angekommen sind. [Was mir aus der Retroperspektive betrachtet sowieso aufgefallen ist, dass hier manch einer schon bei Kilometer zehn und teilweise noch früher am Walken war – ich habe zwar keine Ahnung woran das genau gelegen haben kann, aber vermutlich gehören die Teilnehmer zu der Spezies, die nach acht Stunden per Handschlag und mit riesigem Kameraaufgebot empfangen werden.]

Aber auch ich schalte erst einmal einen Gang zurück und befolge damit unbewusst einem Ratschlag aus dem Debutalbum „Feelin‘ Groovy“ des Musikduos Simon und Garfunkel, den sie der Welt 1966 in ihrem Lied geben haben. In dem Song „59th Street Bridge“, wie der umgangssprachliche Name der Queensboro-Bridge auch ist, lautet die Botschaft des Liedes: „Slow down, you move too fast„, dass mich der 5:00:00-Stunden-Pacer dabei überraschenderweise von hinten überholt, kann mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich lieg bestens in der Zeit, mein Tempo passt auch und da ich bisher mit maximal 60%-Einsatz unterwegs bin, gäbe es auch noch die Option den Turbo zu zünden, um die zweite Hälfte in einer Zeit um die 02:15:00 zu laufen, aber wozu?! Ich bin hier einzig und allein des Genusses wegen und ob ich Morgen namentlich in der New York Times erwähnt werde oder nicht, das ist mir eigentlich komplett egal!!! Zumal ich auf der Busfahrt heute Morgen sowieso erfahren hatte, dass diese Ehrung nur Läufern zuteil kommen soll, die das Ziel in unter 04:30:00 erreichen würden, so lauteten zumindest die Informationen der Experten aus dem Bus, die sie von den Vorjahresergebnissen abgeleitet hatten. Aber wie gesagt – Zeiten sind und waren noch nie meine Motivationsquelle…

Bei meiner post-Recherche erfahre ich dann noch, dass wir nach den ersten 600 Metern auf der Brücke an einem bedeutenden Ort der Filmgeschichte vorbei gelaufen sind, ohne dass ich davon was mitbekommen habe. Was hat Der Highlander (1986), Harry und Sally (1989), Der Pate III (1990), Gangs of New York (2002) oder Sex and the City (2008) gemeinsam? Genau, es handelt sich um Filme oder Serien, die in den Silvercup Studios gedreht wurden. Die Silvercup Studios befinden sich nämlich an der 22nd Street in Queens und sind der größte Film- und Fernsehproduktionsort der Stadt.

Wir laufen weiter durch die untere Etage der Queensboro-Bridge, über uns die Deckenkonstruktion mit der Fahrbahn des UPPER ROADWAYS. Links an der offenen Seitenwandkonstruktion befinden sich Stahlträger und in regelmäßigen Abständen die mächtigen Stahlpfeiler und sonst ist hier oben erst einmal gar nichts. Vor allem im Anstieg hört man das Schnaufen der Läufer, oder die üblichen Geräusche  von unsauberen Fußaufsetzens, vereinzelte Unterhaltungen – ansonsten keine Zuschauer – kein Jubel, keine aufmunternden Worte, aber im Grunde weißt du aus den Erzählungen von denen die hier schon gelaufen sind, gleich geht die Party richtig ab! Gleich bist du im „richtigen New York“ und dann geht der Marathon so richtig los.

Richtiges New York deshalb, weil im Grunde jeder der NY nur vom Hören und Sagen her kennt, MANHATTAN mit New York gleichsetzt, was natürlich so viel Sinn macht wie Deutschland mit Bayern und Lederhosen gleichzusetzen. Die 25km-Marke die wir passieren, liegt kurz hinter dem Scheitelpunkt und somit auf der abfallenden Teilstrecke der Brücke. Der Blick nach links ist durch das Wetter alles andere als spektakulär und reicht nur dafür, um die Hochhäuser der UPPER-EASTSIDE schemenhaft zu erkennen. Wir befinden uns in diesem Moment über Roosevelt Island, eine Insel die zu Manhattan gehört und im East-River liegt.

Wie auf der gesamten Brücke weiterhin keine Zuschauer, kein Jubel, nur die üblichen Laufgeräusche – du beginnst irgendwann nachzudenken, weil es vom Profil ab der Mitte ja dann auch leicht abschüssig wird, denkst zurück an das was du auf den letzten Meilen schon erleben durftest, hörst in deinen Körper rein, kontrollierst die Atmung, wie fühlen sich die Beine an. Doch dann nimmst du in der Ferne ein erstes Geräusch wahr, das du aber zunächst nicht näher zuordnen kannst Je weiter du dich dem Ende der Brücke näherst, was du am Blick nach links erkennen kannst, desto lauter wird das Geräusch. Du siehst aber erstmal immer noch nichts – dabei entstehen Bilder in deinem Kopf, du versuchst dir das Szenario, was dort auf dich wartet und gleich kommen wird, zunächst auszumalen, läufst aber weiter, weil du nicht stoppen willst, um zu gucken, schließlich geht es ökonomisch bergab, aber irgendwann erreicht deine Neugierde dann ein Level, wo du nachgibst, kurz stoppst und vorsichtig vom Brückengeländer nach rechts  guckst – und bamm…

Wenn ich mir die Szene jetzt hier beim Schreiben noch mal vergegenwärtige, dann läuft es mir wieder eiskalt den Rücken runter und ich bekomme Gänsehaut – weil das was du siehst, das trifft dich unvorhergesehen, unerwartet und einfach wie ein Schlag – und bevor du überhaupt annähernd begriffen hast, was du mit deinen eigenen Augen wahrgenommen hast, musst du mindestens ein weiteres mal gucken, nachdem du dir zweifelnd deine Augen gerieben hast, ob nicht doch irgendwas mit deiner Optik nicht stimmt. Ich habe erst geglaubt ich würde halluzinieren, wenn ich nicht gesehen hätte, was ich gesehen habe und mir hätte das jemand versucht zu erzählen, dann hätte ich das garantiert nicht für möglich gehalten, sondern als eine Übertreibung abgetan.

Auf den rund 100 Meter Strecke mit Kurve, die man von dort oben der East 59th Street einsehen kann, befinden sich Massen von Menschen, die ein Stimmungsinferno losbrechen. Teilweise stehen die Zuschauern in dreier bis vierer Reihen an den Banden und auch die Laufbahn ist annähernd mit den Läufern voll, die knapp 400 Meter vor mir laufen und die Queensboro-Bridge schon passiert haben und jetzt auf der 59th in Richtung der Unterführung unterwegs sind, die sie unter der Brücke her auf die First Avenue leiten wird. Ich glaube spätestens von diesem Zeitpunkt an, hatte ich verstanden, was das einzigartige an diesem Marathon ist. Es ist die Mischung aus Phasen unterschiedlicher Reize und Reizintensitäten, überraschender Wendungen, dem Setting einer Weltstadt und einem Spirit, der seines Gleichen sucht – das Werk aus der Feder eines Schriftstellers, das Gemälde eines Malers, das Gericht eines Sternekochs – oder ich weiß auch nicht – rundum genial!!!

Im Nachhinein würde ich diesen Moment mit als einen der Magicmoments des Marathons bewerten. Bis hier hin auf jeden Fall der emotionale Start an der Verrazano-Bridge – das Alp d’Huez auf der Lafayette Ave in BROOKLYN – und auf jeden Fall der erste Blick runter von der Queensboro-Bridge auf die 59th. Und das war erst der Anfang von Manhattan – Meile 16 endet noch auf dem letzten Metern der Brückenabfahrt des OUTER-ROADWAYS, auf dem wir 200 Meter vor dem Ende der Brückenpassage gewechselt waren, und dann warten noch mehr als zehn Meilen bis zum Ziel. Wie es mit Meile 17 weitergeht und was mich auf der First Avenue erwartet, die direkt im Anschluss an die Brückenphase wartet, dazu gibt es Morgen mehr…

Mein erster Eindruck war – ich halluziniere?! Das kann nicht sein – der Anblick war dermaßen surreal, dass es nicht real sein konnte. Ich hatte mich zwar schon die ganze Zeit auf Manhattan gefreut und ich habe es mir auch großartig ausgemalt – aber das es so wird, da habe ich nicht im wildesten Traum dran gedacht. Wenn man eine solche Szene für einen Film Inszenieren müsste, müsste sie genauso aussehen. Der Kontrast zwischen der ruhigen Brückenphase und was da unten wartete war fast schon beängstigend  – einfach zu viel zu geil!! Wenn ich mir vorstelle, wie viel mehr voll es bei optimalem Sonnenwetter gewesen wäre – unvorstellbar, aber ok, so wie das Wetter war es genau richtig!!!


– Mile 17 –

Und wer gedacht hat, dass mit dem Gänsehautmoment von der Queensboro-Bridge die Marathonparty stimmungstechnisch ihren Zenit überschritten hätte und nun gemächlich  bis zum Ziel im Central Park austrudelt, der irrt gewaltig…

Also du kommst voll freudiger Erwartung die Brücke runter, lässt den 16-Meilen-Marker links stehen, läufst die Abfahrt weiter bis zum Ende und kommst auf der E59th raus. Dort angekommen geht es dann links in die Spitzkehre und spätestens wenn da angekommen, musst du dich das erst mal schütteln, weil das ganze Szenario so übertreiben und unwirklich scheint. Vor allem durch das Läuten mit den Give-away-Blechglocken von der Messe machen die Leute einen solchen Höllenlärm, dass von jetzt auf gleich dermaßen viele Reize auf dich einprasseln, dass die in der Summe nur schwer zu verarbeiten sind.

Foto-Collage von Meile 17 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 17 beim New York City Marathon 2017

Auch danach habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wen feuern die an? Mich mehrmals umgedreht und gecheckt, ob in meinem Umfeld vielleicht irgendein Hollywood-Star oder irgendeine andere Berühmtheit ist? Was hier los ist, das ist der Oberknaller. Und wieso gehen alle so ab als würde man auf dem Weg sein, die Goldmedaille zu gewinnen? Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Die Masse  peitscht dich regelrecht über die Strecke.

Und genau dieses Geräusch – ich werde es mein Leben lang nicht mehr vergessen, es hat sich wahrscheinlich als Tonspur in mein Gedächtnis gebrannt – war es auch, das du schon aus der Entfernung auf der Brücke wahrnehmen konntest, dieses schrille Geläute der Metallglocken – fast schon so nervig wie die UWE Seelers. Ach, Vuvuzela – diese Blasinstrumente von der WM aus Südafrika 2010 meinte ich natürlich – einfach nur laut!!!

Du kommst von der ruhigen, menschenleeren Brücke und befindest dich plötzliche in einer Massenansammlung, überall sind Menschen und machen einen unwirklichen Radau, manche schreien, andere kreischen und dazu dieses lärmende Glockengebimmel, das hat bei mir zunächst gefühlt einen mittelschweren Schock ausgelöst, von dem ich mich erst nach und nach erholen musste, nur dazu bleibt dir gar keine Zeit, denn danach startete der absolute Laustärken-Tornado – nach den ersten hundert Metern  auf der First Avenue hatte ich eine Überdosierung an Jubel-Trubel-Heiterkeit – das war echt ohne Worte intensiv, außergalaktisch wie vom anderen Stern. Und dabei stehst du erst vor der Brückenunterführung, die dich unter der Queensboro-Bridge durch und auf die First Avenue bringt. Und in dem 50 Meter langen Tunnel wird es aufgrund der deckenbegrenzten Räumlichkeit akustisch dann nochmal eine Stufe lauter.

16 Meilen sind geschafft, die man unter normalen Umständen ganz allmählich in seinen Beinen spürt, doch spätestens nach der Tunnelpassage sind jegliche Erschöpfungssymptome wie weggeblasen, denn dann kommst du aus dem Tunnel auf die First Avenue und da startet dann das absolute Marathonparty-Spektakel, das dich vollends platt macht – absolute Reizüberflutung – riesige Videoleinwand, eine Massen von Menschen und eine beängstigende Geräuschkulisse – und du fragst dich unweigerlich, ob in einem deiner letzten Becher vom Verpflegungsstand irgendwelche wahrnehmungsbeeinflussenden Mittel gewesen sein könnten, weil anders lässt sich diese Eskalation nicht erklären – es lässt sich auch kaum in Worten beschreiben, wie heftig dieser Moment ist.

Und so lange der Tunnel noch nicht vollständig passiert ist, ist es auch noch gar nicht möglich das ganze Ausmaß zu überblicken, da dein Blickfeld durch die Deckenhöhe der Unterführung limitiert ist. Wenn man dann aber aus der Unterführung heraustritt und sich auf der First Avenue befindet, kann man die riesige Straße 1 bis 2 Kilometer hinaufgucken und ist von diesem Anblick einfach nur geflusht. Man sieht eine nicht enden wollende kerzengerade Straße, die rechts und links von riesigen Häusern eingerahmt ist. Und soweit dein Auge reicht, sind die Bürgersteige pickepackevoll mit Menschen.

Und es hat nicht lange gedauert, da waren das Glockengetöse und der permanent Support fast schon anstrengend. Sobald ich nur in der Nähe des Streckenrandes gelaufen bin, wurde mein Name gegrölt – Christian here, Christian there, Christian everywhere – natürlich nur deshalb, weil ich mir meinen Namen im Vorfeld auf das Shirt drucken lassen haben, was ich zum Glück kurz vorher machen lassen habe [TIPP: Lasst Euch unbedingt Euren Namen auf Euer Laufshirt pinnen, das kostet bei DECATHLON 3,99 – es ist jeden Cent wert!!!] – aber wie gesagt hinten raus wurde es ein beinahe nervig, so dass ich mir streckenweise damit behelfen musste, indem ich in die ruhigere Straßenmitte geflohen bin.

Auf der anderen Seite ist dieser „personalisierte Support“ natürlich auch voll spaßig und leistungsförderlich, weil dich das gedanklich immer wieder zurück auf die Strecke holt, was vor allem in der Endphase des Marathons, wenn der innerliche Kampf gegen die eigenen Gedanken entbrannt ist, besonders hilft. Jedes Mal wenn man seinen Namen hört, denkst du unterbewusst für einen kurzen Moment, ach guck, da ist wer, der dich kennt. Viel Zeit um sich destruktive Gedanken zu machen, wie beispielsweise die sagenumwobene Wand herbeizusehnen, die auf einen jenseits von Kilometer 30 warten soll, hat man bei diesem Marathon eigentlich sowieso nicht. Da ich im Genussmodus unterwegs gewesen bin, war die Gefahr für mich von diesen Gedanken heimgesucht zu werden sowieso eher unmöglich.

Spätestens auf der First Avenue heißt es also endgültig Willkommen im Tollhaus MANHATTAN, wobei der Wechsel von andächtiger Totenstille auf der Brückenpassage zur absoluten Reizüberflutung auf der First Avenue aus der Retroperspektive betrachtet ein weitere Höhepunkt des Marathons gewesen ist. Von Meile 16 bis 19,5 führt uns die weitere Strecke solange auf der First Avenue geradeaus in Richtung Norgen, bis das Ende der First Avenue und damit das Ende von Manhattan erreicht ist. Dort wartet dann  die Willis Avenue Bridge und ein Kurzbesuch in der Bronx, da wir uns momentan allerdings erst auf Höhe der E59th Street befinden und die First Avenue auf Höhe der 124th Street endet, haben wir bis dahin also noch einiges an Strecke, um mit der First Avenue warm zu werden und noch einges vom Streckenrand zu erfahren – und das allergeilste ist, dass auf uns bis ins Ziel noch 10 Meilen warten, da bis hier hin erst 26 Kilometer auf der Uhr sind…


– Mile 18 –

Durch meine ausgedehnten Schilderungen der eskalativen Partystimmung  beim Übergang von der Queensboro-Bridge auf die First Avenue sind ein paar interessante Details der Meile 17, die es durchaus gegeben hätte, unerwähnt auf der Strecke geblieben. Meile 17 erstreckt sich zwischen der 59th und der 78th Street und schon auf Höhe der East 66th Street steht die Kirche des Heiligen Johannes von Pomuk (Church of St. John Nepomucene), die ich aufgrund der im Umfeld liegenden Hochhäuser allerdings fast übersehen hätte.  Während die Kirchentürme in den bisherigen Stadtteilen noch als Horizontanker gedient hatten, stehen sie in Manhattan im Umfeld der gläsernen Riesen am Ende der Höhenrankings. Auf einer Art fast schon deplatziert wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche der Menschheitsgeschichte – irgendwie entwertet, des Privilegs beraubt – während Kirchen sonst zumindest von außen betrachtet durch die  imposante Erscheinung ihrer hohen Kirchentürme auffallen, fallen sie in hier in Manhattan definitiv durch ihre verglichen mit den gläsernen Riesen fehlende Größe auf – erinnerte mich ein bisschen an David versus Goliath.

Im Vergleich zur überschaubaren Höhe der Kirche, dessen Kirchturm eine Höhe von 50-70 Meter hatte, hat der 1984 erbaute Kingsley Tower, der sich im direkten Umfeld zur Kirche befindet  40 Stockwerke und eine Höhe rund 130 Metern Höhe, wobei dazu gesagt werden muss, dass es sich beim Kingsley Tower lediglich um ein 0815-Hochhausgebäude handelt, das im Vergleich zu den anderen Gebäuden zu den kleineren gehört.

Foto-Collage von Meile 18 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 18 beim New York City Marathon 2017


Und nicht das jetzt wer denkt, dass ich eine neue Faszination für Kirchengebäuden gefunden hätte, aber dieser Johannes Nepomuk oder Johannes von Pomuk, dessen Namen die Kirche trägt, an der wir auf Meile 17 vorbeigekommen sind, war ein böhmischer Priester, der 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen wurde. Da dieser Jo Nepumuk als „Brückenheiliger“ gilt und wir mittlerweile schon über 3 Brücken schadenfrei gekommen sind, finde ich, dass es an der Zeit ist, ihm dafür zu danken – schließlich kommen noch mit der Willis Avenue Bridge und der Madison Avenue Bridge zwei weitere Brücken, die passiert werden wollen.

Auf Höhe der E67th Street geht es vorbei am Schwartz Cancer Research Building einer Forschungs- und Bildungseinrichtung mit Schwerpunkt Krebsforschung. Vor diesem Gebäude ist die orangene Tribüne von Fred’s Team nicht ohne Grund aufgebaut, da Fred Lebow, der Initiator und Hauptverantwortliche dafür, dass der NYC Marathon heute das ist, was er ist, selbst an Krebs erkrankt war. Nach der Diagnose Hirntumor nahm er den Kampf gegen die Krankheit an mehreren Fronten und das Laufen wurde dabei Mittel zum Zweck. Mit dem Laufen sammelte er Spendengelder um die Krebsforschung finanziell zu unterstützen. Anlässlich seines 60. Geburtstages begleitete Greta Waitz (9fache NYCM-Siegerin 78-80, 82-86, 88) den krebskranken Renndirektor und langjährigen Präsidenten der New York Race Runners, bei „seinem“ Lauf. Seinen Kampf gegen den Krebs verlor er am 9. Oktober 1994 im Alter von nur 62 Jahren. Ein Jahr nach seinem Tod wurde Fred’s Team gegründet, um auf diese Weise sein Vermächtnis zu ehren und weiterzuführen.

Auf Meile 18 geht es durch YORKVILLE, einem Stadtteil der UPPER EAST SIDE von MANHATTAN, der sich von der 79th bis zur 96th erstreckt. YORKVILLE wurde ab 1880 zur bevorzugten Wohngegend für deutschstämmige Einwanderer und wurde anlog zu „Little Poland“, wie GREENPOINT in BROOKLYN genannt wurde, als „Little Germany“ bezeichnet. Im Jahre 1890 gab es knapp 80.000 in Deutschland geborene Neu-New Yorker, die sich ab 1917 aufgrund des Kriegseintritts der USA einem verstärkten Assimilationsdruck ausgesetzt sahen, weil „Deutsch“ mit dem Land und der Sprache des Feindes gleichgesetzt wurde. Auch wenn heutzutage nur noch wenig an die deutsche Vergangenheit des Viertels erinnert, so lässt sich das ein oder andere Überbleibsel doch noch wiederfinden. Beispielsweise findet sich dort an 86th Street der Carl Schurz Park, benannt nach einem deutschen Einwanderer, der aus dem Rheinland kam und später zum US-Senator gewählt werden sollte. Oder einen teilweise immer noch in deutscher Sprache gefeiert Gottesdienst, der in der katholischen St. Josephs Kirche stattfindet.

Dass die ganze Meile mehr oder weniger Party-on war, brauch ich nicht mehr zu erwähnen, da man es ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach ausblendet – zumal  sich bei mir auch allmählich die Auswirkungen einer Mischung aus Schlafmangel aufgrund des Jetlags, schwere Beine der Tagesbelastung und der Tage des Extrem-Sightseeing mit bis zu 30 Kilometern pro Tag so langsam bemerkbar machen. Sicherlich gab es noch zig Schilder, Plakate, Lustige Ballons, Begegnungen mit lustig verkleideten oder kuriosen Leuten auf der Strecke, aber im Nachhinein ist mir hierbei nichts Besonderes aufgefallen – viele Fotos habe ich auf dem Streckenabschnitt auch nicht gemacht, vermutlich wird es dafür einfach nicht allzu viele  lohnende Gelegenheiten gegeben haben oder ich war mit mir beschäftigt?!

Was gab es sonst noch? Auf Höhe der E90th Street hatte ich den ersten 5:00-Pacer, der mich an der Auffahrt zur Queensboro-Bridge in Queens überholt hatte, auch schon wieder eingeholt. An der 93th gab es dann Energie in Form von POWERBAR-Gels, von denen ich mir gleich zwei geben lassen habe, die ich mir allerdings erst mal nur als Wegproviant in die Tasche gesteckt habe, da kurz vor dem Ende von Meile 18 noch keine 30km auf dem Tacho waren und es mir den Umständen entsprechend immer noch prächtig ging. Als am nächsten Verpflegungspunkt grüne Schwämme verteilt wurden, stellte sich mir allerdings wieder einmal die Frage nach dem WARUM!? Denn iIm Gegensatz zu den SEWA-Tüchern lässt sich hierfür überhaupt kein Nutzen erschließen. Auch die Spatelspitzen Vaseline, die in regelmäßigen Abständen den Läufern angeboten wurden, haben zu einem abgerundeten Servicepaket beigetragen und auf jeden Fall Sinn gemacht, aber wozu bitte Schwämme? Wahrscheinlich eine Aktion nach dem Prinzip des Munitionsverbrauchschießens – wir haben es und es muss weg?!

Meile 19 führt uns weiter auf der First Avenue in Richtung Norden und dann geht es raus aus Manhattan und über die Willis Avenue Bridge zum Kurzbesuch in die Bronx…


– Mile 19 –

Ab der 96th Street heißt es Willkommen in EAST HARLEM. East Harlem, das auch als Spanish Harlem oder El Barrio bekannt ist, ist ein Stadtteil im Norden Manhattans. Die Nachbarschaft ist eine der größten überwiegend lateinamerikanischen Gemeinden in New York City, die hauptsächlich aus Puerto Ricanern und aus dominikanischen, kubanischen und mexikanischen Einwanderern besteht. Seit 2000 nimmt die chinesische Bevölkerung stetig zu. Die Probleme im Viertel sind beinahe allgegenwärtig, weshalb aus meiner persönlichen Perspektive die Bezeichnung eines sozialen Brennpunktes unbedingt zutrifft. Eine der höchsten Arbeitslosenquote in New York City aber auch eine relativ hohe Anzahl an Teenagerschwangerschaften, AIDS-Erkrankten, Drogenmissbrauch und Obdachlosigkeit um nur einige der sozialen Probleme zu nennen, die das Viertel in der Vergangenheit plagten.

Foto-Collage von Meile 19 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 19 beim New York City Marathon 2017

Schon bevor wir EAST HARLEM erreicht haben, löst sich der korridorschaffende Effekt des Hochhausspaliers, wie er auf der First Avenue auf der Höhe der 59th Street zuvor zu erleben war, ganz allmählich auf. Die Gebäude werden niedriger und es besteht offensichtlich mehr Platz auch für Bäume und Parks, wie beispielsweise den Thomas Jefferson Park, der sich zwischen der 111th Street und der 114th Street erstreckt. Ansonsten lässt sich Meile 19 im Nachhinein wohl am besten als Übergangsmeile bewerten, wirklich viel passiert nicht und auch architektonische Schmankerln lassen sich nicht wirklich finden. Es fällt allerdings auf, dass je weiter wir in den Norden von Manhattan kommen, dass immer mehr Wohnblöcke in gleicher Bauweise das Stadtteilbild dominieren.  Deshalb ist es wenig überraschend, das mir Wikipedia verrät, dass das Stadtgebiet von East Harlem neben Brownville in BROOKLYN die höchste Dichte an Sozialwohnungen in den ganzen Vereinigten Staaten von Amerika aufweisen soll.

Gegen Ender von Meile 19 liegt der 30km-Marker dann auch hinter uns und an der nächsten Wasserstation auf Höhe der E 97th habe ich dann doch die mir gebotene Chance ergriffen, um eins meiner zwei Gels mit ausreichend Poland-Spring-Water hinunterzuspülen. Und so frisch gelisiert, habe ich mir dann noch eine besondere Spezies eines Brems- und Zugläufers  geschnappt – den Monarchfalter Jacky. Also zumindest war sie mit prächtig-bunten Flügeln und einer Fühlerkrone als solcher verkleidet und von dieser Spezies hatte ich ja schon welche im Battery-Park an der Südspitze Manhattans in Natura gesehen. Ihren Namen hat sie mir eigentlich auch nur durch ein Missverständnis genannt, als ich von ihr wissen wollte wie der Name des Schmetterlings von ihrer Verkleidung heißt. Als sie auf meine Frage: „Hey, what is the name of the butterfly of your costume?“ mit „Hey I’m Jacky“ antwortete – situationsbedingt habe ich mich mit dieser Antwort zufrieden gegeben – vielleicht hätte ich dem „name“ ein „scientific“ vorausschicken sollen? Normalerweise hätte ich versucht meine Frage zu präzisieren, aber ehrlich gesagt war ich mir in dem Moment auch gar nicht mehr so sicher, ob meine erschöpfungsbeeinflussten Englischkenntnisse zu einer zielführenden und verständlichen Kommunikation hätten beitragen können.

Auf der nächsten Meile heißt es dann auch schon tschüss First Avenue – es geht fließend weiter auf der Willis Avenue, die uns dann über den Harlem River rüber in die Bronx bringen wird, wenn es der Brückenheilig St Nepomuk zulässt, dann sogar schadfrei…


– Mile 20 –

Die erste Hälfte von Meile 20 zieht sich durch den nordöstlichen Teil von Manhattan, zuschauertechnisch flacht es ein wenig ab. Es scheint so als würde der Marathon noch einmal Luft holen wollen, um uns dann mit Anlauf auf der später folgenden 5th Avenue den Rest zu geben.

Auf dem Weg zur Willis Avenue Bridge, die uns in die Bronx führen wird, geht es vorbei an den Triborough Houses, die eine der vielen Sozialbausiedlungen in der direkten Nachbarschaft zur First Avenue in East Harlem bilden. Die Siedlung besteht aus 14 Gebäuden zu je 16 Stockwerken und 8 Gebäuden zu je 7 Stockwerken, umfasst dementsprechend insgesamt 22 Gebäude, die zudem alle in derselben Optik gebaut sind. Insgesamt verfügt die Siedlung über 2.154 Wohnungen, in denen 5.290 Einwohner leben, wobei der komplette Wohnkomplex einen Wert von rund 30 Millionen Dollar besitzt. Wir denken nochmal kurz zurück an den Wohnturm The Kingsley, der zu Beginn unserer Reise auf der First Avenue lag, wo eine 3-Zimmer-Eigentumswohnung schon alleine 1,1 Millionen Dollar gekostet hatte  – die Gegensätze hier in New York sind extrem und beim Vergleich von  MIDTOWN MANHATTAN mit der BRONX oder EAST HARLEM vermutlich in vielerlei Hinsicht!!!

Bis die eigentliche Brücke erreicht ist, muss noch eine langgezogene Auffahrt überwunden werden, die trotz minimaler Steigung viel Zeit bietet, um sich mit Blicken in die Ferne abzulenken. Beim Blick nach rechts sieht man trotz diesig-nebligem Wetters unter anderem die Triborough Bridge, wie die aus insgesamt drei Einzelbrücken bestehende Brückengruppe genannt wird. Auf der linken Seite wird einem vermutlich als allererstes das i-heart-radio-Schild auffallen, das auf einem der Gebäudedächer thront und den Sitz des Radiosenders markiert.

Foto-Collage von Meile 20 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 20 beim New York City Marathon 2017

Nach der Verrazano-Bridge (Meile 1), der Pulaski-Bridge (Meile 14) und der Queensboro-Bridge (Meile 16) geht es auf Meile 20 über die vierte der insgesamt fünf zu überwindenden Brücken beim New York Marathon – wobei es sich bei der Willis Avenue Bridge im Vergleich zu den vorherigen wiederrum um eine komplett andersartige Brückenkonstruktion handelt. Die Willis Avenue Bridge ist vom Konstruktionstyp her eine so genannte Drehbrücke aus Stahlfachwerk, die bei Bedarf um 90° in Fließrichtung des Harlem Rivers gedreht werden kann, um auf diese Weise größeren Schiffen die Brückendurchfahrt zu ermöglichen. Die Gesamtlänge der Willis Avenue Bridge inklusive der Auffahrten beträgt 979 Meter (3212 ft.), wobei die eigentliche Brücke nur eine maximale Spannweite von 93 Meter (304 ft.) aufweist. Die vier Fahrbahnspuren verlaufen in einer Höhe von 7,60 Meter (25 ft.) über dem Harlem River.

Nachdem uns das offizielle Verkehrsschild im Namen des New Yorker Bürgermeisters Mayor Bill de Blasio und des Stadtteilbürgermeisters Ruben Diaz Junior in der Bronx willkommen heißt – haben wir Manhattan für die nächsten 1,5 Meilen auch schon den Rücken zugekehrt und unsere Füße auf das Stadtgebiet der Bronx gesetzt. Der Pulaski Park, der sich laut GOOGLE-MAPS auch noch auf der rechten Seite der Brücke befinden soll, enthält für meinen Park-Geschmack eindeutig zu wenig natürliches Grün, bietet dafür aber viele Möglichkeiten zum Sporttreiben und findet hier auch nur Erwähnung, weil uns Mr. Pulaski schon beim Stadtteil-Hopping zwischen BROOKLYN und QUEENS mit der nach ihm benannten Brücke behilflich gewesen ist. Wie schon in EAST HARLEM auf der anderen Seite des Harlem Rivers ist auch die Skyline von der BRONX geprägt von einer Häuserlandschaft des typischen öffentlichen Sozialwohnungsbaus.

Allerdings sind am Horizont keine brennenden Häuser zu sehen und auch Polizeisirenen oder Schüsse habe ich bis jetzt noch nicht vernommen. Das Bild der Bronx als Synonym für marodierende Straßengangs, Gewalt und Chaos wie man es in manchen Hollywoodfilmen suggeriert bekommt oder besser geschrieben bekam, scheint mit der aktuellen Situation nicht mehr allzu viel zu tun zu haben. Den Eindruck als sei es hier eine No-Go-No-Law-Area habe ich auch ganz und gar nicht, was allerdings auch an der erhöhten Polizei- und teilweise sogar Militäpräsenz liegen könnte. Aber auch das Internet lässt mich zum Ergebnis kommen, dass sich das Stadtviertel durch verbesserte Präventionstrategien und mit einer, der Problemlage angepassten Stadtentwicklung befrieden lassen und verändert hat. Einige Probleme bestehen allerdings auch weiterhin, was die Zusammensetzung der Bevölkerung in diesem Viertel eindrucksvoll belegt. Viele Stadtteile in der BRONX werden von bestimmten Bevölkerungs- bzw. Herkunftsgruppen dominiert, was letztendlich mit einer ausgeprägten ethnischen und sozialen Segregation einhergeht. Besonders auffällig ist der geringe Anteil weißer Bevölkerung, der laut einer Statistik von WIKIPEDIA.ORG bei lediglich 1,7% liegt, was in Relation zu, 72,3% Hispanics/ Latinos, 24,7% Schwarze oder Afroamerikaner, 0,4% Asiaten beeindruckend gering ausfällt.

Auch die Leute, denen wir begegnen, wollen nicht in das überspitzte Hollywood-Bild der Gegend passen. Noch bevor wir vom offiziellen Willkommensschild des US-Schuhverkäufers willkommen geheißen werden, welches uns bis hier her den Übergang in jeden Stadtteil angezeigt hat, empfängt uns eine kleinere Delegation Einheimischer in der „stadtteilüblichen Tracht“ – also mit Sonnenbrille auf der Nase und einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze des Kapuzenpullis – aber statt uns auszurauben, versorgen sie uns mit allerlei privaten Leckereien. Frische Orangenviertel, Schokoriegel und Cola haben sie im Angebot, sind dazu super gut drauf und trotzen dem ungemütlichen Nieselregen. Dank meiner Vorurteile, die ich mit in den Stadtteil gebracht hatte, hätte ich einiges erwartet, aber garantiert nicht das…

An der ersten Kreuzung nach der Willis-Avenue-Bridge führt uns die Strecke links auf die 135th Street, wo am bald folgenden Stand vom TEAM Red White and Blue zur Abwechslung ordentlich was los ist. Das TEAM RWB ist eine Organisation, die sich zum Ziel gemacht hat, das Leben der amerikanischen Veteranen zu bereichern, indem man sie nach ihren teilweise traumatisierenden Einsätzen durch gemeinschaftliche körperliche und soziale Aktivitäten stärkt und eine Gemeinschaft bildet.

Der 20 Meilen-Marker liegt kurz hinter dem Gebäude der Jonathan D. Hyatt School, einer öffentlichen Schule auf der 135th Street. Aus dem Mund von Hal Higdon einem Amerikanischen Läufer und Autor verschiedener Bücher soll das Zitat stammen: „It can be said that the first half of the marathon is 20 miles long; the second half, 6.2 more“. Und um es in seiner Logik auszudrücken, müsste man jetzt wohl sagen: „Willkommen auf der Zweiten Hälfte des Marathons“. Nur noch 6.2 Meilen bis zum Ziel im Central Park. Meile 21 wird uns noch ein kleines Stück weiter durch die Bronx führen und dann geht es über die Madison Avenue Bridge auch schon wieder zurück nach Manhattan, womit die Stippvisite im fünften Borough unserer heutigen Tour beim New York City Marathon enden wird…


– Mile 21 –

Nachdem uns die 135th Street zum 20-Meilen-Marker vor dem Gebäude der Donald D. Hyatt Schule gebracht hat, führt uns der Marathonkurs mit einem Rechtsschwenk unmittelbar weiter in die Alexander Avenue und vorbei am äußeren Rand eines dieser das Stadtbild prägenden Sozialbausiedlungen. Während sich die 20-stöckigen Wohnblöcke linksseitig auftürmen, erkennt man auf der rechten Straßenseite einige hundert Meter weiter vorne einen Kirchturm mit kupfergrünem Dach. Doch zunächst ist meine Aufmerksamkeit auf die zehn Meter lange und 1,5 Meter hohe Videoleinwand und die DJ-Kanzel gerichtet. Dieser Abschnitt, der offiziell als „New Balance Mile-20 Block Party“ deklariert ist, soll die Läufer mit viel Tamtam durch die „Wall“ bringen, so zumindest die Theorie. Die Videoleinwand soll außerdem interaktiv animiert gewesen sein, was immer das auch heißen mag, wenn ich ehrlich bin, dann habe ich von Interaktion nichts mitbekommen und ich mich auch nur daran erinnern kann, dass dieses Teil ordentliche Strahlkraft hatte. Dafür wusste der DJ  mit beatreicher Musik zu überzeugen.

Auf Höhe der Kreuzung von Alexander Avenue und 138th Street befindet sich vor Kopf die  örtliche NYPD-Wache der des 40th Precinct, was an den zahlreichen Fahrzeugen vor dem Gebäude gut zu erkennen ist. Ebenfalls befindet sich hier die Kirche, die man schon zu Beginn der Alexander Avenue sehen konnte. An der Ecke vor der Kirche befindet sich die weiße Statue eines sitzenden Mannes mit Buch in der Hand – dem äußeren Erscheinungsbild nach zu urteilen, könnte es sich dabei um einen Geistlicher handeln – vermutlich der heilige Jerome, denn GOOGLE verrät mir, dass es sich um die römisch-katholische Kirche des St. Jeromes handelt. Außerdem wurde das Kirchengebäude schon 1898 in einem italienischen Renaissancestil mit spanischen Akzenten erbaut, was auch immer das bedeuten soll.

Brücke; raus aus der Bronx über die Willis-Avenue-Bridge

Foto-Collage von Meile 21 beim New York City Marathon 2017

An der Kreuzung führt uns unser Weg weiter nach links in die 138th, wo uns nach rund 200 Meter die Helferschar in Grün zu einer weiteren Verpflegung einlädt. Ein paar Straßen von hier entfernt liegt einer der drei historischen Distrikte von Mott Haven. Unterschieden wird in den “Mott Haven Historic District”, “Mott Haven East Historic District” und “Bertine Block Historic District”, wobei die Strecke unmittelbar am erst genannten vorbeiführt. Er besteht aus vier- und fünfstöckigen Reihenhäusern aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besteht und darunter ist auch eine Reihe von schönen Brownstones enthalten, die historisch als Doctor’s Row und Irish Fifth Avenue bekannt sind. Doch wir Läufer sehen von all dem leider gar nichts – auch den Bronx Zoo oder das Yankees-Stadium, wo die Spiele der New York Yankees in der MLB oder des New York City FC in der MLS ausgetragen werden bekommen wir nicht zu Gesicht, dazu sind die 1,5 Meilen auf dem Stadtgebiet der Bronx einfach zu marginal. Und  42.195 Kilometer sind selbst im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten nur 26.2 Meilen lang.

Das an einem Baugerüst angebrachte 20.2-Meilentransparent mit der Ankündigung „NAKED CHEERLEADERS NEXT MILE“, habe ich erst zu Hause auf dem Rechner bewusst wahrgenommen, konnte mir aber auch nachträglich noch ein Schmunzeln abgewinnen. Es geht rechts auf die Lincoln Ave, die nach ein paar Metern zur Morris Avenue wird. An der seitlichen Wand des hiesigen Supermarktes steht ein weiteres DJ-Zelt, wobei es so scheint als sei der DJ gerade dabei seine Platten zu sortieren, denn Musik ist keine zuhören. Danach biegen wir mit einem  links-Turn in die 140th Street, passieren die Supermarktfront, biegen nach weiteren ungefähr 50 Metern direkt wieder links in die Rider Avenue und nach rund 200 Meter und einem weiteren rechts-Turn zurück auf der 138th Street, auf der wir vor dieser Zusatzschleife sowieso auch schon gewesen sind. Bis auf den Western-Beef-Supermarkt, der dem Werbeslogan nach zu urteilen seine Nachbarschaft kennt – „We know the neighborhood“ – was immer das hier in der Bronx zu bedeuten hat, gibt es auf dieser Zusatzschleife im Grunde gar nichts. Wahrscheinlich ist dieser Streckenanschnitt eher als Streckenfüller zu betrachten, um am Ende im Central Park auf die exakte Marathondistanz zu kommen – so gesehen ein organisatorischer Distanz-Puffer.

Nach dem kurzen Ausflug zum Western Beef Supermarkt führt uns die 138th Street in westlicher Richtung nonstop zur Madison Avenue, die in die gleichnamige Brücke mündet. Die Madison Avenue Bridge ist von der Konstruktionsweise eine Drehbrücke aus Stahlfachwerk, die wenn man die Auf- und Abfahrt  mitrechnet eine Gesamtlänge von 577 Meter (1,892 feet) aufweist, wobei die Spannweite exklusive der Zu- und Abfahrt lediglich 91 Meter (300 feet) umfasst. Die 4-spurige Fahrbahn überwindet den Harlem River in einer Höhe von 7,6 Metern und verbindet dabei die Bronx und Manhattan. Beim Linksblick von der Brücke aus lässt sich unter anderem die 3rd Avenue Bridge sehen,  rechtsseitig liegt die 145th Street Bridge.

Vor der Stahlträgerkonstruktion der Brücke warten einige Zuschauer mit neon-knalligen Schildern, auf denen in großen Lettern ein beruhigendes „LAST DAMN BRIDGE“  geschrieben steht.  In dem Moment war ich froh über diese Information auch wenn mir klar war, dass die „acht härtesten Kilometer“ noch kommen werden – nicht weil es streckentechnisch anspruchsvoller werden sollte, sondern weil die Erfahrung verrät, dass die letzten Kilometer die sind, die die meiste Überwindung kosten und, dass der nächste Kilometer grundsätzlich der Allerschwerste ist. Im Nachhinein kann man sagen, dass die Brücken alles andere als problematisch sind, klar muss bis zum Scheitelpunkt eine gewisse Höhedifferenz überwunden werden, aber sonst absolut nix vor dem man sich ins Hemd machen müsste und schon erst recht dann nicht, wenn das Ziel nicht heißt Ballern bis ans Leistungslimit. Zudem wird man am Scheitelpunkt in den meisten Fällen mit einem super Ausblick belohnt!!!

Direkt hinter der ansehnlichen Stahlträgerkonstruktion der Brücke taucht dann auch schon das 21-Meilen-Schild auf – 34 Kilometer liegen hinter uns und sind mittlerweile geschafft. Spätestens nach der Brücke war trotz kontrollierter Geschwindigkeit mein Genussvorsatz nur noch bedingt umsetzbar. Die permanente niederschlagstechnische Dauerberieselung und die Überdosis an zu verarbeitenden Eindrücken sowohl akustisch als auch visuell hatten meine maximalen Aufnahmekapazitäten längst überschritten und führten ganz allmählich zu einem Moduswechsel  – und zwar dahingehend, dass ich doch vermehrt in die gedankliche Konfrontation mit mir selbst geraten sollte, von der mich selbst der Jubel-Trubel vom Seitenrand nur och zwischenzeitlich ablenken konnte – bedeutet unterm Strich weniger Genuss, kleinere Anzahl nicht verwackelter Bilder, weniger detailreiche Erinnerungen. Meile 21 Haken dran nur noch fünf Meilen bis ins Ziel…


– Mile 22 –

Nachdem der 21-Meilen-Marker passiert ist, sortieren wir uns auf der rechten Spur ein und es geht weiter auf der 138th. Das moderne Gebäude auf der Rechten läßt keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir das Stadtgebiet der BRONX endgültig verlassen haben. Nach den ganzen Sozialbauten auf den Stadtgebieten von EAST HARLEM und der BRONX wartet unmittelbar nach der Überquerung des Harlem Rivers das Beacon Mews in HARLEM. Das Beacon Mews wirbt für seine Luxus-Apartments mit Blick auf den Harlem River mit einem Rundum-Wohlfühl-Paket. Unter dem beworbenen „full-service“, der in der monatlichen Miete inkludiert ist, fallen die Dienste eines Portiers sowie die Nutzung von Gemeinschaftsgarten, Fitness-Center und Tiefgarage. Die Mieten der 2-3-Raumwohnungen kosten zwischen $ 1.700 und $ 2.600 pro Monat und befinden sich somit zumindest für New Yorker Verhältnisse in einem mittleren Preissegment.

Willkommen zurück in MANHATTAN heißt es dann auf dem offiziellen Stadtteil-Schild des US-Schuhherstellers, genau genommen sind wir im Stadtteil HARLEM angekommen. Die Strecke biegt nach links ab und für die nächsten 2,5 Meilen (knapp 5km) sind wir auf der berühmtesten und gemessen an den Ladenlokalmieten auch der teuersten Straße der Welt unterwegs. Die 5th Avenue, ist der Mittelachsenteiler, der mittig durch die Querstraßen hindurchläuft und diese in West und East aufteilt. So erhält beispielsweise die westlich von der 5th gelegene 69th Street den Namenszusatz W, also W 69th St und die östlich gelegenen den Zusatz E, also E 69th St, wobei jede dieser Straßen eine eigene Nummerierung der Häuser haben. Dennoch sollte man festhalten, dass die 5th Avenue so weit oben im Norden optisch noch überhaupt nichts mit dem Nobel-Abschnitt in Midtown zu tun hat. Das offenbart auch ein Vergleich der Beacon-Mews-Mietpreise mit der durchschnittlichen Miete eines Ladenlokals, die 2010 jährlich und pro Quadratmeter bei umgerechnet über 30.000 Euro gelegen hat.

Harlem; Markus-Garvey-Park;

Foto-Collage von Meile 22 beim New York City Marathon 2017

Auch wenn von all dem MIDTOWN-Glamour hier im Norden noch nichts zu spüren ist, so hat Harlem eine Menge zu bieten. Es gilt noch immer als Hochburg afroamerikanischer Kultur und Politik, war aufgrund der lange Zeit herrschenden Rassendiskriminierung Ausgangspunkt von Unruhen und vieler Auseinandersetzungen mit der Polizei.  In den letzten Jahren wurden einige Straßen im Stadtteil zu Ehren schwarzer Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung oder Persönlichkeiten umbenannt und tragen heute Namen wie beispielsweise Malcolm X Boulevard (auch: Lenox Avenue, 6th Avenue), Adam Clayton Powell Jr. Avenue (7th Avenue), Frederick Douglass Boulevard (8th Avenue).

Für einen Großteils der Bevölkerung von Harlem spielt Religion eine bedeutende Rolle. Harlem ist ein Ort religiöser Vielfalt und beheimatet Vielzahl der unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften und dementsprechend steht im Umfeld zur Marathonstrecke auch eine große Anzahl von Gotteshäusern, die sich allerdings von der mir bekannten Standardbauweisen erheblich unterscheiden. So zum Beispiel die Greater Central Baptist Church an der W 132nd Street, die mit dem Schild am Eingang von außen eher aussieht wie ein Ladenlokal eines Supermarketes oder eine Bar als nach einer Kirche. Oder die Mount Morris Ascension Presbyterian Church, die auf W 122nd Street steht und sich damit im Mount Morris Park Historic District befindet. Das Gebäude wurde 1905/06 von Thomas H. Poole entworfen und hat im Laufe der Zeit verschiedenen Gemeinden ein Zuhause geboten. Das Gebäude hebt sich von den herkömmlichen Gebäuden durch die Gebäudeform ab, aber vor allem die goldene Farbe des Backsteins verleiht dem Gebäude eine fast schon anmutige Erscheinung. Die grüne Kupferkuppel vervollständigen die Besonderheit dieses Kirchengebäudes – mal was anderes…

Ebenfalls im Mount Morris Park Historic District, das seit 1971 in den Status eines Denkmalschutz-Bezirke gehoben wurde und somit zu den ersten in New York zählt, liegt der Marcus Garvey Park, der bis 1973 allerdings Mount Morris Park genannt wurde. Neben dem infrastrukturellen Standardparkinventar steht auf einem künstlichen Plateau, das „The Acropolis“ in der Mitte des Parks ein Feuerwachturm (Harlem Fire Watchtower), der im Jahre 1856 errichtet wurde. Durch die erhöhte Position des Turms konnte das Viertel im telefonfreien Zeitalter vor Bränden gewarnt, die aufgrund der dominierenden  Holzbauweisen schnell außer Kontrolle gerieten. Für die akustische Durchschlagskraft des Alarms befindet sich im Fire-Watch-Tower eine 4,5 Tonnen schwere Glocke. Der rund 14 Meter hohe Turm, der aus Gusseisen gefertigt ist, ist der einzig verbliebene von über elf solcher Türme, die in New York City zu diesem Zweck errichtet wurden und ist einzigartig in den USA.

Noch bevor der Marcus Garvey Park die 5th Avenue unterbricht und sie diesem rechts herum ausweichen muss, laufen wir am 35km-Marker vorbei. Der 22-Meilen-Marker lässt danach auch nicht mehr allzu lange auf sich warten, er ist in etwa auf Höhe der W122th Street bei der Mitte des Parks erreicht. Hinter dem MG-Park erwartet uns auf Meile 23 dann auch schon der Central Park und die Museumsmeile….


– Mile 23 –

Meile 23 beginnt auf halber Strecke der Parkumrundung. Wir befinden uns weiterhin im nordwestlichen von Manhattan in Harlem, das

geologisch betrachtet eine durchaus  gefährliche Besonderheit aufzuweisen hat. Und zwar verläuft von New Jersey bis nach LONG ISLAND quer durch UPPER MANHATTAN ein tiefer unterirdischer Grabenbruch, der auch als „The Hollow“ oder „125th fault line“ bekannt ist. Die Erdspalte ist so riesig, dass die rote Linie der NY-Subway in dieser natürlichen Spalte ausreichend Platz findet und die Überwindung der tiefen Schlucht nur mit Hilfe einer unterirdischen Brücke möglich ist. Dass der für die Entstehung verantwortliche Prozess der Kontinentaldrift noch immer nicht zum Stillstand gekommen ist, lässt sich auch am Erbeben von 1884 erkennen, das mit einer Stärke von 5,2 auf der Richterskala zu verzeichnen war und für einigen Schaden in der Region gesorgt hat.

Foto-Collage von Meile 23 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 23 beim New York City Marathon 2017

Auf den knapp 800 Metern rundum den Marcus Garvey Park findet sich in der so genannten Harlem Miles Entertainment Zone vom Turntable rockenden Hip-Hop-DJ bis zum livesingenden Jazz-Quartett genau die Vielfalt wieder, die sich auch in der Diversität der Religionsgemeinschaften hier in Harlem wiederfinden lässt. Und aufgrund dieser Vielfalt geht es auch an diversen Kirchen vorbei. Zu finden ist beispielsweise die Mount Morris Ascension Presbyterian Church auf der 122th, die Bethel Gospel Assembly auf der 120th, die Mt Pisgah Church auf der 119th,  die Church of the Lord Jesus Christ auf der 117th, die Second Providence Baptist Church auf der 116th oder die Malcolm Shabazz Moschee, die sich ebenfalls auf der 116th Street befindet, und das ist nur einige zu nennen. Aber nicht nur der geistige Bestand sorgt für unsere Sicherheit, auf der 114th hat die FDNY Engine 58/Ladder 26 einige Fahrzeuge ihrer  Löschflotte an den Streckenrand gestellt, um den Läufern ein weiteres optisches Highlight zu bieten, um von den mittlerweile eingetretenen Wehwehchen abzulenken.

Und dann ist das Setting des letzten Marathon-Akts auch schon erreicht – der Central Park. An der 110th Street führt uns die Strecke mitten durch den Kreisverkehr namens Duke Ellington Circle, der die nordöstlichste Ecke des Central Parks markiert und somit als Startpunkt des rechteckig angelegten Central Parks betrachtet werden kann. Auch wenn dazu gesagt werden muss, dass die Marathonstrecke bis auf Höhe der W90th St zunächst noch weiter auf der 5th Avenue entlang der östlichen Parkgrenze verläuft und erst dann in den Park hineinschwenkt. Auf der rechten Straßenseite, der Straße, die mitten durch den Kreisverkehr führt, befindet sich in der Mitte des kreisförmig angerichteten Amphitheaters die lebensgroße Bronzestatue von Edward Kennedy „Duke“ Ellington mit seinem Piano auf drei über sieben Meter hohen Säulen. Zu seinen Lebzeiten war Ellington ein bedeutender afro-amerikanischer Pianist, Komponist und Bandleader und gehörte darüber hinaus zu den einflussreichsten amerikanischen Jazzmusikern überhaupt.

Beim Harlem Meer, das eigentlich nur ein gewöhnlicher See ist und sich in der nordöstlichen Ecke des Central Parks befindet, kommt einmal mehr der „niederländische Kolonisationsursprung“ Manhattans zum Vorschein, denn die Niederländer bezeichnen stehende Binnengewässer als Meer, die wir in Deutschland als See bezeichnen würden und umgekehrt. Wobei meiner Meinung weder die Bezeichnung Meer noch die des Sees zutrifft, weil es sich bei dem Gewässer im Grunde nur um einen minimal größeren Stadtteich handelt, aber nun gut. Sowohl die dem Biber ähnliche Bisamratte (Ondatra zibethicus) als auch der Nachtreiher (Nycticorax nycticorax) finden auf der Insel in der Mitte des Meeres ihr Großstadtrefugium, aber auch der Angelfreund kommt hier voll auf seine Kosten, wobei das Angeln ausschließlich nach der C&R-Methode gestattet ist, wobei C und R für Catch und Release stehen – was so viel bedeutet wie, dass die Beute nach dem erfolgreichen Fangen anschließende wieder Freilassen wird, um den Bestand der verschiedenen Barscharten wie den Amerikanischen Flussbarsch (Perca flavescens) oder den Schwarzflecken-Sonnenbarsch (Pomoxis nigromaculatus) zu schonen. Ebenfalls im Gewässer beheimatet ist der Asiatische Schlangenkopffisch (Channa asiatica) eine invasive Art, die dank des Klimawandels den Konkurrenzdruck für die heimischen Fischarten im Ökosystem Central Park bereichert.

Im Anschluss an das Harlem Meer schließt sich ein Teil des Central Parks an, der Conservatory Garden genannt wird und der durch das prunkvolle und imposante Vanderbilt Gate betreten werden kann, das an der Fifth Avenue auf Höhe zwischen der 104th und 105th Street liegt. Die geometrisch-strukturierte Parkanlage hat mit Springbrunnen und Fontänen in einem italienischen und einen französischen Teil lädt einiges zu bieten und lädt ein zum Spazieren und Verweilen. Zeit zum Verweilen habe ich keine und auch die Kunst in den unzähligen Museen von Weltformat auf der folgenden Museums-Meile bleibt wenn überhaupt nur Randnotiz. So unmittelbar kurz vor dem Ziel eines Marathons heißt die Hauptdevise auf die Zähne beißen und weiter – dennoch gibt es ringherum vieles was die aufkeimenden Schmerzen vergessen machen.

Aufgrund der vielen Läufer aus der walkenden Läuferschar, die vermutlich entweder schlecht trainiert haben oder mit der falschen Taktik ins Rennen gegangen sind, gleicht das Ende des Marathons immer mehr einem Slalom-Ausweich-Parcours. Selbst die Fantastik-Four, die auf dem Bild allerdings nur zu dritt unterwegs waren, hatte der als fordernd eingestufte Marathonkurs frühzeitig in den Walk-Marschier-Modus gezwungen. Mein Hinterherlaufen von Peter Pan und Tinker Bell war dahingegen fast schon genussvoll und hatte erleichternden Pacer-Charakter.

Im Bereich des kunstvollen Vanderbilt Gates auf der Höhe der 105th Street wartet dann auch schon ein zweites etwas weniger pompöses Tor, das von mir aber mindestens genauso gerne gesehen ist, der nächste Meilenstein ist erreicht – 23 Meilen sind im Sack, was umgerechnet 37 Kilometer entspricht. Noch fünf Kilometer bis ins Ziel, das auf uns in unmittelbarer Nähe zum Marathonpavillon und der Tavern on the Green warten wird, aber bis dahin liegen noch 5000 hüglige Meter durch den Central Park vor uns – der langgehegte NYCM-Traum bewegt sich unaufhaltsam der Aufwachphase entgegen, weshalb auf den letzten Metern auch schon ein leichter Hauch von Wehmut mitschwingt…


– Mile 24 –

Bei Betrachtung des Streckenprofils für Meile 24 wird einmal mehr klar, was damit gemeint ist, dass die Strecke des NYCMs nur bedingt dazu geeignet wäre, um seine persönliche Marathon-Bestzeit zu verbessern. Auch wenn die minimale Steigung auf dem ersten Blick alles andere als giftig erscheint, so ist es der späte Zeitpunkt so kurz vor dem Ziel definitiv. Wir befinden uns weiterhin auf der Fifth Avenue – auf der so genannten Museumsmeile. Die Passage wird auch ganz offiziell so genannt, weil hier schlichtweg ein Museum auf das nächste folgt und es obendrein Museen und Kunstgalerien von Weltformat sind. Unmittelbar nach dem 23-Meilenstein auf Höhe der 105/104th Street geht es vorbei am El Museo del Barrio, einem Museum, das seit seiner Gründung 1969 den thematischen Schwerpunkt auf Arbeiten von Künstlern aus Süd- und Mittelamerika gelegt hat.

Foto-Collage von Meile 24 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 24 beim New York City Marathon 2017

Nur einen Block weiter auf Höhe der 103rd Street endet rechtsseitig der Conservatory Garden mit der Burnett Memorial Fountain, aber wirklich viel erkennen lässt sich jenseits der Parkbegrünung nicht, außer die Statue eines Dr. James Marion Sims , die sich vor dem Grün befindet – auch wenn ich mich zu Hause natürlich erst einmal schlau machen musste, warum man ihm in solch exponierter Lage sein Denkmal gesetzt hat. Er gilt als „Vater der Gynäkologie“, weshalb der Ort seines Denkmals gegenüber der New Yorker Academy of Medicine durchaus Sinn macht. Allerdings wird seine Person mittlerweile kontrovers diskutiert, da er aus heutiger Perspektive betrachtet ethisch-bedenkliche  Experimente an afro-amerikanischen Sklavinnen durchgeführt haben soll. In unmittelbarer Nachbarschaft zu ihm befindet sich das Museum of the City of New York, das sich mit der Stadtgeschichte New Yorks befasst.  Dabei steht der Zeitraum von den Anfängen als niederländische Kolonie Nieuw Amsterdam bis heute im Mittelpunkt. Zu sehen gibt es neben Karten, Gemälden und Kleidung auch Räume, die im Stil der jeweiligen Epoche gestaltet sind.

Ab der5th Avenue Ecke 100th Street beginnen die verschiedenen Fachbereiche des Mount Sinai Hospitals, das  1852 als „The Jews Hospital“ gegründete Krankenhaus zählt zu den renommiertesten der Vereinigten Staaten und ist zudem Co-Sponsor des New York City Marathons. Während sich auf der rechten Straßenseite im Central Park mit dem Jacqueline Kennedy Onassis Reservoir, das flächenmäßig größte Gewässer im Park und ein Refugium für Mensch und Tier zugleich anschließt, geht es linksseitig weiter mit Kultur. Auf Höhe der 94th Street wartet das International Center of Photography, was sowohl Museum als auch Forschungszentrum für Fotografie ist.  The Jewish Museum für jüdische Kunst auf Höhe der 92nd Street heißt seine Besucher in einem sechsgeschossigen Haus, das sich Felix und Frieda Warburg durch den Architekten C. P. H. Gilbert 1908 im neugotischen Stil bauen ließen, herzlich willkommen. Ein Block später wartet die Andrew-Carnegies-Mansion, eine 1903 erbaute Villa im englischen Landhaus-Stil mit beeindruckenden 64 Zimmern. In das schlossähnliche Gebäude, in die das Cooper-Hewitt National Design Museum eingezogen ist, werden dem Publikum Objekte aus dem Design- und Kunstgewerbe gezeigt.

Auf Höhe der 90th Street führt die Strecke dann durch das Engineers Gate rechts in den Central Park. Das Engineers Gate ist eins von den insgesamt 20 Zugängen in den Park, die alle einen Namen tragen und mal mehr oder weniger pompös gestaltet sind. Neben dem Vanderbilt Gate, das uns in den Conservatory Garden führt, gibt es noch das Miners‘ Gate  (E 79th St); Inventors‘ Gate (E 72nd St); Children’s Gate (E 64th St); Scholars‘ Gate (E 60th St); Artists‘ Gate (Sixth Ave); Artisans‘ Gate (Seventh Ave); Merchants‘ Gate (Columbus Circle); Women’s Gate (W 72nd St); Naturalists‘ Gate (W 77th St); Hunters‘ Gate (W 81st St); Mariners‘ Gate (W 85th St); Gate of all Saints (W 96th St); Boys‘ Gate (W100th St); Strangers‘ Gate (W106th St); Warriors‘ Gate (Adam Clayton Powell Blvd); Farmers‘ Gate (Lenox Ave).

In der Kurve vor der Abbiegung in den Park ist eine hellleuchtende Videoleinwand aufgebaut, die schon von weitem aus das Ende der Straße markiert hat und die fast schon unangenehm hell für meine an die dominierende Diesigkeit angepassten Augen ist. Denn wettertechnisch hätte mir weniger Niederschlag durchaus gefallen können, aber was will machen, es kommt wie es kommt. Links befindet sich das Gebäude der Church of the Heavenly Rest, die 1929 fertiggestellte Episkopalkirche wurde im Stil des Art déco und der Neogotik gebaut. Neben den zahlreichen Zuschauern, die trotz widrigen Wetters hier zahlreich am Streckenrand stehen, werden wir auch vom offiziellen Schild des US-Schuhverkäufers im Central Park willkommen geheißen. Mit einer  schnellen Rechts-Links-kombination – rechts in den Central Park und links auf den East Drive – wartet ein relativ profilierter und vor allem kurviger Streckenabschnitt durch das Grün des Central Parks.

Auf Höhe der zwischen E88/89th Street befindet sich nicht nur das unverwechselbare Gebäude des Solomon R. Guggenheim Museums – was ich allerdings am Renntag zugegebenermaßen überhaupt nicht gesehen habe, sondern auch der reguläre Standort eines Denkmals, das jedes Jahr zum Zeitpunkt des New York City Marathons an die Ziellinie geholt wird. Jeder der sich ein wenig mit der Geschichte des New York Marathons auskennt oder meine vorherigen Texte gelesen hat, der weiß genau um wen es sich handelt? Es ist natürlich Fred Lebow! Ihm zu Ehren steht nämlich die lebensgroße Statue das ganze Jahr über gegenüber vom Guggenheim Museum an der Fifth Avenue im Central Park in direkter Nähe zum Reservoir.  Diese Stelle erreichen wir unmittelbar nach dem die Strecke rechts durch das Engineers Gate in den Central Park und dann links auf den East Drive gebogen ist, der eigentliche Standort der Statue befindet sich zur Rechten. „Few things in life match the thrill of a marathon„, so steht es auf dem Transparent, das am Sockel der Statue befestigt ist – wie recht er doch hat…

Wenn auf der linken Seite des East Drives das gigantische Gebäude des Metropolitan Museum of Art erscheint, das gewaltige Dimensionen hat und sich von der E84th Street bis zur E80th Street erstreckt, dann ist der 24er-Marker auf Höhe der 84th Street endlich erreicht. Von da an sind es nur noch zwei Meilen und 385 Yards, was immer das heißen mag – so genau will man das so kurz vor dem Ziel eigentlich auch gar nicht wissen und wirklich viel aufnehmen vom Streckenrand klappt auch nur noch bedingt, aber so lange die Medaille noch nicht um den Hals hängt, ist das Ziel noch nicht erreicht und die Devise lautet weiterhin – Augen zu und durch, beißen bis zum Ende auch wenn es schmerzt…


– Mile 25 –

Es geht weiterhin auf dem East Drive durch den Central Park. Das Wetter kann mittlerweile nur noch als ungemütlich und unpassend für diesen Anlass bewertet werden – auf der anderen Seite darf natürlich auch nicht vergessen werden, dass auch in New York schon seit längerem der Herbst eingekehrt ist. Nachdem uns Meile 24 auf das „Dach“ des Central Parks gebracht hat, weist Meile 25 eine unter dem Strich negative Höhendifferenz auf – es geht also wieder minimal bergab, auch wenn das nur marginal ins Gewicht fällt. Das bunte Laub der Bäume glänzt in der mittlerweile eintretenden Abenddämmerung (oder ist es noch immer die Morgendämmerung?! – hmm, bei diesem Grau in Grau ist das schwer zu unterscheiden) dank des Niederschlags als sei es mit Lack übersprüht. Das Zuschauerspalier ist wieder geschlossen – dicht gedrängt steht man am Streckenrand auch wenn von der anfänglichen Ekstase nicht mehr allzu viel zu spüren ist – obwohl auch hier die Cheering-Standards per Dauerschleife auf den Läufer einströmen: „You look great”, „Keep on running”, „Don’t stop – keep on going”, „Good job”, „Great Job”, „You got this”, „Go Christian – Go Germany!“, um nur einen kleinen Ausschnitt des verbalen Supports aufzulisten.

Foto-Collage von Meile 25 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 25 beim New York City Marathon 2017

Linksseitig befindet sich weiterhin der unendlich scheinende Gebäuderücken des Metropolitan Museum of Modern Art, das sich insgesamt über vier Straßenblocks erstreckt. Es ist das größte Kunstmuseum der Vereinigten Staaten und verfügt über eine der bedeutendsten kunsthistorischen Sammlungen der Welt. Während wir die Rückseite des Gebäudes passieren, was eine ganze Weile in Anspruch nimmt, gibt es rechts des Weges „Gratiskunst vom Straßenrand“. Unmittelbar nach dem 24-Meilen-Marker steht eine Statue aus weißem Granit von einem Typen, der auch auf jedem 10$-Scheinen abgebildet ist. Es handelt sich hierbei um Alexander Hamilton, der zu den Gründervätern der Vereinigten Staaten gezählt wird. Er hat unter anderem im Stab von George Washington an der Ausarbeitung der Verfassung mitgewirkt, er war Finanzminister und gilt zudem als Gründer der ältesten Bank von New York.

Immer noch auf Höhe des MOMA-Gebäudes befindet sich ein weiteres Central-Park-Monument, ein über 20 Meter hoher Obelisk, der auch unter dem Namen „Cleopatra’s Needle“ bekannt ist. Er war ein Geschenk Ägyptens und wurde aufwändig in die Staaten transportiert, wo nun mehr seit 1881 an Ort und Stelle im Central Park steht. Der ägyptische Obelisk stammt aus dem 15. Jahrhundert vor Christus und ist mit seinen etwa 3.600 Jahren somit das älteste von Menschen gemachte Außenobjekt in der Stadt. Ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum MOMA soll sich auch der polnische König Jagiello auf seinem Pferd befunden haben, den ich aber am Marathontag unter dem Eindruck von 24 vorherigen Meilen wie auch schon Mr. Hamilton nicht mit eigenen Augen gesehen habe, was natürlich nicht heißt, dass er nicht zu sehen ist, sondern vielmehr der Tatsache geschuldet ist, dass ich nicht aktiv danach geguckt habe.

Was ich aber auf jeden Fall gesehen habe und selbst im Zustand totalster Erschöpfung nicht zu übersehen ist, das ist die lebensgroße Bronzestatue einer Raubkatze, die in etwa vier Meter Höhe auf einem natürlichen Felsvorsprung kurz davor ist, zum tödlichen Angriff auf ihre Beute anzusetzen. „Still Hunt“, wie die offizielle Bezeichnung der Skulptur des Berglöwen (Puma concolor) in Lauerstellung ist, hat seinen Platz unmittelbar nach dem Chedar Hill, einer riesigen Grünfläche, die bei Picknick-Fans hoch im Kurs steht und sich in etwa auf Höhe der76th Street befindet. Auf Höhe der 65/64th Street riecht es dann urplötzlich nach Tierstall und das ist keine olfaktorische Halluzination, denn genau hier beginnt das Gelände des Central Park Zoo, der 1864 gegründet nach dem Zoo in Philadelphia der zweitälteste seiner Art ist. Irgendwo hier vor dem Zoo befindet sich auch der 25-Meilen-Marker.

Kurz vor dem 25-Meilen-Marker passieren wir noch den 40k-Marker, der allerdings eine kaum beachtete Randerscheinung bleibt, meine Aufmerksamkeit ist schon zu sehr damit beschäftigt den Reiz des Walkenwollens zu unterdrücken. Das Weiterlaufen wird zunehmend härter und fordert mehr und mehr Überwindung, aber zum Glück warten am VP einmal mehr die fleißigen Helfer der grünen Brigade. Hier wurde es dann auch Zeit sich das letzte Gel einzuverleiben, welches ich schon seit Meile 18 mit mir rumgeschleppt hatte. Klar ist mir klar, dass der Zeitpunkt so kurz vor dem Ziel eher suboptimal ist und dass der zu erwartende Effekt so kurz vor dem Ende im höchsten Fall imaginärer Natur sein wird, aber das Gel mit nach Hause nehmen und das Risiko, dass es mir wohlmöglich noch den Koffer vollklebt, so wie es mir schon des Öfteren mit meinem Notgel passiert ist, das ich bei den längeren Läufen zumeist mit dabei habe, diese Risiko wollte ich unbedingt vermeiden.

Und so frisch gelisiert, gingen die letzten zwei km bis zum Ziel dann doch recht gechillt. Auch wenn die letzten Kilometer durch den Central Park eigentlich kein reines Laufen mehr waren, denn aus dem Laufen ist fast schon die Disziplin des Slalomlaufens geworden, was daran liegt dass hier auf der ganzen Breite der Straße gewalkt wird. Aufgrund der vielen Läufer, die hier im Gänsemarsch unterwegs sind, fühle ich mich fast schon an eine gemütlich dahinschreitende Demonstration oder eine kirchliche Prozession erinnert, aber nicht an eine Marathonveranstaltung. Teilweise laufe ich Zickzack, teilweise in Schlangenlinien, aber immer weit entfernt von der Ideallinie und trotzdem geht es für mich weiter in Richtung Ziel. Im Nachhinein hätte ich echt gerne in Erfahrung gebracht, wie viele ich allein noch auf den letzten drei Kilometern überholt habe – es müssen hunderte wenn nicht sogar tausende gewesen sein…

Es bleiben noch ungefähr zwei km bis ins Ziel, das Ende eines langegehegten Traums nähert sich unausweichlich. Auf der einen Seite bin ich froh, dass es bald geschafft ist und die körperlichen Wehwehchen enden, auf der anderen Seite vermischt sich die Freude mit einem leichten Schmerz der Erinnerung an das in den letzten Stunden Erlebte


– Mile 26 –

Über langgezogene Kurven schlängelt sich der Kurs durch den Central Park, von der Strecke her wird es schon ab Meile 24 etwas wellig. Obwohl wir schon am Freitagmorgen genau diesen Streckenabschnitt beim Frühstückslauf gelaufen sind, scheint um mich herum doch alles unbekannt zu sein. So etwas wie räumliche Orientierung fehlt mir komplett, was mit unter anderem auch damit zusammenhängt, dass die Spitzen der Hochhäuser, die manchmal schemenhaft durch die Parkbäume zu erkennen sind, ab einer bestimmten Gebäudehöhe vom Nebel umhüllt sind – annähernd Vergleichbares hatte ich zuvor nur bei Berggipfeln im Hochgebirge erlebt. Wo ich mich aktuell befinde und wo ich hin muss, ergibt sich mir nicht – zu dieser Ungewissheit gesellt sich die diffuse Kilometer-Meilen-Umrechnerei, die mich gegen Ende mehr als einmal in der gedanklichen Sackgasse führt. Also was ich sagen will – auf den letzten Metern wird es kognitiv auch aufgrund der fast zu vielen zu verarbeitenden Reize grenzwertig und kognitiv anstrengend.

Meile 26 beginnt ungefähr auf der Höhe vom Central Park Zoo, der sich in unmittelbarer Nähe zur Central-Park-Traverse an der 65th Street befindet. Wir laufen weiter auf dem East Drive, der uns in südliche Richtung zum südöstlichen Ende des Central Parks führt, an dem der Grand Army Plaza auf uns wartet. Im Park führt die Strecke auch an der bogenförmigen Gapstow Bridge aus dem Jahre 1886 vorbei, einer aus Manhattan-Schiefer bestehenden Fußgängerbrücke, die die beiden Uferseiten des Gewässers mit dem Namen „The Pond“ miteinander verbindet.

Neben dem weltberühmten Luxushotel „The Plaza“ befindet sich am Grand Army Plaza auch das goldene William Tecumseh Sherman Monument, das zu Ehren eines Nordstaaten-Generals aus dem Amerikanischen Bürgerkrieges errichtet wurde. Allerdings muss ich mir eingestehen, dass ich mich im Nachhinein nicht daran erinnere, dass ich dort vorbeigelaufen bin, was aufgrund der Größe des Monuments fast schon denkwürdig erscheinen lässt. Aber selbst das markante Gebäude des Plaza-Hotels findet weder den Weg auf die Speicherkarte meiner Cam noch auf meine interne Festplatte – vermutlich war der Übergang vom Grünen auf die 59th so reizintensiv, dass einige Details zum Schutz vor Reizüberflutung herausgefiltert werden mussten.

Foto-Collage von Meile 26 beim New York City Marathon 2017

Foto-Collage von Meile 26 beim New York City Marathon 2017

Wie es scheint, sind mittlerweile 110% meiner noch verfügbaren Aufmerksamkeitskapazität  auf mich gerichtet, was links und rechts passiert, kann ich mir zwar dank einiger Fotos zu Hause am Rechner noch mal vergegenwärtigen, aber das Erinnern an den Augenblick der Aufnahme ist nicht mehr uneingeschränkt möglich. Teilweise bin ich selbst davon überrascht, was ich alles hätte sehen können, wenn ich nur bewusst nach den Dingen geguckt hätte, andererseits darüber, was ich alles trotzdem fotografiert habe, obwohl ich es in dem Moment gar nicht bewusst wahrgenommen habe.

Vom Grand Army Plaza ist es runde eine halbe Meile entlang der Parkgrenze bis zum Columbus-Circle, der die andere Ecke des Central Parks South bildet. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Plaza-Hotel befinden sich unter anderem das Ritz-Carlton Hotel, das Hyatt-Hotel, das Trump Parc Condominium und vermutlich noch ein Dutzend weitere Nobelabsteigen und Luxusapartment-Tower, die aufgrund ihrer exquisiten Lage in direkter Nachbarschaft zum Central Park zu den teuersten Herbergen Manhattans und damit sicherlich auch der Welt zu zählen sind.

So kurz vor dem Ende des Marathons sind die Streckenränder wieder gesäumt von Zuschauern, auch wenn die Verhältnisse wie sie in Brooklyn auf der Lafayette Avenue oder zu Beginn der First Avenue nach der Queensboro Bridge nicht annähernd wieder erreicht werden – aber ich bin mir eigentlich auch dahingehend sicher, dass diese Ausmaße an stimmungstechnischer Eskalation auch bei zukünftigen Marathons unerreicht bleiben wird. Kurz nach dem offiziellen 800-to-go-Schild sitzen Fotografen auf Hochsitzen, die so kurz vor dem Ziel noch ein paar Fotos sammeln, um sie dem zukünftigen NYCM-Finisher als super Souvenir zu unverschämten Preise anzubieten und die Chance, dass die über 20.000 ausländischen Starter bei der Einmaligkeit des Ereignisses über den Preis hinwegsehen, aber über 29$ für ein Foto, wo ich mittelprächtig drauf gucke?! Für die gesparten Taler melde ich mich lieber für den nächsten Marathon an als sie für digitale Finisherfotos  zu verschwenden, die dann doch nur bei den knapp 600 anderen Bildern auf der Festplatte schlummern…

Sobald man auf die W59th Street am South Central Park eingebogen ist – läuft man im Grunde die ganze Zeit auf den Columbus Circle zu, wobei in etwa auf halbem Weg die weiße Säule mit der Figur in der Mitte des Kreisverkehrs der Ferne zu erkennen ist. Allerdings fühlen sich die letzten Meter an als würde ich von einem Autopiloten fremdgesteuert werden –  wie in Trance geht es vorbei an der Zuschauertribüne und der Globe Sculpture. Die Strecke führt uns zwischen der aufgebauten Bühne und dem USS Maine Monument-Brunnen hindurch auf den West Drive, wo auch alsbald der 26er-Marker wartet. Die Fahnen der teilnehmenden Nationen sind ein sicheres Indiz dafür, dass der Zielkanal erreicht ist, gleich ist es vorbei, gleich ist es geschafft – die letzten 385 Yards warten noch – tausende Gedanken und Bilder der zurückliegenden 10 Stunden und der vergangen Tage in NY schießen einem durch den Kopf – jetzt heißt es– Trikot richten und fertig machen zum Jubeln…


– Mile 26.2 –

26 Meilen sind im Sack – was so viel bedeutet wie T-Shirt und Startnummer richten, entspanntes Siegerlächeln aufsetzen und fertigmachen zum Jubeln. 26 Meilen entsprechen 41,8429 Kilometer oder 0,2 Meilen oder 385 Yards oder noch ein paar Meter bis ins Ziel. Kilometer-Meilen-Umrechnungs-Irritationen gegen Ende eines Marathons können durchaus einen bereichernden Moment haben, vor allem dann wenn die eigene Konzentrationsfähigkeit erschöpfungsbedingt etwas getrübt ist…

Meine Irritationen fußten vor allem auf der Tatsache, dass die letzte Meile in 200er-Schritten runtergezählt wurde und dies auch auf Distanz-Schildern angezeigt wurde. Allerdings hatte ich zu diesem späten Zeitpunkt nicht mehr den erforderlichen Durchblick, um mir selbst eine rationale Antwort auf die Frage zu geben, ob es sich bei diesen Angaben um Meilen, Meter oder Yards gehandelt hat, angefühlt hat es sich zumindest wie Meilen oder wie extrem kaugummizähe Meter?! Offiziell wären es nachdem das Meile-26-Gate noch 385 Yards gewesen – was umgerechnet nochmal 352 Meter bedeutet hätte, die mir aber eindeutig zu lang vorkamen. Aber wann kommt man als Europäer auch schon mit der Meile in Kontakt. Die exakte Marathondistanz in Meter ist mir natürlich bis zur dritten Nachkommastelle bekannt, vermutlich geht es Euch dabei so wie mir oder wer von Euch hat die exakte Maßangabe der klassischen Marathondistanz in Meilen und Yards parat?!!

Also: Die Strecke des NYC-Marathons entspricht exakt 26 Meilen und 385 Yards, was in Meilen umgerechnet exakt 26,2185 Meilen entsprechen würde – was auch wieder Irritationspotential enthält, weil überall nur 26,2 Meilen kommuniziert werden – vermutlich eine vergleichbare Näherung wie die Angabe 42,2 Kilometer oder 42 km anstatt der korrekten 42,195 km?![Memo an mich: Eine Meile hat 1609,34 Meter und 1 Yard hat 0,9144 Meter.] Vermutlich wäre es gegen Ende des Rennens unausweichlich zu unterbewussten Fehlern gekommen, wenn die limitierte Kapazität der Aufmerksamkeit davon erschöpfend beansprucht wird, die Schmerzen beiseite zu schieben. Verkompliziert werden solch triviale Kopfrechnereien  vor allem dann wenn im selben Moment noch tausend andere Reize auf einen einströmen, was durchaus auch in einer gedanklichen Sackgasse enden kann.

Kurz vor dem 26-Meilen-Marker beginnen rechts und links die Flaggen der Nationen, die sich bei der Parade der Nationen  am Freitag während der Eröffnungszeremonie feierlich vorgestellt hatten. Ich versuche mich an Freitagmorgen zurückzuerinnern als wir uns beim Frühstückslauf mit Herbert Steffny die letzten Meter der offiziellen Marathonstrecke und auch den zur morgendlichen Stunde menschenleeren Zielbereich angeguckt hatten. Doch heute nichts zu sein, wie ich es in Erinnerung hatte. Es sieht aber nicht nur komplett anders aus, es fühlt sich auch anders an.

Die Rechte der beiden Tribünen ist ordentlich gefüllt und wir werden von einer Moderatorenstimme ins Ziel moderiert. Am Ende des Zielkanals leuchten die leistungsstarken Leinwände und die 5000-Watt-Strahler der Veranstaltungsfotographen, um den Zielbereich für eine maximale Qualität der Finisher-Fotos optimal auszuleuchten. Der Blick Richtung Ziellinie blendet so stark, dass mein Blick überwiegend zur Seite und auf den Boden gerichtet ist. Auf der linken Streckenseite befindet sich das Marathon-Pavillon (W66th St) und die Tavern on the Green, da wo am Vorabend die Psta-Party stattgefunden hatte. Die letzten 20 Meter vor dem Ziel werde ich übermütig und erhöhe das Risiko. Ich drehe ich mich um und schieße rückwärtslaufend 4-5 Selfies –  alles geht gut – danach ist es geschafft – mit nach oben gerissenen Armen überquere ich die Ziellinie – New York City Marathon 2017 Haken dran – Marathon 16 in diesem Jahr complete…

NYCM17 Mile 26.2

Foto-Collage von Meile 26+ beim New York City Marathon 2017

Nach exakt 4:54:31 stoppe ich die Aufzeichnung der Uhr an meinem Handgelenk – meine gemessene Zeit wird später noch von der  offiziellen Zeitmessung auf 04:54:02 korrigiert, was eine zweite Marathonhälfte von 02:26:29 entspricht und im Vergleich zur ersten Hälfte in 02:27:33 um exakt 1:04 Minuten schneller ausgefallen ist  und womit die Differenz „einen positiven Split“ aufweist, wie Klaus es ausdrücken würde. Auch wenn ein positiver Split unter normalen Umständen und bei erfahrenen Läufern eigentlich nichts Außergewöhnliches sein sollte, vor allem dann nicht, wenn man wie ich mit  angezogener Handbremse unterwegs war und als Primärziel den maximalen Genuss ausgegeben hat. Erfreulich ist aber auf jeden Fall, dass ich neben der Bewältigung von 26 Meilen und 385 Yards noch ausreichend Zeit gefunden habe, um rund 600 mehr oder weniger gelungene Bilder zu machen. Also hinsichtlich der Quantität kann ich sowohl mit meiner Marathonleistung als auch mit den Bildern mehr als zufrieden sein…


– Finish –

Und nach dem Zieleinlauf geht es im Grunde  genauso optimal organisiert weiter, wie es schon seit heute Morgen am Fort Wadsworth in Staten Island am Fuße der Verrazano-Bridge und auch während des kompletten Marathontages organisiert gewesen ist…

Direkt nach meinem Zieleinlauf hatte ich dann noch ein mir bekanntes Gesicht erspäht, zumindest dachte ich dem Moment, dass den jemand kennen würde beziehungsweise ihn schon mal gesehen hatte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich vor Ort eigentlich nicht wusste mit wem ich das Selfie gemacht hatte, weil das einfach nur so ein Gefühl war. Zu Hause am Rechner hat sich dann bestätigt, das der Jemand doch relativ bekannt ist und zwar nur per Zufall als ich mir das Rennen mit der Eröffnungsrede auf YOUTUBE angeguckt habe, und ich mir dachte den Redner kennst du doch!? Es war Peter Ciaccia seit 2001 Präsident der Events des NYRR und Renndirektor des New York City Marathons – der sogar Zeit für ein schnelles Selfie hatte, blöderweise war in dem Augenblick ein dicker Regentropfen auf der Linse, aber was soll es.

Danach gab es eine Finisher-Medaille der Extraklasse um den Hals gehangen – groß, schwer, kunstvolle Gestaltung und meisterhafte Verarbeitung, die Medaille war der Punkt auf dem i und hat absolut in das Bild einer nahezu beängstigend perfekten Marathonveranstaltung gepasst. Und im Grunde war das so klar, wie das Amen in der Kirche, denn eine Marathonveranstaltung wie der New York City Marathon weiß natürlich auch in der B-Note zu glänzen. Die Medaille wird in jedem Fall einen Spezial-Ehrenplatz bekommen, den hätte es wohlmöglich auch dann gegeben, wenn sie weniger geil ausgefallen wäre.

Danach geht es in Tippelschritten weiter zu den Wärmefolien, die hier einem umgelegt werden – mir ist nachträglich sowieso aufgefallen, dass man als Finisher im Zielbereich gefühlt wie ein Held behandelt und betüddelt wird. Jeder gratuliert dir, bedankt sich bei dir – total strange!  Mit den Folien um den Schultern ging es dann weiter zu den Lunchbeutel und  an der nächsten Station gab es dann auch den Handfrei-Aufkleber – der die beiden Folienenden vor der Brust zusammenhielt, so dass man wie der Name schon vermuten lässt beide Hände zum Kramen in der Lunchtüte frei hatte. Man merkt auf jeden Fall das hier an nahezu alles gedacht wird, um dem Kunden ein perfektes Produkt zu bieten

NYCM17 Mile 26+++

Foto-Collage vaus dem Zielbereich beim New York City Marathon 2017

Aufgrund der überfüllten Wege geht es echt nur in Trippelschritten vorwärts in Richtung Straße. Der Zombiewalk bis zur 77th Street dauert gefühlt eine Ewigkeit – in regelmäßigen Abständen kommen medizinische Helfer vorbei und fragen ob bei uns alles Ok ist. Einige werden hilfebedürftige Läufer, denen es wie es scheint, gesundheitlich nicht optimal geht, werden zum Medizinzelt geleitet. Hatte ganz kurz überlegt, ob mir ein simulierter Schwächeanfall vielleicht einen verkürzten Weg zum Ausgang einbringt, habe mich dann aber doch dagegen entscheidenden und mich meinem Schicksal schleichend gestellt.

Zum Glück hatte das am Samstagabend doch noch mit der POST-RACE-PONCHO-Option geklappt und konnte über den vorderen Ausgang an der 77th Street den Heimweg antreten und musste nicht noch bis zur 81st Street oder sogar bis zur 85th Street, um mir dort meine aufgegebene Tasche an den UPS-LKWs abzuholen – also wenn ihr die Option habt oder Euch entscheiden müsst, dann rate ich Euch unbedingt zur PONCHO-Option – wenn ihr Fragen hierzu habt, schreibt mir einfach ins Kommentarfeld…

Also das Getippel ist im Nachhinein echt das Nervigste des ganzen Marathons  – vor allem weil auch die meisten um mich herum den Anschein machen als wären sie 100 km gelaufen – viele von der Anstrengung gezeichnet mit  schmerzverzehrte Gesichter, der Gang sieht total unrund aus, bei manch einem Ultra wären einige aus dem Rennen genommen worden und ich will hiereinfach nur ins Hotelzimmer unter die warme Dusche. Als wir die rettende Straße am Central Park West endlich erreicht hatten, entspannte sich die Lage ein wenig und man hatte die Möglichkeit an dem Kadaver slalommäßig zu vorbeizukommen. Und unmittelbar nachdem die Hauptstraße erreicht war, gab es auch schon de PONCHO ausgehändigt. Da die Ponchos nur auf einer Straßenseite ausgegeben wurden, kam es  hier kurz zu einem minimalen Stau, aber alles kein Problem. Danach war alles super, Dank des Ponchos war es temperaturtechnisch echt warm.

An der Family-Reunion-Area, die die Funktion hatte, dass man sich mit seinen Lieben einfacher wiederzufinden, hatte ich schnell hinter mir gelassen. Die Bürgersteige um den Columbus-Circle waren dermaßen überfüllt, dass es fast schon wieder nur im Zombiewalk-Getippel vorwärts ging. Der Polizist, den ich auf dem Rückweg spaßeshalber gefragt hatte, ob er mir einen Helikopter rufen könnte, hatte auch Humor – und hat mich zum Glück auch nicht erschossen.  Kurzerhand habe ich mich dann noch dazu entschlossen, die rund drei Meilen zurück zum Hotel joggend zurückzulegen. Die Blicke und Reaktionen der Leute als ich mit meinem wehenden  blauen PONCHO superheldenlike (wie Batman oder Superman) auf dem Fahrradweg an ihnen vorbei geflogen bin, waren echt großartig – die meisten konnten überhaupt nicht verstehen, wie man nach einem Marathon noch laufen kann .

Geilster Marathon ever!!!


– The day after –

Fearles Girl; Manhattan; New York;

[ Marathon-Montag 06-11-17 um 6:30 Uhr Ortszeit beim Fearless Girl in der von der Wallstreet]

Medallie New York Marathon 2017

[ Marathon-Montag 06-11-17 um 6:30 Uhr Ortszeit ]


NYC-Marathon 1st half


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Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, aber eine Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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2 Antworten zu Eine geführte New York Marathon Tour [guided-Tour] – ein detaillierter Streckenbericht von Meile 1 bis Meile 26.2 mit vielen Infos und mehr [2nd half]

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