Regentanz am Gevelsberg – Feucht und Fröhlich 2.0 – die Chronologie vom Rekener 24h-Spenden-Lauf aus der in-race-Perspektive: Mein 24h-Lauf-Erlebnis 2018

Nach der erwartungsgemäß matschig bis feucht-fröhlichen Expedition zum XLETIX-Hindernislauf, der in diesem Jahr in einem aktiven Steinbruch bei Haan in Wuppertal ausgetragen wurde, wartete am ersten Septemberwochenende fast schon traditionell der 24-h-Lauf von Reken, der wetterbedingt auch problemlos als Swim-&-Run-Wettbewerb durchgegangen wäre…                                                                                       [8175 more words]

24h-Lauf Reken 2017 Titelbild 50prozent

Die Laufveransatltung mit einem über das Laufen hinausreichenden Mehrwert, der sich daraus ergibt, dass der Hauptsponsor für jede erlaufene 2,4-km-Runde 50 Cent spendet, wobei sich die Gesamtspendensumme aus dem bei der Veranstaltung erzielten Gewinn und der Rundenspende des regionalen Autohauses ergibt. Mit der so erlaufenen Spende soll mehreren Hospizen in der Umgebung finanziell unter die Arme gegriffen werden, weshalb meine wiederholte Teilnahme irgendwie auch  Herzenssache ist, aber auch darüber hinaus ist die Laufveranstaltung durchweg weiter zu empfehlen. Vor allem was gibt es denn Sinnvolleres wie bei seinem Hobby selbst Spaß zu haben und dabei gleichzeitig hilfebedürftigen Menschen noch zu helfen – so gesehen eine Multi-Win-Situation…


Rückblick


Versuch macht klug & aus Fehlern lernt man…

Hier an gleicher Stelle beim Spendenlauf in Reken habe ich 2016 meine 24h-Lauf-Premiere feiern dürfen. Dementsprechend konnte ich in diesem Jahr auf die Erfahrungen aus dem Vorjahr zurückgreifen und grundlegende Fehler vermeiden, wobei der wesentliche Premierenfehler vor allem vor dem Hintergrund einer suboptimalen Zielsetzung zu lokalisieren war. So hatte ich das letztjährige Ziel von 100 Kilometer mehr oder weniger spontan während des Wettkampfes „gefunden“, was sich im Nachhinein aber als wenig fordernd erweisen sollte und somit ungüstig auf die Motivationslage auswirken sollte. Deshalb hatte ich mich im diesen Jahr schon in der Vorbereitung gedanklich mit einer optimaleren Zielfindung auseinandergesetzt und sowohl differenziertere als auch ambitioniertere Ziele gefunden, um meine Motivation auf diese Weise günstig zu beeinflussen.

Mein Minimalziel sollten die 100 Kilometer aus dem Vorjahr sein, was dank der gewonnenen Erkenntnissen beim „Totenkopfmarsch“ Anfang August auch wandernd in 15 Stunden zu erreichen sein sollte, wenn es aus irgendwelchen Gründen mal eher überhaupt gar nicht läuft und auf diese Weise gerade noch so ein ergebnistechnischer Totalschaden abgewendet werden müsste.

Mein Realziel, das es zu erreichen heißt, habe ich mir bei der bildhaft leicht einprägsamen Distanz von 3 Marathons gesteckt – 3 x 42,2 km = 126,6 km – warum 42 km – weil ein Marathon auf meinem Leistungslevel für meinen „Kopf“ relativ gut verdaulich ist. Wenn man sich die Distanz auf 24 Stunden runterbrechen würde, ergäbe dies, dass ich pro Marathon insgesamt 8 Stunden Zeit hätte, was vom Schreibtisch aus betrachtet natürlich fast schon lachhaft klingt, aber dennoch nicht unterschätzt werden sollten.

Und dann gab es ja auch noch das Maximalziel, das mit 150 Kilometer im Rahmen des mir Möglichen liegt und damit für mich auch erreichbar ist, allerdings unter der entscheidenden Prämisse, dass der Wettkampf nahezu perfekt verläuft – soll also heißen – dass weder interne noch externe Umstände sich ungünstig auf die Zielerreichung  auswirken. Wobei als externe Faktoren in diesem Zusammenhang beispielsweise unerwartete Wetterkapriolen (zu heiß/ nass/ kalt) zu nennen wären, wohingegen krisenhafte Symptome, die zu einem ungünstig frühen Zeitpunkt eintreten würden und sich negativ auf meine Motivationslage auswirken oder aber ausufernde dermatologische Problemzonen an den Füßen die eine Zielerreichung mindestens erschweren würden, zu den internen Faktoren zu rechnen sind.


– Chronologie der Geschehnisse –


 Kurzerklärung zum Aufbau dieses  Berichtes…

Wie ist der Bericht aufgebaut? Was habe ich genau gemacht? Ich habe im Nachhinein versucht die 24 Stunden anhand meiner Erinnerungen, der gemachten Bilder, der GPS Aufzeichnung und mit Hilfe der offiziellen Rundendaten chronologisch zu rekonstruieren. Trotz zur Hilfenahme der diversen Datenquellen hat sich manches nicht mehr rekapitulieren lassen, einiges war, wie es scheint, durch den Dauerregen unauffindbar aus meiner Erinnerung gespült worden oder konnte den internen Filter auf dem Weg ins Gedächtnis schon vorher nicht passieren. Vermutlich wird auch das Ausmaß der Erschöpfung ursächlich für die eine oder auch andere Erinnerungslücke sein?!


[14.00 Uhr]            Auf  nach Reken – aber nicht ohne Bernstein…

Da schon im letzten Jahr der Punkt Anreise nach einem zwischenzeitlichen Stau zur ersten unplanmäßigen Pulserhöhung geführt hatte, ohne dass ich hierfür auch nur einen Meter auf meinem Laufkonto gesammelt hatte, hatte ich mir für dieses Jahr einen stressfreieren Zeitplan zu Recht gelegt. Aber trotz guten Vorsatzes es besser machen zu wollen, in dem ich frühzeitiger losfahre, sollte es auch in diesem Jahr zu ähnlichen zeittechnischen Komplikationen kommen, weil eine Straße auf dem Weg zur Autobahn baustellentechnisch versperrt war und ich davon natürlich erst erfahren hatte als ich aufgefordert wurde dem gelben Umleitungsschild zu folgen.

Ja toll, dann ist die Wakefield-Straße also gesperrt – aber wer kommt bitte auf die Idee die Straßen genau an dem Tag zu sperren, wenn ich hier mal her muss, was gefühlt nie passiert?! Im Grunde wäre die Umleitung auch gar nicht weiter tragisch gewesen – wenn ich mich auf dem Weg nach Reken nicht noch mit ein paar Flaschen Fiege Bernstein hätte eindecken wolle, die es hier in der näheren Umgebung eben nur dort gibt beziehungsweise ich genau weiß, dass es sie dort auch gibt.

Ich hätte die Autobahn natürlich auch über eine alternative Auffahrt erreichen können, aber ohne, dass ich beim Bernstein-Dealer vorbeigekommen wäre. Also bleibt mir nichts andres übrig als entweder den Umweg in Kauf zu nehmen, um trotzdem zum Shop zu kommen oder aber ich gehe das Risiko ein und ärgere mich die nächsten 24 Stunden darüber, dass ich kein Bernstein am Start habe. Dreimal dürft ihr raten, wofür ich mich entschieden habe…

Genau: Also in fahre ich in GE-Bismarck statt in Herne-Wanne auf die A42, fahre in Herne-Wanne zum kurzen Shop-Stopp nochmal runter von der Bahn, dann wieder drauf, um am Autobahnkreuz Herne weiter auf die A43 Richtung Münster zu wechseln – und wie soll es auch anders sein – täglich grüßt das Murmeltier – willkommen im zähfließenden Verkehr, perfekt gelaufen würde ich sagen. Wir haben kurz nach 14.00 Uhr an einem Freitag – Feierabendverkehr ist angesagt. Es ist zwar alles andere als optimal, aber es geht zumindest vorwärts und als die Baustelle dann endlich passiert ist, fährt es sich die letzten zwölf Kilometer auf der A43 nahezu flüssig.

Die letzten Kilometer geht es dann sowieso über Wald- und Landstraßen durch Wälder, Felder und kleinere Ortschaften bis zur Weltmetropole Reken und schließlich weiter bis nach Kleinreken zur Endstation am Sportplatz des VFL Reken am Gevelsberg – wie es hier heißt „dem schönsten Berg vom Münsterland“.


[15.25 Uhr]                            Ankunft unmittelbar im Startbereich…

Ein Parkplatz findet sich direkt zentral auf der großen Wiese in der mittleren Reihe und da ich in diesem Jahr nicht die Absicht hatte, ein Zelt für mein Nachtlager aufzustellen, war der Platz ausreichend. Ich kann allerdings nur jedem raten, der die Absicht hat, die kompletten 24 Stunden mehr oder weniger durchzulaufen und regelmäßig an sein Autodepot muss, der sollte um jeden Preis versuchen, einen der vorderen Parkplätze in unmittelbarer Nähe zum Startbereich zu ergattern, um so den Weg zum persönlichen Equipment zu minimieren, weil sich innerhalb von 24 Stunden ansonsten doch schon eine Menge an Zusatzmetern ansammeln. Meine Laufuhr hat nach der Veranstaltung knapp 1500 Meter mehr auf der Uhr als die Strecke, die ich offiziell zurückgelegt habe und ich hatte Premiumplatz in vorderster Front.

>>   [TIPP]     Unbedingt einen Parkplatz in vorderster Front hinterm weißen Zelt nehmen!!!

Parkplatz Rekener 24h-Spendenlauf 2017

Blick von meinem Parkplatz aus auf das Versorgungszelt und den Startbogen

Die Abholung der Startunterlagen dauert keine fünf Minuten und ist im Grunde auch nicht der Rede wert. Als nächstes muss ich mich nur noch umziehen und dann kann es wegen mir auch schon losgehen. Währenddessen ich es mir am Kofferraum auf meinem Campingstuhl bequem gemacht hatte, fing es auch schon an zu regnen. Aber alles das ist überhaupt kein Problem, denn ich bin ja campingerfahren und weiß, dass es für jedes Wetter die passende Lösung gibt. Also hatte ich meinen Sonnenschirm aufgestellt, den ich noch spontan eingepackt hatte, um mich so unter dem Konstrukt aus Heckklappe und Sonnenschirm im Stehen einigermaßen trocken umziehen können. Nachdem der Sonnenschirm nach dem ersten kräftigeren Windzug davon geweht wurde und ich natürlich auch keinen Schirmständer eingepackt hatte, blieb mir nichts anders übrig als den Schirm wieder abzubauen.

>>   [TIPP]    Vielleicht wäre die optimale Lösung sich für das nächste Jahr bei ähnlichen Wetterbedingungen ein Pavillon einzupacken?!

Abschließend hatte ich dann noch alles so vorbereitend auf Rückbank und Kofferraum hin drapiert, dass es zum benötigten Zeitpunkt im Rennen ohne längeres Suchen direkt griffbereit gewesen wäre, wobei diese Absicht vor allem in den dunklen Stunden von 23.00 bis 05.00 Uhr kläglich scheiterte und ohne ein vorher festgelegtes Ordnungssystem in einer erfolglosen Sucherei eskalierten sollte. Aber im Gegensatz zum Vorjahr hatte ich für dieses zumindest an allerlei Knabberzeugs gedacht, um meine Abhängigkeit von der überschaubaren Standardverpflegung zu lösen.

Verpflegung 24h-Lauf Reken 2017

Meine Selbstverpflegung – nachdem ich im letzten Jahr einige Heißhungerattacken abwehren musste und fast verschmachtet wäre, habe ich in diesem vorgesorgt

Von Erdnüssen, Weingummis, Milchbrötchen bis hin zu gewürfeltem Gouda, Edelsalami, RedBull hatte ich wirklich alles vorher besorgt und am Start gebracht, worauf man im Laufe eines 24h-Wettkampfes möglichweise Appetit bekommen könnte und eins sei erwähnt, die geschmackliche Lustpalette variiert mit dem Erschöpfungsgrad und reicht von deftig bis süß in den verschiedensten Nuancen. Und Außerdem gibt es ja auch noch die offizielle Verpflegung, wo es zwischendurch sogar was Warmes und tagsüber auch Grillgut gibt.

[16.05 Uhr]                                 Mit einem Weltrekord ins Rennen…

Weltrekord zum Start bis zur ersten Kurve bittet Klaus das Teilnehmerfeld rückwärtszulaufen, was natürlich auch alle gerne tun. Das dieser inoffizielle Weltrekordversuch keine spontane Idee ist, merkt man daran als er die vorbereiteten Aufkleber aus seiner Tasche zaubert, die natürlich für die gute Sache für einen Euro erworben werden können – auf dem Aufkleber zu lesen, den genauen Wortlaut ist mir entfallen irgendwie so „Ich war dabei beim Weltrekordversuch des größten Rückwärtsstarts“, korrigiert mich, wenn ich falsch liege oder schreibt es unten ins Kommentarfeld…

Mit dem Weltrekordler im Rückwärtslaufen respektive Retro-Running oder heißt das Inverse-Running?! – hm?! Ehrlichgesagt kein Plan, ist aber auch egal – wir hatten jeden falls mit ihm und seiner Freundin, die ihn navigierend während des kompletten Rennens laufend begleitet hatte, auf der Piste kurz geschnackt. Beide sind läufertypisch nett, er hat eine persönliche Marathonbestzeit von 2:56 Stunden – sein persönlicher Retro-Running-Rekord, den er beim HAJ Marathon in Hannover aufgestellt hatte, bei dem ich in diesem Jahr auch am Start stand, liegt bei einer unglaublichen Zielzeit von 3:38:37, was gleichzeitig einen neunen Weltrekord bedeutet hatte. Die Beiden kommen am Ende der heutigen Veranstaltung auf insgesamt 105,6 Kilometer, wobei die letzten beiden Runde von seiner Begleiterin rückwärts absolviert wurden. Wahnsinn, Respekt und Chapeau – absolut einmalig – ich verneige mich nachträglich vor dieser Leistung, in jedem Fall eine beeindruckende Leistung von euch Beiden. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass ein persönlicher Sponsor der beiden ihnen pro rückwärtsgelaufenen Kilometer eine Summe von 50 € für zur Unterstützung der regionalen Hospizen gezahlt hatte, was bei der erlaufenen Strecke von insgesamt 105,6 Kilometern der unfassbaren Spendensumme von über sage und schreibe 5280 € entspricht…

STart Reken 24h-Lauf 2017

Gute Laune am Start beim Weltrekordversuch trotz Regens – ein buntes Feld wartet darauf auf die Strecke geschickt zu werden.

Ansonsten herrscht hier am Start ein absolut buntes Treiben, obwohl die Teilnahmeresonanz im Vergleich zum Vorjahr wetterbeding schon deutlich geringer ausgefallen ist. Ich glaube ich habe eher selten eine höhere Teilnehmer-Diversität erlebt. Hier walkt die Muddi mit dem Vadder, hier rollen Rollstühle und Kinderwagen über die Strecke und alle sind mit Spaß bei der Sache und sorgen natürlich auch dafür, dass der Spendenberg kontinuierlich ansteigt.

In der 3. Runde treffen wir Frau Peters und ihren Sohn. Für diejenigen, die Frau Peters nicht kennen, sei gesagt, dass Frau Peters mit ihren mittlerweile 93 Jahren seit Jahren die älteste Teilnehmerin der Veranstaltung ist. Und für mich zum zweiten Mal auf jeden Fall das eigentliche Highlight in der frühen Phase des 24h-Laufs darstellt.

Highlight Frau Peters 93 Jahre

Highlight zu Beginn: Frau Peters mit 93 Jahren die älteste Teilnehmerin im STartfeld des Rekener 24h-Spenden-Laufs

[18.40 Uhr]                          erster HM in 2:40 h liegt im Zeitsoll…

Es regnet zwar in Strömen, aber dennoch kann ich auch diesem Wetter etwas Positives abgewinnen – „ohne solch ein Wetter hätten die Germanen nicht gegen die Römer gewonnen“, bekommen Yvonne und Klaus zu hören als sich mal wieder über selbiges beschwert wird. Ich gehe irgendwie gelassener mit den Bedingungen um als die Beiden. Bis hierhin macht mir der Regen überhaupt nichts aus – er beflügelt mich sogar, weil ich die Parallele zum letzten Jahr ziehe, wo es für meinen Geschmack eindeutig zu warm gewesen ist und ich im vierstündigen Zeitraum zwischen Start und Sonnenuntergang mittelschwer am Schwitzen war und im Vergleich dazu ist das bisschen Wasser, was bisher von oben kommt, das geringere Übel..

Den ersten Halbmarathon laufe ich überwiegend mit Klaus und Yvonne, viel passieren tut eigentlich nicht – und in Erinnerung bleibt mir auch nur die Tante mit ihrer Badekappe, die sich über unser „gehässiges Gerede über nicht anwesende Personen“ beschwert, auch wenn an den thematisierten Gesprächsinhalten aus unserer Sicht absolut nichts verwerfliches zu finden war. Zumindest hat die Situation zu einer kurzzeitigen Belustigung beitragen können.

Unplanmäßiger Schuhwechsel schon nach zehn Runden – die ersten Voranzeichen einer Blase machen sich bemerkbar. Oh, war wohl doch nicht die klügste Idee, die Schuhe vom XLETIX-Schlammbadwochenende anzuziehen?!  Wie es den Anschein macht war der feine Sand aus den vielen Schlammbecken der XLETIX-Challenge wohl dann doch noch nicht aus meinen Schuhen – hätte man auch irgendwie auch von ausgehen können, das dem so ist, weil der feiner Lehm, hatte den Weg  in wirklich jede Pore gefunden. Zum Glück hatte ich ein zweites Paar dabei, das zwar sohlentechnisch nicht mehr viel Profil zu bieten hatte, dafür aber so ausgelatscht waren, dass sie mir blasentechnisch für lange Zeit keinerlei Probleme bereiten sollten – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo der Schuh samt Fuß aufgrund der allgegenwärtigen Feuchtigkeit  komplett aufgeweicht waren, was sich aber glücklicherweise noch eine Weile hinzog.

[21.40 Uhr]                              Juhu, Marathon No. 1 Haken dran…

Knapp eineinhalb Stunden nach dem offiziellen Sonnenuntergang, der für 20:06 Uhr angemeldet war, war für mich um 21:40 Uhr dann der erste Marathon auch schon vorbei! Juhu, das erste Drittel meines Realziels liegt in trockenen Tüchern, obwohl zugegebenermaßen gerade diese Redewendung auf die vorherrschenden Wetterverhältnisse nicht wirklich passend ist, denn es ist eigentlich schon seit einer geraumen Zeit gar nichts mehr trocken. Das Wetter hat einiges zu bieten – vor allem Niederschlag…

Zwischendurch gesellt sich zu starkem Regen immer häufiger auch noch ein unangenehmer Wind, der uns Läufern zusätzlich Energie raubt. Dann gibt es wiederum auch Wetterphasen, wo es nur minimal regnet. Aber selbst wenn es nur stark windet, wird man durch das nasse Laubdach der Bäume trotzdem nass. Wettertechnisch ruhig und trocken ist es bis auf die letzten vier Stunden im Grunde überhaupt nicht – Wind oder Regen irgendwas ist immer, und meistens sogar in Kombination nur die Intensität variiert…

Naja, 43 Kilometer in 05:40 Stunden – soweit bin ich voll intime. Auch die Zwischenzeit für 50 Kilometer wird mir bestätigen, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich werde teilweise sogar euphorisch und beginne schon meine geplanten Ziele gedanklich nach oben zu korrigieren – im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich mich von dieser Phase, wo es optimal zu laufen scheint, ein wenig blenden lasse. Ich versuche Klaus während dieser Phase sogar davon zu überzeugen, dass die 160 Kilometer heute durchaus zu schaffen sind – vorausgesetzt man läuft mit vergleichbarem Tempo die verbleibenden knapp 18 Stunden kontinuierlich weiter, dass das aber für den weiteren Verlauf fernab jeglicher Realität ist, das ist mir in dem Moment dank eines temporären Mangels an Rationalität komplett egal.

Vielleicht will ich aber auch nur unterbewusst den Gedanken ausblenden, der sich mit der Tatsache beschäftigt, dass es nämlich irgendwann auch wieder weniger euphorisierend wenn nicht sogar demoralisierend werden kann. Denn wir haben gerade einmal ¼ Zeit von der Uhr genommen und der Lauf ist noch verdammt lang. Es warten noch 18 Stunden voller Überraschungen und vieler unerwarteter Wendungen, aber auch Qualen und Krisen gilt es zu überstehen. Also was soll es – meine Ziele sind weiter aktuell und noch ist alles prima. Diese Momente sollte man mit Demut genießen und wenn möglich aus ihnen Kraft gewinnen für das, was noch kommen wird.  – aber so kann es gerne weitergehen…

[22.40 Uhr]               und die ersten 50 Kilometer sind im Sack…

Um 22:40 Uhr sind die 50 Kilometer dann auch endlich im Sack, eigentlich wollte ich nach der Runde der Vollendung des 50. Kilometers zur Belohnung ein Bernstein mit Klaus trinken, der läuft aber weiter – erst warte ich noch ein Weilchen auf ihn und nutze die Zeit dafür, um die Powerbank ins Spiel zu bringen, die ich mir extra zur Verlängerung der Akkulaufzeit meiner Laufuhr angeschafft hatte und die sich schon beim Dodentocht Anfang August ausgezeichnet bewähren konnte. Während des Ladevorgangs  trinke ich mir im Auto eine halbe Flasche Bernstein und nasche von meinen Goudawürfeln – so ein 24h-Lauf kann auch genussvoll sein. Als Klaus aber auch nach 20 Minuten immer noch nicht am Start ist – breche meinen Bierstopp ab und es geht auch für mich wieder zurück auf die Piste.

Wie sich später herausstellen sollte, hatten wir aneinander vorbeigeredet, was nach einer Wettkampfdauer von mittlerweile über 6,5 Stunden eigentlich auch nichts wirklich Ungewöhnliches ist. Er wollte wohl erst nach Runde 25 die längere Pause einlegen – vermutlich war mein unterbewusstes Bierverlangen zum Zeitpunkt der Absprache dermaßen groß, dass ich es unterbewusst falsch verstehen wollte – naja abhaken und weiter geht es.

[01.00 Uhr]                 Boxenstopp – eine erquickende Wohltat…

Nach der kurzen Bierpause läuft es sich bis 01:00 Uhr fast wie von alleine. Doch danach versucht das Wetter uns Läufer mit aller Macht von der Strecke zu spülen. Auch ohne das schlechte Wetter wäre die Strecke um diese späte oder sollte ich besser sagen frühe Uhrzeit nur noch spärlich mit Läufern besetzt gewesen – Begegnungen auf der Strecke werden auch schon früher spürbar seltener – was aber vermutlich nicht nur mit der Uhrzeit zusammenhängt, sondern auch damit, das sich wettertechnisch die nächste Eskalationsstufe über uns auftut. Nachdem sich der heftige Dauerregen mittlerweile mit  Starkregenphasen abwechselt und dazu teilweise ein ordentlicher Wind weht, wird es selbst Regenwetterliebhabern wie mir irgendwann zu viel, aber was will man dagegen machen…

Des Öfteren trete ich in sich auf dem Asphalt stauendes Wasser. Ansonsten versuche ich weiterhin so aufmerksam wie möglich zu laufen, sodass das Ausmaß an nassen Füßen möglichst lange so gering wie nur möglich ausfällt, was aber dank der überwiegend guten Streckenbeschaffenheit im Allgemeinen auch recht gut gelingt. Auf der Strecke gab es im Laufe der Zeit allerdings eine Stelle, an der sich die Pfütze zu einer regelrechten Seenlandschaft aufgestaut hatte, an der es fast unausweichlich etwas feuchter wurde, vor allem dann wenn man sich in Gedanken ohne Kopflampe durch die Nacht kämpft.

Im Gegensatz zur grenzwertigen Nachtphase beim Dodentocht, wo ich mich teilweise schlaftrunken durch die dunklen Felder und Dörfer geschleppt hatte und damit schwer zu kämpfen hatte, meine Augen aufzuhalten und mich nicht auf irgendeiner Parkbank für ein kurzes Nickerchen u setzen, wird mir hier und heute nebenher bewusst, dass es mir diesmal weniger schwer fällt über Mitternacht hinaus zu laufen – keinerlei Anzeichen von Müdigkeit, keine Probleme die Augen aufzuhalten – vermutlich war ich in Belgien schon vorher hundemüde oder ich war weniger motiviert.

>>  [TIPP]  Für irgendwelche zukünftigen Nachtläufe vorher unbedingt zeitnah einen Nachtlauf machen – um auf dem Schirm zu haben, wie es sich anfühlt gegen den eigenen Biorhythmus zu laufen!!

[Fragestellung] Wie wirkt sich ein 24h-Lauf auf das Schlafverhalten in den ersten Tagen nach der Belastung aus?

Das Wetter ist alles andere als angenehm, ich wurde es beinahe als grenzwertig beschreiben wollen, aber das hatte ich in diesem Bericht bis jetzt ja wohl schon mehr als einmal erwähnt und da lässt sich auch gar nichts dran schönreden. Aber anders als grenzwertig sind die Starkregenphasen, wo dir der Regen nicht mehr wie gewohnt von oben auf den Kopf tropft sondern dank des starken Windes aus der Waagerechten ins Gesicht peitscht, nicht zu beurteilen. Und Dank des Sekundärregens – also das Wasser das durch den Wind von den Blättern geweht wird – wurde man selbst in den kurzen Phasen nass, wo es mal weniger stark geregnet hatte. Naja Augen und durch – das nächste Zwischenziel ist fest anvisiert – Sektempfang um 03.00 Uhr im weißen Zelt…

[02.40 Uhr]                                          ab zum Sektempfang ins Zelt…

Nach exakt 30 Runden Laufen im Dauerregen, was summa summarum 72 Kilometer in knapp 11 Stunden bedeutet hatte, wurde es Zeit für einen etwas längeren Break. Eine Unterbrechung, die durch Steffi schon direkt im Anschluss an die Veranstaltung von 2016 auf Facebook ins Leben gerufen wurde und damit schon seit Ewigkeiten fest eingeplant war – Sektempfang um 3.00 Uhr am frühen Morgen im weißen Zelt. Eine Pause, die ich um diese Uhrzeit mehr als dankend annehme.

Es ist mittlerweile schattig geworden und sobald der Körper die Muskelarbeit eingestellt hat und damit auch keine Bewegungswärme mehr entsteht, wird es unangenehm kalt – auch wenn es für den Moment zur Abwechslung mal nur minimal regnet. Dennoch ist es immens wichtig, dass man für die inaktiven Phasen wärmende Klamotten eingepackt hat. In diesem Punkt zahlten sich einmal mehr die Erfahrungen aus dem Vorjahr aus, als ich es nämlich vergessen hatte auch wärmende Kleidung mitzunehmen und nachts trotz mehrerer Decken bibbernd in meinem Zelt lag. Aus diesem Grund habe ich in diesem Jahr in weiser Voraussicht ausreichend Wintersachen eingepackt. Nachdem Jacke und Mütze gefunden waren, ging es gut gerüstet ab ins Zelt.

>>  [TIPP]   Packt Euch unbedingt warme Klamotten für die inaktiven Phasen ein!

Doch allzu viel ist dort noch nicht los, erst nach und nach treffen die „Gäste“ ein – bis am Ende neben mir noch Rainer, Klaus, Ralf, Yvonne, Steffi, Benni sowie der Typ vom Nachbarfahrzeug und der die freiwilligen Helfer aus dem Zelt, also insgesamt um die 10 Leute am Tisch zusammensitzen. So eine gedankliche Ablenkung mit Bruch der ermüdenden Monotonie, wie sie durch diese Runde zur späten Stunde gegeben war, ist bei einem 24h-Lauf verdammt viel wert. Auch wenn an dieser Stelle erwähnt werden muss, dass ich, noch bevor sich alle zum gemeinsamen Sitin eingefunden hatten, altersdiskriminierend nach draußen „gescheucht“ werde, und zwar nur weil die Anwesenden mich zum Jüngsten der Runde machen und der dazu auserkoren ist, Steffi beim Holen der Utensilien aus dem Auto zu unterstützen. Was natürlich nicht der Rede wert ist, aber trotzdem mal gesagt werden muss. Und natürlich habe ich es gerne gemacht – ganz unabhängig davon, ob ich der Jüngste gewesen bin oder nicht, ich wäre auch von mir aus freiwillig gegangen – da zu dem Zeitpunkt sowieso noch nicht alle am Start waren.

Den einen mussten wir noch aus dem Auto wecken, den anderen von der Strecke ziehen, aber wenn ich ehrlich bin, dann ist es im Nachhinein verdammt schwer diese Phase detailgetreu zu rekonstruieren. Um 02:51 Uhr tritt die Pinnwand in den Fokus meines Interesses, aber die gemachten Fotos sind aufgrund des ausgestellten Blitzes und der vorherrschenden Lichtverhältnisse im Zelt dann doch eher von mieser Qualität, genau wie es die anderen Bilder der Runde leider auch sind. Am Morgen unter besseren Lichtbedingungen sollte ich eine erneut Chance bekommen, um die Pinnwandbilder von meiner Aufnahme in Club der 100km-Läufer aus dem Vorjahr abzufotografieren. Im letzten Jahr war ich nahezu die gesamten 24h mit Nobby und Nicole unterwegs, die damals ihren ersten 100k-Lauf absolviert hatten. Ich hatte eigentlich auch in diesem Jahr mit ihnen gerechnet, aber wie es scheint haben die Beiden andere Pläne!?

Pinnwand Reken 2017 24h-Lauf

Pinnwandfotos von Nobby, Nicole und mir aus dem letzten Jahr von unserer Aufnahme in Club der 100km-Läufer.

[03.00 Uhr]                  Sektempfang & Sitin im Verpflegungszelt…

Als die Runde vollständig ist, tischt Steffi groß auf. Neben dem Sekt gibt es von ihr selbstgebackenen Kuchen sowie Käsehäppchen und Weintrauben. Da Sekt oder Champagner noch nie zu meinen Lieblingsgetränken gezählt hat, belasse ich es bei einem den becherbodenbedeckenden Schluck, den ich sodann auch noch nach einmaligem Nippen wieder weitergebe – fast wie Silvester, diesmal nur ohne Bleigießen, Dinner for One und Raketen…

Allerdings klinke ich mich relativ zeitnah aus der illustren Gesprächskreis aus – mein Körper nimmt sich in der Situation das, was er braucht. Es ist Zeit für ein spontanes Power-Napping auf der Tischplatte – welch eine Wohltat das doch ist einfach mal die Augen zu schließen. Dank meiner Daunenjacke, die eigentlich schon vor zig Jahren im Altkleider-Container hätte landen sollen, aber dann doch den Weg in der Garage gefunden hat, lässt sich die Körperkerntemperatur relativ konstant halten und somit angenehm halten. Vermutlich auch dank meiner Wollmütze lässt sich diese bewegungsfreie Phase einigermaßen frostfrei überstehen. Dennoch steigt die Kälte von den Beinen kommend so allmählich meinen Körper hinauf – es ist langsam aber sicher an der Zeit, meine Muskeln wieder malochen zu lassen, um mit der so entstandenen Bewegungswärme meinen Körper auf wohlige Temperastur zu bringen.

Sohlenrocker schlafend 24h-Lauf in Reken

Bitte nicht stören! Entspannung für Fortgeschrittene um 3.00 Uhr am Morgen des 24h-Laufes: Powernapping freihändig mit dem Kopf auf der Tischplatte [ungestellte Szene]

Vor allem nach dem kurzen Moment des geistig weggetreten Seins wird es Schlag auf Schlag ungemütlicher, ja fast schon kalt. Ich fühle mich zunehmend an die Frostattacken des letzten Jahres erinnert. Zudem verfestigt sich bei mir der Eindruck, als wären meine Beine wenig durchblutet und kalt,  und fast schon steif, was natürlich auch logisch ist, wenn man bedenkt, dass ich mitten in der Nacht in meiner klammen kurzen Hose – also mit nackten Beinen in einem Zelt rumsitze.

Sektempfang um 3 Reken 24h-Lauf 2017

Ja ihr seht richtig – in 24h bleibt auch Zeit für Sekt – familiäres Sitin um 3.00 Uhr morgens im weißen Zelt

Mit fortschreitender Zeit wächst mein innerer Widerstand gegen die Situation – zumal ich auch keine Notwendigkeit darin erkennen konnte eine zu lange Pause einzulegen, weil auch die beim Smalltalk angeschnittenen Themen bei mir um diese unwirkliche Uhrzeit nicht auf den Nährboden großen Interesses fallen wollten. Aber wiederholte Klagen über das aktuelle Wetter oder Erlebniserzählungen und Heldengeschichten von vergangenen anderen Läufen verstärkten mein Bedürfnis nach Einbahnstraßenkonversation nicht wirklich. Und da war noch was, das mich unruhig werden ließ?! Genau, es galt noch immer eine Mission zu erfüllen, die weiterhin darin bestand mein gestecktes Ziel zu erreichen…

[03.15 bis 04.45 Uhr]                                Veranstaltungshalbzeit…

Also geht es weiter – auch wenn ich der Einzige gewesen bin, der die gesellige Runde vorzeitig verlässt und es sich noch ein Weilchen hinziehen sollte bis mich der endgültige Impuls  zum Aufbruch aufstehen ließ, so hatte es dann schlussendlich doch geklappt. Und auf einer gewissen Art und Weise hat mich dieser Entschluss gegen den Strom zu schwimmen für die folgenden zwei Runden zusätzlich beflügeln können. Wahrscheinlich auch weil ich wusste, dass nach der dunklen und einsamen Runde die anderen auf mich im Zelt warteten, aber sicherlich auch die Tatsache, dass ich im Gegenteil zu den Sitzenden eine weitere Runde auf meinem Laufkonto gutgeschrieben hatte.

Nachdem ich meine zweite Runde absolviert hatte, löste sich das Sitin im Zelt auch allmählich auf. Zunächst waren es Klaus und Ralf die auf die Strecke zurückkehrten, um wieder zu ihrem 100-km-Vollmach-Walking aufzubrechen, während aber auch viele aus der Runde den Weg zum Nachtlager in ihren Autos einschlugen. Nach meiner dritten Runde nach dem Sektempfang war das Zelt dann auch komplett verwaist und nachdem die nächtliche Stille wieder eingekehrt war, wurde auch die zermürbende Einsamkeit auf der Strecke zunehmend belastend. Zumal die Strecke der dominierenden Monotonie rein gar nichts mehr entgegenzusetzen hatte, was daran gelegen hatte, dass nur noch eine Handvoll Läufern auf ihr unterwegs waren und somit Begegnungen mit anderen Läufern beinahe ausgeschlossen waren. Aber auch die weiterhin tageszeitbedingte Dunkelheit ist alles andere als inspirierend. Nach weiteren zwei Runden hatte meine Laufuhr trotz des vorherigen Ladevorgangs nur noch einen Batteriebalken, da ich es vermeiden wollte, dass sie mir den Dienst auf der Runde verweigert, nahm ich mir die Zeit für einen weiteren Powerstopp im Auto. Ein optimal abgepasster Zeitpunkt, denn währenddessen fing es mal wieder ergiebiger an zu schütten…

[04.49 bis 06.48 Uhr]       über 12h sind rum – Wiedereinstieg…

Aufgrund des weiterhin miesen Wetters hat es für mich keinen Sinn gemacht, mit der ladenden Powerbank durch den strömenden Regen zu laufen, weshalb ich mich zu einem zweckgebundenen Stopp im Auto entschließe, der allerdings – so viel sei vorweg gesagt – vom Umfang her unplanmäßig ausuferte. Planmäßig sollte es mit dem Rundensammeln direkt nach dem Akkuladen weitergehen, aber es sollte sich schnell herausstellten, dass ich diese Rechnung ohne meine müde Rechenzentrale aufgestellt habe.

>>   [TIPP]   Akkulaufzeit beachten und eventuell Powerbank für Akkubetankung einpacken!!!

Nachdem Jacke und Mütze wärmetechnisch übergezogen waren und ich trotz der mittlerweile allgegenwärtig vorhandenen Schmerzen, die mir während des Laufens so gut wie gar nicht aufgefallen waren, doch noch eine einigermaßen entspannte Sitzposition gefunden hatte, wurde auch der Regen draußen intensiver. Fast schon meditativ prasselte es auf dem Autodach und als ich dann noch auf die glorreiche Idee komme, mir die Decke von der Rückbank nach vorne zu holen, um damit meine nackten Beine zuzudecken, ist es um meinen eigentlichen Plan, direkt nach der Akkuaufladung weiterlaufen zu wollen, endgültig geschehen.

Mein Körper ergreift sofort die sich ihm bietende Chance zu einer umfangreicheren Auszeit und lässt mich umgehend einnicken. Als ich meine Augen wieder öffne, lässt mich der Blick auf die Uhr ungläubig und fast erschrocken zurück. Was?! Das kann doch überhaupt gar nicht sein?! Gefühlt hatte ich vielleicht 15 Minuten die Augen zu gehabt, doch in Realität soll es dann doch eine halbe Ewigkeit gewesen sein. Ganze zwei Stunden verstreichen bevor ich aus dem spontanen Kurzzeitkoma aufschrecke. Das Erwachen aus dieser Situation fühlt sich in etwa so an, wie wenn man bei einer Party frühzeitig KO gegangen ist und im Anschluss daran schwerangeschlagen trotzdem versucht das offizielle Partyende mitzuerleben. Kopftechnisch war das erfahrene Resetting mehr als nötig und auf einer gewissen Art irgendwie auch erholsam, aber unangenehm wird die Situation vor allem dadurch, dass es mir an weiterhin an diversen Körperstellen dermaßen schmerzt, dass der Schmerz für den Moment jeglichen anderen Gedanken überlagert und omnipräsent erscheint.

Schmerzen, bleischwere Beine, kalt, müde  und jetzt auch noch schlechtes Gewissen – dazu regnet es Draußen noch immer in Strömen – verdammt viele Gründe die ein verzögertes Weiterlaufen durchaus gerechtfertigt hätten, aber der Gedanken daran, dass ich eben trotz bestehender Ziele zwei Stunden verschlafen habe und der hieraus resultierende innere Konflikt bewirken, dass ich es überraschenderweise doch relativ zeitnah schaffe, um mich aus der sitzenden Position aufzuraffen. Erleichternd hierfür lässt sich durch die von meinem Atem beschlagenen Fenster die mittlerweile einsetzende Dämmerung erahnen. Nachdem der Fokus endgültig wieder auf Zielerreichung justiert ist, geht es raus auf die Strecke.

Der Wiedereinstieg kostet einiges an Überwindung, aber dank der Einsicht, dass mich von nun an nur jeder weitere Schritt näher an mein Ziel und damit nach Hause in mein Bett bringt, finde ich alsbald in einen zumindest für diese Situation erträglichen Laufrhythmus zurück. Und an mein Bett sollte ich jetzt eigentlich auch noch nicht allzu viele Gedanken verschwenden, denn ich stehe aktuell erst bei 81,6 Kilometer, aber zumindest bin ich zurück auf der Strecke und das ist für den Moment die Hauptsache, denn nur laufend lässt sich an Strecke etwas ändern…

[ab 07.00 Uhr]            die Kilometer kleckern sich zusammen…

Bei mir geht es nur noch schleppend vorwärts – aber da ist dieses selbst gesteckte Ziel, das ich unbedingt erreichen will und dass mich alle situativen Widrigkeiten zum Trotz weiterlaufen lässt, obgleich von Laufen im engeren Sinne schon gar nicht mehr gesprochen werden kann. Denn den Großteil der Runden lege ich walkend zurück, nur die Passagen, wo es leichter ist es laufen zu lassen statt zu walken, die werden gelaufen.

Im Großen und Ganzen ist es ein ständiges Auf und Ab – teilweise schaffe ich es immer mal wieder, mich für eine Weile zum Laufen zu motivieren, indem ich mir vornehme bis zu einer bestimmten Stelle auf der Strecke zu laufen, um mich danach mit ein paar Metern Walking zu entlohnen, um mich dann doch noch ein Stück darüber hinaus weiterzuschleppen. Die Tatsache, dass die Strecke im Laufe des Morgens wieder voller wird, weil viele, die die Nacht im trockenen Auto verbracht haben, auch wieder auf ihr unterwegs sind, macht das morgendliche Unterfangen in jedem Fall erträglicher.

Zunehmend sieht man zudem wieder frische Gesichter, die ihre Sonntagsrunde für den guten Zweck im Rahmen des 24-h-Laufes absolvieren. Vereinzelt kommt es zu kurzen Gesprächen, aber die aufmunternden Worte, die Normalos für uns Extremisten übrig haben, sind während der Phase mehr als Gold wert und reißen mich ein ums andere Mal aus meinem gedanklichen Delir. Auf der motivationalen Ebene wird es immer schwieriger, vor allem weil von der Wetterseite weiterhin nichts zu erwarten ist, es regnet immer noch so ergiebig, wie es gefühlt die letzten 16 Stunden geregnet hat. Meine Fußsohlenbeschaffenheit verschlechterte sich Runde um Runde, ohne dass ich irgendwas dagegen tun könnte.

Normalerweise hätte der offizielle Sonnenaufgang schon um 06.57 Uhr gewesen sein sollen, nach den aktuellen Lichtverhältnissen allerdings zu urteilen, befinden wir uns weiterhin in einem Dämmerzustand, abgesehen davon ist von Sonne sowieso weit und breit nichts zu sehen und ob sich dies heute überhaupt noch mal ändern wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Um kurz nach 09.00 Uhr beende ich meine 40. Runde, was einer Gesamtstrecke von 96 Kilometern entspricht und bedeutet, dass noch mindestens 30 Kilometer vor mir liegen.

[gegen 09.00]                                       Überraschung am Morgen…

Als ich im Laufe des tristen Morgen dann doch noch Nicole und Nobby treffen sollte, ist die freudige Überraschung darüber riesig groß – und fühlt sich für mich an als würde mir motivational für ein paar Runde die Sonne aufgegangen sein. Wir bleiben in der Folgezeit zwar nicht permanent zusammen, aber immer mal wieder treffen wir uns auf der Strecke und verabreden uns für gemeinsame Runden und Pausen. Dieser Motivationsschub hat mir in der prekären Situation mit schwindender Motivation und zunehmendem Erschöpfungsgrad extrem dabei geholfen, um meine Tagesziele bis zum bitteren Ende weiter zu verfolgen. Sicherlich hätte ich dies auch alleine geschafft, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass es mein Unterfangen ungemein bereichert hat und es echt gut getan hat, dass ihr doch noch am Start gewesen seid, obwohl ich natürlich schon nicht mehr mitgerechnet hatte, aber mit Euch beiden war es definitiv erträglicher.

Nach einigen weiteren Runden war es mal wieder Zeit für eine Pause am Wagen. Klaus, der mit Ralf in der Phase meines unplanmäßigen Wegnickens weitergelaufen war, hatte mittlerweile sein neu gestecktes Ziel der 100k erreicht und war frisch geduscht auf dem Weg zu seinem Auto, um die Heimreise anzutreten, aber nicht bevor ein obligatorisches Finisherbier getrunken war. Klaus hatte sich frühzeitig  von den widrigen Umständen demoralisieren lassen uns schlussendlich mit der Situation dahingehend arrangiert, seine Ziel an den Bedingungen anzupassen.

[09.21 Uhr]                                  nach fast 18h endlich dreistellig…

Nach knapp 18 Stunden ist das Ergebnis aus dem Vorjahr egalisiert – doch eins steht jetzt schon fest, 100 Kilometer im Kreis zulaufen, sind absolut nicht mit den 100 abwechslungsreichen Kilometern beim Dodentocht durch Belgien oder die beim Thüringen Ultra zu vergleichen, 100 Kilometer auf einer 2,4 Kilometer langen Runde zu laufen, ist verdammt nochmal eine ganz andere Hausnummer – von außen betrachtet  eine unvorstellbar triste und bemitleidenswerte Plackerei, die vielleicht noch mit monotoner Fließbandarbeit zu vergleichen ist und es kommt mir zwischenzeitlich auch genauso ermüdend vor.

Bildschirm 100 km 24h Lauf Reken 2017

Der Bildschirm mit den aktuellen Zwischenständen – die Rundenzeit von über 38 Minuten für 2,4 Km lässt vermuten, dass es zu Beginn der Runde 42 eine längere Pause gab.

Das einzige Momentum, das die Monotonie zu durchbrechen vermag, ist der Kontakt zu Mitläufern und den freiwilligen Helfern, aber selbst diese Gelegenheiten nimmt man gegen Ende des Laufes nur noch wie in Trance wahr. Größtenteils bin ich gefangen in meinen eigenen Gedanken, die überwiegend damit beschäftigt sind, das eigene mittlerweile als sinnbefreites Tun Erlebte vor sich selbst zu rechtfertigen und alle sonst noch freien Kapazitäten daran zu setzen, um das Rest an Motivation, das den mittlerweile arg geschundenen Körper weiter Richtung persönlichem Ziel schleppt, möglichst lange aufrecht zu halten, was bemerkenswerterweise auch weiterhin mehr oder weniger gut gelingt.

Trotz alledem lässt es nicht verleugnen, dass meine Empfänglichkeit für Pausengelegenheiten gegen Ende des Laufes erheblich zunimmt – sobald sich die Möglichkeit eines geselligen Sitins bietet, nehme ich die Chance auch wahr, wenn gleich dazu gesagt werden muss, dass die Sitin-Gründe nach 13:15 Uhr endgültig ausgeschöpft sind, da die meisten mit denen ich mehr zu tun hatte, entweder aus dem Rennen sind und längst die Heimfahrt angetreten haben oder schon zu Hause sind…

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Sitin mit Klaus und Nicole. Spezial Finisher-Bier noch aus Belgien vom Dodentocht für Klaus und mich und zur Feier des Tages rauche ich mir mit Klaus sogar eine Ziggi.

Deshalb ist das Sitin mit Klausewitz, Nicole und Nobby auch eines der letzten der Veranstaltung. Nicole baut ihren Campingtisch auf und packt ein paar Leckereinen drauf. Nobby lässt sich seine mitgebrachten Pellkartoffeln schmecken – wobei mir gerade einfällt, das mit den Pellkartoffel erst neulich im Bestsellerbuch von Dean Karnazes Ulttramarathonman gelesen zu haben. Der Vorteil bei den Pellkartoffeln liegt nach Dean darin, möglichst viel Salz dem Körper zuzuführen, was vor allem bei Läufen unter hohen Temperaturen erforderlich ist. Außer als Transortmedium für das Natriumchlorid ist die Kartoffel natürlich auch ein super Energielieferant und eine dankbare Alternative zu den oftmals übersüßten Gels. Aber an Einzelheiten kann ich mich im übermüdeten und erschöpften Zustand in den Runden so kurz vor dem Ende nur noch vage erinnern.

Während Nicole und Nobby ihre 11. Runde beendet hatten, was Halbzeit auf dem Weg zur 50 bedeutete, warteten auf mich zu diesem Zeitpunkt noch genau 11 Runden, um auch den 3. Marathon zusammengelaufen zu haben – 53 Runden oder 127,2 km sind mein Endgegner für Heute. Die anfangs anvisierten 150 Kilometer habe ich mehr oder weniger wiederstandlos irgendwann nach Mitternacht aufgegeben, aber selbst bis zu diesem verkürzten „Ersatz-Ziel“ ist es noch ein ungewisses Stück Strecke und es liegt noch so unvorstellbar weit in der Zukunft, dass ich den Gedanken daran schnell wieder beiseiteschiebe, weil er mich irgendwie beängstigt und allein die Gedanken daran schon schmerzen…

[13.15 Uhr]                       in ca. 90 Minuten wartet die Erlösung…

Um 13.15 Uhr haben Nicole und Nobby ihr gestecktes Ziel erreicht, um mit einer Gesamtstrecke von 45.6 Kilometern den kürzesten Ultramarathons zu finishen, der in der DUV-Statistik-Datenbank berücksichtigt wird, und auch mein Ziel liegt in Sichtweit. 117,6 Kilometer liegen schon hinter mir – ganze 49 Runden habe ich in den letzten knapp 22 Stunden nach dem Start bis zum jetzigen Zeitpunkt gedreht. Es warten auf mich weitere vier Runden á 2,4 Kilometer, um dann endlich auch die Heimreise antreten zu können, aber um die noch zu packen, muss und will ich unbedingt alsbald weiter, aber erst mal wieder ein kurzes Sit-in am Auto.

Sitin am Morgen 24h-Lauf Reken 2017

Abschließendes Sitin und Verabschiedung von Benni, Steff, Nicole und Nobby – auf mich warten noch 3 Runden, dann geht es auch für mich heimwärts.

Steffi und Benni, die schon für die Heimfahrt zusammengepackt haben, gesellen sich noch zu uns – aber nach allzu langer Pause ist mir nicht, denn ich muss weiter, sonst steigt die Gefahr, dass ich ins Grübeln gerate, um doch noch vorzeitig den Heimweg anzutreten, aber die Abnablung gelingt mir wie schon beim Sektempfang in der Nacht mit Bravur.

Ich will den dritten Marathon um jeden Preis irgendwie noch zusammenlaufen, auch wenn meine Fortbewegung schon längst nur noch einem schmerzerfülltem Kriechen gleicht, aber mit Vollendung des 3. Marathons wäre zumindest mein zuvor gestecktes Realziel erreicht gewesen und ich hätte zufrieden nach Hause fahren können – auch wenn es zu den maximal ausgerufenen 150 Kilometern nicht ausreichen sollte – aber zumindest habe ich dem schlechten Wetter noch mein Realziel abringen können.

Mit gedanklicher Ablenkung und positivem Selbstgespräch treibe ich mich die letzten Runden über die Strecke am Gevelsberg, aber ginge es nach meinen Beinen, dann hätte ich das Unterfangen wohl schon vor Stunden abgebrochen und auch mein Verstand ist seit längerem nicht mehr die treibende Instanz. Allein der sture Wille, das selbstgesetzte unbedingt erreichen zu wollen, schafft es mich in Bewegung zu halten…

[14.46 Uhr]                auf in die letzte Runde – welch eine Freude…

Endlich ist die letzte Runde eingeläutet. Nochmal schnell am Auto vorbei, Heckklappe auf, ein Goudastück in den Mund geschoben und oberflächlich grob Ordnung gemacht. Schon mal die ganzen Becher eingesammelt, die sich über die vergangenen fast 23 Stunden im Umfeld meines Autos durch mich angesammelt haben und danach geht es auch schon weiter. Das letzte Mal vorbei am Wegkreuz, das vor dem einzigen Haus auf der ersten langen Gerade der Runde steht. Ein letztes bedankendes Kreuzigen an dieser Stelle und nach dem letzten Vater Unser dann ist diese erste lange Gerade nach dem Torbogen auch schon passe und die nächste lange Grade erreicht. Ein letztes Mal vorbei an der großen Pfütze, die sich mittlerweile nur noch auf den linken Streckenrand beschränkt. Nach der Rechtskurve folgt eine lange Grade, die bei der Hälfte der einzusehenden Strecke leicht ansteigt.

Wegkreuz letzte Runde 24h-Lauf Reken 2017

Wegkreuz, Rundenzählstation mit Bildschrim, irgendwann gegen Ende der Veranstaltung – woran ich das so genau erkenne? An der sich spiegelnden Oberfläche der Pfütze, weil es zur Abwechslung mal nicht regnet 😉 .

Ich laufe, genauso wie während der gesamten Veranstaltung nur bis zur dritten Baustellenbarke auf der rechten Seite und da wo der ansteigende Teil beginnt, walke bis zum Scheitelpunkt der Steigung. Ich werfe einen letzten Blick ins Weite der umgebenden Felder, wie idyllisch es hier doch sein kann, wenn es nicht gerade in Strömen regnet, denke ich mir. Nach dem zweiten und letzten Wohnhaus der Runde folgt dann zum letzten Mal die Baustellenabsperrung mit den roten Leuchten. Von hier geht’s es beinahe „steil bergab“. Unten angekommen folgt nach der Rechtskurve ein letztes Mal der knackige Anstieg – ich schalte wieder in Walkmodus, aber nur bis zum hölzernen Spannungsmasten, danach geht es schleppend weiter, vorbei an der Sitzgruppe – links ein wunderbares Panorama in die Landschaft, das von vereinzelten von Windräder gestört ist, die in dunkler Nacht mit dem roten Signallicht ausgestattet geleuchtet hatten. In Angesicht der Tatsache, dass es gleich vollbracht ist, kann man die Aussicht fast schon genießen.

Es ist der Streckenabschnitt, der während der massiven Regenphasen besonders hart gewesen ist, weil der Wind den Regen vom offenen Feld auf uns peitschte und wir zusätzlich vom Sekundärregen der Bäume eingedeckt wurden. Jetzt ist alles friedlich, sogar die Sonne lugt zeitweise zwischen den riesigen Wolken hindurch. Es geht weiter – vorbei an Stelle der Dieselgeneratoren, die in der Nacht diesen Streckenabschnitt taghell ausgeleuchtet hatten, aber mittlerweile schon abgebaut und abgeholt sind.

Obwohl keine Ansteigung ansteht, schalte ich wieder zurück in den Walkmodus. Es geht vorbei am vorletzten Ausstellungsfahrzeug des Hauptsponsors – zwei noch recht kleine Jungs unterhalten sich über den Scheinwerfer der vor dem Wagen auf dem Boden installiert ist und in der Nacht die Wagen ins rechte Licht gerückt hatten. „Was ist das?“ fragt der eine, worauf der Andere antwortet: „Das ist eine Lampe“. Der Kleinere der Beiden gibt sich mit dieser Antwort aber noch nicht wirklich zufrieden und fragt  weiter: „Und warum liegt die Lampe da? „Ich glaube um das Auto zu beleuchten“. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie fühlte ich mich an den genialen Dialog von RAMBO zurückerinnert. Hamid: „Wozu ist das?“ Rambo: „Das ist blaues Licht.“ Hamid: „Und was macht es?“ Rambo: „Es leuchtet blau.“ –  der Klassiker schlechthin – fast so großartig und genial wie die Frage des Dialogs: „Und warum liegt hier überhaupt Stroh?“ – großes Kino… 😉

Es geht weiter, es wartet das letzte Mal mein Lieblingsstreckenabschnitt – überwiegend abschüssig – in der Nacht ist man hier ohne Lampe gegen die dunkle Wand gelaufen bis dann irgendwann die zwei Flutlichter vom angrenzenden Fußballplatz auftauchten. Es geht vorbei am letzten ausgestellten Fahrzeug und von hier ist es nicht mehr weit. Noch einmal auf die Zähne beißen, aber ich schalte wieder zurück in den Walkmodus – die letzten 20 Meter der Passage gehen zwar fast schon steil nach unten und man könnte sich mit nach vorne gebeugtem Oberkörper von der Schwerkraft nach unten ziehen lassen, aber mittlerweile fällt die Kontrolle über die Füße nur noch schwer, was des Öfteren zum schmerzhaften unsauberen Aufsetzen des Fußes führt. Danach wartete nur noch der letzte Zielanstieg und dann kommt die Zählmatte,

Beim Überschreiten der Matte piept mein Sensor für heute zum letzten Mal. Es hat sich ausgepiepst, meine 53 Runde ist beendet – 53 Runden – 3 Marathons – 127,2 km – 23 Stunden mehr oder weniger laufend auf den Füßen, die mittlerweile ordentlich in Mitleidenschaft gezogen sind. Vor allem auf Grund der Blasen im Fußballenbereich brennt es tierisch und jeder Gedanke an die Schmerzen, lässt diese nur intensiver werden, aber egal es ist vollbracht…

Das letzte Mal geht es am VP-Zelt vorbei – meine übermüdeten Augen sehen dort noch ein mir aus Nacht bekanntes Gesicht sitzen. Es ist Ralf, der durchgehend wandernd unterwegs war und der auf diese Weise auch schon seine 100 km vollgemacht hat. Wir unterhalten uns kurz, aber auf die Distanz bleiben es nur Versuche – soweit ich seine Gebärden richtig gedeutet habe, wollte er mir mitteilen, dass er mittlerweile auch bei 100,8 Kilometern angekommen ist. Zur Verabschiedung hebe zum letzten Mal meine Hand und schleppe mich weiter in Richtung Auto.

[15.00 Uhr]           Ende im Gelände, Lagerräumung &Abmarsch…

Nach rund 23 Stunden ist es vollbracht, Ich habe fertig – mein dritter Marathon ist eingetütet und damit habe ich mein zuvor ausgelobtes Realziel trotz widriger Umstände – auch wenn ich mir eingestehen muss, dass selbst unter diesen Bedingungen mehr drin gewesen wäre, aber die ambitionierteren Ziele sind dann wohl doch irgendwie an den Begleiterscheinungen zerschellt. Naja, jetzt nur noch irgendwie alles zusammenpacken und ab nach Hause in die Wanne und Schlafen, ganz lange schlafen. Ich bin hundemüde und eine heiße Dusche würde meine Lebensgeister wecken, aber mir fehlt jeglicher Antrieb, um meine demolierten Körper zu den, deshalb ziehe ich mir nur noch trockene  Schuhe an und  eine zusätzliche Schicht Kleidung meine Laufsachen…

Trotz umfangreicher Schmerzen verlief die Heimfahrt ohne jegliche Komplikationen. In diesem Jahr musste ich auch keinen Notstopp am Rastplatz einlegen, weil ich mich selbst beim Sekundenschlaf erwischt habe. Möglicherweise lag es am Powernapping und dem 2h-Schlaf beim Powerbank-Einsatz während des Laufes oder aber an den akuten Schmerzen, die ein Wegnicken verhindern, denn meine rechte Achsel brennt vom aller gemeinsten  – genau wie es an meinen Oberschenkelinnenseiten, an meinem Gehänge und auch an meinem Gesäß zwischen den Backen brennt, der Wolf hat dieses Mal auf jeden Fall ordentlich zu geschlagen, aber ok – vielleicht sollte man für solche Zeitdimensionen auch mal über hochwertigere Funktionsunterwäsche nachdenken!? Ob allerdings die etwas gegen das Salz vom getrockneten Schweiß was hätte machen können, ist zumindest fragwürdig.

Neben dem Rudel Wölfen ist der Schmerz am linken Fuß nochmal aus einer anderen Kategorie, was vor allem damit zusammenhängt, dass es im letzten Drittel der Veranstaltung dann doch unvermeidbar war, nasse Füße zu bekommen und da ich bedauerlicherweise nur zwei Paar Schuhe eingepackt hatte und das erste schon nach nur zehn Runden ausgetauscht werden musste, fehlten mir am Ende die Alternativen. Folglich war es auch nur logisch, dass es zu vereinzelter Blasenbildung gekommen ist, was aber in keinem Fall die Intensität des Fußsohlenmassakers erreicht hat, wie ich es einst bei meinem ersten 101k-Hollenlauf erleben durfte – also im Grunde bewegte sich der erlittene Kollateralschaden in einem absehbaren und doch noch erträglichen Rahmen.

Aber eins steht definitiv fest – nach dem Spektakel benötige ich eine ausgeprägte Regenerationsphase und eine Wettkampfpause bis mindestens zum Köln Marathon, der etwa in einem Monat Anfang Oktober stattfinden wird…


– Berichtende –


Ein paar abschließende Worte zum Schluß…

Regen in Reken – Reken im Regen – Reken mit Regen – Land unter – Wasser marsch – ein Wassermarsch – niedergeschlagen vom massiven Niederschlag – und  was ich noch abschließend unbedingt noch einmal erwähnen wollte – es hat geregnet und das nicht zu knapp…

Fazit der Veranstaltung: Einige ertrinken im Selbstmitleid, während andere die widrige Situation zeitnah akzeptieren, den mentalen Außenbordmotor anschmeißen und mit voller Kraft und Konzentration dem selbst gesteckten Zielen entgegenschippern.

Aber ganz ehrlich – welche andere erfolgsversprechende  Möglichkeit hat man denn sonst?! Ich kann doch an dieser Situation sowieso nichts ändern – warum sollte ich dann aber Teilkapazitäten meiner Aufmerksamkeit mit Dingen belasten, die zu einer zusätzlichen Limitierung führen, die ich auf diesem Weg aber trotzdem nicht im Geringsten beeinflussen kann. Denn da sind wir uns hoffentlich einig, dass ich gegen den Regen nichts tun kann, ich kann etwas gegen nasse Klamotten tun, ich kann was gegen die kalten Füße tun, sofern ich welche gehabt hätte, ich kann was gegen Hunger tun, ich kann was gegen Durst tun, wobei dazu gesagt werden muss, dass die Punkte Hunger und Durst bei planmäßig umgesetzter Verpflegungsstrategie unter normalen Bedingungen erst gar nicht auftreten sollten. Aber vor allem sollte sich jeder, der sich der Herausforderung 24h-Lauf stellt, bewusst sein, dass er Herr seiner eigenen Gedanken ist – und somit nämlich auch was an der Beschaffenheit seiner Gedanken ändern kann, die die Zielerreichen durch die dominante Negativität weiter verkomplizieren.

Dass solche Bedingungen die sowieso schon anspruchsvolle Herausforderung des 24h-Laufes nicht erleichtern, das ist sicherlich auch den Nichtläufern klar, dass das so ist, dass also die eigentliche Herausforderung durch regennasse Bedingungen noch herausfordernder wird, dies lässt sich aber weder beeinflussen noch ändern, doch je früher man diese Gegebenheit kapiert und akzeptiert hat, desto eher kann ich mich gedanklich mit meiner Zielerreichung beschäftigen und nicht damit wie ich die potentielle nicht Zielerreichung entschuldigen könnte.

Erschwerend hinzukommt, wenn man sich in solchen Situationen die Zustimmung eines demoralisierten Mitstreiters einholt, man sich gegenseitig in den destruktiven Gedanken bestätigt und dadurch letztendlich das Hadern mit der Situation dermaßen verstärkt, dass sich jeglicher Weg aus der zwischenzeitlich eingetretenen Krise versperrt. Und dass Krisen vor allem bei einem 24 h-Lauf dazu gehören, das ist so klar wie das Amen in der Kirche. Krisen sind regelrecht das Salz in der Suppe – und Ultramarathon immanent.

„Schmerzen gehören einfach dazu und sind ab einer gewissen Dauer unvermeidbar, nur das Leiden ist optional.“ Alfred Bogenhuber

Und sollten die äußeren Bedingungen tatsächlich so kontraoptimal sein, dass die gesteckten Ziele nicht erreicht werden können, dann gibt es immer noch Möglichkeit der Zielpassung an die neue Situation. Noch besser wäre es allerdings, sich schon im Vorfeld ein Ziel für Situationen zu formulieren, welches eventuell unbeeinflussbare Bedingungen berücksichtigt – denn nur durch vorausschauende Planung lässt sich das eher negative Gefühl der Zielaufgabe im Wettkampf vermeiden.


Die nackten Zahlen & Fakten:

  • Zeit                                    23:06:11
  • Zeit in Bewegung          18:14:36
  • Ø Pace                              10:48 min/km
  • Ø Pace in Bewegung     8:31 min/km
  • Distanz                             128,42 km
  • Höhe +                              1216 m
  • Kalorien                          732 C
  • Sonnuntergang             20:08 Uhr
  • Sonnenaufgang             06:57 Uhr

Für jeden der schon immer wissen wollte, wie die GPS-Aufzeichnung eines 24-Laufes über 127 km aussieht – guckt ihr hier – und nein, bei meinen Runden habe ich natürlich nicht abgekürzt, was querfeldein auch wenig Sinn gemacht hätte!!! 😉

127km-im-kreis-auf-2,4km-Runde

GPS-Aufzeichnung der FR35 von Garmin – in Kombination mit der Powerbank hat es tatsächlich geklappt die kompletten 24h aufzuzeichnen.


Schlussgedanken:

Abschließen möchte meinen Bericht mit dem wunderbare Satz, der die Veranstaltungs-Urkunde schmückt, die erlebten 24 Stunden äußerst gut zusammenfasst und vom Veranstalter Rainer Kauzcior nicht besser ausgewählt hätte werden können:

Everyone who thinks sunshine is pure happiness has never danced in the rain.”

Obwohl ein Zitat von Bob Marley, welches mir alternativ noch eingefallen wäre, den Nagel ebenfalls auf dem Kopf getroffen hätte:

 “Some people feel the rain. Others just get wet.”


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Über SohlenRocker

Irgendwas zwischen laufverrücktem Kilometerfresser & multibewegtem Blogger - die Familienpackung Laufschuhe geht pro Jahr drauf?! Ansonsten naturverbunden, outdoorbesessen, wissbegierig, sozialverträglich & irgendwie auch ewiger SocialMedia-Neu-Entdecker...
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2 Antworten zu Regentanz am Gevelsberg – Feucht und Fröhlich 2.0 – die Chronologie vom Rekener 24h-Spenden-Lauf aus der in-race-Perspektive: Mein 24h-Lauf-Erlebnis 2018

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