Ein subnormales Laufjahr 2019 endet so, wie es im Februar begonnen hatte – mit einem Marathon in der Nachbarstadt

| 109. Bertlicher Straßenläufe | Herten-Bertlich| 01.12.2019 |

Titelbild Bertlich mit Ü aktuell

Der Marathonmorgen startet verhältnismäßig spät. Um 8.30 Uhr pelle ich mich maximal ausgeschlafen aus dem Bett. Während ich meine Sachen für die meisten Marathonveranstaltungen schon am Vorabend gepackt hätte, entfallen diese Vorbereitungen an diesem Tag aufgrund der Nähe zum Wettkampfort. Stattdessen ziehe ich nach dem Aufstehen direkt mein Laufoutfit an, und ergänze dieses beim Verlassen des Hauses lediglich um Wollmütze, Schal, Fleece- und Daunenjacke. Und das ist auch bitter nötig, denn es ist heute Morgen richtig kalt.                                      [1976 more words]

Bei Abfahrt zeigt mir das Thermometer im Auto minus 1,5°C an und bevor es überhaupt wirklich losgehen konnte, war erst einmal Kratzen angesagt. Die Landschaft ist an diesem Morgen minimal weiß mit Raureif überzogen. Genau das richtige Wetter, um vier respektive fünf Stunden durch die ländlichen Breiten des nördlichen Ruhrgebiets zu laufen, denke ich mir fast schon ein wenig vorwurfsvoll. Keine halbe Stunde später nachdem die Fensterscheiben vom Eis befreit waren, stehe ich nach einer entspannten Fahrt ohne Navi dann auch schon auf dem großen Besucherparkplatz vom Real im benachbarten Herten. Vom Parkplatz aus bis zur Anmeldung, die sich im hiesigen Begegnungszentrum befindet, wartet noch ein Fußweg von knapp fünf Minuten.

Die Anmeldung ist mit dem Ausfüllen einer Meldekarte und dem Entrichten des Startbetrages von 19€ vor allem dafür, dass es keine Online-Anmeldemöglichkeit gibt, unkompliziert und zügig abgewickelt. Mein Startnummernband hatte ich zur Abwechslung heute allerdings Mal zu Hause gelassen, doch der altbewährte Lösungsansatz mit den 2 Sicherheitsnadeln reicht vollkommen aus. Vor dem Start geht es dann erneut zurück zum Auto, um mich für den bevorstehenden Lauf final zu entkleiden, um mich im Anschluss daran direkt wieder zum Startbereich vor dem Begegnungszentrum zurück zu bewegen.

Kurzer Rückblick & Einordnung der aktuellen Form

Die Entscheidung das Jahr läuferisch mit dem Marathon bei den Bertlicher Straßenläufen zu beenden, so wie ich es im Februar damals noch zusammen mit meinem Bruder begonnen hatte, fiel erst vor rund einer Woche und war damit einmal mehr äußerst spontan. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Nach dem Paris-Marathon im April und dem Zugspitz-Ultratrail im Juni wollte es mir motivational einfach nicht gelingen, den Weg zurück in die Laufschuhe zu finden.

Das daraus bedingte Trainingsdefizit machte sich schon vor gut einem Monat beim Marathon in Köln, der zudem erschwerend am Morgen nach der Hochzeitsfeier meines Bruders stattfinden sollte, tragisch bemerkbar, als ich mit dem 5h-Ballon in der Hand schon nach halber Strecke die weiße Fahne schwenken musste und mich frühzeitig dazu gezwungen sah, in den Walk-und-Wander-Modus zu schalten. Das Ziel beim Köln-Marathon erreichte ich an diesem aus sportlicher Sicht tief deprimierenden Tag nach 5:26h, was gleichzeitig den mit Abstand langsamsten meiner bisherigen 70 Marathons markieren sollte. Aus der Retroperspektive betrachtet, wäre eine vorausschauende Absage sicherlich ratsamer gewesen.

Ziele & Zielsetzung – Treibstoff für kurz- & langfristige Motivation

Mein persönliches Ziel für den Marathon  bei den Bertlicher Straßenläufen beschränkte sich im Grunde genommen auf die Wiedergutmachung der Köln-Schmach. So wollte ich die Mitte Oktober verfehlte Zeit von 5:00 Stunden mit 6-wöchiger Verspätung versuchen nachzuliefern und damit das Laufjahr doch noch mit einem etwas positiveren Erlebnis ausklingen lassen.

Allerdings blieb natürlich auch zu berücksichtigen, dass wer in den sechs Wochen zwischen dem Köln-Marathon, der am 13. Oktober stattgefunden hatte und diesem Lauf (01.12.2019) gerade einmal 14 Tage mehr oder weniger regelmäßig trainiert hat, unbedingt den Fehler vermeiden sollte, sich zieltechnisch zu überfordern. Denn in diesem Zeitraum hatte ich mich zwar sogar zu einem Lauf über 22 Kilometer motivieren können und es zeigte sich überraschenderweise schon dabei, dass ich trotz fehlender Trainingskilometer dazu in der Lage war, diese 22 Kilometer in unter 2h zu laufen, dennoch war zumindest Vorsicht geboten, da die Vorbereitung natürlich trotz alledem alles andere als optimal gewesen ist.

Die Zielsetzung ergab sich aber auch aus dem 5:00 h Zeitlimit – so wollte ich vor allem maximal entspannt in diesen 5h im Ziel angekommen sein, was bei 3 zu laufenden Runden á 14km grob betrachtet 1:40 h pro Runde bedeutet und einer Pace von 7:08 Minuten pro gelaufenen Kilometer entsprochen hätte, was wiederum exakt die verfehlte Köln-Pace darstellt.

Start frei zum letzten Marathon-Akt in 2019

Kurz nachdem ich vom Auto zurück war und mich auf der Straße unter dem roten Startbanner für die Marathonis eingefunden hatte, knallt es auch schon aus der Startpistole und der letzte Lauf des Jahres war ganz offiziell gestartet. Das Starterfeld war bei dieser Ausgabe mit knapp 50 Läufern recht überschaubar. Während in den vorderen Reihen direkt von Anfang an die Post abging, startete ich das Rennen von einer der hinteren Positionen des Startfeldes.


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Runde 1 (0-14km) in 1:21h – doch überraschend, aber nehme ich…

Oberstes Ziel in Runde 1 war also ausschließlich der kontrollierte Einstieg ins Rennen. Eins wird mir zu Beginn des Laufes schnell bewusst, ohne die dicke Winterjacke, die im Auto auf mich für nach dem Marathon wartete, wird es ohne Bewegung ganz schnell bitter kalt. Diese Tatsache hing in erster Linie auch damit zusammen, dass auf dem zumeist offenen Gelände ein schwacher aber stetiger Ostwind bläst. Erfreulicherweise hatte ich mich zu Hause noch dafür entschieden, neben der Mütze und Handschuhen auch meine dünne Laufjacke anzuziehen. Längere inaktiv-Phasen sind aufgrund der Auskühlungsgefahr auf jeden Fall nicht empfehlenswert.

Die Felder, durch die die Strecke uns überwiegend führt, sind so spät im Jahr allesamt so gut wie kahl und abgeerntet. Vereinzelt hatten sich Nilgänse in kleineren Familienverbänden zur Rast auf ihnen niedergelassen, um sich an der bodenhohen Winterbegrünung zu laben. Ein Trupp Rabe scheucht ein paar Tauben auf, ein Falke steht flügelschlagend in der Luft und sondiert das Feld nach einer unvorsichtigen Mahlzeit.

In der Frühphase des Marathons sind die Kapazitäten meiner Aufmerksamkeit mehr als ausreichend, um Allerlei aus der Umgebung bewusst wahrzunehmen und sich an diesen Kleinigkeiten zu erfreuen. Der Blick in die Weite der winterlichen Landschaft ist Seelenentspannung pur. Ich genieße die Situation in vollen Zügen und vor allem bin ich froh darüber, dass ich mich unerwartet doch mal wieder aufraffen konnte, an den Start eines Marathons gegangen zu sein.

Während der ersten Runde blicke ich so gut wie gar nicht auf meine Laufuhr. Selbst die bei der Paceraufgabe wie zuletzt in Köln ständig erforderliche Kontrolle der Pace, bedarf heute glücklicherweise keinerlei Beachtung. Auf den ersten 5 Kilometern ist meine individuelle Befindlichkeit mein alleiniger Taktgeber. Darüber hinaus nutze ich die in konstant-gemütlicher 6er-Pace vor mir her laufenden Damen für eine Weile als Tempo-Orientierung. Ich habe keine Mühe ihnen zu folgen. Erst kurz vor dem Ende der ersten Runde an einer der vielen Verpflegungsstellen überhole ich sie dann schließlich doch.

Nach 1:21 Stunden ist die erste Runde dann auch schon vorbei – ein wenig ungläubig gucke ich beim Passieren der Startstraße gleich zweimal auf die Uhr, um dann mit Vorfreude rechts auf die zweite Runde abzubiegen.

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Runde 2 (14-28km) in 1:20h – kaum zu glauben, aber wahr…

Euphorisiert von meiner überraschenden Leistung der ersten Runde starte ich sodann mit positivem Feedback in Runde zwei. Bis zu dem Zeitpunkt geht es mir optimal, ich bin absolut im Reinen mit mir und der Situation. Spätestens nach der ersten Runde war mir die Strecke mit ihren gut unterteilbaren Streckenpassagen auch wieder vollpräsent. Und es sollte mir an diesem Tage besonders gut gelingen, die folgenden zwei Runden in kognitiv gutverdauliche Abschnitte zu zergliedern, sodass ich Runde zwei im Vergleich zur ersten Runde sogar noch etwas schneller laufen konnte, was mich wiederrum positiv überraschte und mich in meinem Tun zugleich bestärkte.

Auch nach den 28 Kilometern der ersten beiden Runden verspüre ich noch keinerlei Komplikationen – gleichzeitig wurde mir aber immer mehr bewusst, dass bei diesem Marathon eine echt passable Zeit herauskommen könnte, wenn der zu erwartende Einbruch in Runde 3 nicht zu dramatisch ausfallen sollte. Doch von Einbruch war zu dem Zeitpunkt noch überhaupt nichts zu merken. Die zweite Runde verläuft nahezu optimal und mindestens genauso perfekt, wie schon Runde 1 gelaufen ist. Nach 2:41h muss ich zum letzten Mal an diesem Tag die Abbiegung zur nächsten Laufrunde nehmen.

Runde 3 (28-42km) in 1:31h – Einbruch, aber glimpflich…

Vor allem zu Beginn der dritten Runde war es psychologisch betrachtet, dann aber doch etwas schwierig, weil ich mich vom eigentlichen Ziel wieder wegbewegen sollte. Gleichzeitig war für Runde 3 aber auch klar, dass ich jeden Punkt der Strecke heute nicht noch einmal durchlaufen werden muss, was mich phasenweise dann auch wieder motivieren konnte. Dennoch folgte die erste Walk-und-Wander-Phase, die nicht im direkten Zusammenhang zu einem VP stand, schon unmittelbar nach der Wohnsiedlung, an der Stelle wo es letztmalig minimal ansteigend vorbei an dem Feuerwehrwagen in die Felder ging. Die Markierung bei 30km erreiche ich aber trotzdem in einer mehr als zufriedenstellenden Zeit von unter 3h.

Dank der Besinnung darauf, dass die bisherige Laufleistung eine für meine Verhältnisse ansprechende Zielzeit greifbar macht, schaffe ich es wiederholt mich zu fokussieren, um trotz der immer deutlicher werdenden Erschöpfung zumindest weiter zu traben und nicht endgültig in den Spazier-Modus zu schalten. Aber spätestens zur Mitte der dritten Runde war mir meine Zielzeit immer mehr egal geworden – zumal zu diesem Zeitpunkt absehbar gewesen ist, dass ich selbst im langsamsten Schneckentempo eine Zeit um die 4:30 h erreichen würde.

Mit dieser Einstellung wurde es folglich dann auch etwas zäher und ich musste ein ums andere Mal in den Walk-und-Wander-Modus schalten, was mich an diesem Tag, sicherlich auch aufgrund der vorherigen Erfolgserlebnisse und der Erkenntnis weiterhin richtig gut in der Zeit zu liegen, weniger negativ beeinflussen konnte, als es noch am Dom in Köln der Fall gewesen war.

Trotzdem ist zwischen Kilometer 32 und 36 dann zunehmend die Luft raus, die kritische Phase scheint erreicht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bei mir so langsam ein Hungergefühl breit gemacht hatte, was vor allem daran gelegen haben wird, dass  ich mich bis zu dem Zeitpunkt ausschließlich mit ein paar Bechern Iso und ein paar Bananenstückchen verpflegt hatte. Der Bürgermeister-VP, an dem es im Februar noch Cola gab, den gab es dieses Mal nämlich leider nicht. Zum Glück hatte ich mir in weiser Voraussicht, dass ein Einbruch aufgrund der aktuellen Form unausweichlich zu sein schien, ein Gel in den Rucksack gepackt. Dieses mitgeschleppte Notgel ermöglichte es mir, dann doch noch die restlichen 6 km bis ins Ziel einigermaßen flüssig zu zurückzulegen. Und auch wenn die dritte Runde im Vergleich zu den beiden vorherigen Runden in etwa 10 Minuten mehr Zeit benötigen sollte, so war der erlittene Leistungseinbruch Dank des Gels relativ glimpflich ausgefallen.


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Den „Endspurt“ bleibe ich heute allerdings schuldig…

Auf den letzten 3 Kilometer erreiche ich sogar wieder eine Pace von unter 6 Minuten. Es geht zum letzten Mal leicht abschüssig vorbei an dem linksseitig liegenden Waldstück bis ans Ende einer etwas stärker befahrenen Landstraße. Dort wartet die letzte Polizei-Querung – im Vorbeilaufen schnell für den heutigen Support bedanken und einen schön Tag wünschen. Weiter geradeaus mittig durch den Bauernhof – auf die Türme der Dampfindustrie zu – dann nur noch links abgebogen, 200 Meter über den Gehweg in Richtung REAL – rechts über den Parkplatz und vorbei am geparkten Auto.

Es folgt zum lezten Mal die kurze Passage auf einer schmalen leicht abschüssigen Straße durch die angrenzende Wohngegend – am Ende der Straße muss ich glücklicherweise nicht nochmal rechts in die 4. Runde, sondern links abbiegen und darf in entgegengesetzter Richtung durch das Startbanner laufen. Von hier aus kann ich den Zielbogen schon sehen. Nach weiteren 200 Metern geht es rechts auf den Sportplatz. Hier warten auf der Aschenbahn des Sportplatzes die letzten 300 Meter und dann ist es endlich geschafft. Keine 100 Meter vor mir lief zwar noch eine ganze Weile ein anderer Läufer, aber die Muße, um ihn zu überholen und so kurz vor dem Ende noch einen Platz gut machen zu wollen, die habe ich dann doch nicht mehr. Am Zielbogen angekommen, wird meine Zeit manuell gestoppt, indem der Strichcode auf meiner Startnummer mit Handscanner eingelesen wird.


GARMIN Bertlich 2019 DEZ


Resümee und Einordnung

Am Ende steht auf meiner Urkunde eine Zielzeit von 4:12:27. Die erzielte Zeit ist damit über 1h schneller als die Zielzeit beim Marathon durch die Domstadt und das vorab ausgelobte Tagesziel konnte ich um Welten unterbieten. Dennoch die Highlights im Laufjahr 2019 lagen ganz sicher mit dem Paris-Marathon und dem ZUT durch die Alpen in der ersten Jahreshälfte. Die zweite Jahreshälfte war aus diversen Gründen etwas kompliziert und herausfordernd, dennoch stehen am Ende des Jahres 2019 unter dem Strich immerhin sechs Marathons und ein zwangsverkürzter ZUT & Dank dieses Laufes sogar eine Marathonzeit von unter 4:15h.


Urk_Bertlich


Danksagung

Mein Dank geht einmal mehr raus an die Verantwortlichen dieser Kultveranstaltung für die wiederholt grundsolide Laufveranstaltung und natürlich an die vielen Helfer von Polizei, THW, Feuerwehr und des SUS Bertlich für ihren Einsatz. Und eins ist schon jetzt klar: Ich bin mit Sicherheit nicht zum letzten Mal den Marathon in Bertlich gelaufen.


zum Beitrag aus der Rubrik kurz, knapp & bündig Folge 26:

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Also in dem Sinne keep on RUNNING & ROCK ’n‘ ROLL

Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser & multibewegtem Blogger - die Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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3 Antworten zu Ein subnormales Laufjahr 2019 endet so, wie es im Februar begonnen hatte – mit einem Marathon in der Nachbarstadt

  1. Pingback: . . . GELAUFENES | sohlenrocker

  2. Ruhrköpfe schreibt:

    Bertlich, das weckt schöne Erinnerungen und mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich die Ziel-Törchen sehe 🙂

    Gefällt 1 Person

    • SohlenRocker schreibt:

      Das freut mich! Ich bin da ganz bei Dir, Bertlich ist zwar nicht mit irgendeinem Highend-Event vergleichbar, aber in jedem Fall laufenswert. Und zur meditativen Seelenentspannung ist die Strecke durch die ländliche Region einfach ideal geeignet – vorausgesetz natürlich das Leiden auf den letzten Kilometern hält sich in erträglichen Grenzen… Danke für Deinen Kommentar & VG Christian

      Gefällt 1 Person

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