HELL – DUNKEL – HELL – der normale Wahnsinn bei einem 24h-Lauf – Versuch eines Erlebnisberichtes zum 24h-Spenden-Lauf in REKEN 2018

| 8. Rekener  24-h-Spendenlauf | Reken | 08.09.2018 |

Titelbild Reken 2018

Eins vorweg:  Beim Verschriftlichen dieses Erlebnisberichtes ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass es ziemlich herausfordernd sein kann, einen 24h-Lauf aus der Retroperspektive erlebnistechnisch auf das Papier zu bringen. Aber selbiges Vorhaben nach einem verstrichenen Zeitraum von nunmehr vier Monaten umsetzen zu wollen, ist dahingegen fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Die situativen Erinnerungen scheinen einfach zu verschwommen und das Ausmaß an Schmerzen und Qualen zu sehr verblasst zu sein. Dazu scheint im Gedächtnis alles so vorverdaut abgespeichert zu sein, dass die Erinnerungen zum einen verträglicher sind und zum anderen einem erneuten Start nicht im Wege stehen. Möglicherweise verändert auch eine sich einstellende Routine, die sich aus einer wiederholten Teilnahme ergibt, die Wahrnehmung von Freuden und Leiden eines solchen Wettkampfes.                                                                                          [3494 more words]

Bisherige Beiträge vom 24-h-Spendenlauf in Reken:

Ich bin dann MAL beim 24h-Lauf in Kleinreken 2017 – Gedanken am Morgen davor

Mein erster 24-Stunden-Lauf in Klein-Reken 2017 –Erlebnisnachbericht in voller Länge

Mein 24h-Lauf-Erlebnis 2018 – eine Chronologie aus der in-race-Perspektive



Auf nach Reken zum längsten Tag des Jahres…

Die planerischen Vorbereitungen für einen 24h-Lauf sind schon im Normalfall recht umfangreich. Ausreichend Verpflegung muss besorgt werden und die Ausrüstung will wohl bedacht ausgewählt sein, um sich so auf alle wetterbedingten und heißhungertechnischen Eventualitäten vorzubereiten. Wenn man während der Veranstaltung gleichzeitig dann noch das Ziel verfolgt, eine psychometrische Vermessung der subjektiv wahrgenommenen aktuellen Befindlichkeit durchzuführen, dann fallen die erforderliche Vorbereitungen deutlich umfangreicher aus. Aufgaben wie beispielsweise das Recherchieren geeigneter Messmethoden zur Umsetzung des Vorhabens, das Einlesen in die Theorien, das Erstellen der Kopiervorlagen diverser Fragebögen, das Ausdrucken, Zusammenheften und Lochen derselben, um nur einige zusätzliche Aufgaben aufzuzählen, die in diesem speziellen Fall noch zu den laufspezifischen Aufgaben hinzukommen und vor dem Start erledigt sein wollen.

Aus diesem Grund beginnt meine Anfahrt nach Reken in diesem Jahr auch nicht von der Homebase aus, sondern, in Bochum, genauer gesagt am Uni-Center der RUB in Bochum-Querenburg, denn im dortigen Kopiershop hatte ich die benötigten Unterlagen in ausreichender Stückzahl drucken lassen. Im Anschluss daran folgte die finaler Shoppingtour bei Rossmann und im total überfüllten Netto der essentiellen Verpflegungsutensilien, die die 24h erträglicher werden lassen sollen.

Auf dem Rückweg zum geparkten Auto, das zwischenzeitlich am Unibad geparkt war, bietet sich mir spontan die Gelegenheit etwas „Gutes“ zu tun. Ein dem äußeren Anschein nach zu urteilen Obdachloser – ich weiß natürlich, dass man so oberflächlich eigentlich nicht sein darf, da es aber auch nur eine Feststellung und keine Wertung ist, ist es m.E. dann doch wieder ok. Ich beobachtete also, dass sich ein Mitmensch jedenfalls als freiwilliger Müllsammler betätigte und achtlos weggeschmissenes Papier und allerlei anderen Müll vom Gehweg aufsammelte. Von seinem selbstlosen Plogging-Engagement war ich sofort begeistert. Er tat dies nämlich nicht, weil es sein Job gewesen wäre und er dafür eine Gegenleistung in Form von Lohn bekommen hätte, sondern einzig und allein deshalb weil ihn der massiv rumliegende Müll gestört hatte: „Klasse Aktion, finde ich echt super stark, was du da machst“, dieser scheint aufgrund meiner Beachtung seines Tuns zunächst ein wenig überfordert zu sein. Da er in beide Händen aufgesammeltes Müll festhielt, lasse ich ihm die drei Euro vom Kopierrückgeld in seine Jackentasche fallen, „Hier kannst du dir später ein Feierabendbier kaufen!“, wie sich er darauf bedankt und gefreut hat, war einfach nur großartig und mit keinem Geld der Welt zu bezahlen!!! Hätte die Welt mehr Leute von diesem Schlag und weniger sozialunverträgliche Profigeier würde es uns allen bedeutend besser gehen.

Nach den Besorgungen fahre ich dann endlich in Bochum-Querenburg auf die in der Vergangenheit schon oftmals verhasste A43 auf. Und wie hätte es anders sein kommen können? Es kommt, wie es kommen musste. Es erwartet mich ein Stopp & Go durch den zähfließenden Wochenendverkehr des Reviers – zunächst bis zum Autobahnkreuz Herne, aber auch danach geht es für meinen Geschmack viel zu schleppend voran. Im Grunde aber nichts Besonders, weil die Uhrzeit schlichtweg für Stau prädestiniert ist und ich mit der vorzufindenden Situation eigentlich auch noch zufrieden sein konnte, da alles in einem irgendwie doch erwartbaren Rahmen abläuft. Aber für das Reken-Wettkampfwochenende im nächsten Jahr dennoch unbedingt zu verbessern ist – vor allem weil ich es auch in diesem Jahr trotz der Absicht frühzeitiger loszufahren, zum wiederholten Male nicht geschafft habe, dieses aus dem Vorjahr stammende Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Naja, der Autobahnanteil zum 24h-Lauf nach Reken ist mit knapp 30 km glücklicherweise nicht allzu lang und der Zielort deshalb trotzdem noch relativ pünktlich erreicht. Die letzten Meter über die Dörfer sind dann allerdings wieder einmal etwas risikofreudig, weil ich vom Anfahrtsweg eigentlich nur noch auf dem Schirm hatte, dass ich den Ort Kleinreken durchfahren muss, um so den Sportplatz von der Hinterseite anfahren zu können, da die direkte Zufahrt zur Parkzone aufgrund der aufgebauten Streckeninfrastruktur nicht anzufahren ist. Zeitweise dachte ich schon, dass ich mich mal wieder verfahren hätte, aber als ich am beampelten Einfahrbahn-Tunnel angekommen bin, konnte ich mich glücklicherweise doch wieder an den Restweg erinnern. Denn nach dem Kreisverkehr geht es im weiteren Verlauf nur noch vorbei an den großen Fabrikgebäuden vom Lebensmittelproduzenten IGLO. Die Strecke der 2,4 km Laufrunde führt nämlich überwiegend an Feldern mit Spinat vorbei, der in diesen angrenzenden Fabrikhallen verarbeitet wird, um von da aus dann gefrostet den Weg zu den Supermärkten und Kunden der Region zu finden.


Landschaft am Tag (s)

Die Landschaft rund um den Gevelsberg – dem schönsten Berg im Münsterland.


Ankunft am Ort des Geschehens

Trotz eines zwischenzeitlich aufziehenden Anfahrtstresses erreiche ich das Veranstaltungsgelände frühzeitig. Hatte es am Vortag phasenweise immer mal wieder geregnet, erwartete uns am Wettkampftag in Reken ein strahlend blauer Himmel mit reichlich Sonne und nur vereinzelt vorbeiziehenden Wolken. Nach meiner Ankunft auf der großen Wiese hinter dem weißen Zelt sind Nobby und Nicole direkt erblickt und nach einer herzlichen Begrüßung musste nun nur noch mein Basecamp für die nächsten 24 Stunden aufgebaut werden. Im Gegensatz zu mir hatten es Nicole und Nobby auch in diesem Jahr wieder geschafft, zeitiger loszufahren. Sie hatten zu dem Zeitpunkt zusammen mit Sven und Heike außerdem schon ein komfortables Pavillon aufgebaut und warteten auf den nahenden Start.


Privat-VP vor dem Start (k)

Das Baisicamp auf der großen Parkwiese mit den Besten: Nicole, Nobby, Heike und Sven.


Unter dem aufgebauten Pavillon hatten sie mehrere Tische nebeneinander zusammengestellt und mit einem reichhaltigen Buffetallerlei eingedeckt. Im Vorfeld hatte ich auch kurz darüber nachgedacht, mich mit einem Pavillon vor etwaigen Wetterkapriolen zu schützen, aber ein Blick auf meine Wetterprognose-App hat mich davon dann doch wieder abgehalten. Meinen Camping-Liegestuhl und einen Tisch, die zum Standardrepertoire bei einem 24h-Lauf ausreichen, hatte ich dahingegen natürlich eingepackt. Alles Benötigte war Dank meiner Kisten-Sortier-Technik relativ schnell aus dem Wagen gepackt und in unmittelbarer Nähe zum Nachbar-Pavillon aufgebaut. Damit waren meine direkten Vorbereitungen so gut wie abgeschlossen, doch bevor es losgehen konnte, musste ich mich noch umziehen und meine Startnummer wollte auch noch vorne im Orga-Zelt abgeholt werden. Ach ja und die Nullpunktmessungen für mein Vorhaben mussten auch noch unmittelbar vor dem Wettkampf ausgefüllt werden.

Das Organisationszelt samt Anmeldung ist keine 100 Meter vom Parkplatz entfernt und meine Startnummernabholung deshalb zeitnah erledigt. Da der 24h-Spendenlauf in Reken ein reiner Spendenlauf ist, gibt es im klassischen Sinne grundsätzlich keine Teilnahmegebühr, da allerdings jeder Cent, der im Rahmen der Veranstaltung eingenommen wird, an verschiedene Kinderhospize der Region gespendet wird, sollte man natürlich trotzdem einen kleinen Betrag griffbereit haben.  Aus diesem Grund steht für mich auch schon vorher fest, dass ich wie in den Vorjahren so auch in diesem Jahr wieder 20 € in die bereitstehende Spendenbox fallen lasse. Neben den individuellen Startgebührenspenden sponsert ein örtliches Autohaus einen Betrag von 50 Cent pro gelaufene Runde, womit jeder Läufer durch sein läuferisches Tun einen Anteil an der Höhe der Gesamtspendensumme hat. Da jede Runde zählt und wirklich jeder aus der näheren Umgebung aufgefordert ist, ein paar Runden zu drehen, unterscheidet sich das Bild des Läuferfeldes in Reken von denen bei den üblichen Ultra-Veranstaltungen, wo die sportliche Leistung bei der Mehrzahl der Starter primär im Mittelpunkt steht.


Infrastruktur Reken 2018 (s)

Die Infrastruktur: Orgazelt, Startbogen, Zielgasse, Ergebnismonitor.


In Reken ist das Läuferfeld zu den humanen Zeiten bunt gemischt. Vom Hochbetagten 90-Jährigen mit Rollator, über den Rollstuhlfahrer bis zum Neugeborenen im Kinderwagen in Reken steht bzw. sitzt jeder aus der näheren Umgebung am Start. Wie schon in den zurückliegenden Jahren war auch in diesem Jahr Frau Peters mit ihren mittlerweile 94 Lebensjahren die älteste Teilnehmerin der Veranstaltung. Und so wie schon im letzten Jahr waren auch in diesem Jahr die beiden Rückwärtsläufer am Start und konnten dank eines potenten Firmenspenders die Spendensumme fleißig nach oben kurbeln. Darüber hinaus wurde in diesem für die lokalen Schulen erneut eine Sonderwertung ausgelobt, weswegen sich im Startfeld zu Beginn auch viele junge Schüler tummelten, aber auch Sportvereinen und andere lokale Organisationen waren zahlreich vertreten und nahmen motiviert am 24h-Spenden-Lauf in Reken teil.


Impressionen von der Strecke (s)

Impressionen von der Strecke während des Laufes.


Wie viele Kilometer ein jeder am Ende läuft sowie auch die individuelle Renneinteilung ist bei einem 24h-Lauf jedem selbst überlassen. Einige Läufer laufen bis in die Nacht hinein, gehen dann nach Hause, um einige Stunden im eigenen Bett zu schlafen, um am Morgen erneut auf die Strecke zu kommen, um noch einige Runden zu laufen. Andere laufen einmalig ein paar Runden, um einfach dabei gewesen zu sein. Und die Ausnahme bilden die ambitionierten Amateurläufer, denen ihr Ergebnis wichtiger als der eigene Schlaf scheint. Die meisten von ihnen versuchen die Nacht durchzulaufen und reduzieren ihren Schlaf in der Nacht auf ein Minimum. Einige von ihnen haben Zelte aufgebaut, andere sind mit dem Wohnmobil angereist, aber vor allem in der Nacht und in den frühen Morgenstunden sind nur noch eine Handvoll hartgesottener Ultras auf der Laufstrecke anzutreffen.

Proviant & Ziele der eigentliche Treibstoff

Zu Beginn des Laufes bin ich mir noch nicht wirklich sicher, wie weit meine heutige Distanzreise bei meinem mittlerweile dritten Reken-Abenteuer tatsächlich gehen wird. Einen akribisch ausgeklügelten Zielsetzungsplan, so wie ich ihn in den letzten beiden Jahren theoretisch gehabt hatte – bestehend aus Prozess- und Leistungsziel, wobei diese noch weiter in Minimalziel, Realziel und Maximalziel differenziert waren, drauf hatte ich in diesem Jahr aufgrund der Komplikationen im Vorfeld verzichtet. Der Hauptgrund dafür lag in der suboptimalen Vorbereitung auf das Reken-Wochenende, da ich zwei Wochen vorher noch für ganze fünf Tage aufgrund eines Hexenschusses trainingstechnisch komplett außer Gefecht gesetzt war und mich infolgedessen ähnlich wie der Glöckner von Notredame durch die Gegend geschleppt hatte. Glücklicherweise war von alledem am Wettkampfwochenende nichts mehr zu spüren, sodass ich dank der beschwerdebedingten Belastungspause im Vorfeld mit vollständig gefüllten Energietanks in Reken an den Start gehen konnte – so gesehen eine erzwungenermaßen optimierte Taperphase – auch wenn ich ehrlichgesagt darauf hätte verzichten können.

Über die Wichtigkeit von Zielen gerade bei einem 24h-Lauf bin ich mir aus den eigenen Erfahrungen der letzten Jahre mehr als bewusst. Bei meiner ersten Teilnahme 2017 konnte ich nämlich diese Erkenntnis am eigenen Leib leidlich erfahren – als sich mein Kopf nach dem Erreichen des persönlichen Ziels von 100 km schlichtweg weigerte, weiterzulaufen und sich ein Gefühl von Zufriedenheit zu einem viel zu frühen Zeitpunkt in mir breit machte. Im Gegensatz dazu zeigte sich 2017 allerdings, wie es mit der richtigen Zielsetzung gelingen kann, leistungshemmenden Einflussfaktoren wie 16h Dauerregen zu trotzen und wie man dennoch das anvisierte Ziel von 127 km erreichen kann. Allerdings waren die Vorzeichen im Vorjahr auch zugegebenermaßen nicht mit den diesjährigen zu vergleich. Im letzten Jahr hatte ich bis zum 24h-Lauf in Reken im September schon drei 100k-Läufe und mehr als ein halbes Dutzend weiterer langer Läufe im Rahmen von Marathons in den Beinen gehabt.

Da ich mir also dank der Erfahrungen aus den Vorjahren der Wichtigkeit von Zielen bewusst war, wollte ich nicht gänzlich ohne Ziel sein. Deshalb formulierte ich mir auf die Schnelle noch drei gestufte Leistungsziele: 50 km als Minimalziel, um den DUV-Eintrag zu bekommen und um im Fall der Fälle, dass die Rücken-Lenden-Problematik doch noch nicht vollständig auskuriert war. Als Realziel boten sich die 100 km regelrecht an, „weil 100 km immer GEHEN“. Und als Maximalziel wurden kurzerhand drei Marathons ausgerufen, zum einen weil die Distanz so schön griffig für den Kopf ist und es zum anderen mit dieser Distanz schon im letzten Jahr trotz widriger Wetterbedingungen geklappt hatte. Vorteilhaft bei der Zielfindungsproblematik war für mich in diesem Jahr in jedem Fall auch die Zielsetzung von Nobby, der sich nämlich ebenfalls den Trippel-Marathon als persönliche Richtmarke gesetzt hatte.


Versuch einer 24-h-Chronologie:

Titelbild Reken 2018

Erinnerungen, Interpretationen & Gedanken

Start 16:00 Uhr: Nach einer kurzen Ansprache und Begrüßung werden wir von Klaus um Punkt 16.00 Uhr auf die Strecke geschickt. Das Starterfeld ist wie schon in den Vorjahren buntgemischt. Eine bunte Mischung aus vielen bekannten und neuen Gesichtern, vielen Legenden und im Laufe der Jahre liebgewonnen Laufmenschen. Jetzt die Liste aller vollständig aufzuzählen ist im Nachhinein äußerst schwer zu realisieren –  Klaus & Klaus, Nicole, Nobby, Sven, Heike, Yvonne, Steffi, Corinna und die vielen anderen, die ich jetzt sicherlich noch vergessen haben werde. Wie schon im vergangenen Jahr liefen auch in diesem Jahr wieder die beiden Rückwärtsläufer eifrig ihre Runden.

Auf den ersten Runden ist die Strecke für meinen Geschmack fast schon zu voll. Aufgrund der vielen nebeneinander Gehenden bedarf es regelmäßiger Ausweichmanöver, um diese Hindernisse zu umgehen, wodurch das Laufen auch fast schon einem Slalomlaufen gleicht. Glücklicherweise beschränkt sich diese Streckenproblematik lediglich auf die ersten Runden und ein entspannter Laufrhythmus, der in der Anfangsphase körperlich nur wenig belastet und jedem zu empfehlen ist, der einen 24h-Lauf bestreiten will, konnte noch zeitnah gefunden werden.

Als ebenfalls kritisch aus der Retroperspektive würde ich die drei Runden mit Corinna am frühen Abend bewerten, die mit Rundenzeiten von sub15min für mein eigentliches Vorhaben, die Wettkampfzeit mehr oder weniger durchlaufen zu wollen, definitiv zu schnell angegangen waren. Ähnliche Rundenzeiten gab es im weiteren Verlauf jeden Falls nicht annähernd mehr, doch die gedanklich-ausgemalten Negativfolgen, die ich in den danach folgenden Runden kurzzeitig befürchtete, bleiben zum Glück auch aus. Sicherlich auch deshalb, weil mir im weiteren Verlauf noch genügend Zeit zum Vergessen gegeben war.

21:00 Uhr: Nach knapp 5 h ungefähr ist der erste Marathon vollbracht, womit ein Drittel meines anvisierten Maximalziels erreicht waren – das Erreichen dieses Zwischenziels wollte mit einer kurzen Pause und einem ersten Becher Cola belohnt werden.

22:00 Uhr: Nach knapp 6 h sind 20 Runden gemeistert, womit sich 48 km auf meinem Kilometerkonto befinden und dafür, dass ich seit mittlerweile 6h laufe, geht es mir überraschend gut. Die Befürchtungen, aufgrund meiner Rückenproblematik läuferisch eingeschränkt zu sein, bewahrheiteten sich zum Glück nicht. Und selbst die Müdigkeit hält sich zu dem Zeitpunkt noch in Grenzen und daran ändert auch nicht das mittlerweile Einsetzen der Abenddämmerung. Aber wie heißt es so schön in Ultrakreisen, wenn es Dir bei einem 24h-Lauf gut gehen sollte, dann mache dir keine Sorgen, denn dieser Zustand wird vorbeigehen.


Landschaft am Abend (s)

Reken romantisch – Monotonie ist was anderes.


24:00 Uhr: nach einem Drittel der Wettkampfzeit (nach 8 h) sind  60 km geschafft, Es ist mittlerweile stockdunkel und die Strecke hat sich bis auf einige wenige Läufer deutlich geleert. Mit Rechenspielen versuche ich neue Motivation zu schöpfen – neue Pläne werden aufgemacht, die Ziele neu definiert und ausgelotet. „60 km in 8 h, dann bleiben mir noch 16 Stunden effektive Wettkampfzeit, damit könnte man das vorher formulierte Ziel doch eigentlich revidieren und versuchen ein etwas ambitionierteres Ziel angehen. Denn ich liege super in der Zeit, die 160 km sollten doch eigentlich drin sein. Das große Problem in dieser Reizsituation ist wohl, dass man zwar nicht den Bezug zur Realität aber irgendwie zur Rationalität verliert. Die Grenzen von Rationalität und Emotionalität verschwimmen zunehmend. Und dadurch verliert man in diesen Momenten auch ein wenig die Kontrolle über sich und die gedanklichen Vorgänge. Man malt sich die Situation schöner als sie eigentlich ist, was vermutlich damit zusammenhängt, dass man natürlich weiß, dass noch 16 Stunden Wettkampf auf einen warten. Vor allem ist man ja auch damit beschäftigt, die erschwerenden Umstände von Schmerzen und Müdigkeit auszublenden, umzudeuten und zu verdrängen.

4:00 bis 6:00 Uhr: Vom akuten Schlafmangel übermannt, treibt es mich zum Ruhen ins Auto – glücklicherweise lässt sich dieser „Einbruch“ mit der Notwendigkeit kaschieren, dass auch meine Laufuhr an die Powerbank muss. Allerdings ist das Schlafen in der Nacht auf dem Beifahrersitz dann irgendwie doch, unabhängig von der Tatsache, dass man nach 14-16 h Durchlaufens so ziemlich schmerzfrei und anspruchslos an einen Schlafplatz geworden ist, nicht so wirklich bequem und damit auch nicht erholend. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich in den gut 1,5 Stunden, die ich liegend im Auto verbracht habe,  zumindest geistig-kognitiv weggetreten bin und sich somit zumindest mein Geist kurzzeitig runterfahren und „resetten“ konnte. Doch leider ist dieser Reset-Effekt nur von bescheidener Dauer, denn nicht einmal eine Stunde danach ist ein ähnlicher Zustand wie vor dem Schlafen erreicht. Aus diesem Grund ist der Nutzen einer dermaßen langen Unterbrechung bei einem 24h-Stunden-Wettkampf mehr als fragwürdig. Glücklicherweise setzt im weiteren Verlauf des Morgens dann aber auch irgendwann die Morgendämmerung ein, sodass man sich ab dem Zeitpunkt mit den sich dadurch neu ergebenden Reizen aus der Umgebung von der Müdigkeit mehr oder weniger effektiv ablenken kann. Hilfreich dabei ist außerdem, dass mit dem Sonnenaufgang und der zunehmenden Helligkeit auch wieder vermehrt Läufer auf die Strecke zurückkommen, um ein paar morgendliche Runden zu drehen. Unabhängig von den Herausforderungen, die die Nacht in Form von Monotonie und Müdigkeitsproblematik mit sich bringt, hat der Thermo-BW-Schafsack kälteschutztechnisch gute Dienste erwiesen und sich damit in jedem Fall für zukünftige Abenteuer qualifiziert.

Gegen Ende ist der Zustand geistiger Verwirrtheit fast erreicht

8.20 Uhr: Olaf Thon kommt irgendwann am Morgen gegen zwanzig nach Acht mit seinem dicken Mercedes-SUV und läuft einmal an mir vorbei. Und wird danach zumindest von mir kein zweites Mal gesichtet. Vermutlich ging es für ihn nach 2-3 Runden noch zum Bäcker vorbei und mit frischem Gebäck zurück an den sonntäglichen Frühstückstisch, aber auf jeden Fall eine Willkommene Abwechslung nach durchlaufener Nacht.

9:10 Uhr: Gegen 9.00 Uhr sind 100 km geschafft. Zeit für Galgenhumorbleibt trotzdem: „Was ein Erlebnis Stefan Beckmann überholen zu dürfen“, dass ich das nochmal erleben darf, großes Gelächter bricht aus. Sonst habe ich nicht mehr viel zu lachen. Ich fühle mich wie eine ausgequetschte Zitrone, dazu habe ich mittelschwere Schmerzen an meinem linken Fußgelenk. An einem normalen Laufstil ist nicht mehr zu denken, jeder Schritt schmerzt, aber zum Wunden lecken bleibt nach dem Wettkampfende noch Zeit zu genüge.

11.00 Uhr: Björn Freitag kommt im Laufe des Morgens auch noch vorbei und bringt geschmierte Brötchen mit – das muss irgendwann am Ende meiner Performance gewesen sein, weil ich sehe ihn noch dort stehen, bin kurz irritiert, weil ich mir denke, „och gucke mal, den haste doch schon im Fernsehen gesehen, bin aber nicht mehr in der Lage zu reagieren und setze meinen Weg weiter fort in Richtung Rastplatz. Hier angekommen wird erstmal ausgiebig pausiert. Heike und Nicole machen sich gerade auf den Weg nach vorne zum VP-Zelt und bringen mir ein Salamibrötchen mit. Denn ich fühl mich mittlerweile wie ein lebender Toter – Zombie-Time ist angesagt und das obwohl Halloween offiziell erst einen Monat später stattfindet.

13:00 Uhr: Der Monitor an der Rundenzählanlage zeigt mir an, dass mittlerweile 120 Kilometer geschafft sind. Drei Stunden vor dem offiziellen Ende der Veranstaltung fehlen mir noch drei Runden, um mein vorab formuliertes Ziel zu erreichen. Wenn mir jetzt nicht noch ein Jumbo auf dem Kopf fallen sollte, dann sollten die restlichen 7,2 km irgendwie noch zu absolvieren sein – auch wenn mein Fuß schon höllisch schmerzt.

15:00 Uhr: 55 Runden sind vollbracht – was umgerechnet 132 Kilometer bedeutet. Nachdem ich mich die letzten 5 Runden schon nur noch über die Strecke geschleppt habe und für diese  zwölf Kilometer knapp zwei Stunden benötigt habe, entscheide ich, dass der Lauf für mich hier und jetzt endet. Auch Klaus stimmte mir dahingehend zu, dass man aufhören sollte, wenn es am Schönsten ist, doch was an dieser Situation schön sein soll, bleibt mir vorerst ein Rätsel, dass sich wohlmöglich erst wieder lösen lässt, wenn mein Schlafdefizit egalisiert ist.


Die harten Zahlen & Fakten des Wettkampfes

Distanz:                                134,08 km

Zeit:                                       22:56:28

Zeit in Bewegung:              18:54:44

Ø Pace:                                  10:16 min/km

Höhenunterschied:           1650 m

Kalorien:                              11.365 kC



GPS und Daten 24h Reken 2018

Laufuhr-Daten meiner Garmin zum 24h Reken 2018. Ein höchstspannender GPS-Track.


Fazit & abschließende Gedanken

Aus der Retroperspektive betrachtet war der 24-h wieder mal ein durchweg abwechslungsreiches Erlebnis, auch wenn das Außenstehende nie verstehen werden, aber bei einem Lauf über diese Dauer durchlebt man einfach so viele Geistes- und Gemütszustande, und es passieren so oft unerwartete Wendungen, dass man zwangsläufig nur zu dieser Bewertung kommen kann. Phasenweise läuft es wie von alleine, dann treten wieder andere Gedanken und körperliche Komplikationen in den Fokus, die einem daran hindern in den fließenden Zustand zu gelangen, der Zeit und Umgebung verschmelzen lässt – vor allem aus der Retroperspektive ist der 24h-Lauf (vorausgesetzt man hat sich zeitnah einige Erlebnisnotizen angefertigt) absolut spannend und höchstinteressant.

Im Gegensatz zu einem streckenlimitierten Lauf von Ort  A zu Ort A/B, wo man die Besten nur am Start und im Ziel antrifft, begegnet man auf der kurzen Runde bei einem 24h-Lauf sowohl den leistungsstärkeren als auch den leistungsschwächeren Athleten öfters. Man trifft auf der Strecke also die verschiedensten Leute in mehr oder weniger regelmäßigen zeitlichen Abständen immer mal wieder, unterhält sich kurz oder auch mal länger, manchmal reicht es aber auch einfach aus, sich nonverbal einen Blick zuzuwerfen und man weiß genau, was der Andere damit sagen will. Vergleichbar fühlt es sich mit den eigenen Gedanken an – als würden über die Dauer des Wettkampfes vor dem inneren Gedankenbildschirm thematisch verschiedene Filme ablaufen, in denen man sich und seine Gedanken mal länger und mal weniger lang verliert, doch durch das Sinnieren über dieses oder jenes Thema, die in den meisten Fällen mit dem Laufen zu tun haben, aber dennoch eher zufällig durch äußere Reize aufploppen, gelingt es die zunehmenden Komplikationen über eine lange Dauer auszublenden und wie in Trance Stunde um Stunde weiterzulaufen.

Ein Wort noch zum Wetter: Die diesjährigen Bedingungen in Reken dürfen als nahezu optimal bezeichnet werden. Wenn man das Haar in Suppe finden will, dann war es vom Wind her zeitweise vielleicht ein wenig zu böig – vor allem auf den windungeschützten Abschnitten herrschte zwischendurch auch schon mal stärkerer Gegenwind, aber das war natürlich allemal besser als der 16-stündige Dauerregen aus dem Vorjahr. Aber nicht nur das Wetter unterschied sich in diesem Jahr vom Wetter des vergangenen Jahres, auch die Landschaft sah grundlegend anders aus, was vor allem daran gelegen hat, dass die Felder links und rechts der Strecke, die sonst überwiegend noch mit meterhohen Mais bepflanzt waren, wegen Heißzeit schon alle abgeerntet waren, und uns teilnehmenden Läufern dadurch ein uneingeschränkter Blick in die Weite des Münsterlandes ermöglicht wurde.


Titelbild Reken 2018

in dem Sinne keep on RUNNING & ROCk ’n‘ ROLL

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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser und multibewegtem Blogger, aber eine Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, pflegeleicht, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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6 Antworten zu HELL – DUNKEL – HELL – der normale Wahnsinn bei einem 24h-Lauf – Versuch eines Erlebnisberichtes zum 24h-Spenden-Lauf in REKEN 2018

  1. Pingback: Kurz, knapp & bündig aus der Rubrik Mein Marathon Kriterien KOMPASS (22): Der 8. Rekener 24h-Spenden-Lauf 2018 | sohlenrocker

  2. somi1407 schreibt:

    Der Beitrag hat ja ganz schön auf sich warten lassen 🙂 Ich war an dem Tag auch da, bin allerdings zu Fuß nach Reken gelaufen um da die letzten 12 Kilometer meiner Trainingseinheit zu machen. Eine Runde davon bin ich zusammen mit Stefan Beckmann gelaufen 😉 Die Läufer-Welt ist ganz schön klein.

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    • SohlenRocker schreibt:

      Ja ja – ich weiss. Eine Woche nach Reken kam das Marathonwochenende in Berlin, drei Wochen danach schon Köln und als sich nach 8 Wochen dann auch noch der Herbstwaldlauf in Bottrop anschickte gelaufen werden zu wollen, hatte ich den Bericht zum Reken-Wochenende zwar immer mal angefangen, aber aufgrund der bereits bestehenden Erinnerungslücken nie wirklich zu Ende gebracht. Aber jetzt endlich kann ich einen Haken dahinter machen… 🙂

      Ja die Läufer-Welt ist verdammt klein und bei „normalen“ Ultraveranstaltungen ist sie fast schon familiär. Vlt. habe ich dich gesehen, aber nicht bewusst wahrgenommen. Wenn Du nächstes Jahr zum Laufen an die Strecken kommst und mich überholst, dann kannst du ja mal Hallo sagen – du erkennst mich an der grün-blumigen Laufbadehose und je nachdem wann Du vor Ort bist am unrunden Laufstil – dann lade ich dich auf einen Becher Cola und ein Stück Banane ein 😉

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: (245) Zitate und Weisheiten rundum die Lauferei: “Mind is everything – muscles pieces of rubber. All that I am, I am because of my mind.” | sohlenrocker

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